Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


verwüstete Straßenzüge, abgefackelte Autos, fast 500 verletzte Polizisten, knapp 200 Festnahmen - das ist die vorläufige Bilanz eines G20-Gipfels, von dem Bürgermeister Olaf Scholz behauptet hatte, er werde von vielen Hamburgern am 9. Juli schon wieder vergessen sein.

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Heft 28/2017
Vom dogmatischen Verzicht zum gesunden Genuss

Wir werden jetzt eine Woche erleben, in denen die Schuld für die Krawalle zwischen Scholz, Gipfel-Gastgeberin Angela Merkel und der Polizei hin- und hergeschoben wird. Dabei gilt es erst einmal festzuhalten: Es waren Hunderte vermummte Kriminelle, die in einer Art anarchistischer Selbstermächtigung Teile von Hamburg in ein Schlachtfeld verwandelt haben.

Wie konnte es so weit kommen? Ein Grund liegt auch darin, dass die deutsche Linke es immer noch schafft, blinder Zerstörungsgeilheit ein politisches Mäntelchen umzuhängen. Wenn ein Anwalt der Roten Flora in Hamburg sagt, man habe "gewisse Sympathien" für solche Aktionen, aber bitte nicht im Schanzenviertel, sondern in Blankenese, dann kann jeder hirnlose Krawalltourist sich nachträglich auf eine politische Legitimation berufen, die ihm selbst nie eingefallen wäre.

Getty Images

Der ohnmächtige Staat

Dennoch ist es richtig, dass jetzt nach politischer Verantwortung gefragt wird. Es käme einer Bankrott-Erklärung gleich, wenn die Antwort auf Hamburg wäre, dass nie mehr ein internationaler Gipfel in einer deutschen Großstadt stattfinden darf. Man kann über den Sinn von G20 diskutieren. Aber wenn sich die Politik die Tagesordnung von Kriminellen diktieren lässt, wird bald kein Halten mehr sein. Was ist, wenn sich der schwarze Block in München zur Sicherheitskonferenz ansagt? Oder zur konstituierenden Sitzung des Bundestages? Verlagern wir das Parlament dann nach New York, wie es SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz nun mit dem G20-Gipfel empfiehlt?

Die Polizei hat in Hamburg nicht den Willen des Volkes zu spüren bekommen, wie einige jetzt fantasieren. Sondern sie hat es nicht geschafft, das Volk zu schützen. Warum dies so war, muss aufgeklärt werden. War die Polizei anfangs zu forsch und dann, als es im Schanzenviertel darauf ankam, zu zögerlich? Hat die Justiz den Sicherheitsbehörden Restriktionen auferlegt, die sich später als fatal herausstellten? Oder hat die Politik die Gefahr durch kriminelle Chaostouristen einfach unterschätzt? Es wird noch dauern, bis es eindeutige Antworten gibt. Aber von ihnen wird abhängen, ob die Bürger wieder Vertrauen in den Staat fassen, der in Hamburg so ohnmächtig wirkte.

Lesen Sie hier unsere große Analyse: Was nach dem G20-Gipfel anders ist als vorher.

AP

Al-Capone-Politik

Auch wenn es vielen gar nicht weiter aufgefallen ist: Um Politik ging es auch beim G20-Gipfel. So trafen sich dort zum Beispiel erstmals Donald Trump und Wladimir Putin. "Der Trump im Fernsehen ist ganz anders als der echte", sagte der russische Präsident. Das könnte natürlich auch heißen, dass der echte Trump noch schlimmer ist als der im Fernsehen. Aber allgemein wurde der Satz als nette Geste aufgefasst. Der echte Trump abseits der Kameras jedenfalls besprach mit Putin die Einrichtung einer Cybersicherheitseinheit, die Wahlmanipulationen verhindern soll - was nun als große vertrauensbildende Maßnahme gilt. Für mich klingt es eher so, als hätte man Al Capone die Leitung der Chicagoer Drogenfahndung angeboten. Lesen Sie hier Trumps G20-Bilanz.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

DPA

Gewinner des Tages...

