Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


das Seltsame an einem Osterwochenende ist, dass sich Weltgeschichte ohne Politik abspielt, sagen wir: ohne Politik im engeren Sinne. Es ist viel passiert, Selbstmordattentäter jagten sich in Pakistan und im Irak in die Luft und rissen viele Menschen in den Tod, in Syrien eroberten Regierungstruppen die antike Stadt Palmyra zurück, in Belgien fahndete die Polizei intensiv nach dem flüchtigen Terroristen, der türkische Präsident Erdogan kämpft weiterhin gegen freien Journalismus, ein Großalarm auf dem Kapitol in Washington. Ein ganz normales Wochenende, könnte man sagen. Aber es fehlte etwas. Es fehlten die Stimmen, die tägliche Kakophonie, der Diskurs der westlichen Welt, aus dem Politik entsteht. Diese Pause war eine Wohltat, und doch bin ich froh, dass es heute wieder los geht. In der Demokratie muss geredet werden.

Syrische Soldaten in Palmyra
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Syrische Soldaten in Palmyra

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Deutsches Aussehen

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Heft 13/2016
Die gefährliche Rückkehr der Religionen

Was es heißt, in diesen Zeiten wie ein klassischer Deutscher auszusehen, habe ich am Samstag erlebt. Ich fuhr mit meinem Sohn vom Skiurlaub zurück, und in Salzburg sind wir in einen Zug nach München umgestiegen. Vor die Waggons war ein rot-weißes Band gespannt, es gab nur einen Durchgang, und dort standen Polizisten. Ich kann mich nicht daran erinnern, wann es zuletzt auf dem Weg von Österreich nach Deutschland Grenzkontrollen gab. Es ist wieder soweit. Das heißt, für meinen Sohn und mich noch nicht, dank unserer hellen Haut und unserer hellen Haare. Die Polizisten winkten uns durch. Ich will mich darüber nicht beschweren, aber andere kommen nicht so gut durch, die Menschen mit dunkler Haut und dunklen Haaren. Das Aussehen spielt immer eine Rolle, in der Festung Europa auf eine besonders unangenehme Weise.

REUTERS

Schmunzeln oder hoffen?

Eine der wenigen politischen Stimmen, die am Wochenende durch die Stille drangen, ist die von Andrea Nahles, Arbeitsministerin der SPD. Sie redete von den Chancen ihrer Partei bei der Bundestagswahl 2017. Das Überraschende: Sie sieht Chancen. Auch ich bin da versucht zu schmunzeln, auch ich könnte sagen, dass sie das so sagen muss, trotz der zumeist schlechten Wahlergebnisse und Umfragen für ihre Partei. Aber bei mir ist ein anderer Impuls stärker: Hoffentlich ist das so, hoffentlich hat die SPD 2017 eine Chance. Ich stehe den Sozialdemokraten nicht nahe (anderen Parteien auch nicht), aber dieses Land braucht die SPD, damit es eine Alternative zu Merkel gibt, und die kann bislang nur die SPD stellen. Meine Kollegen aus dem Hauptstadtbüro haben im neuen SPIEGEL übrigens hervorragend analysiert, was die Probleme dieser Partei sind.

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Gewinner des Morgens

Ich weiß nicht, wer der Gewinner des Abends sein wird, Deutschland oder Italien. Im Skiurlaub in Südtirol habe ich das Spiel der Italiener gegen Spanien gesehen, 1:1, und war beeindruckt von diesem Team, anders als von den Deutschen in der zweiten Halbzeit gegen England. Ich freue mich aber, dass Mario Gomez zurück ist in der Nationalmannschaft und ein Tor erzielt hat. Ich weiß, dass er technisch zu schwach ist, um mit ihm ein schnelles Kombinationsspiel aufzuziehen, aber bei der Europameisterschaft 2012 in Polen habe ich mich eine Weile mit ihm unterhalten und fand ihn sympathisch und intelligent. Was ja nichts zählt auf dem Rasen, aber trotzdem und ganz subjektiv: Er ist mein Gewinner des Morgens. Am Abend sehen wir weiter.

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Herzlich, Ihr Dirk Kurbjuweit, stellvertretender Chefredakteur DER SPIEGEL

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