Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


das Seltsame an diesem Tag ist, dass man so gar keine Vorstellung davon hat, wie er enden wird. Trump und Putin treffen sich in Helsinki, und von der Verbrüderung bis zur Anfeindung scheint alles möglich. Das ist das wirklich Neue, das Trump in die Spitzenpolitik getragen hat. Er hält sich nicht an Traditionen, an Rituale, er lässt sich nicht einbinden in die Diplomatie, beachtet nicht einmal die Grundformen der Höflichkeit, sondern holzt hier und gurrt da, wie es ihm gefällt.

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Heft 29/2018
Was es für Deutschland heißt, Donald Trumps Feind zu sein

Politik, muss man auch zugeben, erstarrt häufig in Ritualen oder ist gefangen in Traditionen. So ein bisschen Anarchie habe ich mir oft gewünscht. Nun herrscht ein Anarchist im Weißen Haus, und ich sehne mich nach mehr Berechenbarkeit.

Einen erhellenden Blick auf Putin gab es gestern Abend nach dem WM-Finale in Moskau. Als der Regen auf die Siegerehrung prasselte, war da zunächst genau ein Schirm, und der schützte Putin. Dem Gastgeber fiel nicht ein, für seine Gäste zu verzichten, nicht für Frankreichs Präsident und auch nicht für die kroatische Präsidentin, die beide bald pitschnass waren. So ungehobelt tritt sonst nur Trump auf.

Romann nach Tunesien

DPA

Beim Wort "Bundespolizei" werde ich mittlerweile hellhörig. Das liegt an deren Chef Dieter Romann, der eindeutig eine eigene Agenda verfolgt, eine politische. Er hat nie einen Hehl daraus gemacht, dass er die Flüchtlingspolitik der Bundeskanzlerin ablehnt. Er hatte Pläne ausgearbeitet, wie die Einwanderung zu stoppen wäre. Er hat den Fall Ali B. genutzt, um sich selbst auf großer Bühne als harten Hund präsentieren zu können.

Romann ist persönlich ins Flugzeug gestiegen, um Ali B., den mutmaßlichen Mörder und Vergewaltiger eines Mädchens aus Mainz, von seinem Fluchtort im Nordirak zurückzuholen. Nun geht es um Sami A., womöglich ehemals Leibwächter von Osama bin Laden. Er wurde am Freitag unter dubiosen Umständen nach Tunesien abgeschoben, obwohl das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen das untersagt hatte. Die genauen Umstände dieses Rechtsbruchs sind noch nicht aufgeklärt.

Jedenfalls war die Bundespolizei an der überstürzten Aktion maßgeblich beteiligt. Das heißt noch gar nichts. Aber Dieter Romann ist ein Spitzenbeamter, dem man genau auf die Finger schauen muss. Kleiner Vorschlag: Er setzt sich noch heute ins Flugzeug und holt Sami A. aus Tunesien zurück. Er kennt sich ja aus mit solchen Aktionen.

Thrill und Sog

DPA

Heute ist der Tag mit der größten zeitlichen Distanz zur nächsten Fußball-WM, also ein trauriger Tag. Die Distanz ist zudem viel größer als sonst, da die WM 2022 nicht im Sommer, sondern erst zur Adventszeit ausgetragen wird, wegen der Hitze in Katar.

Aber ist es denn so schwer, ohne WM zu leben? Ich finde: Ja, auch wenn mich viele Spiele angeödet haben. Ich glaube, dass es zwei Prinzipien gibt, nach denen Ereignisse funktionieren: Thrill oder Sog.

Der Thrill liefert einen starken Reiz, aber nur kurzzeitig. Damit arbeitet die Champions League. Einzelne Spiele sind sensationell und reißen uns mit. Bis zum nächsten Spieltag ist die Champions League aber vergessen.

Der Sog braucht diesen starken Reiz nicht. Er funktioniert über die Dauer, über Rituale, über Frequenz, über das Einrichten in einem Ereignis. Ich habe mich vier Wochen lang in der WM eingerichtet wie in einem Wohnzimmer mit Großfamilie. Ich war da zuhause, habe mich geärgert, gefreut, gelangweilt. Das war der Sog. Er hat mich mitgezogen und getragen. Und manchmal gab es auch einen starken Reiz, zum Beispiel beim Finale. Glückwünsch, Frankreich, das war verdient.

