Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


normalerweise schreiben wir hier über die Ereignisse des Tages, nun aber kommen wir Ihnen gleich mit einem ganzen Jahrhundert. Warum? Weil heute für uns ein besonderer Tag ist. Unsere Abonnenten und die Zeitschriftenhändler bekommen in diesen Stunden eine Sonderausgabe des SPIEGEL zugestellt, eine Ausgabe wie es sie in bald 72 Jahren SPIEGEL noch nie gegeben hat. Es ist ein normaler SPIEGEL außer der Reihe, Teil eines multimedialen Projekts der gesamten SPIEGEL-Gruppe, eines Projektes, das bei SPIEGEL ONLINE, bei SPIEGEL TV, in unseren Social-Media-Kanälen, auf unseren SPIEGEL-live-Veranstaltungen und im SPIEGEL unter der Zeile #frauenland läuft.

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Heft 54/2018
100 Jahre Frauenwahlrecht, 1 Jahr #MeToo - Wie modern ist Deutschland?

Ja, es geht um Frauen, um Frauen in Politik, Wirtschaft, Kultur und Wissenschaft - was nicht heißt, verehrte Männer, dass es nicht auch um Sie geht. Denn das ist anders ja gar nicht möglich. Wenn es um Frauen geht, geht es um Männer und umgekehrt. Es geht um die Gesetze, die manchmal Frauen benachteiligen, aber manchmal eben auch Männer: Im Scheidungsfall kann das so sein, beim Streit um das Umgangsrecht der Kinder. Es geht um den Alltag und die Frage, ob die schwedischen Männer recht haben, die wir für unser Frauenheft besucht haben und die erzählten: Männer hätten am allermeisten von der Gleichberechtigung profitiert. Es geht um alles und alle. Denn genau das ist das Ziel der so oft verhöhnten, so oft missverstandenen Frage nach der Gleichberechtigung: ein besseres Leben für alle, tatsächlich.

Es ist ein großes Ziel. Und deswegen hier, jetzt, heute und in diesen Tagen unsere große #frauenland-Aktion.

Amanda Nilsson, 20, Erzieherin
Andrea Grambow / Joscha Kirchknopf / DER SPIEGEL

Amanda Nilsson, 20, Erzieherin

Warum aber nun genau? Und warum jetzt? Weil wir finden, dass dies ein guter Moment ist, um Bilanz zu ziehen. Vor 100 Jahren ist in Deutschland die entscheidende Voraussetzung geschaffen worden, mit der die Gleichberechtigung überhaupt erst denkbar wurde. Am 12. November 1918 ist das Frauenwahlrecht eingeführt worden. Es war ein langer und harter Kampf vorausgegangen, aber die Frauenbewegung, wie wir sie kennen, begann dann erst vor 50 Jahren, im September 1968, mit einem energischen Tomatenwurf einer Studentin auf Männer. Vor einem Jahr im Oktober wiederum erreichte Deutschland von den USA aus schließlich die #MeToo-Bewegung. Und die wirkt sich aus, bis in diese Tage, bis in diese Stunden. Der Fall um den Richter Brett Kavanaugh zeigt es: #MeToo offenbart in den USA die Polarisierung der Gesellschaft. In Deutschland offenbart sich durch #MeToo, dass dieses Land längst nicht so modern ist, wie seine Bewohner es vielleicht empfinden, es vielleicht wollen.

Denn es stimmt ja nur so halb, was Bundeskanzlerin Angela Merkel auf dem W20-Gipfel im Frühjahr vergangenen Jahres noch gesagt hat, dass nämlich die eigentlichen Schlachten um die Gleichberechtigung früher und von anderen bereits geschlagen worden seien und dass sie deswegen das Wort "Feministin" nicht ganz auf sich beziehen könne.

Ja, es sind Schlachten geschlagen worden. Und genau dadurch wurden Bedingungen geschaffen, die es möglich machen, die tieferen Schichten des Miteinanders in den Blick zu nehmen - im Bewusstsein, dass Dinge veränderbar sind. Dass vieles gut ist, aber längst noch nicht alles. Dass trotz allem ein besseres Leben möglich ist.

Wie?

Die eine Antwort gibt es nicht, es gibt viele Wege, es braucht eine Debatte über diese Wege, und die wollen wir vorantreiben:

  • SPIEGEL TV hat sechs erfolgreiche Frauen in ihrem Arbeitsalltag begleitet. Sehen können Sie die von Maria Gresz moderierte Sendung "Die Unbeugsamen" hier.
  • SPIEGEL ONLINE bietet seit Montag eine Schwerpunktwoche zur #MeToo-Debatte, die wir unter #frauenland auf Twitter diskutieren.
  • In der gedruckten Sonderausgabe des SPIEGEL zeigen wir neue Diskussionen, aber gleichzeitig auch, wie sehr wir alle noch verfangen sind in alten Mustern, die sich in besagten tiefen Schichten auswirken und uns wider besseren Wissens an der Gleichberechtigung hindern.
Lêmrich

Warum zum Beispiel, so fragen wir im Sonderheft, putzen Frauen immer noch mehr als Männer? Es ist keine so kleine Frage, auch wenn sie lächerlich klingt. Da Frauen sich fürs Häusliche so sehr zuständig fühlen, fallen sie bei der Erwerbsarbeit zurück und werden damit abhängig von Männern, was denen gar nicht so angenehm ist, wie oft behauptet. Und woran liegt es nun? Frauen seien selber schuld, sagen Soziologen. Das Zuhause sei eben auch eine Sphäre der Macht, in der Frauen eben doch ganz gerne herrschten. Frauen setzten hier ihre Standards, achteten auf Einhaltung und gäben sie unbewusst weiter: Bereits in den ersten Lebensjahren leisteten Töchter mehr im Haushalt. Mit steigendem Alter ließen die Söhne weiter nach - und die Mütter nähmen es hin.

Der erste Schritt zur Veränderung: das ist das Bewusstsein, dass der Putzeimer nicht selbstverständlich in die Hände der Frauen gehört. Und die Macht am Konferenztisch und in der Chefetage nicht selbstverständlich in die der Männer.

SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein mit der Sekretärin Renate Möhring
DER SPIEGEL

SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein mit der Sekretärin Renate Möhring

Auch im Männerladen SPIEGEL selbst war das so, jahrzehntelang. Wie die Männermacht, wie nicht zuletzt der SPIEGEL-Gründer und 2002 verstorbene Herausgeber Rudolf Augstein dieses Blatt geprägt hat, wie sich das Verhältnis der Geschlechter in den Anfängen darstellte und wie es heute ist, davon handelt ein Essay, den ich für das Heft #frauenland verfasst habe. Eine Erkundung in eigener Sache; denn auch der SPIEGEL musste sich ändern, und er ist weiterhin dabei, dies zu tun.

Veränderung lohnt sich, das sehen heute nicht nur Frauen, sondern auch Männer so. Seit Beginn der #MeToo-Bewegung hieß es immer wieder, Männern sei diese Bewegung lästig, sie fühlten sich unter Generalverdacht gestellt. Eine Umfrage aber, die wir exklusiv für unser Sonderheft in Auftrag gegeben haben, bringt andere Erkenntnisse hervor: Wir haben Männer und Frauen gefragt, ob sie die #MeToo-Debatte gut finden oder nicht. Überraschung - zwei Drittel finden die Debatte tatsächlich positiv. Die Zustimmung, kein Witz, liegt bei Männern exakt so hoch wie bei den Frauen: bei 66 Prozent. Frauen wollen es, Männer wollen es: sich den Debatten stellen und einen besseren Weg finden. Das zeigt diese erfreuliche Zahl.

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Darf ich Sie zum Schluss noch auf die Buchmesse hinweisen, die heute beginnt? Auch dort veranstalten wir im Frankfurt Pavillon ein Podium, auf dem wir mit Film- und Buchmenschen das #MeToo-Jahr bilanzieren.

Und wie in den vergangenen Jahren finden Sie in Halle 3.0 / D56 unseren SPIEGEL-Stand, wo wir unter anderem Karen Duve, Robert Habeck, Dörte Hansen, Helene Hegemann, Florian Henckel von Donnersmarck, Jonas Jonasson und Julia Klöckner begrüßen. Das vollständige Programm finden Sie hier.

