Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


mein Beruf, der Beruf des Journalisten, ist aus vielen Gründen der schönste Beruf der Welt. Die Begegnungen mit faszinierenden Menschen, die Beschäftigung mit komplexen Zusammenhängen und natürlich jene mit Sprache, das sind drei Gründe. Vor allem aber können wir Journalisten herauszufinden versuchen, was wir unbedingt wissen wollen; denn wir dürfen (und sollen) uns mit dem beschäftigen, was relevant ist.

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Heft 8/2018
Die Schwäche der Volksparteien - die schwache Republik

In den vergangenen Tagen hat mich interessiert, was da zwischen Sigmar Gabriel und Martin Schulz wirklich geschehen ist. Wieso diese Fehler?

Martin Schulz ist nicht so tollpatschig, so unglückselig, wie er in diesen Tagen beschrieben wird. Ein gebildeter, feinfühliger Mensch mit Überzeugungen verliert nicht auf einmal all das. Aber Martin Schulz sucht eben auch nach Anerkennung.

Hans-Christian Plambeck/ DER SPIEGEL

Er macht darum Kompromisse an Stellen, wo Kompromisse schaden, weil es jetzt und dort Klarheit bräuchte. Schulz dürfte das wissen und tritt deshalb an Stellen markant auf, an denen Klarheit dumm ist und aufgesetzt wirkt. Was ich nach wie vor nicht verstehe: Wieso hat er zuletzt nicht gekämpft? Warum hat er sich nicht erklärt? Man könnte ja durchaus in einer großen Rede eingestehen, dass zwei Äußerungen der vergangenen Wochen falsch waren, diese dann erläutern, sich entschuldigen und den Weg nach vorn weisen - Selbstkritik, Humor, Entschlossenheit sind das, was man dafür bräuchte. Oder, besser: worüber man auch in Augenblicken des Drucks und der Erschöpfung verfügen können müsste.

Im Video: SPIEGEL-Redakteurin Christiane Hoffmann über die Krise der deutschen Volksparteien - und wohin die Rebellion der Basis führen könnte

REUTERS

Sigmar Gabriel ist, eigentlich, noch begabter als Schulz. Bildung, Feingefühl, Überzeugungen hat auch er, und seine Instinkte und sein Mut sind stärker ausgeprägt als bei Schulz. Seit seinem Satz gegen Schulz, dem Satz von dem Mann mit den Haaren im Gesicht, angeblich ein Zitat seiner Tochter, gilt Gabriel vielen Beobachtern als bösartig, als menschenverachtend. Auch das stimmt nicht. Er war gekränkt, verletzt. Und in diesem schwachen Moment machte Gabriel den womöglich schlimmsten Fehler seiner politischen Laufbahn.

Wann eigentlich ist eine Freundschaft echt und wann nur Behauptung? Was passiert, wenn sich innerhalb einer Freundschaft Hierarchien verschieben, wenn Abhängigkeit entsteht und Vertrauen bricht? Und dann: Was tun die Freunde, die vermeintlichen, in jenen Augenblicken des Drucks und der Erschöpfung mit ihrer restlichen Energie? Warum helfen sie einander nicht, warum geht es ausgerechnet jetzt gegeneinander?

Im neuen SPIEGEL erzählen meine Kollegen Markus Feldenkirchen, Veit Medick, René Pfister und Christoph Schult die Geschichte von Schulz und Gabriel. Es ist ein meisterhafter Text geworden (zum Glück meines Berufs zählt, fünftens, SPIEGEL-Geschichten wie diese bereits lesen zu dürfen, ehe sie veröffentlicht werden). Wer sich übrigens heute in der SPD umhört, hört oft, "dass das mit Sigmar und Martin nie echt war, das war bloß Show"; echt sei hingegen die Freundschaft zwischen Andrea Nahles und Olaf Scholz, denn "die beiden reden nicht darüber". Wir werden sehen. "Die deutsche Krise", die Schwäche der einstigen Volksparteien und die Schwäche der Bundesrepublik in heiklen Zeiten, das ist unser Titelthema dieser Woche.

Und worüber schreiben wir noch?

Im Video: SPIEGEL-Redakteurin Simone Salden über die Recherchen im C&A-Clan und ihre Begegnung mit Alexander Brenninkmeijer

DER SPIEGEL

Meine Kolleginnen Simone Salden und Yasmin El-Sharif wollten auch etwas ganz genau wissen. Mitte Januar hatte Salden recherchiert, dass die Gesellschafter des Textilunternehmens C&A einen Verkauf des Hauses an chinesische Investoren planten. Was also ist da los im Reiche C&A, in diesem konservativ-katholischen und gleichfalls sehr männlichen Reich der Gründerfamilie Brenninkmeijer? Da dort Offenheit seit Jahrzehnten als Schwäche interpretiert wird, reagierten die Brenninkmeijers mit Schweigen auf unsere Meldung - nun jedoch trafen unsere Redakteurinnen ein Mitglied des Clans zum Gespräch: den 50-jährigen Alexander Brenninkmeijer, der wünschte, den Austausch bis zur Veröffentlichung vertraulich zu behandeln; zu heikel ist das Thema im Kreis seiner Angehörigen. Denn Brenninkmeijer sieht einen Verkauf, "immerhin das Ende unserer Familienidentität", kritisch. Seit 1841 existiert C&A, die Keimzelle der Modekette liegt im westfälischen Mettingen, heute gibt es rund 1500 Filialen in ganz Europa.

Marek Vogel Fotografie 2009

Im Video: SPIEGEL-Korrespondent Christoph Reuter über die Gründe der aktuellen, unübersichtlichen Lage in Syrien

DER SPIEGEL

Wir beschreiben und erklären außerdem die neue Eskalation in Syrien und die absurde Politik der amerikanischen Regierung angesichts der immer neuen Massaker in Schulen, und wir lassen uns von Steven Pinker erklären, warum es der Welt und den Menschen trotzdem besser gehe als je zuvor. Wir haben recherchiert, wie Interpol durch Kriminelle unterwandert wird. Wir beschreiben, was gegen Neurodermitis getan werden kann; und wie Laura Dahlmeier zu einer Gewinnerin, konkret zur zweifachen Olympiasiegerin wurde.

DPA

Und da ist der Franzose Lucas Debargue , einer der besten Pianisten seiner Generation. Takis Würger besuchte den Hochbegabten in Paris und zog mit ihm durch das Rotlichtviertel, wo Debargue vor seinem Durchbruch fünf Abende pro Woche in einer Bar am Klavier gesessen hatte. Debargue gab unserem Reporter eine Einführung in seine Vorstellung von klassischer Musik: Er sprach über seine Liebe zu Gustav Mahler, sprach von Schmerz und Leidenschaft, und er spielte ihm in seiner Wohnung stundenlang Stücke vor. Debarque: "Du fühlst es, oder? Wenn du das fühlst, ist nicht alles umsonst."

Diese "Lage" übrigens schreibe ich in München, am ersten Abend der Sicherheitskonferenz. Natürlich war auch hier, wie in Berlin, in Hamburg, in Istanbul, die Freilassung Deniz Yücels das Nachmittagsthema - ein bisschen nüchterner als in Berlin, vermutlich, denn die Soldaten und Diplomaten im Bayerischen Hof jubilierten nicht, sie analysierten sogleich. Eine sofortige Stärkung Europas und der Nato allein schon wegen der Vermeidung weiterer Eskalationen wurde diagnostiziert, eine Annäherung von Türkei und Deutschland erwartet. Klar wurde auch, wie sehr Sigmar Gabriel für Yücel gekämpft hatte; "Respekt", "Hochachtung", solche Wörter fielen.

DPA

Aber: ein Schritt zurück. Zur puren Freude. Deniz Yücel hat es selbst gesagt: Für seine Verhaftung gab es keinen Grund, für seine Freilassung auch nicht - eine Erleichterung aber ist letztere dann doch. Und wie wunderschön für Deniz Yücel und Dilek Majatürk Yücel, für Ulf Poschardt und die "Welt", für Özlem Topcu, Frauke Böger, Doris Akrap, Imran Ayata und all die vielen, vielen Anderen von der #FreeDeniz-Bewegung. Der schönste Beruf der Welt kann brutal sein.

Die Nachrichten der Nacht:

Gewinnerin des Morgens...

AP

...ist Aljona Sawtschenko. Hochleistungssportler, die nicht Fußball spielen, wissen, was Hingabe ist. Sie wissen, wie viel Training, welche Konzentration wirklich erforderlich ist, da das Ziel nur erreichen kann, wer das ganze Leben darauf ausrichtet; und dass es bei all dem nicht zuerst um Geld geht, natürlich nicht, denn wir reden über Sportarten, die nicht Fußball heißen. Als ich Aljona Sawtschenko vor den Olympischen Spielen von Vancouver für eine Reportage besuchte, acht Jahre ist es her, war sie eine überwältigend entschlossene Frau, die während der Interviews Dehnübungen machte, weil sie jede Minute ihres Lebens für ihr Ziel nutzen wollte, olympisches Gold. Sie hatte als Dreijährige in der Ukraine erstmals auf Schlittschuhen gestanden, hatte ihre Familie und ihre Heimat für den Sport verlassen, war in Chemnitz gelandet und lebte damals dort für ihr Gold. Man kann sich vom Sport der Gegenwart durchaus abwenden, von seiner Doping-Wirklichkeit und dem dröhnenden Kommerz. Doch wenn Sie sich Bruno Massots und Aljona Sawtschenkos Kür ihres Lebens noch einmal ansehen... Sport kann auch pures Glück sein.

Ein gesundes, vergnügtes, erholsames Wochenende wünscht

Ihr Klaus Brinkbäumer

Chefredakteur
DER SPIEGEL

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insgesamt 3 Beiträge
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thequickeningishappening 17.02.2018
1. # Schulz/Gabriel
Die Rollenverteilung war von Anfang an klar,; Schulz wusste worauf er sich einlässt. Gabriel wollte, fernab vom Wahlkampf, die Kirschen pflücken und hat sich durch seine Aussage selbst disqualifiziert!
ackermart 17.02.2018
2. Alles klar zu Kompromissen?
"Er (Schulz) macht darum Kompromisse an Stellen, wo Kompromisse schaden, weil es jetzt und dort Klarheit bräuchte." Nun ja, manchmal muss man eben Kompromisse machen, beim Verständnis dessen wie man uns eben diese ironisierend (oder etwa nicht?) erklärt. Doch warum sollten wir eine schwache Republik haben? Noch nie schließlich gelang es der Diplomatie z.B., für absolut garnichts einen so prestigereichen Erfolg zu erlangen, bei dem für die andere Seite nur Hohn und Spott rausspringt.
Ezechiel 17.02.2018
3. Die Freundschaft Gabriel und Schulz ....
war nie echt. Gabriel ging es nur darum in der Bundestagswahl nicht weiter beschädigt zu werden und am Ende Außenminister zu bleiben. Ob seine Rechnung aufgeht, werden die nächsten Tage oder Wochen zeigen.
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