Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


die deutsche Außenpolitik verändert sich gerade ziemlich radikal, plötzlich wird möglich, was noch vor Kurzem ein Tabu gewesen wäre: ein Neuanfang mit Putin, ein Staatsbesuch für Erdogan, eine Allianz mit China zur Unterstützung für Iran. Seit Donald Trump das ohnehin schon leicht marode Gebäude des Westens immer mehr ins Wanken bringt, bleibt Deutschland auch gar nichts anderes übrig, als seine Außenpolitik neu zu definieren. Jenseits der Sicherheit der westlichen Wertegemeinschaft wird es in Zukunft viel mehr um Interessen gehen müssen. Und dazu zählt in Europas Nachbarschaft auch Stabilität, selbst da, wo der Status quo nicht unseren Prinzipien entspricht. Mit den geografischen Nachbarn ist es leider ein bisschen wie mit der Verwandtschaft: Man kann sie sich nicht aussuchen.

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Heft 34/2018
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Darüber, wie eine deutsche Außenpolitik in Zukunft aussehen könnte, diskutieren heute Mittag in Berlin der ehemalige Außenminister Sigmar Gabriel und der Chef der Münchner Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger. Die beiden stellen ein Buch vor, das mein Kollege Christoph von Marschall vom "Tagesspiegel" geschrieben hat. Der Titel lautet: "Wir verstehen die Welt nicht mehr. Deutschlands Entfremdung von seinen Freunden."

Uneinig im Gedenken

DPA

Heute gedenkt Prag der Niederschlagung des Aufstands gegen die kommunistische Herrschaft vor einem halben Jahrhundert. Und wie so viele Länder Europas ist auch die Tschechische Republik fast 30 Jahre nach dem Zerfall des Ostblocks gespalten, sogar im Gedenken. Während Ministerpräsident Andrej Babis auf dem Wenzelsplatz einen Kranz niederlegen und eine Rede halten wird, bleibt Präsident Milos Zeman der Gedenkfeier fern. Er sieht keinen Grund, die sowjetische Invasion nach 50 Jahren wieder zum Thema machen.

Auschwitz wird nicht vergessen

Stanislaw Mucha/ AP

In der vergangenen Woche war ich mit meiner jüngeren Tochter in Auschwitz. Sie ist 15 Jahre alt und hatte diese Reise gewollt, sie sagte, sie wolle den Ort sehen, um sich alles besser vorstellen zu können. Mehr als eine Million Ermordete, das sei für sie nur eine riesige Zahl, abstrakt, sie könne sich keine einzelnen Menschen darunter vorstellen. Und dass alle Geschichten, die man erfahre, ja immer von Überlebenden erzählt werden. Da bekomme man leicht den Eindruck, es hätten viele überlebt.

Man will die Geschichten vom Überleben natürlich trotzdem unbedingt lesen, mein Kollege Takis Würger hat im SPIEGEL eine aufgeschrieben, die Geschichte von Josef Salomonovic. Aber eigentlich ist es die Geschichte seiner unfassbar mutigen Mutter, die ihre zwei kleinen Söhne durch das Getto von Lodz, durch Auschwitz, die Bombennächte von Dresden und einen Todesmarsch am Leben hielt, indem sie immer wieder die Regeln brach, sich an nichts hielt, riskierte.

"Wir müssen die Erinnerung wachhalten", sagte Außenminister Heiko Maas, als er gestern Auschwitz besuchte. Ich glaube, er braucht sich da keine Sorgen zu machen. Meine Tochter und ich sind um halb sieben aufgestanden, um uns früh genug in die lange Schlange der Besucher einzureihen, die jeden Morgen in die Gedenkstätte drängt. Es kommen immer mehr Besucher nach Auschwitz. Im vergangenen Jahr waren es 2,1 Millionen.

Gewinnerin des Tages...

DPA

... ist die CDU-Politikerin Aygül Özkan. Das soll nicht zynisch klingen, Özkan ist offenbar schwer krank, sie hat vor Kurzem eine schlimme Diagnose bekommen, gerade, als die Hamburger CDU sie zur Spitzenkandidatin für die Bürgerschaftswahl im kommenden Jahr machen wollte. Aber für mich ist sie trotzdem ein wenig Gewinnerin, denn ihre Partei hat jetzt nicht sofort umdisponiert und sich eine neue Spitzenkandidatin gesucht. Sie will Özkan Zeit geben, um hoffentlich gesund zu werden. Eine schwere Krankheit, heißt das, bedeutet nicht automatisch das Aus für eine politische Laufbahn. Krankheit ist nicht Tabu oder Karriereende, sondern Teil einer Biografie. "Wir machen etwas, was in der hektischen Politik sonst unmöglich scheint, wir atmen durch und nehmen uns die Zeit, die Aygül Özkan braucht", sagt die Hamburger CDU-Spitze. Ich finde das einen bemerkenswerten Satz.

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insgesamt 2 Beiträge
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StefanZ.. 21.08.2018
1. Gute Wahl der Tagesgewinnerin zusammen mit den Unterstützern
Zu selten sieht man im Politikgeschäft solche uneigennützigen Handlungen und Entscheidungen. Es geht schließlich um die Qualifikation einer Person und nicht ihrem dahinterstehenden Parteiprogramm. Solche Gesten werden auch Frau Özkan extra mentale Kraft und damit besseren Fortschritt im Genesungsprozess geben.
cedricschuhmacher 21.08.2018
2. Recherche?
Die Bürgerschaftswahl in Hamburg ist nicht im "kommenden" Jahr, sondern erst 2020.
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