Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


wir SPIEGEL-Leute sind ja stolz auf unsere investigative Kraft. Aber welcher Regisseur es nun war, der sich ausgedacht hat, das altbekannte Theaterstück "Die Bundestagswahl" in allen Akten so komplett anders zu inszenieren als gewohnt, das haben wir noch nicht herausgefunden. Der erste Akt war der Wahlkampf. War er diesmal ein Kampf? Nein. Er war eine einvernehmliche Vorbereitung der Großen auf das Ewiggleiche. Nach dem zweiten Akt, der Wahl, brach der Streit plötzlich aus. Der Streit zog sich über den dritten Akt, die Verhandlungen, und zwar so lange, bis das Publikum ermüdet war und dann nach dem vierten Akt, der am Mittwochmorgen begann, durch einen Paukenschlag und eine abermalige Wende wach war wie nie zuvor.

Im Video:

SPIEGEL-Redakteur Michael Sauga zum Abschluss der GroKo-Verhandlungen

DER SPIEGEL

Solche Inszenierungsansätze nennt man Regietheater. Das altbekannte Stück wird zertrümmert. Es ist eine avantgardistische Kunstform, die den Nachteil hat, dass das Publikum über weite Strecken nicht versteht, was da eigentlich aufgeführt wird. Wenn Regietheater aber gut gemacht ist, gibt es eben doch den Moment der Erkenntnis. Der Zuschauer sieht, was ihm das altbekannte Stück über die modernen Zeiten sagt.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der SPD-Vorsitzende Martin Schulz
DPA

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und der SPD-Vorsitzende Martin Schulz

Die Erkenntnis aus der Neuinszenierung von "Die Bundestagswahl"? Streit gehört zur Demokratie und ihrer Fortentwicklung unbedingt dazu. Streit wegzudrücken ist schädlich. Beim Streit können alle mitmachen, auch die Zuschauer, weil sie in ihrer Verschiedenheit eben auch verschiedene Identifikationsfiguren auf der Bühne angeboten bekommen. Der jetzige Koalitionsvertrag im vorläufigen Finale des Stückes bildet ab, dass der nachgeholte Streit zwischen CDU/CSU und SPD auf der Sachebene bei Weitem nicht in allen, aber doch in einigen Punkten zu ordentlichen Ergebnissen geführt hat und dass die Verhandler die Bürger und somit ihr Publikum dabei im Blick behalten haben: Investitionen in Bildung, in Pflege, in Familien.

Streit aber hat seine Zeit. Vor einer Wahl damit anzufangen, ist besser als nach der Wahl. Streit zum falschen Zeitpunkt führt zu Streit ohne Ende. Und davon hat, wie gerade zu sehen ist, keiner etwas.

Wie der Koalitionsvertrag zustande kam und wie seine erheblichen inhaltlichen und personellen Folgen zu deuten sind, das erzählen meine Berliner Kollegen in einem umfangreichen Titelkomplex - ein Lesevergnügen übrigens mit herrlichen Details: Ursula von der Leyen zog sich in der schlaflosen Verhandlungsnacht von Dienstag auf Mittwoch die Jacke über den Kopf, um wenigstens für ein paar Momente die Augen zu schließen. Und wie es dann hin- und herging, Tür auf, Tür zu, Auftritt Seehofer, Abtritt Nahles, Auftritt Kanzlerin, Abtritt Schulz. Großes Theater.

Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU und SPD in der CDU-Parteizentrale
DPA

Koalitionsverhandlungen von CDU, CSU und SPD in der CDU-Parteizentrale

Der Moment am Ende des vorerst letzten Aktes, nach dem sich der Vorhang geschlossen und wieder geöffnet hatte, die Wahlgewinnerin Merkel als Verliererin dastand und die Wahlverlierer der SPD für diesen einen Augenblick als Gewinner, der war derartig spektakulär, dass unser Künstler fürs Titelbild Nishant Choksi in einen Schaffensrausch geriet. Wir wollten ihn nicht abhalten. Er durfte gleich vier Titelbilder gestalten.

Sie, liebe Käuferin, lieber Käufer, dürfen sich am Kiosk aussuchen, welches der vier Ihnen am besten gefällt. Liebe Abonnentin, lieber Abonnent, lassen Sie sich überraschen, welches der vier Ihnen zugestellt wird.

