Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


zwei der wichtigsten Politiker der Welt treffen heute in Paris aufeinander, Emmanuel Macron und Mark Zuckerberg. Der eine herrscht über Frankreich, der andere über die internationale Facebook-Gemeinde. Wer ist wohl mächtiger? Die Gewichte verschieben sich seit Jahren mehr und mehr in Richtung der Kommunikationsunternehmen.

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Heft 21/2018
Wie Verbrecher und Heilige eine Weltmacht schufen

Zuckerberg tut gerne harmlos, aber noch nie hatte ein Unternehmen mehr politischen Einfluss als Facebook, weil es über seine Algorithmen und Regeln das Weltbild und die Debatten steuern kann. Deshalb hat dieses Treffen in meinen Augen mindestens die Bedeutung von Macrons Besuch bei Donald Trump. Dort trat der Franzose als Anführer der liberalen Demokratien auf und schlug sich achtbar.

Die liberale Demokratie braucht nichts so sehr wie einen Diskurs, der die heikle Balance hält zwischen Freiheit und Regulierung der Freiheit zugunsten der Freiheit. Zuckerberg ist einer der Männer, gegen den die Politik Regeln für diesen Diskurs durchsetzen muss.

Es lebe der Reißverschluss

DPA

Die liberale Demokratie ist heute auch ein Thema im Schloss Bellevue in Berlin. Bundespräsident Steinmeier hat eingeladen zu einer Diskussion zum Thema: "Gesellschaft ohne Politik? Liberale Demokratie in der Bewährungsprobe".

Ich habe dazu gerade ein Buch von Patrick Deneen gelesen. "Why Liberalism failed". Für Deneen ist die liberale Demokratie schon an ihrem Paradox gescheitert. Die Freiheit drängt ins Totale, in die totale Freiheit, die aber so zerstörerisch ist wie alle totalitären Systeme, hier durch Exzesse des Ökonomismus, durch Zerstörung von Werten, durch eine Diktatur der Technologie, die das Menschliche im Menschen überwinden wird, indem sie ihn mit den Maschinen verschmelzen lässt.

Deneens Analysen stimme ich in vielen Punkten zu, aber was ist seine Alternative? Er schreibt auffällig sympathisierend über die Amischen, eine große Sekte in den USA, deren Mitglieder ungefähr so leben wie im 18. Jahrhundert. Reißverschlüsse sind verpönt. Aber es muss doch einen Mittelweg geben zwischen der Herrschaft der Knöpfe und der Herrschaft der Maschinen, oder?

Fußball-Autoritäten

Getty Images

In Südtirol beginnt heute das Trainingslager der deutschen Internationalmannschaft für die Fußballweltmeisterschaft, die im Juni und Juli in Russland ausgetragen wird. Mesut Özil und Ilkay Gündogan haben kürzlich bei zwei Auftritten gezeigt, dass sie mit den alten Kategorien von Nationalität nicht mehr zu fassen sind. Erst waren sie ein Herz und eine Seele mit dem türkischen Präsidenten, dann mit dem deutschen.

Mich irritiert dabei nicht, dass die beiden Spieler offenbar eine deutsche und eine türkische Identität haben. Warum denn nicht? Mich irritiert, dass sie, obwohl in einer liberalen Demokratie aufgewachsen, kein Problem mit einem Autokraten wie Erdogan haben (okay, ich übertreibe heute etwas mit dem Thema liberale Demokratie, und sollten wir von Fußballspielern die Rettung in politischen Fragen erwarten?).

Verlierer des Tages

Aber wenn ich schon übertreibe, dann richtig. Verlierer des Tages ist (wie in Wahrheit beinahe täglich, wenn man den Zeitungen glaubt, was ich selbstverständlich tue) die liberale Demokratie, auch der Westen genannt, obwohl die USA unter Trump kaum noch dazugehören. Offenbar habe ich einen masochistischen Zug, denn als ich am Wochenende in London war, griff ich sofort zu, als ich in einem Waterstones ein Buch von Kishore Mahbubani sah. Titel: "Has the West lost it?"