... ist Horst Seehofer, der heute zur Klausur der CSU-Landesgruppe nach Bad Staffelstein fährt. Es ist noch nicht allzu lange her, da spürte der CSU-Chef den Atem seines Rivalen Markus Söder im Nacken. Nun hat Seehofer es mit tausend Tricks und Finten geschafft, wieder unangefochten an der Spitze der CSU zu stehen. Er wird die Partei wohl auch in die Landtagswahl 2018 führen. Seehofer sieht voller Genuss dabei zu, wie der ewig drängende Söder langsam zu einem bayerischen Prinz Charles verdorrt. In München meinen schon einige zu wissen, dass Seehofer derzeit viel telefoniert, damit eines Tages Prinz William - Verzeihung - Karl-Theodor zu Guttenberg die Thronfolge antritt.

Einen schönen Tag wünscht,

René Pfister

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insgesamt 8 Beiträge
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phe70 10.07.2017
1. Die Polizei hat es nicht geschafft...
... weil es in einer Großstadt nicht zu schaffen ist. Punkt. Sei froh , das bisher noch kein IS Terrorist auf die Idee gekommen ist , sich die absolute Ohnmacht des Staates zunutze zu machen.
chiemseecorsar 10.07.2017
2. Guten Morgen Herr Pfister ...
... der fromm Wunsch, das Wochnende in Hamburg zu vergessen soll und darf - selbstverständlich - NICHT in Erfüllung gehen. Und jetzt inm Nachhinein einen Schuldigen zu suchen hat - wenn überhaupt - ein taktisches Bauernopfer zur Folge. Die eigentlichen Gründe kennen wir doch alle: Wir kaufen Schuhe bei Deichmann und jammern daß der Schuster um die Ecke zumacht. Wir motzen über staatliche Schulen und die Kids landen in der privaten Waldorf. Und Diesel sind böse aber ein TDI.Camper für den Toskana Urlaub geht o.k. Der Mensch ist ein Ego-Pharisäer, schaut zu lange zu um dann sich in die Resignation zu kuscheln. Chaoten zünden keine Autos an in denen Leute sitzen. Sie werfen auch keine Steine auf andere friedliche Demonstranten. Der "Schwarze Block" ist feige, er vermummt sich, versteckt sich im Dunklen und spielt Guerillia. Und ist bei linken wie rechten Demos typgleich. Und kann nur aufgehalte und zersetz werden duch klares Farbe bekennen von uns allen. Nicht Naivität, Erfahrung hat mich das gelehrt, Wackersdorf, sieben mal, gewaltfrei mit vielen anderen zig Steinwürfe verhindert. Zu wenige. Trotzdem. Der Staat sind wir alle. Nicht nur die Polizei. Und Hamburg und Münche und Seattle und Rom und und und hat die Chance auf de Strasse zu gehen und vom Hausrecht gebrauch zu machen. 1 Million Bürger, mit Rollator, Kinderwagen, Transparenten, "Stop", "Raus", etc rufend. Oder "adalet". Wie gestern. In Istanbul. Schönen Tag Herr Pfister. Und allen Anderen. One World.No Border.
tomnitzer 10.07.2017
3.
Auch Spon hat sich mit der Berichterstattung zu den Krawallen kein Ruhmesblatt verdient. Teilweise fand ich die Berichte ziemlich, nunja, als gehe es subtil um Helden.
peter-11 10.07.2017
4. Wow
ein beachtlicher, weil sachlicher Kommentar zu den Kravallen in Hamburg hier in SPON. Das war in den vergangen Tagen leider oftmals anders.
cum infamia 10.07.2017
5. Helmut Schmidt
man erinnere sich an Helmut Schmidt als Innensenator in Hamburg bei der Sturmflut 1962 ! Der hat nicht wegen fehlender Kräfte gejammert sondern, ohne die erforderliche "Kompetenz", die Bundeswehr zu Hilfe gerufen. damit hat er TAUSENDEN das Leben gerettet. Wo ist diese Tatkraft bei den heutigen "Verantwortungsträgern" wie einem Scholz ? Mit denen wären damals Zehntausende ersoffen- aber sie hätten sich eben an die "Vorschriften" gehalten. Nur noch traurig, das alles...
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