Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


wir sind die Minderheit. Wir sind nur 4,5 Prozent, obwohl wir 350 Millionen sind. So viele Menschen leben in einer "vollständigen Demokratie". 3,3 Milliarden leben hingegen unter einem autokratischen Regime. Das ist unser Titelthema im neuen SPIEGEL, der heute erscheint: das Zeitalter der Autokraten. Der Chinese Xi Jinping, der Russe Wladimir Putin, der Türke Recep Tayyip Erdogan - sie dominieren große, einflussreiche Staaten.

Tayyip Erdogan
REUTERS

Tayyip Erdogan

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Heft 24/2018
Das Zeitalter der Autokraten

Auch US-Präsident Donald Trump würde sich da wohl gern einreihen. Er zeigt autokratische Tendenzen, wird aber noch von der Verfassung und den liberal-demokratischen Kräften seines Landes eingehegt. Ungarn und Polen sind längst keine liberalen Demokratien mehr.

Die Autokraten wirken aber nicht nur in ihren Ländern, sie beeinflussen die Welt, Xi über Chinas Wirtschaftskraft, Putin über seine persönliche Ausstrahlung. Die liberalen Demokratien, die schon als Sieger der Geschichte galten, sind in der Defensive. Unsere Titelgeschichte kommt rechtzeitig zu den großen Weltfestspielen der Autokraten im Juni: die Fußball-WM in Russland, die Präsidentschaftswahlen in der Türkei, das Treffen von Trump und Kim Jong Un in Singapur.

Wladimir Putin
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Wladimir Putin

"Geile Parallelwelt"

Könnte Juso-Chef Kevin Kühnert die SPD verlassen? Mein Kollege Christoph Hickmann hat ihm diese Frage gestellt. Kühnerts Antwort: "Ich finde die Frage superschwer zu beantworten." Oha.

Wenn der neue Star der Sozialdemokratie, der Mann der Zukunft, sich nicht sicher ist, ob er mit dieser Partei eine Zukunft hat, dann ist diese Partei kaum noch zu retten. Sie liegt in den Umfragen unter 20 Prozent und arbeitet fleißig am eigenen Untergang.

Kevin Kühnert
Christoph Soeder/ DPA

Kevin Kühnert

Christoph Hickmann hat Kühnert über viele Wochen begleitet und porträtiert einen Politiker, der die Menschen begeistert, der aber große Zweifel hat, ob die Parteienpolitik auf die hergebrachte Weise noch sinnvoll ist. "Ja, ist schon 'ne geile Parallelwelt hier", sagt er.

Immense Heuchelei

Im Video:

SPIEGEL-Korrespondent Maximilian Popp sprach mit Aussteigern über die Bewegung rund um den ehemaligen Wanderprediger Fethullah Gülen.

DER SPIEGEL

Die "guten" Türken, das sind auch die Anhänger von Gülen. Darauf hat man sich in Deutschland mehr oder weniger festgelegt. Die Gülen-Leute werden in der Türkei verfolgt, da Erdogan (der "böse" Türke) ihnen den Putschversuch von 2016 anlastet. Sie gelten als liberal und tolerant und finden in der Bundesrepublik problemlos Zuflucht.

Zusammen mit Kollegen der ARD-Sendung "Report Mainz" sind die SPIEGEL-Redakteure Martin Knobbe und Maximilian Popp der Frage nachgegangen, ob das positive Bild von der Gülen-Organisation gerechtfertigt ist. Sie haben mit Aussteigern und Experten gesprochen und erfuhren von immenser Heuchelei. Nach außen sagt man genau das, was der liberale Westen hören will. Doch in Wahrheit ähnelt Gülen in manchen Strukturen einer Sekte oder erinnert an "Erscheinungsformen organisierter Kriminalität".

Arm und fesch

Eine Rentnerin, 84, klaut Lebensmittel. Sie macht das häufig und muss für zwei Monate ins Gefängnis. Eine arme alte Frau. Aber Sie werden sich wundern, wenn Sie das Foto dieser Frau im neuen SPIEGEL sehen. Ingrid Millgramm sieht nicht aus wie eine arme Frau. Sie trägt ein fesches Kostüm, sie ist adrett frisiert, zeigt ihren Schmuck. Eine reiche alte Frau. So sieht sie aus.

Cathrin Schmiegel hat Ingrid Millgramm siebenmal besucht, um ihre Lebensgeschichte aufschreiben zu können. Millgramm war wohlhabend, ist nun arm, will aber wohlhabend wirken, weil das zu ihrer Würde gehört. Schmiegel hat ein faszinierendes Porträt jenseits aller Stereotype geschrieben.

So wie 2014!

