DIE LAGE am 5.3.2016 Liebe Leserin, lieber Leser,


viele Politiker gibt es mehrmals. Sie spielen verschiedene Rollen, ändern ihre geäußerte Meinung nach Bedarf. Das ist bekannt. Nun fragt sich: Welche Angela Merkel werden wir am kommenden Montag beim EU-Gipfel mit der Türkei erleben? Die vom letzten Sonntag oder die von dieser Woche? Am Sonntag hatte die Bundeskanzlerin einen großen Auftritt bei Anne Will, sie hielt auf eine geradezu rührende Art an ihrer menschenfreundlichen Flüchtlingspolitik fest. Ab Montag war sie dann eine von denen, die an der Festung Europa bauen. Für uns war es keine Frage, dass dieses Thema auf den Titel des neuen SPIEGEL gehört. Wir haben in Griechenland, in Brüssel, Berlin und München recherchiert und sind die inneren und äußeren Grenzen Europas abgefahren. (Sehen Sie hier ein Video von der griechisch-mazedonischen Grenze) Wir fanden ein Europa, das ein kaltes Herz zeigt und dabei seine eigene Zukunft riskiert.

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Deutschlands Zäsur

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 10/2016
...offene Europa ab und riskieren unsere Zukunft

Weil die Landtagswahlen am Sonntag kommender Woche so wichtig sind, haben wir ein Heft gemacht, das prall mit Politik gefüllt ist. Wir berichten über den Anspruch der Grünen, Volkspartei zu werden, über die ewigen Qualen der SPD, über ein mögliches Comeback der FDP, analysieren die grundsätzlichen Veränderungen der deutschen Politik durch die Flüchtlingskrise und nehmen unsere Leser mit auf Wahlkampfveranstaltungen der AfD. Mein Kollege Maik Großekathöfer hat einfach protokolliert, was dort gesprochen wurde, und heraus kommt ein so interessantes wie verstörendes Bild von einer breiten Strömung in unserer Gesellschaft (hier finden Sie seinen Text). Ich glaube, dieses Heft vermittelt gut, welche politische Zäsur dieses Land gerade erlebt.

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Der Fall eines Idols

Das Idol meiner Kindheit war Franz Beckenbauer. Ich versuchte, so elegant zu spielen wie er, wurde aber meistens ins Tor gestellt. Seinetwegen bin ich ein Fan des FC Bayern (und bin heute ziemlich nervös vor dem Spiel gegen Dortmund). Ein Fan von Beckenbauer bin ich seit den Enthüllungen meiner Investigativkollegen über dubiose Zahlungen des DFB nicht mehr. In der neuen Ausgabe berichten sie vom Report der Kanzlei Freshfields, den sie vorab einsehen durften. Die Anwälte ermittelten, dass zehn Millionen Schweizer Franken vom Konto eines Beckenbauer-Spezis an eine Firma des zwielichtigen Bin Hammann flossen. Beckenbauer, der sich zuletzt dumm gestellt hat, sollte endlich elegant die Wahrheit sagen. Wofür wurde gezahlt? Das schreibt einer, der ihm im Georg-Melches-Stadion von Rot-Weiß Essen treu zujubelte und dafür auf die Mütze bekam. Hier gibt es mehr zu diesem Thema.

Gewinner des Morgens

Ein Whistleblower ist jemand, der auf einen unhaltbaren Zustand hinweist. Dies gilt gewiss für den syrischen Militärfotografen, der unter dem Decknamen Caesar in Europa lebt. Von 2011 bis 2013 musste er die Menschen fotografieren, die von Baschar al-Assads Schergen zu Tode gefoltert worden waren. Er ist geflohen und hat die Bilder mitgenommen. Der SPIEGEL druckt in dieser Woche Auszüge eines Buches über Caesar, das bald erscheint. Bei der Heftvorlage am Donnerstag habe ich einige seiner Fotos gesehen. Wir wissen, dass das Grauen in der Welt ist, blenden es aber meistens aus. Manchmal jedoch ist es gut, daran erinnert zu werden, was Menschen erleiden müssen, damit einem bewusst wird, welche Aufgaben die Menschheit zu bewältigen hat. Deshalb ist Caesar mein Gewinner des Morgens. Seine Fotos zeigen wir natürlich sehr dezent. Mehr lesen Sie hier.

