Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


woher kommt die neue deutsche Wut? Was hat sie ausgelöst, und wieso jetzt? In den USA veränderte in den Neunzigerjahren der Republikaner Newt Gingrich die Regeln des politischen Betriebs. Gingrich jagte den Präsidenten Bill Clinton und fand, dass Hass und Hetze strategisch einsetzbar waren. Donald Trump führt heute fort und steigert, was damals begann.

Titelbild
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Heft 12/2016
"Ihr da oben belügt uns doch alle"

In Deutschland schien bis vor einem Jahr jeder Konflikt unter einer Kuscheldecke erstickt zu sein, weil Angela Merkel die CDU zur Mitte hin und dann weiter nach links verrückt hatte. Alles war Konsens, gestritten wurde nicht mehr, erklärt aber auch nicht. Heute zeigt sich, dass es die Wütenden, jene vielen Menschen also, die sich abgekoppelt wähnen oder vielleicht auch nur glauben, dass Gesellschaft und Staat auf dem falschen Weg seien, schon damals gab. Damals aber waren sie stille Nichtwähler, heute demonstrieren sie, und sie wählen AfD. Was im Land der Wutbürger vor sich geht, das beschreibt die Titelgeschichte des neuen SPIEGEL, und hier berichtet mein Kollege René Pfister darüber.

Vermutlich werden Historiker über die Bundeskanzlerin Merkel dereinst schreiben, dass sie richtig und im deutschen Interesse handelte, als sie jenen Menschen half, die aus verwüsteten Staaten fliehen mussten - und dass sie zugleich dennoch einen strategischen Fehler vollendete. Merkel hat in den zehn Jahren ihrer Kanzlerschaft das Zerwürfnis zwischen der CDU und ihrer konservativen Basis verursacht und damit den Aufstieg der AfD ermöglicht.

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DPA

Abschied von Guido Westerwelle

Der politische Betrieb stockte am Freitag, und dann verstummte er, ungläubig. Guido Westerwelle ist tot. Es war eine dieser Nachrichten, die so grausam sind, so gemein, dass man sie selbst dann nicht glauben kann, wenn man sie erwartet hat. Westerwelle, ehemaliger FDP-Vorsitzender, ehemaliger Außenminister, wurde nur 54 Jahre alt; er hatte die Qualen der Leukämie und die Qualen der Knochenmarktransplantation überstanden, so schien es, und dann überstand er all das eben doch nicht. Im November 2015 hatten mein Kollege Dirk Kurbjuweit und ich die Gelegenheit und durchaus die Ehre, mit Westerwelle über sein Leben und auch sein Leben mit dem Krebs zu sprechen: "Ich will weiterleben" hieß der SPIEGEL-Titel (den ganzen Text können Sie hier lesen). Wir sprachen in Köln über den Moment der Diagnose und fragten: "Haben Sie sich sofort mit dem Thema Tod befasst?" "Ja", sagte Westerwelle, "der Gedanke ist sofort da. Sie sitzen da, vergießen Tränen, Sie sind sehr traurig, und die Wahrscheinlichkeit ist ja nicht so groß, dass man diese Art von Leukämie überlebt. Ein wichtiger Gedanke war aber auch, dass ich in die Jahre meines Lebens viel hineingepackt habe. Ich habe viel erlebt, vieles gesehen und habe nichts versäumt." "Sie hatten ein perfektes Leben?" Und Westerwelle antwortete: "Das gibt es nicht, ich habe Menschen gekränkt und Fehler gemacht, aber ich wusste, dass ich ein erfülltes Leben gehabt hatte. Meine Antwort auf die Frage 'Was bereuen Sie?' wäre der Klassiker gewesen: Ich habe zu viel gearbeitet."

Das üble Geschäft mit den Küken

Aus dem neuen SPIEGEL kann ich Ihnen Julia Kochs Geschichte über die 45 Millionen Eintagsküken empfehlen, die in Deutschland pro Jahr geschreddert werden, weil sie kleine Hähne und damit für die Legehennenindustrie nutzlos sind; oder die Reportage über den ehemaligen Nationaltorwart Tim Wiese, der nun Bodybuilder ist und Wrestler werden will und mit Hanteln, rohem Fleisch und seinem Lamborghini ein ausgefülltes Leben führt und natürlich die vielen Nachrichten und Exklusivgeschichten, die unsere Redaktion recherchiert hat. Den digitalen SPIEGEL finden Sie hier.

