Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


die Ohnmacht scheint ein Zustand zu sein, der nicht mehr ins heutige Leben passt. Man denkt an enge Korsetts und an das Riechsalz, das herbeigerufen wurde, wenn eine der fragilen Frauen des vorletzten Jahrhunderts in die Arme ihres Kavaliers sank.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 10/2018
Die Wut der Autofahrer - und wie der Verkehr der Zukunft aussehen könnte

Oder ist die Ohnmacht vielleicht doch das wesentliche Gefühl der heutigen Zeit? Vielleicht wird sie nur nicht erkannt unter all der Betriebsamkeit?

Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, unser neues Heft bekommen, wird Ihnen die Ohnmacht immer wieder begegnen: In unserem Titelkomplex über die Fahrverbote zum Beispiel. Da beschreiben wir die berechtigte und in diesen Tagen wild ansteigende Wut der Autofahrer, deren Dieselfahrzeuge nichts mehr wert sind. Die Politik lässt sie im Stich, die Industrie lässt sie im Stich, und nicht nur das: Industrie und Politik kungeln, um bloß nicht belangt zu werden. Und die Gesundheit der Leute scheint der Politik auch egal zu sein. Es ist eine ohnmächtige Wut, die wir da beschreiben. Wir stellen zwar auch die Modelle für die Stadt der Zukunft vor, die Fortschritte in der Verkehrsplanung - dem einzelnen Autobesitzer und den Bewohnern der Innenstädte nützt das jetzt aber wenig. Und für einen massenweisen Umstieg in den öffentlichen Nahverkehr sind unsere Städte noch nicht gerüstet - mit Betonung auf "unsere". Im Ausland finden sich durchaus positive Beispiele für geglückte Verkehrspolitik. Wie sich aber Wut in einer Demokratie auswirkt, haben Politiker bei der letzten Wahl sehen können. Klug ist es nicht, Bürger in Alltagsfragen im Stich zu lassen. Alltagsfragen stellen sich, wie das Wort sagt, jeden Tag. Deswegen sind sie groß und wirksam.

Im Video: Totenglocke für Diesel - SPIEGEL-Redakteur Gerald Traufetter über die Bedeutung des Urteils zum Diesel-Fahrverbot und die anstehenden Veränderungen in den Innenstädten

Ohne Macht

Ex-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück von der SPD hat sich die Wut auf die eigene Partei in einem Buch über das "Elend der Sozialdemokratie" von der Seele geschrieben. Auch bei ihm ist es eine ohnmächtige Wut, er hat in der Partei so sehr viel nicht mehr zu sagen. Meine Berliner Kollegen haben Steinbrück zum SPIEGEL-Gespräch einvernommen. Sagen wir mal so: Der Mann spricht sich aus. "Die SPD ist nicht auf der Höhe der Zeit", dem zurückliegenden Wahlkampf habe "das Zukunftsgen" gefehlt, "die SPD braucht weniger Stallgeruch und mehr Zugluft". Mit dem Mitliedervotum, dessen Ergebnis morgen verkündet wird, hat die SPD die Fenster geöffnet. Aus Zugluft kann Sturm werden.

Peer Steinbrück
HC Plambeck/ DER SPIEGEL

Peer Steinbrück

Noch mehr Ohnmacht in noch mehr Stücken:

Hinrichtung

Aus unserem neuen Heft möchte ich Ihnen einen Text besonders ans Herz legen und Ihnen erzählen, wie er auf mich wirkte: Ich saß an meinem Schreibtisch in der Redaktion, wie immer war um mich herum viel los, das Telefon, die Besuche der Kollegen. Ich mag das gern, SPIEGEL-Journalismus ist Teamarbeit, es muss lebhaft zugehen. Immer wieder aber gibt es diese Momente, an denen alles um mich herum verschwindet, weil mich eine Geschichte so sehr in den Bann zieht, dass ich gar nicht mehr an meinem Schreibtisch sitze, obwohl ich da durchaus noch sitze. Ich befinde mich dann plötzlich in einem Bus irgendwo in den USA auf dem Weg zu einer Hinrichtung.

