Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


wie würden Sie sich fühlen, wenn in Ihrer Nähe jemand den Willkommensgruß "Welcome to Hell" schmetterte? Unbehaglich, oder? Eine der dreißig Demonstrationen, die in den nächsten Tagen in der Nähe der SPIEGEL-Zentrale in Hamburg stattfinden werden, heißt genau so: "Welcome to Hell". Die Homepage, auf der diese Veranstaltung angekündigt wird, macht zwar einen ordentlichen Eindruck, mit unordentlichen Vorkommnissen muss allerdings gerechnet werden. Am 7. und 8. Juli findet in Hamburg der G20-Gipfel statt. Die Demonstrationen gelten den Politikern, die dafür anreisen werden. Globalisierungsgegner sammeln sich zum Protest gegen die Ausbeutung von Mensch und Natur, gegen den maßlosen Finanzkapitalismus.

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Heft 27/2017
Globalisierung außer Kontrolle: Radikal denken, entschlossen handeln - nur so ist die Welt noch zu retten

Schon jetzt liegt eine ungeheure Spannung über der Stadt. Alles kreist um den einen Begriff: Radikalität. Es geht um gute und schlechte Radikalität. Radikale Ausschreitungen sind schlecht und unerwünscht. Radikales politisches Handeln ist gut und hoch erwünscht. Denn nur noch mit radikalen Ideen und Entschlossenheit lässt sich die Welt retten, so jedenfalls schreibt mein Kollege Alexander Jung in der Titelgeschichte zum G20-Gipfel im neuen SPIEGEL. "Traut euch", heißt die Titelzeile.

Im Video: "Freihandel kann töten" - Der politische Aktivist, Autor und Selfmadeökonom Christian Felber erklärt im Video, wie er die Welt gerechter machen will.

Rainer Brunnauer / Der Spiegel

Nun wäre es schön bequem, wenn wir normalen Bürger uns zurücklehnen und von Politikern und Unternehmern ebenjene gute Radikalität einfordern könnten. Aber, liebe Leserin, lieber Leser, da kennen Sie den Kollegen Jung nicht. Sein Appell zielt auch und vor allem auf uns, die Verbraucher. Er hält uns Selbstbetrug vor und fordert auch von uns: Traut euch, macht mit, rettet die Welt, handelt endlich - radikal!

Trauriger Abschied von Kohl

Heute um elf Uhr beginnt im EU-Parlament in Straßburg der Trauerakt für Altkanzler Helmut Kohl. 14 Uhr Hubschrauberflug nach Ludwigshafen und Fahrt nach Speyer. 18 Uhr Totenmesse im Dom zu Speyer. 19.45 Uhr militärischer Abschied. 20.45 Uhr Beisetzung auf dem Friedhof der St.-Bernhard-Kirche. Möge es eine würdige Feier werden. Das Gezerre um den Akt war unwürdig genug. Wir beschreiben dieses Gezerre im neuen SPIEGEL, schildern die Pläne der Witwe für den Nachlass und wagen eine Prognose für ihre persönliche Zukunft. Schon jetzt ist es einsam um sie geworden. Wenn die Trauerfeierlichkeiten vorbei sein werden, könnte es noch schlimmer werden. Hoffen wir für sie, dass wir hier nicht recht behalten.

Maike Kohl-Richter
DPA

Maike Kohl-Richter

Immer wieder ist Maike Kohl-Richter mit einer anderen deutschen Witwe verglichen worden: mit Willy Brandts letzter Ehefrau Brigitte Seebacher. Mein Kollege Klaus Wiegrefe hat nun ein SPIEGEL-Gespräch mit Brigitte Seebacher geführt, sie redet über den Trauerakt für Brandt 1992, über die Querelen damals, das Familiendrama in dessen Zentrum sie stand und, ja, auch über Kohl-Richter: "Wir sollten uns mit Ratschlägen zurückhalten. Mit der einen Ausnahme: Der Nachlass muss aus dem Haus."