Ach, die Fußball-WM. Im Moment nörgeln noch alle (ich auch), uninteressante Vorrunde, dubioser Gastgeber, ängstlicher Bundestrainer (nimmt Sané nicht mit) und so weiter. Man mag gar nicht hinschauen. Und dann packt es einen ja doch wieder, so wie 2006, 2010, 2014. Was waren das für herrliche Wochen. Jedesmal war Deutschland am Ende versöhnt mit sich selbst, 2006 wegen der wundervollen Stimmung, 2010 wegen eines grandios spielenden Teams, 2014 wegen des Titelgewinns. Und diesmal? So wie 2014, hoffe ich.

Beim Mannschaftstraining in Eppan
DPA

Beim Mannschaftstraining in Eppan

Während der WM-Wochen bauen wir unseren Sportteil aus. Gerhard Pfeil macht den Auftakt mit einer Reportage über das seltsame Trainingslager in Eppan. Die Mannschaft wurde abgeschottet, als müssten Staatsgeheimnisse gehütet werden. Das ist genörgelt, klar, aber wir sind ja erst am Anfang.

Von Frauen lernen

Charles Aznavour
Jerome Bonnet/ DER SPIEGEL

Charles Aznavour

Und wenn Sie jetzt schon gute Laune haben wollen: Lesen Sie das Gespräch mit Charles Aznavour, 94 Jahre alt, der letzte der großen Entertainer des 20. Jahrhunderts. Meine Lieblingsstelle:

SPIEGEL: Was haben Sie von den Frauen gelernt?

Aznavour: Alles!

Schön, hiermit könnte es enden. Aber es geht weiter:

Aznavour: Nein, nein...tatsächlich haben die Frauen alles von mir gelernt.

Okay, so könnte es auch enden. Aber es geht noch mal weiter. Lesen Sie selbst.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 3 Beiträge
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jam_butter_problem 09.06.2018
1. Naja...
"Wir sind nur 4,5 Prozent, obwohl wir 350 Millionen sind. So viele Menschen leben in einer "vollständigen Demokratie"" Das ist schon eine bemerkenswert selektive Aussage. Sollte man aber relativieren: Ja, nach dem Economist Democracy Index und dessen Definition "Vollständiger Demokratien" mag das stimmen. Man schaue sich aber mal an, welche Länder dort als "flawed democracies" gelten: Frankreich, USA, Belgien, Portugal, Italien, Japan... Ich in diesen Index fließt eine Menge Subjektivität ein. Die Messung solcher indices ist auch ziemlich kontrovers. Und ein Magazin wie der Economist profitiert natürlich von der Dramatisierung der Lage. Ein alternativer Ansatz der Universität Oxford findet sich hier: https://ourworldindata.org/democracy Demnach leben 3.3Mrd Menschen in Demokratien; Tendenz steigend. Also trotz aller Probleme, die wir gegenwärtig haben, kann man schon mal festhalten, dass die Dinge besser werden nicht schlechter. Im übrigen, auch wenn das hier nicht explizit gesagt wird, denke ich auch nicht, dass man die USA als halbautokratisches Regime abspeisen kann; trotz Trump. Noch nicht.
-mutabor 09.06.2018
2.
Mal abgesehen davon, dass die in der Demokratie so hochgehaltene „Freiheit“ lediglich die Freiheit ist, mit jedem Schwein auf dieser Welt Geschäfte zu verrichten, sind unsere sogenannten demokratischen Parteien und unsere Regierung seit jahren dabei, den Rechten, nicht nur in Deutschland, den Weg zu freizumachen. Sogar die in allen Bundesländern verschärften Polizeigesetze, werden dazu dienen diese sogenannte Demokratie zu entsorgen. Auch die Medien helfen dabei nach Kräften. Dabei wollten alle Parteien etwas ändern. Machen sie aber nicht. Im Gegenteil können wir tagtäglich sehen, was die letzten paar Grokos in diesem Staat angerichtet haben: Ein Staatsversagen nach dem anderen und alles den schwarzen Nullen der letzten Jahre geschuldet. Und dank der Flüchtlinge bemerkt man endlich, welch desaströse Politik unsere Politdarsteller da verbrochen haben. Und wieder und wieder wird nur geflickt und ausgebessert. Da ei werde bedes Jahr 160 Milliarden Euro in Form von Steuerhinterziehungen gestohlen. Von unseren sogenannten Leistungsträgern unter tatkräftiger Beihilfe der Politik! Das Sparen der letzten Jahrzehnte war gar nicht nötig, wir müssen nur die Steuern eintreiben. Aber darüber spricht der Spiegel auch nicht. Denn da sitzen ganz oben auch ein paar dieser „Leistungsträger“.
lucas_mesken 13.06.2018
3. Thema verfehlt
Der Spiegel hat sich ein Eigentor geschossen. Aber knallhart in den Winkel. Die Ironie kommt nicht wirklich durch, zumal das Ganze auch noch übersetzt und kulturell verstanden werden muss. Hinzukommt, dass der Effekt "Die 3 größten Staaten mit der Türkei (in Person von Erdogan)." dem Erdogan-Wahlkampf einen positiven Sprung gibt. Ich würd´sagen: Thema verfehlt.
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