AFP

Wie die Attentäter von Paris an ihre Waffen kamen

Eine der Geschichten im neuen SPIEGEL erzählt, wie die Waffen der Pariser Anschläge in die Hände der Terroristen kamen. Durch Ballistik-Gutachten, Durchsuchungsprotokolle, Vernehmungen und Gerichtsakten lässt sich der Weg dieser Waffen rekonstruieren - und damit ein europäischer Skandal. Die EU hat Regelungslücken selbst dann nicht geschlossen, als die Polizei sie davor gewarnt hatte; die Waffenpolitik der EU wäre zum Lachen, wenn sie nicht tödliche Folgen hätte. Der SPIEGEL hat diese Geschichte zusammen mit acht anderen europäischen Medien recherchiert; sie ist damit die erste Enthüllung des Netzwerks EIC ("European Investigative Collaboration"), das diese neun Partner gegründet haben, um internationale Affären aufzudecken. Mehr dazu hier.

Gewinner des Morgens...

... ist Johannes Erasmus. 1985 fing der Kultur-Dokumentar bei uns an, und er war in all den Jahren penibel und präzise, weil es ja die Aufgabe der Dokumentation ist, Fehler und Missverständliches aufzuspüren. Ich werde oft gefragt, wie es beim SPIEGEL eigentlich zugehe, und verblüffend viele Menschen vermuten dann: eiskalt und intrigant. Das ist falsch. Ich erlebe den SPIEGEL seit 1993 als echte Mannschaft, welche aus leidenschaftlichen Könnern wie eben Johannes Erasmus besteht, die bisweilen, also sehr, sehr, sehr selten, sogar lachen. Nun hört der Kollege auf, und Martin Walser schreibt: "Mit ihm geht die Hilfe selbst in den Ruhestand." Die Literatur-Nobelpreisträgerin Herta Müller verabschiedet Erasmus im neuen Heft lyrisch: "Alle reden / ich spüre jeden Satz / ins kalte Wasser treten // Jeder Moment / balanciert eine Weile / zuerst verschwinden die / dokumentarischen Teile."

