Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


seit gestern gilt in Großbritannien eine neue Regel: Die Regierung hat Lebensmittelunternehmen dazu verpflichtet, eine Steuer für stark gezuckerte Getränke abzuführen - viele Hersteller haben als Reaktion darauf bereits den Gehalt des Süßzeugs in Softdrinks verringert. Die Verbraucherorganisation Foodwatch würde sich das auch für Deutschland wünschen. Foodwatch hat das Unternehmen Coca-Cola dafür attackiert, dass es Jugendliche zum Konsum gezuckerter Getränke verleiten wolle. Coca-Cola, so Foodwatch, trage eine entscheidende Mitverantwortung für die Epidemie ernährungsbedingter Erkrankungen wie Übergewicht, Fettleber, Nierenversagen, Erblindungen und Herzinfarkte.

Titelbild
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Heft 15/2018
Wie die Zucker-Lobby uns belügt und verführt

Tatsächlich nehmen manche Kinder jedes Jahr einen Berg an Zucker zu sich, der mehr wiegt als sie selber. Warum passiert das? Weil die Kinder Idioten sind? Oder die Eltern? Weil sie wider besseres Wissen die Softdrinks in sich hineinschütten? Das wäre zu einfach. Noch nie waren die Gesellschaften des Westens so gut informiert über Ernährung. Und mit Softdrinks allein ist das Drama nicht zu erklären. Kinder, Eltern, alle Verbraucher sind einer verantwortungslosen Zuckerlobby ausgeliefert, die absichtlich Verwirrung schafft und überzuckerte Ware als gesund verkauft. Die Nahrungsmittelindustrie setzt drei von vier Produkten Zucker zu. Auf diese Weise verzuckert sie die moderne Ernährung.

Jeder Durchschnittsbürger in Deutschland nimmt jeden Tag etwa 70 Gramm zugesetzten Zucker zu sich. Die Leute decken damit etwa 14 Prozent ihres täglichen Energiebedarfs. Unsere neue Titelgeschichte also: "Süßes Gift, wie die Zuckerlobby uns belügt und verführt."

Im Video: Zucker, der "Volksfeind Nummer 1"

DER SPIEGEL

Das Titelbild dieser Woche haben wir uns gebacken - tatsächlich und im Wortsinn. Eine Konditorei hat eine Torte fabriziert, so groß wie das Heftformat, 12 Zentimeter hoch, mit viel Buttercreme innen und außen, verziert mit Liebesperlen und Zuckerrosen. Ein Food-Fotograf hat Aufnahmen davon gemacht und seine eigenen Kinder eine ganze Woche lang vom Naschen abgehalten. Als die Fotos für das Titelbild im Kasten waren, hat er uns die Torte in die Redaktion gebracht. Und? Möchten Sie wissen, wie sie uns geschmeckt hat? Um ehrlich zu sein - ich selber kann dazu nichts sagen. Es war Donnerstag - unser Produktionstag. Wir alle waren dermaßen in Sorge, dass eine mehrere Tage alte Torte verdorben sein könnte, dass wir sie nicht angerührt haben. Am Abend hörte ich dann aber von einem Kollegen, der es doch gewagt hat. Die Geschmacksrichtung: Vanille-Rote-Beeren-Frischkäse. Das Geschmackserlebnis: fantastisch.

Politische Porträts

Das politische Porträt ist eine beliebte, aber auch umstrittene journalistische Form. Sollten die Personen des politischen Betriebs wirklich so wichtig sein? Sollte es nicht vor allem oder sogar nur um Inhalte gehen? Wir führen diese Diskussionen in unserer Redaktion ständig, gleichwohl gehört das politische Porträt zu unseren wichtigen Formen. Wir wissen aber, dass politische Prozesse zu komplex sind und jede einzelne Person ihrerseits wiederum zu komplex ist, als dass die Politik als Ganzes durch Einzelpersonen erklärt werden könnte oder umgekehrt Einzelpersonen als Ganzes durch die Politik, die sie machen. Politische Porträts müssen der Komplexität von Politik und Mensch gerecht werden. Dann können sie gut oder sogar hervorragend sein.

Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

Meiner Kollegin Melanie Amann, Korrespondentin im Hauptstadtbüro und zuständig für die AfD, ist ein hervorragendes Porträt des AfD-Politikers Alexander Gauland gelungen. Sie ist der Frage nachgegangen, warum jemand, der in konservativen Kreisen lange Zeit als Intellektueller anerkannt war, den Unsinn auszuhalten imstande ist, den viele seiner Parteikollegen dauernd von sich geben. Eine wichtige Erklärung unter vielen: Gauland wirkt deswegen oft so ungerührt, weil ihn seine eigenen Gefühle oftmals gar nicht erreichen. Seit vielen Jahrzehnten leidet Gauland unter Depressionen.

Wahrsagerei

Wenn Journalisten gute Dokumente ergattern, können sie in die Zukunft blicken. Das geht manchmal wirklich. Einem meiner Kollegen war es vergangene Woche gelungen, den 19-seitigen Haftbefehl gegen den katalanischen Politiker Carles Puigdemont zu bekommen; wir haben darüber berichtet. In den vergangenen Tagen hat mein Kollege Dietmar Hipp, Jurist mit Sitz in Karlsruhe, einen Text vorbereitet, in dem er darlegen wollte, warum es richtig sei, Puigdemont freizulassen. Er war zu diesem Schluss gekommen, nachdem er den Haftbefehl Wort für Wort geprüft hatte. Hipps Text wurde Donnerstag fertig, lag vor - zur selben Stunde ist Puigdemont tatsächlich freigelassen worden. Einige Argumente der Richter waren identisch mit denen, die in Hipps Text standen. Wir haben den Text - aktualisiert um die Freilassung - ins neue Heft genommen.

Gewinnerin des Tages...

Sara Naomi Lewkowicz / DER SPIEGEL

...ist die achtjährige Layla. Ihre Mutter sitzt wegen Totschlags im Gefängnis. Das Kind besucht sie dort einmal im Monat, bekocht sie, erzählt vom Leben draußen, tröstet sie. Mein Kollege Jonathan Stock erzählt im neuen Heft Laylas Geschichte: Wie ist es, wenn Kinder zu Eltern ihrer Eltern werden.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen ein schönes Wochenende und eine anregende Lektüre,

