Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


ich habe das Wochenende bei meinen Eltern in Wedel westlich von Hamburg verbracht, und, wie das so ist, fragte ich sie am Sonntagmorgen beim Frühstück, was es denn Neues in der Stadt gebe. Mein Vater kam daraufhin auf die Nordumfahrung zu sprechen.

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Heft 28/2018
Wie Liebe gelingt

Ich habe Wedel vor mehr als 30 Jahren verlassen, aber ich erinnere mich gut, dass die Diskussion über die Nordumfahrung, die den Durchgangsverkehr nördlich am historischen Stadtkern von Wedel vorbeiführen soll, schon in den Achtzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts intensiv geführt wurde. Ich weiß nicht, woran die Umsetzung der Pläne bis heute gescheitert ist, aber die jahrzehntelange Diskussion scheint mir symptomatisch für das, was schiefläuft in diesem Land, ein Grund dafür, dass immer mehr Bürger die Politik nicht mehr für handlungsfähig halten und das Gefühl haben, die eigentlichen Probleme würden nicht gelöst.

Womit wir bei Merkel und Seehofer wären. Die vergangenen Tage haben gezeigt, dass nach dem wochenlangen Streit um die Asylpolitik nichts gelöst ist. Die Zahl der illegalen Einreisen wird sich bestenfalls minimal verringern, Seehofer droht im aktuellen SPIEGEL bereits mit einer Neuauflage des Streits, Österreich hat mit Kontrollen am Brenner begonnen. Und die jüngsten Umfragen, die die AfD bei 17 Prozent sehen, dürften die These, dass man die Partei bekämpfen kann, indem man ihre Themen groß macht, endgültig widerlegt haben.

Aber in dieser Woche steht Weltpolitik an, alles ist in Bewegung, nichts ist mehr sicher, es könnte eine wirklich historische Woche werden.

  • Beim Nato-Gipfel am Mittwoch und Donnerstag könnte US-Präsident Trump das Ende des Westens noch weiter vorantreiben, indem er die Beistandsverpflichtung der Allianz infrage stellt - bevor er sich dann Anfang kommender Woche vielleicht mit Russlands Präsident Putin verbrüdert.
  • Derweil versucht China, Deutschland als Partner im Handelskrieg gegen Trump zu gewinnen. In Berlin wird heute Ministerpräsident Li Keqiang zu den fünften deutsch-chinesischen Regierungskonsultationen erwartet.
  • Außerdem hält Frankreichs Präsident Macron seine Rede zur Lage der Nation, und man darf gespannt sein, wie viel von seiner Begeisterung für Europa noch übrig ist, nachdem Kanzlerin Merkel seine Vorschläge mehr als ein halbes Jahr lang auf kleiner Flamme eingekocht hat - und damit eine historische Chance vertat.
  • Dann stehen noch ein EU-Ukraine-Gipfel, ein EU-Westbalkan-Gipfel und ein EU-Japan-Gipfel an, bevor vielleicht irgendwann die Sommerpause beginnt.

Verlierer des Tages...

DPA

... ist Thilo Sarrazin. Heute wird vor dem Münchner Landgericht seine Schadensersatzklage gegen Random House verhandelt. Der Verlag hatte sich geweigert, Sarrazins neuestes Anti-Islam-Buch zu veröffentlichen, Untertitel: "Wie der Islam den Fortschritt verhindert und die Gesellschaft bedroht". Es wird nun in einem weniger renommierten Verlag erscheinen. Angeblich hat Sarrazin für das Werk den gesamten Koran gelesen. Das kann sicher nicht schaden, aber von einer bald anderthalbtausendjährigen religiösen Schrift auf die Entwicklung von Gesellschaften im 21. Jahrhundert zu schließen, scheint mir doch ziemlich unterkomplex. Ich glaube, dass die Lektüre religiöser Offenbarungen eher wenig dazu beiträgt zu verstehen, warum Menschen mit der Moderne hadern. Warum konnte sich etwa Indonesien, das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung, so fortschrittlich entwickeln? Und: Es kommt ja auch niemand auf die Idee, die gesamte Bibel zu lesen, um zu verstehen, wie Donald Trump tickt.

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Ich wünsche Ihnen einen unbeschwerten Start in die Woche.

Herzlich,

Ihre Christiane Hoffmann

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insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
ahloui 09.07.2018
1. Na ja,
"Warum konnte sich etwa Indonesien, das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung, so fortschrittlich" Frau Hoffmann, dann erklären Sie uns bitte einmal, was in/an Indonesien denn fortschrittlich ist. Wenn Sie nun Malaysia oder Dubai genannt hätten, aber Indonesien???
die Stechmücke 09.07.2018
2. Die verbale Aufrüstung ist ein Rohrkrepierer
Inzwischen glauben viele, dass mit aufgeblähten Worthülsen der AFD begegnet werden kann. Die Umfragen bezüglich AFD adressieren das Gegenteil. Die Politiker sollten endlich begreifen, dass die soziale Spaltung in diesem Land das Wachstum der AFD wesentlich befeuert. Menschen, die sozial abgehängt werden verlieren signifikant das Vertrauen. Solange keine Politik gemacht wird, die diese Spaltung bekämpft, ist zu erwarten dass die verbale Aufrüstung weiter eskalieren wird.
fettfleck 09.07.2018
3. Indonesien, ein Hort der Toleranz? SPON meint JA.
"Warum konnte sich etwa Indonesien, das Land mit der weltweit größten muslimischen Bevölkerung, so fortschrittlich entwickeln? " Kleine Erinnerung: Im ach so fortschrittlich-islamischen Indonesien stehen Teile des Landes unter Scharia-Herrschaft (Provinz Aceh), dort werden im real existierenden Islam Homosexuelle, Atheisten, unverheiratete händchenhaltende Pärchen öffentlich auf der Straße ausgepeitscht und gefoltert. Fortschrittliche Toleranz in seiner vollen Blüte, wie von SPON angepriesen? Oder doch eher Mittelalter wie von Sarazzin kritisiert? Entscheiden Sie selbst. Der frühere Gouverneur der Hauptstadt Jakarta, Basuki Tjahaja Purnama (Ahok), sitzt wegen angeblicher anti-islamischer Blasphemie seit Jahren hinter Gittern. Fortschritt pur! Kirchen und hinduistische Tempel (samt anwesender betender Menschen) brennen regelmäßig. Die buddhistische Kultur wurde nach dem Einfall des Islam seit einigen Jahrhunderten unwiederbringlich ausgelöscht. Einfach ein Traum! Nicht wahr, SPON?
haresu 09.07.2018
4. Das Hauptproblem ist doch ...
..., dass immer so getan wird als gäbe es offensichtliche Lösungen und die Politik sei nur zu unfähif, faul oder feige sie umzusetzen. Diese Lösungen gibt es aber überhaupt nicht. Selbstverständlich hat der Streit zwischen CSU und CDU nichts gelöst, wie soll das auch gehen? Der Kompromiss ist rechtlich ganz offensichtlich unhaltbar und komplett abhängig von Österreich und Italien, die ja Flüchtlinge zurücknehmen müssten. Dass durch Seehofers Vorschläge illegale Einwanderung unterbunden worden wäre ist schlichtweg Unsinn, sie hätten sie im Gegenteil forciert. Im übrigen ist die Einreise von bereits registrierten Flüchtlingen nicht illegal. Allein schon die Illusion von schnellen Lösungen jedenfalls gibt der AFD neue Nahrung.
haresu 09.07.2018
5. Wie kann man nur?
Wie kann man nur suggerieren, dass die Probleme der Flüchtlingspolitik irgendwie vergleichbar wären mit dem Nicht- Bau einer Umgehungsstraße? Von der Politik Lösungen fordern, aber sich noch nicht mal die Mühe machen herauszufinden, woran es denn bei der Umgehungsstraße hapert. Das ist nichts als kleinbürgerlich- verwöhnte Poltikschelte und letztendlich genau der gleiche Populismus, wie ihn die AFD betreibt.
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