Viel Freude bei der Lektüre und ein schönes Wochenende wünscht

Ihr Klaus Brinkbäumer

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insgesamt 63 Beiträge
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naive is beautiful 19.03.2016
1. Die Lage in den USA - und hierzulande
Newt Gingrich hat in den Neunzigern und frühen 2000ern in der Tat die harte republikanische Tonart gegen Clinton und seine Demokraten intoniert. Heute ist er einer der zahllosen republikanischen 'Zahnlosen' in der Auseinandersetzung mit den derzeit feder- und meinungsführenden Anti-Establishment Protagonisten auf beiden Seiten des politischen Spektrums (Trump/Cruz -> Sanders). Im Präsidentschaftswahlkampf hat er keine Bedeutung. Das Trumpeltier wird Hillary Clinton herausfordern, und es wird damit grandios scheitern, nicht wegen seiner selbstfinanzierten Multimillionenkampagne, sonder wegen der Abwesenheit jeglicher KONKRETER Programme. Damit drückt ihn Hillary locker und souverän gegen jede Wand. Gleichwohl - Wutbürger gibt es hierzulande nicht erst seit der AfD, im übrigen Europa ist das dumpfe Unbehagen und die 'irgendwie gefühlte Bürgerbesorgnis' im Gegensatz zum bisherigen deutschen politischen Kontextparadies ja schon längst Tagesgeschäft. Mit anderen Worten: Wenn der Regierungs- und Spitzenpolitik (damit sind alle etablierten Parteien gemeint) nichts grundlegend Neues zu einer künftig ehrlicheren, offeneren Kommunikation mit Bürgern und Wählern einfällt, werden uns dumpf-nationale Protestparteien wie die AfD noch eine ganze Weile erhalten bleiben. Es liegt an Merkel, Gabriel, Seehofer & Co., wie lange wir es noch mit solchen üblen Polemikern zu tun haben werden - insbesondere mit diesen unsäglichen ostdeutschen, Dresdner und Leipziger 'wir sind das Volk' Montagsaufläufen. Mir ist ja nach wie vor völlig unverständlich, wie insbesondere die sächsischen und Sachsen-Anhalt-Wutbüriger ihre Hoffnungen und Projektionen in solch fragil-lächerlichen Petry-(Waag)schalen, thüringische Kamel-Höcker oder hochadelige Spendengeld-Selbstversorger aus dem 'Storchengeschlecht' werfen können. Die einzige wirklich bewegende Nachricht war heute die von dem verlorenen Kampf Guido Westerwelles gegen seine heimtückische und erbarmungslose Krebserkrankung. Das ist wirklich traurig, denn mit ihm verlässt uns ein Politiker, der im Gegensatz zu so manchen aktuell angehimmelten Pappnasen wirklich politisches Profil mit all seinen Ecken und Kanten entwickelt und vertreten hat. Als Ur-Liberaler bedauere ich seinen viel zu frühen Tod aufrichtig.
StefanZ. 19.03.2016
2. Historische Einordnung der Merkel-Ära
Eine interessante Meinung vertreten Sie da. Denken Sie ernsthaft, dass die Merkelkanzlerschaft nur ein Erklärungsdefizit hat? Könnte es nicht vielleicht sein, dass ihr autistisches Regierungshandeln mittlerweile am besten als massives Legitimitätsproblem bezeichnet werden kann? Die Stellvertreterin der deutschen Bürger macht wissentlich und stur das Gegenteil von dem, was die Mehrheit der Bürger erwartet. Sowas wird allgemein als Charakteristikum von Diktaturen angesehen. Diese von der Diktatorin als ahnungslose Deppen behandelten Deutschen dann abfällig als Wutbürger zu bezeichnen ist sehr gewagt.
ronald1952 19.03.2016
3. Ich glaube eines ist uns Menschen
sehr eigen,erst einmal oberflächliches Denken und alles in Kategorien ablegen. So hat jeder erst einmal seine eigene Oberflächliche Meinung.Ich glaube auch, daß wir das machen weil die Flut von Informationen die uns jeden Tag erreicht einfach zu viel sind.Erst später bildet sich dann die eigendliche Meinung heraus wenn man den Spreu von Weizen getrennt hat. Jedernfalls bei den meisten Menschen. Nur Unzufreidenheit aus welchen Gründen auch immer beflügelt das oberlächliche Denken und wenn man dann noch andere findet die genauso Empfinden, na ja schon ist eine Meinung geboren. Menschen die Unzufrieden sind, sind sehr leicht zu Täuschen und zu Manipulieren, daß weis man zur genüge aus der Geschichte der Menschen. Um so derber die Sprüche,um so öfter findet man Zuhörer.Mit der nötigen Information und Aufklärung von Politikern wäre dem ganz leicht vorzubeugen, aber genau das tun Politiker nicht. Sie kochen ihr Süppchen meist im verborgenen als müssten Sie etwas verbergen.Solange das Soziale Gefüge seht kein Problem, aber wehe wenn es kippt dann ist das Geschreie groß und die dümmsten Verschwörungstheorien sind gerade gut genug.Hätte die Politiker aller Parteien Ihr tun einfach mal mehr dem Bürger erklärt, würde es so etwas wie die AfD nicht geben. Die meisten dieser Wähler sind für mich eh nur Mittläufer die sich selbst nicht trauen auf die Strasse zu gehen um Ihrem Unmut kund zu tun.Mehr Tranzparenz in der Politik und deren Entscheidungen würden unseren Land wohl sehr gut tun und mehr Pressearbeit auch. schönen Tag noch,
larrydavid 19.03.2016
4. Hallo
Herr Brinkbäumer, dass Merkel die CDU nach links bewegt hat ist mir aber sehr schleierhaft. Oder gilt dies jetzt nur wegen ihrer Haltung in der Flüchtlingskrise? Ansonsten hat die Frau mit "links" nix am Hut. Ich habe beruflich mit Amerikanern zu tun und es bleibt nicht aus das man über Politik redet. Die Meisten von ihnen sind sich sehr wohl bewusst, dass Trump als Präsident keine gute Figur abgibt. Aber sie haben von ihren Politikern die Schnauze gestrichen voll, weil es sich in ihren Augen bei den meisten um Karrierepolitiker handelt, die mit Lobbyisten in die Kiste springen für Ihre eigenen speziellen Interessen. Die Leute werden verar***t und fühlen sich verar***t. Und Trump ist für sie die Möglichkeit, denen da oben den Mittelfinger zu zeigen.
donrealo 19.03.2016
5. Das mit Merkel und den Geschichtsbüchern
könnte aber auch etwas anders laufen mit etwas weniger Wohlpreisung. Weder die Flüchtlingskrise noch die Eurokrise oder die Energiewende sind gemeistert. Also mal besser abwarten und der Dame weiterhin kritisch auf die Finger (äh Raute) schauen
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