Mein Kollege Markus Feldenkirchen und ich haben Mahbubani, der Politikprofessor in Singapur ist, vor zehn Jahren dort interviewt. Das waren peinvolle zwei Stunden, denn Mahbubani konnte sehr klug, sehr detailliert und häufig von einem feinen Lächeln begleitet analysieren, was der Westen alles falsch gemacht hat und falsch macht. Und was ist inzwischen nicht alles dazugekommen?

Sein neues Buch beginnt so: "Warum fühlt sich der Westen so verloren? Die Antwort ist simpel. Im frühen 21. Jahrhundert ist die Geschichte um eine Ecke gebogen, vielleicht die wichtigste Ecke der Menschheit - aber der Westen weigert sich, diese neue historische Ära zu akzeptieren oder sich ihr anzupassen."

Die Lektüre wird wehtun, das weiß ich, aber ich werde, versprochen, dieses Buch zu Ende lesen und hier davon berichten.

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
StefanZ.. 23.05.2018
1. Freiheit und Demokratie
Ich würde Ihnen nicht zustimmen bei der Behauptung, dass Freiheit, Demokratie oder eine Kombination der beiden tatsächlich gescheitert seien. In der Realität sind beide fundamentale Dinge, die sehr erstrebenswert sind, weil sie im Einklang mit natürlichen Gesetzmäßigkeiten stehen. Unser wirkliches Problem ist, dass wir die Begriffe, deren Werte und die Konsequenzen daraus für eine praktische Anwendung im Alltag nicht wirklich genug durchdacht haben. Nehmen wir die Freiheit. Um als Einzelner nach außen hin Freiheitsgemäß im privaten, gesellschaftlichen etc. Kontext im menschlichen, natürlichen Sinne zu handeln und zu wirken, bedarf es zunächst einmal der Schaffung einer tatsächlichen inneren Freiheit. Letztere bedingt das Auflösen von selbstauferlegten Zwängen und Ängsten beim Denken und Fühlen. Auf gleiche Weise ist es nötig inneren Frieden/Friedfertigkeit, eine liebevolle Einstellung zum eigenen Selbst, und eine innere Ausgeglichenheit zu erlernen. Wenn eine kritische Masse von uns also in der Lage ist auf solch einer starken Plattform aufbauend diese Werte nach außen hin zu leben, dann werden wir auch mit eigenen Augen und Herzen sehen, was gelebte Freiheit wirklich bedeutet. Sie bedeutet eben nicht als Getriebener zwanghaft, gerne auch mit unfriedlichen physischen/psychischen Mitteln, durch Durcheinanderbringen von vorher harmonischen Zuständen, sich auf Kosten von Mitmenschen niedere Vorteile zu verschaffen.
!!!Fovea!!! 23.05.2018
2. Lasst doch das Lamentieren
bzgl. Facebook/Zuckerberg. Das Verlogenste an den gestrigen Nachrichten der ÖR war, dass die sich darüber aufregten, wie China seine Bevölkerung überwacht! Ein lächerlicher Kommentar von Claus Kleber, wie die Demokratie dadurch gefährdet würde, während Cleber selber einer Institution dient, die sich ständig Daten von Einwohnermeldeämtern schicken lässt ohne eine Einwilligung der Betroffenen einzufordern. Ein Schelm, wer dabei böses denkt. Bei Facebook kann man immerhin freiwillig sein und es gehört schon eine Menge Eigenverantwortung dazu, seine Privatangelegenheiten und Vorlieben preiszugeben. Gegen die GEZ ist Facebook harmlos.
derjoey 23.05.2018
3.