Ehen - was wichtig für die Kinder ist

Gestern hat der Bundestag mit großer Mehrheit die Ehe für alle beschlossen, Merkel stimmte dagegen. Das wird ihr nicht viel nützen, meine Kollegen haben sich für den Deutschlandaufmacher im neuen Heft bei Juristen und Kirchenleuten und im konservativen Wählermilieu umgehört: Die Unruhe ist groß.

Es ist noch gar nicht lange her, da hat die Kanzlerin öffentlich ihre Sorge ums Kindeswohl geäußert, als es um das volle Adoptionsrecht für homosexuelle Paare ging. Eine berechtigte Sorge? Wir haben für ein SPIEGEL-Gespräch im neuen Heft eine Familienforscherin besucht und befragt, ob es Kindern gleichgeschlechtlicher Paare anders ergehe als Kindern heterosexueller Paare. Nein, sie habe keine nennenswerten Unterschiede feststellen können, sagt sie, außer den einen, dass die Kinder gleichgeschlechtlicher Paare auf dem Schulhof leider noch diskriminiert würden. Söhne schwuler Väter würden übrigens nicht häufiger schwul als Söhne aus heterosexuellen Verbindungen. Bei Töchtern lesbischer Mütter gäbe es eine leicht erhöhte Wahrscheinlichkeit, auch lesbisch zu werden.

Wichtig für alle Kinder sei, sagt die Forscherin, die auch als Psychoanalytikerin arbeitet, dass die Eltern unterschiedliche Rollen einnähmen. Bei gleichgeschlechtlichen Paaren passiere das automatisch, schwerer täten sich hier neuerdings heterosexuelle Paare. Der moderne Vater verfolge das Ziel, mütterlich zu sein - nicht gut für seine Kinder.

Väter mit Pflegekind
DPA

Väter mit Pflegekind

Gewinnerin des Tages...

... ist diesmal keine Person. Es ist die Akte. Ohne Akten wären nämlich zwei großartige Rekonstruktionen im neuen SPIEGEL nicht zustande gekommen. Ein fünfköpfiges Team um meinen Kollegen Martin Knobbe hat das Versagen der deutschen Behörden im Fall Anis Amri rekonstruiert, jenes Mannes, der im vergangenen Jahr am Berliner Breitscheidplatz den bislang verheerendsten islamistischen Terroranschlag in Deutschland verübt hat. Die Kollegen haben dafür 300 Aktenordner ausgewertet und können nun sagen, wie es passieren konnte, dass Amri an den 533 Tagen, die er sich in Deutschland aufhielt, 64 Behörden entkommen konnte.

Unser Türkei-Korrespondent Maximilian Popp hat den Putschversuch im vergangenen Jahr rekonstruiert, hat dafür Akten der Staatsanwaltschaft ausgewertet, Berichte des Parlaments, der Opposition, des Militärs. Aus den vielen Puzzleteilen fügt sich ein neues und mit vielen Details versehenes Bild zu den Abläufen des gescheiterten Putsches.

Im Video: Die Putschnacht - SPIEGEL-Korrespondent Maximilian Popp erzählt, wie er die Putschnacht erlebte - und wie sich die Türkei seitdem verändert hat.

OHNE

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    insgesamt 2 Beiträge
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    jimbofeider 01.07.2017
    1. Wut
    Liebe Fr. Beyer, Politiker wie Trump, Erdogan, Putin sind für den Terrorismus in der Welt verantwortlich, wenn sie sich treffen wollen, müssen sie sich einsperren lassen um der berechtigten Wut der Protestierenden zu entgehen. Ich bin kein Politiker, aber mein Gefühl sagt mir das kann auf Dauer so nicht gehen. m.f.G.
    i.dietz 01.07.2017
    2. # 1
    Zitat von jimbofeiderLiebe Fr. Beyer, Politiker wie Trump, Erdogan, Putin sind für den Terrorismus in der Welt verantwortlich, wenn sie sich treffen wollen, müssen sie sich einsperren lassen um der berechtigten Wut der Protestierenden zu entgehen. Ich bin kein Politiker, aber mein Gefühl sagt mir das kann auf Dauer so nicht gehen. m.f.G.
    ich stimme Ihnen voll und ganz zu - besser hätte ich es auch nicht ausdrücken können. Schönen Tag
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