Mit freundlichen Grüßen, Ihr

Dirk Kurbjuweit, stellvertretender Chefredakteur DER SPIEGEL

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
analyse 05.03.2016
1. Da kann Frau Merkel machen was sie will:
Läßt sie Flüchtlinge nach Deutschland ,um die Lage an den Grenzen zu entschärfen,wird sie von den verschiedensten Seiten angegriffen ,und ihre Partei ,bei Wahlen abgestraft,tritt sie für Maßnahmen ein,den Flüchtlingsstrom zu verringern,baut sie mit an der Festung Europa !Und schaut man sich die Vorschläge der Anderen an:Keiner hat eine praktikable Lösung,oder wollen wie die Grünen soviel Ausländer wie möglich nach Deutscland holen. Frankreich verspricht 30000 Flüchtlinge aufzunehmen,andere EJU-Länder machen ihre Grenzen dicht,die EUin Brüssel versagt völlig ! Ständig werden aber Bilder gezeigt vom schrecklichen Krieg in Syrien,von Schlauchbooten,dem kleinen Jungen am Strand und den Situationen an den Grenzen:Sehen Franzosen,Engländer,Spanier,Dänen,Polen etc. diese Bilder eigentlich nicht ?Aber dann rumhacken auf Merkel und ihre CDU:Sie schafft es nicht den Krieg in Nahost zu bekämpfen,die EU zu einigen usw.usw.Gewählt werden dann aber Extreme und die Heuchler,die selbst im Rahmen der Bundesregierung keine Entscheidung treffen müssen,und rumschwafeln,wies gerade für mehr Stimmen paßt !
Hank Hill 05.03.2016
2. Europa
riskiert seine Zukunft wenn es ein warmes Herz zeigt. Die Flüchtlinge sind der Anfang einer zu erwartenden Völkerwanderung. Den Flüchtlingen humanitär zu helfen ist eine Sache. Aber Menschen nahezu unkontrolliert einwandern zu lassen ist verantwortungslos. Europa muß mit dem Verstand und nicht mit dem Gefühl regiert werden. Die Geburtenrate allein in Afrika erzeugt eine Vielzahl an jungen Menschen, die keine Perspektive haben werden. Weder zu Hause, noch in Europa. Es ist unsere Aufgabe zu kommunzieren, daß ein Trip nach Europa für sie ein Irrweg ist. Und wenn Europa sich abschotten muß dann wird das passieren.
Dengar 05.03.2016
3.
Weil man die Türkei jetzt dringend zur Bewältigung der Flüchtlingskrise braucht, wird das rabiate Vorgehen der Polizei gegen die Zeitung "Zaman" und gegen die Kurden allgemein von unserer Bundesregierung natürlich in mildem Licht betrachtet. Bei allen anderen Ländern wäre so ein Vorgehen verabscheuungswürdig, aber im Falle der Türkei meint de Maizière: "Wir sollten nicht der Schiedsrichter beim Thema Menschenrechte für die ganze Welt sein.". - Was für eine verlogene Regierung.
Halcroves 05.03.2016
4. es war eben ein riesen Fehler Asyl und Einwanderung zu vermischen
Menschen zu helfen, die in Not sind ist eine klare indiskutable Sache. Sie zu benutzen als Lückenfüller für zunehmend fehlende Niedriglöhner macht denen existenzielle Angst, die selbst auf diesen Niedriglohn angewiesen sind. Somit vermischt sich das eine mit dem anderen und liefert eine Begründung Hilfe in Frage zu stellen. Und wieder war es die deregulierte Wirtschaft die uns dieses Dilemma eingebracht hat. Sie wollen billige Arbeitskräfte und die Politik liefert. Makaber was dabei alles in Kauf genommen wird. Nur weil keiner mehr in der Lage ist, über den Tag hinaus zu denken
rechthaber76 05.03.2016
5. Das angebliche Kalte Herz!
Ich kann kein kaltes Herz erkennen, sondern viel politische Dummheit. Europa hat in der Summe an Vielfaches an Entwicklungshilfe geleistet als alle anderen Kontinente und ist nicht federführend an der Armut der Welt schuld, das ist ein Märchen. Wer meint, jetzt sich die Rettung der Welt auf die Fahnen schreiben zu müssen auf Kosten des deutschen Steuer und Beitragszahlers, arbeitet nicht an einer besseren Welt, sondern mindert nur die Rente seiner Eltern und die Chance seiner Kinder. Diese Art des moralisierenden Protestantismus, wie wir sie hier erleben, ist ein Irrweg, der schnellstens beendet werden muss, um Schaden abzuwenden.
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