Zitat von !!!Fovea!!!bzgl. Facebook/Zuckerberg. Das Verlogenste an den gestrigen Nachrichten der ÖR war, dass die sich darüber aufregten, wie China seine Bevölkerung überwacht! Ein lächerlicher Kommentar von Claus Kleber, wie die Demokratie dadurch gefährdet würde, während Cleber selber einer Institution dient, die sich ständig Daten von Einwohnermeldeämtern schicken lässt ohne eine Einwilligung der Betroffenen einzufordern. Ein Schelm, wer dabei böses denkt. Bei Facebook kann man immerhin freiwillig sein und es gehört schon eine Menge Eigenverantwortung dazu, seine Privatangelegenheiten und Vorlieben preiszugeben. Gegen die GEZ ist Facebook harmlos.
Man kann auch auf Facebook sein, ohne freiwillig bei Facebook zu sein. Menschen reden dort über einen, laden Bilder hoch und markieren diese mit Namen, chatten darüber, was man der Person zum Geburtstag am x.x. schenken kann, bilden Mitfahrgemeinschaften zu dessen Adresse, die sie natürlich für die bessere Wegfindung eingeben usw. Manch einer wäre überaus verblüfft, wieviel Facebook über ihn weiß, ohne dass er jemals die Site auch nur aufgerufen hat. Dagegen ist die GEZ harmlos (zumal es die seit über fünf Jahren nicht mehr gibt ;-) ).
!!!Fovea!!! 23.05.2018
4.
Zitat von derjoeyMan kann auch auf Facebook sein, ohne freiwillig bei Facebook zu sein. Menschen reden dort über einen, laden Bilder hoch und markieren diese mit Namen, chatten darüber, was man der Person zum Geburtstag am x.x. schenken kann, bilden Mitfahrgemeinschaften zu dessen Adresse, die sie natürlich für die bessere Wegfindung eingeben usw. Manch einer wäre überaus verblüfft, wieviel Facebook über ihn weiß, ohne dass er jemals die Site auch nur aufgerufen hat. Dagegen ist die GEZ harmlos (zumal es die seit über fünf Jahren nicht mehr gibt ;-) ).
Ja, stimmt, die GEZ gibt es nicht mehr, man hat dem Kind nur einen anderen Namen gegeben. Aber wenn es Sie glücklich macht darauf hinzuweisen, bitte. Ich lasse Ihnen Ihren Spaß. Ob es nun GebührenEinzugsZentrale oder Beitragsservice heißt, ist doch unerheblich. Jeder weiß, was damit gemeint ist, die Eintreibungszentrale der Zwangsgebühr, die sich ihre Daten von den Einwohnermeldeämtern holt und teilweise Leute ins Gefängnis werfen lässt, die nicht bezahlen. Ich habe noch nicht gehört, dass Facebook jemand in den Knast gesteckt hat.
Reinhold Schramm 23.05.2018
5. Der ist mächtiger: George Orwell im 21. Jahrhundert, weltweit
George Orwell im 21. Jahrhundert, weltweit Der Datenklau der Milliardäre und deren EU-Laufburschen Wenn man bedenkt, wie frühere Informanten und antifaschistische Mitarbeiter des MfS der DDR, in der Nachwendezeit, in den 1990er Jahren, mit Strafverfolgung und politischen Berufsverbot, fortwährend bis heute, belegt wurden. Aber hier, für millionenfachen Datenraub, über individuelle Persönlichkeiten, keinerlei Strafverfolgung und Beschlagnahme der Geschäftsunterlagen erfolgt, dann sollte es eigentlich auch schon der letzte treubrave und kapitalgläubige europäische Bürger wissen, auch das EU-Parlament steht vollständig unter Kontrolle der Wirtschafts-, Dividenden- und Kapitalinteressen! Jeder Bürger und jede Bürgerin in der EU ist und bleibt ein Objekt der Auswertungs- und Profitinteressen der Datenkonzerne, Wirtschafts- und Dividendensellschaften, weltweit. Keine bürgerliche Partei, kein Parlament und auch keine Justiz schützt ihn vor den Begehrlichkeiten der Datenkonzerne, Finanzzentren, Wirtschafts- und Monopolverbänden.
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