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Ihnen viel Freude an #frauenland, wir wiederum freuen uns auf die Debatte.

Ihre Susanne Beyer

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
dagmar1308 10.10.2018
1. THW, Feuerwehren
Polizei, Soldaten, überall fast nur Männer, die dabei oft wirklich in der Sch.... Stecken. Wird Zeit, dass sie öfter den Job wechseln mit der Putzarbeit. Daher begrüße ich die sogenannte Emanzipation. Gerade wenns brennt und Explosionsgefahr besteht, stehen im ganzen Land verteilt die meist freiwilligen Feuerwehrleute ihren Mann. Wahrlich keine Jammerlappen. Beim letztlichen JU Treffen bemerkte die Kanzlerin, dass die Frauen zu bequem waren, Basis Drecksarbeit zu machen. Posten per Quote sollen es scheinbar nur sein. Ganz oben bei VW mit 13 Mio. Abfindung wird dann so richtig abgezockt. Da ist die SPD Dame schon richtig emanzipiert. Emanzipation für alle Frauen, Abzocke für unsere Führungskräfte, unabhängig vom Geschlechtsteil.
vernetzt.weiblich.denken 10.10.2018
2. Endlich zu früh
gefreut. Täten die Frauen im Land weiblich denken dürfenwollen, tät es gut sein. Ja unsere Frauen wurden millimetergenau an die Wand genagelt. Ein Nein soll Nein seinbleibenwerden. Der Spielraum ist nun gemauert stabil. Weibliches Denken eine Fatamorgana, Reich der Mütter, wer will da hin? Das Land in dem der SPIEGEL und die ZEIT keine FAMILIENRUBRIK haben. Niemand wagt in die Matriarchate zu sehen, wie dort MIT FAMILIE Frauen locker ihre Autonomie genießen und sicher sein können, dass auch die Männer weiblich denken. Ein Sonderheft für so gut wie garnix. Buhhhhh
StefanZ.. 10.10.2018
3. @Dagmar
Das sind aber sehr billige Argumente. Gehen Sie mal davon aus, dass gegenwärtig mehr Frauen als Männer ihre Hände in der Sch… haben, z.B. in schlecht bezahlten Pflegeberufen. Und die beiden Geschlechter sind körperlich natürlich auch nicht identisch. Wir Männer haben im Schnitt mehr Muskelmasse (und auch Testosteron mit all dem was das bringt) die nützlich ist beim Bau oder Gewalt ausüben.
OlafMuster 10.10.2018
4. Was wollte
Zitat von vernetzt.weiblich.denkengefreut. Täten die Frauen im Land weiblich denken dürfenwollen, tät es gut sein. Ja unsere Frauen wurden millimetergenau an die Wand genagelt. Ein Nein soll Nein seinbleibenwerden. Der Spielraum ist nun gemauert stabil. Weibliches Denken eine Fatamorgana, Reich der Mütter, wer will da hin? Das Land in dem der SPIEGEL und die ZEIT keine FAMILIENRUBRIK haben. Niemand wagt in die Matriarchate zu sehen, wie dort MIT FAMILIE Frauen locker ihre Autonomie genießen und sicher sein können, dass auch die Männer weiblich denken. Ein Sonderheft für so gut wie garnix. Buhhhhh
uns der Forist damit sagen?
flugfrosch 10.10.2018
5. Die Mülleimerpolizei kommt!
Sorry, aber ich kann mich dieses Eindrucks nicht erwehren. Man möchte - Zitat: "die tieferen Schichten des Miteinanders in den Blick zu nehmen - im Bewusstsein, dass Dinge veränderbar sind." Mit #frauenland wird die nächste Schlacht geschlagen, nachdem die 68-ger die erste erfolgreich geschlagen haben, für eine bessere Welt. Ich habe den Eindruck, das SPON-Redaktionsteam braucht so einen 'links-grün verorteten Kampf' gegen Diss oder Das oder Jenes..., aber auf jeden Fall gegen eine gefühlte oder tatsächliche Bedrohung unserer Gesellschaft. Die AfD gibt wahrscheinlich nicht mehr genug Schreibstoff ab.
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