Ihre Susanne Beyer

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
AxelSchudak 07.04.2018
1. Zucker überall...
Mit dem Zucker hat Grossbritannien recht. Muss man als Diabetiker ertmal auf den Zuckergehalt von Lebensmittel achten, stellt man schnell fest, dass es praktisch keine verarbeiteten Lebensmittel ohne Zuckerzusatz gibt. 5-10% sind fast in allem drin... vermutlich auch weil es deutlich billiger ist, als das eigentliche Produkt. Um hier "Spareffekte" auf Kosten der Gesundheit zu vermeiden sollte man den Herstellern einfach untersagen, den Zuckergehalt auf die Produktmenge anzurechnen (ausser bei deklarierten Süssigkeiten). Wenn dann "die Verbraucher" wirklich den Zucker wollen - wie ja ständig behauptet - können sie ihn immer noch zusetzen, aber eben auf die deklarierte Menge obendrauf.
thinkof-it 07.04.2018
2. Bewegungsmangel
Die motorische Geschicklichkeit ist in den letzten Jahren bei Kindern und Jugendlichen zurückgegangen. Eine Zuckersteuer auf Softdrinks bekämpft kaum die Ursachen für Übergewicht bei jungen Menschen, das eher durch einen allgemein ungünstigen Lebenswandel, langes Sitzen vor Bildschirmen und weniger freie Bewegung verursacht wird, als durch spezielle Nahrungsmittel. Zuckerersatzstoffe wirken ungünstig auf den Stoffwechsel. Getränke kann man selbst mit Zucken nachsüßen.
andreass61 07.04.2018
3. zu 1.
so kann man es auch darstellen und Foodwatch zu den bösen machen. Die Industrie meint es ja nur gut mit uns, deshalb plädieren sie ja auch für die Ampel auf Lebensmittel, oder sehe ich da was falsch ?
Rania 07.04.2018
4. Wozu haben wir überhaupt einen Minister für Verbraucherschutz?
Hier wird so getan, als sei der Zucker das einzige Problem bei unseren Lebensmitteln. Dabei ist die Summe aller Zusatzstoffe, die wir in unserem Leben sozusagen gezwungenermaßen alle zu uns nehmen, der eigentliche Skandal. Ich sehe überhaupt nicht, dass wir Verbraucher vom Staat in ausreichendem Maße vor unnötigen Panschereien - z. B. vor der ausufernden Verwendung von Zusatzstoffen wie Geschmacksverstärkern, Aromen, Farbstoffen, Zuckern, Antioxidationsstoffen etc. pp. - geschützt werden. Wozu haben wir eigentlich einen Minister, der für Verbraucherschutz zuständig ist, wenn dieser seiner eigentlichen Aufgabe, uns alle vor den überbordenden Profitinteressen der Lebensmittelindustrie zu schützen, nicht oder nur unzureichend nachkommt? Liegt es vielleicht daran, dass die Industrie indirekt über ihre Lobbyverbände in die Parlamente hinein mitregiert und Gesetze, die ihr Nachteile (Gewinneinbußen, unbequeme Anforderungen etc.) zu bringen drohen, vereitelt? Wenn das wirklich stimmt und ich glaube das Problem betrifft nicht nur die Lebensmittelindustrie, dann läuft aber etwas gewaltig schief in unserem Land. Ein wenig sind wir aber alle mit schuld, wenn wir uns das als Bürger und Konsumenten andauernd so ungestraft gefallen lassen. Wie wäre es, wenn wir künftig genauer hinschauten und gegebenfalls z. B. Konsumverzicht übten, wenn uns etwas nicht passt? Das scheint mir genau der Punkt zu sein, mit dem wir am allermeisten erreichen können, mal abgesehen davon, unser Kreuz bei den nächsten Wahlen an der richtigen Stelle zu machen.
spon_1980133 07.04.2018
5. Der Ruf nach Vater Staat!
Zitat von RaniaHier wird so getan, als sei der Zucker das einzige Problem bei unseren Lebensmitteln. Dabei ist die Summe aller Zusatzstoffe, die wir in unserem Leben sozusagen gezwungenermaßen alle zu uns nehmen, der eigentliche Skandal. Ich sehe überhaupt nicht, dass wir Verbraucher vom Staat in ausreichendem Maße vor unnötigen Panschereien - z. B. vor der ausufernden Verwendung von Zusatzstoffen wie Geschmacksverstärkern, Aromen, Farbstoffen, Zuckern, Antioxidationsstoffen etc. pp. - geschützt werden. Wozu haben wir eigentlich einen Minister, der für Verbraucherschutz zuständig ist, wenn dieser seiner eigentlichen Aufgabe, uns alle vor den überbordenden Profitinteressen der Lebensmittelindustrie zu schützen, nicht oder nur unzureichend nachkommt? Liegt es vielleicht daran, dass die Industrie indirekt über ihre Lobbyverbände in die Parlamente hinein mitregiert und Gesetze, die ihr Nachteile (Gewinneinbußen, unbequeme Anforderungen etc.) zu bringen drohen, vereitelt? Wenn das wirklich stimmt und ich glaube das Problem betrifft nicht nur die Lebensmittelindustrie, dann läuft aber etwas gewaltig schief in unserem Land. Ein wenig sind wir aber alle mit schuld, wenn wir uns das als Bürger und Konsumenten andauernd so ungestraft gefallen lassen. Wie wäre es, wenn wir künftig genauer hinschauten und gegebenfalls z. B. Konsumverzicht übten, wenn uns etwas nicht passt? Das scheint mir genau der Punkt zu sein, mit dem wir am allermeisten erreichen können, mal abgesehen davon, unser Kreuz bei den nächsten Wahlen an der richtigen Stelle zu machen.
Ja, wozu hat die Natur Ihnen und allen anderen, “mündigen Verbrauchern” einen Verstand mit auf den Weg gegeben? Dazu haben Sie auch noch Lesen gelernt? Wie wäre es, alle Ihnen nicht passenden Lebensmittel im Regal des Supermarktes stehen zu lassen? Wenn Sie und andere Verbraucher das Gleiche tun würden, wäre ein Umdenken der Lebensmittelproduzenten schnell erreicht. Ungleich schneller, als das jede Regierung und jedes Gesetz schaffen würden. Der eigentliche Skandal ist die absolute Beratungsresistenz der Verbraucher – trotz tagtäglichen Warnungen rund um die Uhr in Verbrauchermagazinen im TV, in Zeitschriften, in Blogs usw. Aber es ist ja viel bequemer, die Eigenverantwortung und das eigene Handeln zu delegieren und nach Vater Staat zu rufen.
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