Gewinner des Tages...

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... ist Michael Ondaatje, weil er in seinem neuen Roman "Warlight" so wunderbar mit einem deutschen Wort umgeht, dem Wort "schwer". Ich habe das Buch auf Englisch gelesen, und "schwer" spielt dort, unübersetzt, eine maßgebliche Rolle. Die beiden Hauptfiguren Nathaniel und Rachel, früh von ihren Eltern verlassen, kennen das Wort aus den Partituren von Gustav Mahler, der an manche Stellen "schwer" geschrieben hat.

Für Nathaniel und Rachel wird "schwer" zu dem Wort, mit dem sie die Traurigkeit ihres Lebens ausdrücken, und im Umfeld der englischen Sprache hat es für einen deutschen Leser einen ganz eigenen, anrührenden Klang. Einmal heißt es: "I avoided the schwer." Das ist mein Vorsatz für diese Woche.

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insgesamt 39 Beiträge
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Seite 1
Hansespirit 16.07.2018
1.
Als Anhänger von Rechtsstaatlichkeit und der politischen Mitte bin ich nur leicht verwundert, dass ich dies einmal schreiben würde: Es ist mir wirklich schnurzegal, auf welche Art und Weise ein lange als Gefährder und Salafist eingestufter Gast in sein Heimatland zurückkehrt, Hauptsache er kommt nicht wieder.
f36md2 16.07.2018
2. Wirklich nicht zu glauben!
Der Chef der Bundespolizei hat jetzt die Chance, von der Fraktion der AfD im Bundestag eine besondere Belobigung zu erhalten. Eine bessere Wahlkampfhilfe ist kaum vorstellbar - und das auch noch auf Kosten des Steuerzahlers!
F.X. Butwürger 16.07.2018
3. Nun ja ungehobelt, oder nicht,
Wo gehobelt wird - das weiß man - da fallen auch Späne. Und dass z.B. ein Xi Jinping wirklich viel feiner gehobelt ist, zumindest im Inneren, das möchte ich bezweifeln. Der ist nur "zu höflich" - andere mögen es klug nennen - das auszusprechen, was Trump, Putin, Erdogan ect ungenierter und offener tun. (Wobei eine gewisse Mangelintelligenz schon näher beim Amerikaner liegt, deucht mir - alleine schon die Sprache!)
demosthenes1 16.07.2018
4. Also
Trump mag sein, wie er will, e ist auch erfrischend in einer Ansammlung von schwafelnden, nichtssagenden Schwätzern wie Merkel und anderen, die stumm wie ein Fisch alles ungerührt den Bach runtergehen lässt... Zudem mag ich Seehofer, der sich endlich mal um die Belange der Bevölkerung kümmert.. Und wenn ich, was den Fall Sami angeht, immer Menschenrechte und Rechtsstaat höre, wird mir übel..Ich glaube , es gibt kaum ein Land, das sich so zum Narren macht...und unabhängige Gerichte...darüber kann ich eigentlich nicht mehr lachen. Ein arrogantes Tollhaus sind Regierung und Justiz, die sich nur jeden Tag selber feiern.
Papazaca 16.07.2018
5. Von vielen Spiele angeödet ....
Selten so ein Intro in die neue Woche gelesen. Von "Bin Ladens Leibwächter zurück holen" bis zu einer WM, die oft anödete... Da muß man sich wirklich Sorgen um Herrn Kurbjuweit machen. Vielleicht war ja letzte Woche einfach alles zu viel für Ihn. Der Dauer-Trump, die WM und dann noch das Buch von Ondaatje, mit dem Wort schwer. Der Vorsatz, in dieser Woche das "Schwere" zu vermeiden ist sehr löblich. Ich empfehle Lockerungsübungen, was schönes Kaltes trinken, fetzige Musik (kein Mahler), Sport und ganz wichtig: Der Besuch bei guten Freunden, die hoffentlich Anhänger des gemäßigten Schwachsinns sind. Und beim nächsten Mal so einen bierernsten Kommentar vorher Gegenlesen lassen. In aller Freundschaft ....
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