Relotius in Huntsville, Texas
Claas Relotius / DER SPIEGEL

Relotius in Huntsville, Texas

Mein Kollege Claas Relotius hat das nämlich getan und für das neue Heft beschrieben, sich im Bus auf den Weg gemacht, gemeinsam mit Gayle Gladdis. Sie ist eine einfache Bürgerin, sie reist durch die USA, um dabei zuzusehen, wie Menschen durch Giftspritzen getötet werden. Das Gesetz verlangt die Anwesenheit solcher Bürger und Gladdis erfüllt das Gesetz. Freiwillig sieht sie, was fast niemand außer ihr mehr sehen will. Sie hat vor Jahren ihren Sohn und ihren Enkel durch Mord verloren, die Mörder sind nicht hingerichtet worden, weil sich Zuschauer wie Gladdis damals nicht gefunden haben. In ihrer ohnmächtigen Wut stellt sie sich nun selber als Zeugin zur Verfügung. Das ist ihre Weise, Rache zu nehmen, das Erlebte zu verarbeiten. Dass dadurch die Verarbeitung des Schrecklichen eben nicht möglich ist, dass Gladdis immer wieder an denselben Schmerz rührt und ihn wachhält, sich also selber nur schadet, das ist eine der besonders traurigen Erkenntnisse über die Ohnmacht.

Gewinner des Tages...

...müssen deswegen diejenigen Protagonisten aus unserem neuen Heft sein, die Wege aus der Ohnmacht finden. Und das sind junge Leute, Schüler der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland, Florida. Am 14. Februar wurden dort 3 Erwachsene und 14 Teenager bei einem Amoklauf erschossen, in den beiden Wochen danach sind die Schüler zu Ikonen der Antiwaffenbewegung geworden. Eben weil sie sich nicht einer Ohnmacht ausliefern wollten, eben weil sie nicht nur Opfer sein wollen, protestieren die Schüler gegen die amerikanische Waffenlobby auf Twitter und überall. Unser Washington-Korrespondent Christoph Scheuermann hat sie dort aufgespürt, wo sie sich auch vor dem Amoklauf schon immer getroffen haben: bei einer Eisdiele nicht weit von der Schule, zwischen einem Nagelstudio und einer Orthopädiepraxis. Er kam mit ihnen ins Gespräch.

Schüler der Douglas High School in Parkland
Angel Valentin / DER SPIEGEL

Schüler der Douglas High School in Parkland

Vor dem Wochenende wollte ich Ihnen noch etwas erzählen: Wenn das neue Heft abgeschlossen ist, in der Nacht von Donnerstag auf Freitag, werden aus den Kaffeeküchen, die sich auf jedem der Stockwerke im SPIEGEL-Hochhaus befinden, die vielen, vielen Tassen und Gläser, die sich im Laufe des Tages aufgetürmt haben, auf großen Wagen in den Fahrstuhl geschoben. Für mich sind diese Tassentürme immer Sinnbild unserer Leidenschaft, die in jedes neue Heft geht: Alle Abteilungen des Hauses spielen ineinander. Dass sich trotz unseres Einsatzes eine Entfremdung zwischen Lesern und der Presse insgesamt eingestellt hat, nehmen wir aber wahr. Das ist nicht schön, aber es hilft ja nichts, wir müssen uns damit befassen, genauso wie mit anderen Themen auch. Im Heft der vergangenen Woche (Nr.9) hat meine Kollegin Isabell Hülsen einen Text über diese Entfremdung geschrieben, wir bekamen daraufhin weit über 2000 Leserbriefe. Wir sind dabei, sie zu sichten, werden eine Auswahl in einer der nächsten Ausgaben präsentieren, werden zu einer Veranstaltung in die Hamburger Zentrale einladen und weitere Berichte folgen lassen.

Wir sind Ihnen dankbar für Ihre kritische Begleitung.

Mögen Sie Freude am neuen Heft haben, uns jedenfalls hat es Spaß gemacht, es für Sie fertigzustellen.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ein schönes Wochenende wünscht Ihnen

