SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

22. Februar 2016, 05:43 Uhr

DIE LAGE am 22.2.2016

Liebe Leserin, lieber Leser,

die ausländerfeindlichen Pöbeleien und Attacken von Clausnitz und Bautzen sind erschreckend, weil sie zeigen, welche zivilisatorische Rückständigkeit es in Teilen unseres Landes gibt. Zur gleichen Zeit bringt das Flüchtlingsthema die CDU völlig aus dem Tritt: Die Wahlkämpfer Julia Klöckner (Rheinland-Pfalz) und Guido Wolf (Baden-Württemberg) stellen sich gegen die eigene Parteichefin und fordern eine Tagesobergrenze für Flüchtlinge.

Ich glaube, sie machen einen schweren Fehler: Sie lassen die Union als zerstritten erscheinen, was gerade konservative Wähler abschreckt. Für jedermann ist ohnehin leicht zu durchschauen, dass es sich um ein reines Wahlkampfmanöver handelt, um das Erstarken der AfD zu verhindern. Schlimmer noch: Wenn Angela Merkel bei ihrer Linie bleibt (was zu erwarten ist), erscheinen die Wahlkämpfer automatisch als politische Schwächlinge, die ohne Einfluss in Berlin sind - nicht gut überlegt von Frau Klöckner.

Wer stoppt Donald Trump?

Jetzt kommt Las Vegas: Immobilien-Mogul Donald Trump wird in dieser Woche in eine ihm wohl vertraute Welt eintauchen. Nach dem Erfolg in South Carolina will er die Vorwahl im Casino-Staat Nevada gewinnen. Die Granden der Republikaner scharen sich um Marco Rubio, dem nach dem Ausscheiden von Jeb Bush aus dem Rennen um die Präsidentschaftskandidatur die Rolle zufällt, den Partei-Außenseiter Trump zu stoppen. Die Chancen dafür stehen nach meiner Einschätzung 50 zu 50: Rubio bekommt Geld und die Unterstützung der moderaten Republikaner. Das kann ihm helfen. Die gute Nachricht bei den Demokraten: Hillary Clintons Kampagne bekommt nach ihrem Erfolg in Nevada endlich "Momentum", wie die Amerikaner sagen. Lautet das Präsidenten-Duell am Ende: Clinton versus Rubio? Das wäre den Amerikanern zu wünschen.

Unsere schrecklich-schöne neue Smartphone-Welt

Vielleicht lesen Sie diesen Newsletter gerade auf Ihrem Smartphone, die Wahrscheinlichkeit dafür ist sogar relativ groß, die Multimediamaschinen sind zum festen Bestandteil unseres Lebens geworden. Die Telefone werden immer schneller, bieten immer mehr Dienste an. Man könnte heute praktisch schon um die Welt reisen, ohne ein Flugticket, einen Geldschein oder ein Buch mitzunehmen. Ich bin gespannt, was die Telekom-Branche von heute an in Barcelona auf der wichtigen Fachmesse Mobile World an Neuerungen vorstellt. Ich finde aber auch: Smartphone-freie Zeit ist wichtig, die sollte sich jeder nehmen. Sonst machen die vielen Innovationen irgendwann keinen Spaß mehr, sondern werden zur Last.

Auch beachtenswert

# Erste Prognose zu Referendum: Bolivien lehnt vierte Amtszeit für Präsident Morales ab

# Schiedsrichter-Eklat im Leverkusen-Spiel: "Eine Art Kräftemessen"

# "Anne Will" über Bargeld-Obergrenze: Die unwiderstehliche Faszination des O-Wortes

Gewinner des Morgens

Die Justizbehörden des Landes Nordrhein-Westfalen haben eine kluge Entscheidung getroffen. Sie haben einem Mitglied der Partei "Die Rechte" die Zulassung zum Jura-Referendariat und damit den Weg zum Volljuristen verwehrt. Das halte ich für ein wichtiges Signal gegen rechte Pöbler: Der Mann wurde zehn Mal wegen Volksverhetzung, Beleidigung und Körperverletzung verurteilt. Heute entscheidet das Verwaltungsgericht Minden über den Fall, hoffentlich urteilen die Richter genauso weise wie die zuständigen Beamten in den Justizbehörden.

Geburtstage

Horst Köhler, ehemaliger Bundespräsident, 73.

Ich wünsche Ihnen einen erfolgreichen Start in die Woche,

Ihr Roland Nelles, Mitglied der Chefredaktion, SPIEGEL ONLINE

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH