Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


in der Reality-TV-Serie, zu der die Trump-Präsidentschaft längst verkommen ist, müssen wir uns einen neuen Protagonisten merken: Anthony Scaramucci, von vielen nur "The Mooch" genannt. Trump hat diesen glühenden Anhänger, der ihn bis in kleinste Gesten nachahmt, zu seinem Kommunikationsdirektor ernannt, doch in Wahrheit ist er viel mehr: Der ehemalige Hedgefund-Manager aus New York, der immer wieder auf seine italo-amerikanischen Wurzeln verweist, mischt gerade das Weiße Haus auf. Etwas schmierig, mit breitem Lächeln und endlosen Wortschwallen zieht er durch die Talkshows und verkündet, dass er den Präsidenten "liebe". Zuvor löschte er noch all seine Tweets aus der Vergangenheit, in denen er sich für das Recht auf Abtreibung, Kontrollen beim Schusswaffenverkauf und eine allgemeine Krankenversicherung eingesetzt hatte.

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Heft 30/2017
Audi, BMW, Mercedes, Porsche, VW - Enthüllt: Die heimlichen Absprachen der Autokonzerne

Das Ziel von Scaramucci ist es offenbar, Trumps Stabschef Reince Priebus aus dem Amt zu mobben. Zwar sagte er zunächst, Priebus und er seien wie "Brüder". Später stellte er jedoch klar, dass er Kain und Abel meinte - und verdächtigte Priebus öffentlich, ein "Leaker" zu sein, also Informationen an die Medien durchzustechen. Einem Journalisten des "New Yorker" erzählte er, Priebus sei "ein verfickter paranoider Schizophrener". Und über den Chefstrategen des Präsidenten sagte er: "Ich bin nicht Steve Bannon. Ich versuche nicht, meinen eigenen Schwanz zu lutschen." Alles klar. Wir wissen nicht, wie lange Anthony Scaramucci seinen Posten bekleiden wird, aber bis dahin werden wir vermutlich ziemlich viel von ihm hören.

Rückruf des Porsche Cayenne

DPA

Die deutsche Automobilindustrie fällt im Moment vor allem durch Kartellabsprachen und Schummeleien bei Dieselmotoren auf - und mit jeder Enthüllung stellt sich die Frage, wo eigentlich die ganze Zeit die Aufsichtsbehörden waren. Nun hat Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) eine weitere SPIEGEL-Recherche bestätigt: Messungen meiner Kollegen hatten im Juni ergeben, dass auch Porsche eine illegale Abgas-Software einsetzt. Dobrindt hat jetzt einen europaweiten Pflicht-Rückruf des Porsche Cayenne 3 Liter TDI angeordnet und ein Zulassungsverbot verfügt - betroffen sind 22.000 Fahrzeuge. Mein Kollege David Böcking beschreibt, dass auf die Autokonzerne nun Sammelklagen aus den USA zukommen - und das kann sehr teuer werden.

Neue Ausschreitungen am Tempelberg?

REUTERS

Auf dem Tempelberg in Jerusalem könnte es beim Freitagsgebet zu neuen Ausschreitungen kommen. Zuletzt sah es nach Entspannung aus - nach Tagen der Auseinandersetzungen mit Verletzten und Toten. Die israelischen Behörden bauten am Donnerstag die Metalldetektoren am Eingang wieder ab, die sie nach dem Attentat auf Polizisten errichtet hatten. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und muslimische Geistliche riefen die Gläubigen dazu auf, auf den Tempelberg zurückzukehren - und dennoch kam es gestern zu erneuten Ausschreitungen, rund 50 Palästinenser wurden verletzt. Das ist kein gutes Vorzeichen für heute. Zum Freitagsgebet werden Zehntausende Gläubige erwartet.

