Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


die europäische Initiative von Frankreichs Präsident Macron ist mausetot, nach nur sieben Monaten. Im September 2017 hielt er seine visionäre Rede an der Sorbonne in Paris, heute redet er vor dem Europäischen Parlament in Straßburg. In der Zeit dazwischen mahlten die fürchterlichen Mühlen, die alles kleinkriegen, auch Macrons Idee eines Zusammenwachsens über eine gemeinsame Finanzpolitik.

Es war ein kurzer Traum, der in die Zeit eines Machtvakuums in Deutschland fiel. Inzwischen haben sich alle berappelt, und gestern hat die CDU-Führung deutlich gesagt, dass deutsche Interessen Vorrang haben. Die nordeuropäischen Länder hatten schon vor einigen Wochen Macron ein Stoppschild hingestellt.

Europa-Skeptiker mag das freuen. Aber Macron nicht folgen, heißt nicht, dass alles gut ist. Heißt: weiterleben mit einem Provisorium. Denn der Euro ohne gemeinsame Finanzpolitik ist krisenanfällig und sorgt für wirtschaftliche Unwuchten auf dem Kontinent. Schade.

Keine Macht den Kindern

Jacinda Ardern
AFP

Jacinda Ardern

Die Frage, ob ein Politiker Kinder hat oder nicht, hat die Menschen über die Jahrhunderte auf ganz verschiedene Weise beschäftigt. In den Monarchien galt Kinderlosigkeit des Königs oft als Katastrophe, vor allem wenn es an Jungs fehlte. Dann war mitunter die Nachfolge umstritten, es drohte ein Machtvakuum, ein Erbfolgekrieg.

Für Demokratien spielte das keine Rolle. Manche Zeitgenossen von George Washington sahen einen Vorteil darin, dass der erste Präsident der USA keine leiblichen Kinder hatte. So, fanden sie, konnte er der Vater der Nation werden. In Bezug auf Angela Merkel klingt manchmal ein ähnliches Motiv an. Sie sei die politische "Mutti" geworden, weil sie keine leiblichen Kinder hat.

Jacinda Ardern musste sich schon anzügliche Fragen nach einem Kinderwunsch gefallen lassen, bevor sie Ministerpräsidentin von Neuseeland wurde. Im Januar hat sie mitgeteilt, dass sie schwanger ist. Wieder war sie unverschämten Fragen ausgesetzt.

In Demokratien ist die Frage nach Kindern nicht politisch, sondern privat. Also ist es keine Frage, die sich schickt. Jacinda Ardern besucht heute Angela Merkel in Berlin.

Politporno

James Comey
DPA

James Comey

Wolff habe ich verschlungen, Comey lese ich nicht. Michael Wolffs Buch "Feuer und Zorn" gab den Lesern erste Einblicke in das Leben im Weißen Haus. Man weiß jetzt, wie es bei den Trumps zugeht. James Comeys Enthüllungen scheinen dem, soweit ich das aus den Rezensionen erkennen kann, nichts Wesentliches hinzuzufügen.

Die Medienwelt steckt jetzt in einer typischen Falle. Alle warten auf die große Enthüllung, auf den Skandal, über den Trump stürzen wird. Da ein Nachweis für korruptes oder verräterisches Verhalten bislang ausgeblieben ist, stürzen sich Journalisten und andere auf Details, als könnten viele Puzzleteilchen den großen Fall ersetzen. Aber so funktioniert das nicht. Wir werden gerade Zuschauer eines Politpornos, und der führt eher zu Überdruss und bestärkt bei Trumps Anhängern den Verdacht, er sei Opfer einer Kampagne.

Verlierer des Tages

Farid Bang (r.) und Kollegah
Getty Images

Farid Bang (r.) und Kollegah

Das ist der Musikpreis Echo. Es ist schon klar, dass Rap nicht politisch korrekt sein muss, dass er von der Tabuverletzung lebt, dass ein wesentliches Element das Dissen ist, die Herabwürdigung - von Frauen, Homosexuellen und anderen. Solange nur auf Englisch gerappt wurde, nahm man's ja nicht so genau wahr. Es ist ein Unterschied, ob das Wort "motherfucker" die Wahrnehmung streift oder jemand singt, "komm, lass' ein paar Mütter ficken", wie es Kollegah und Farid Bang tun. Ist trotzdem kein Skandal.