Ihre Susanne Beyer

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 33 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
m.gu 03.03.2018
1. Herr Steinbrück hat die Agenda 2010 mit auf dem Wege gebracht.
Er trägt die gleiche Schuld, wie viele SPD Verantwortlichen, dass Millionen von Menschen NICHT menschenwürdig mit den 416 Euro im Monat leben können. Essen, trinken, kleiden, Stromrechnungen und Versicherungen bezahlen, Friseurkosten usw. reichen nicht aus um menschlich leben zu können. Diese Menschen sind ausgeschlossen aus der Gesellschaft für Bildung, kein Urlaub usw. Kein Blick der SPD Politiker gehet über den Tellerrand Deutschland in unsere westlichen Nachbarländern. Denn dort erhält seit ca. 10 Jahren jeder Rentner, jeder Bedürftige nur zum Leben, nach Abzug der Mietkosten, auch heute einen Mindestbetrag von 1 000 Euro (Österreich 14 x 1 000 Euro Rente) bis 1 600 Euro (Dänemark, Bedürftige 1 340 Euro) ausgezahlt. Menschlich und von den Politikern unserer Nachbarländer errungen. In all diesen westlichen Nachbarländern zahlen die Reichen, Vermögenden Minimum 55% bis 75% Steuern an den Staat. Mit diesem Mehrgeld werden auch die Armen finanziert, nicht wie in Deutschland wo die Reichen, Vermögenden heute nur 42% Steuern entrichten brauchen. Natürlich sind die Politiker der CDU/CSU mitschuldig an diesem unmenschlichen Zustand in Deutschland. Belegt und bewiesen, siehe Quelle: "Deutsche Renten am niedrigsten in ganz Europa," sowie "Deutschland hat die meisten Obdachlosen." Unser Staat lässt ca. 370 000 Menschen im Freien campieren, denn sie stammen aus einem Heer von Wohnungslosen im reichen Deutschland, siehe Beweis Quelle: "Wohnungslosigkeit - 850 000 Menschen haben in Deutschland keine Wohnung."
Wolfgang Heubach 03.03.2018
2. Unerträglich
Das Politikversagen ist unerträglich. Nicht nur in der Verkehrspolitik. Weitere Beispiele: Altersarmut, Diskriminierung Älterer, abenteuerliche Aussenpolitik, Wohnungsnot, Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit usw. Lobbyisten haben die Republik fest im Griff und willfährige Politikerinnen und Politiker. Das alles wird böse Folgen haben.
mullertomas989 03.03.2018
3. Alltagsfragen
Wir brauchen Politiker mit der richtigen Herzenshaltung! Angela Merkel will Schaden vom deutschen Volk abwenden? Was ist denn der größere Schaden: Dass durch geringere Gewinne der Automobilindustrie und deren Zulieferer Arbeitsplätze verloren gehen können und Deutschlands BIP geringer ausfallen könnte und vielleicht im worst case Staatsanleihen teurer werden? Oder dass die Gesundheit der Menschen ganz sicher gefährdet wird, der private Bürger definitiv sein Eigentum ohne Grund verliert, dass das ganze Land sieht: Regeln, nach denen ein Betrüger für seinen Betrug zu haften hat(!!), gelten nicht mehr und schließlich dass die Autoindustrie keinen Innovationsdruck mehr hat? Beides ist schlecht, aber, liebe Politiker, letzteres ist weitaus schlimmer! Begreift es endlich!!!
starivinjak 03.03.2018
4. Dieselfahrer - Von der Politik alleine gelassen
15 Millionen Dieselfahrer = ca 25 % der wahlberechtigten Bevölkerung. 15 Millionen Menschen, welche die Diskussion um die " Dieselproblematik " aufmerksam verfolgen. Jahrelanges " vorsichherschieben " den Mächtigen in den Konzernzentralen nur keine Schwierigkeiten machen. Jetzt den " Otto Normalverbraucher " durch die Entwertung ihres oft hart ersparten Fahrzeugs die Zeche zahlen lassen. Politiker überlegt euch was Ihr tut. Die nächsten Wahlen kommen bestimmt.
thunderstorm305 03.03.2018
5. Kaum noch zu ertragen!
Es ist nicht nur die Politik und die Industrie die hier am Pranger steht, sondern auch die Art und Weise wie die öffentliche Diskussion über den Diesel in den Medien geführt wird. Wenn ein ARD-Journalist twittert die Dieselfahrer würden die Menschen in den Städten "vergasen" dann ist ein Punkt erreicht an dem man die Frage stellen muss, ob das denn noch normal ist? Am Pranger stehen auch nur die deutschen Hersteller, obwohl die ausländischen Fahrzeuge viel "dreckiger" sind, wenn man das überhaupt so bezeichnen kann. Die Luft ist in den letzten 10 Jahren viel sauberer geworden und trotzdem möchte man die Existenz von Handwerkern und kleinen Unternehmen die es sich schlicht nicht leisten können einen neuen Diesel zu kaufen auf`s Spiel setzen. Dass ein Gericht nur so urteilen kann was zur Zeit Gesetz ist, ist klar. Wenn die Richtwerte zur Zeit nicht umgesetzt werden können ohne dass es zu einer kalten Enteignung kommt, dann müssen sie eben der Realität angepasst werden. Oder man entschädigt die Dieselfahrer mit Steuergeldern und einer Abgabe aller Autohersteller weltweit. Ich frage mich jedenfalls wie z.B. Paris mit diesen Richtwerten umgeht? Dort ist erheblich mehr Verkehr auf den Straßen als in allen deutschen Städten. Vermutlich hat man die Messstationen sinnvoller aufgestellt. Für den Dieselfahrer stellt sich jedenfalls die Frage ob man einen Benziner kauft, der zwar viel mehr CO2 ausstößt, aber was nicht von Interesse ist und wem man bei der nächsten Wahl seine Stimme gibt!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.