Showdown in Caracas

REUTERS

Am Sonntag findet in Venezuela die umstrittene Wahl für eine verfassungsgebende Versammlung statt, die Präsident Nicolas Maduro angesetzt hat. Der Wahlmodus garantiert der Regierungspartei eine Mehrheit, der Präsident könnte die Verfassung umschreiben und offiziell eine Diktatur errichten. In der Hauptstadt Caracas droht deshalb eine Eskalation der Gewalt. Seit April sind bei Protesten und Straßenkämpfen mit Regierungstruppen bereits mehr als 100 Menschen ums Leben gekommen. Nahrungsmittel sind in dem ölreichen Land knapp geworden, Tausende sind in die Nachbarländer geflohen - am Sonntag könnte der Zerfall der Ordnung weiter voranschreiten.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Gewinner des Tages...

REUTERS

... ist Jeff Bezos - laut "Forbes" der neue reichste Mensch der Welt. Mit einem geschätzten Vermögen von 90,6 Milliarden Dollar hat der Amazon-Chef knapp Microsoft-Mitgründer Bill Gates überholt (90 Milliarden Dollar). Bezos ist außerdem der Besitzer der "Washington Post", die auch dank seiner Investitionen wieder zu einem der publizistisch führenden Medienhäuser der USA geworden ist. Bezos ist damit auch sehr viel reicher als Donald Trump, den "Forbes" im März auf 3,5 Milliarden Dollar schätzte - und der die "Washington Post" nach ihren Enthüllungen neuerdings als "Amazon Washington Post" beschimpft.

Herzlich,

Ihr Mathieu von Rohr

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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
reznikoff2 28.07.2017
1. Hm
Nach Trump und Scaramuschi wird es zwei Präsidenten brauchen, um America wieder great zu machen.
StefanZ.. 28.07.2017
2. Welcher Aspekt qualifiziert Jeff Bezos zum Tagesgewinner?
Da dieser Titel ja immer für eine Neuigkeit oder zeitnahe Leistung vergeben wird, gehe ich davon aus, daß es sein exorbitanter Reichtum ist. Nun, das macht zumindest für mich keinen Menschen zu einem Vorbild oder Gewinnertypen. Ich erinnere mich an seinen Tweet vom 15 Juni. Da rief er dazu auf, ihm doch Vorschläge zu machen, wie er (im Gegensatz zu seiner Art nachhaltige Geschäfte zu planen) seine Philanthropischen Engagements so umgestalten kann, daß er möglichst viele Quickwins genießen kann. Mein Gegenvorschlag zu seinem Aufruf blieb natürlich unbeantwortet. Das reicht nicht für ein Vorbild.
Hörbört 28.07.2017
3. New, I mean NEW York Times
Zahlreiche Leser der NYT haben in Kommentaren zum Artikel bzgl. der Ausfälle von Scaramucci bekundet, die im Wortlaut wiedergegebenen Ausdrücke, die auch die DPA als "nicht zitierfähig" bezeichnet, in dieser ehrwürdigen Zeitung noch nie gelesen zu haben. Darunter waren einige, die nach eigener Aussage das Blatt seit Jahrzehnten konsumieren. Das muss nicht unbedingt stimmen, aber es ist allemal glaubhafter als das, was bislang aus dem Weißen Trumptower bekanntgegeben wurde.
isi-dor 28.07.2017
4. Wie lange er noch im Amt sein wird?
Vermutlich bis heute Nachmittag, längstens bis morgen. Es will uns doch niemand weismachen wollen, dass jemand, der ein anderes hochrangiges Regierungsmitglied öffentlich als "verfickten paranoiden Schizophrenen" bezeichnet und den Präsidentenberater als jemanden, der seinen "eigenen Schwanz lutscht", noch eine Stunde länger im Amt sein kann in den USA? Hierzulande wären derlei Titulierungen selbst bei öffentlichen Personen mit ziemlicher Sicherheit strafbar. Aber moralisch verwerflich sind sie auf jeden Fall. Wie sollen wir eigentlich unsere Kinder noch dazu motivieren, die Nachrichten zu schauen, wenn das die Sprache der Volksvertreter ist? Dies ist übrigens meine grundgesetzlich garantierte freie Meinungsäußerung zum Thema dieses Thread.
profbingo 28.07.2017
5. Gewinner
...Gewinner ja, Vorbild nein...dass hat SPON aber auch nicht behauptet..
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