Ihre Zeile, in der es um einen "Körper definierter als von Auschwitzinsassen" geht, ist ein Gipfel an Geschmacklosigkeit, sie ist aber auch erbärmlich, weil so schief und so flehend in dem Wunsch, doch bitte, bitte, bitte ein Tabu gebrochen zu haben. Habt ihr, Jungs, schon okay, ist halt Rap, aber einen Preis hat das nicht verdient.

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Ich wünsche Ihnen einen guten Tag,

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 29 Beiträge
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Seite 1
spadoni 17.04.2018
1. Die Deutschen
wie leider so viele andere EU Länder, haben immer noch nicht begriffen dass nur eine geeinte, starke und zusammenhaltende EU uns Europäer im Kampf gegen die immer mehr von Diktatoren beherrschten Grossmächte stark macht. Jeder möchte sein nationalistisches Süppchen kochen, was leider durch die immer stärker werden Rechten noch befeuert wird.
keine Zensur nötig 17.04.2018
2. Oh wie schön wäre doch der Tag,
wenn er mal nicht mit mutmaßlichen oder angeblichen Tatsachen beginnen würde, die letztlich eben keine sind. Und wie schön wäre es, wenn die Vierte Gewalt wieder an den Platz zurückkehrt, wo sie hingehört. Als Korrektiv vollkommen ausufernder Politik jenseits von Sachständen. Früher - länger her - hat das unsere Medien von denen in Russland usw. unterschieden. Schön, dass man in der CDU inzwischen erkennt, dass eine deutsche Regierung tatsächlich zuerst für die Deutschen da ist - und nicht für Mini-Bonapartes. Auch nicht für ademokratische Amtsträger der EU. Das mit den Kindern bei Politikern - ja, ohne Kinder geht man halt fahrlässig mit der Zukunft um. Und vollkommen unverständlich für Menschen wie Merkel, Altmaier oder Spahn ist es, wenn Eltern für die Zukunft ihrer Kinder krude Gesellschaftideen nicht mehr hinnehmen wollen. Und seien wir froh, dass wir im gegensatz zu anderen die Möglichkeit haben, das friedlich zu entscheiden.
PremiumB 17.04.2018
3. Zu zwei Themen
1. Zu den Rappern. Genau so. Nur so. Dieser Ausschwitzsatz ist geschmacklos, na ja, vielleicht eher blöd. Ist aber nicht antisemitisch. Halt ein Betteln nach Aufmerksamkeit. Wie Spon hier gut anmerkte. 2. Zu Macron. Ja klar, die Pleiteländer wollen sich nicht reformieren, sie wollen dann halt das Geld der Länder ausgeben, die besser dastehen. Das läuft dann bei denen unter "Reform" der EU. Gut das Deutschland sich darauf besinnt, eigene Interessen zu haben. Das Spon das nicht schön findet, ist klar. Linke sind immer schon ganz groß darin gewesen, das Geld anderer auszugeben. Und von Wirtschaft hattet ihr noch nie eine Ahnung, merkwürdigerweise lernt ihr aber auch nicht. Noch nicht mal durch Fehler. Sehr traurig.
thequickeningishappening 17.04.2018
4. # Macrons' Visionen
Wenn Der Euro beerdigt wird dann geht es umgekehrt wieder back to the Roots (EWG). Ein gemeinsames Finanz- und Steuerrecht unter Einem Dach sind reine Utopie!
dirk1962 17.04.2018
5. Macrons Vorschläge
hätten es verdient, zumindest ernsthaft diskutiert zu werden. Werden sie aber nicht, dazu ist die Stellung der Merkel in der Union längst viel zu schwach. Für ernsthafte Politik reicht es einfach nicht mehr, dümmlich in die Kamaras winken ist das Einzige, was unsere Merkel noch leisten kann.
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