Kanzlerin ohne Kleider

Auf einem der Titelbilder ist die Kanzlerin nackt zu sehen. Sie hat ihr letztes Hemd an Nahles, Schulz und Scholz gegeben. Die Zeichnung trifft den Moment am Mittwochmorgen genau, aber wir haben uns dennoch gefragt: Dürfen wir das? Die Kanzlerin nackt? Die politische Karikatur ist eine Kunstform. Kunst sollte in der Tat das Allermeiste dürfen. Wenn das Bild der nackten Kanzlerin eine sexuelle Konnotation gehabt hätte, hätten wir es dennoch nicht gebracht. Hat es aber nicht. Es geht hier um die Entblößung im Politischen.

Kunst und Begehren

Im Video: Autor Sebastian Hammelehle erklärt, warum Kunst separat betrachtet werden sollte

Der weibliche Körper und dessen Entblößung ist seit #MeToo wieder Thema. Auch deswegen sind wir besonders aufmerksam. Bei der Debatte um den weiblichen Körper in der Kunst aber geht es um den männlichen Blick, um Begehren, und zwar um eines, das mit Abwertung einhergeht. In Manchester wurde ein Bild mit nackten Nymphen abgehängt, in Berlin soll ein Gedicht von einer Wand verschwinden - bedroht die Debatte um die sexualisierte Gewalt die Freiheit der Kunst? Der Kulturaufmacher im neuen Heft geht auf sieben Seiten dieser Frage nach.

"Hylas und die Nymphen" in Manchester
Duncan Elliott/ DER SPIEGEL

"Hylas und die Nymphen" in Manchester

Auf diese Geschichte war ich besonders gespannt. Das Kulturressort hat seit dem Aufkommen des Weinstein-Skandals die #MeToo-Bewegung engagiert begleitet, ich kenne aber meine Kollegen dort besonders gut und wusste, dass sie auf die Freiheit der Kunst gar nichts kommen lassen. Meinen Kollegen gelang ein Glanzstück: Sie verteidigen die richtigen Anliegen von #MeToo und zugleich die Freiheit der Kunst.

Verlierer...

...der Macht gibt es in diesen Tagen so viele, dass allein die Aufzählung reicht, um zu sehen, dass Macht immer nur für den Moment gilt: Merkel, Schulz und dann in unserer Branche, womit keiner gerechnet hat, unser Ex-SPIEGEL-Kollege Gabor Steingart, der zuletzt Herausgeber des "Handelsblatts" war und diesen Posten jäh verlor. Meine Medien-Kollegen hatten das vorgestern als Erste gemeldet. Im Heft nun die Geschichte dazu: "Sturz eines Ikarus". Anlass für den Rausschmiss soll übrigens ein "Morning Briefing" gewesen sein, was mich dazu führt, meinen Brief an Sie, liebe Leserin, lieber Leser, hier für heute mit artigem Gruß abzuschließen.

Vorher noch rasch einige Empfehlungen, was sie im neuen Heft lesen können:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ich wünsche Ihnen wie immer und ernsthaft ein schönes Wochenende und eine anregende Lektüre,

Ihre

Susanne Beyer

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 17 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
haresu 10.02.2018
1. Märchen und Tragödien
Es bleibt ein Märchen, dass Merkel die Wahl gewonnen habe und es scheint auch wohl ein beliebtes Märchen zu werden, dass sie die Koalitionsverhandlungen verloren habe. Inhaltlich musste sie sich kaum bewegen und ein Ministeramt mehr für die SPD ist jetzt auch keine Selbstaufgabe. Zudem war der Wahlverlierer SPD die letzte verbliebene Option für die Kanzlerin und die Genossen hatten mächtig Feuer unterm Hintern, da sind ein paar kosmetische Reförmchen und das Finanzministerium ein kleiner Preis. Merkel hat sich (leider) nicht schlecht geschlagen. Die SPD hingegen legt eine lupenreine, altmodische Tragödie hin. Die Inszenierung ist keineswegs modern, die Figuren klassisch, das Thema ohnehin. Ränke, Verrat, der Aufstand der Jugend, das alles ist nur Beiwerk für die unausweichliche Tragödie des wohlmeinenden Schulz, des unschuldigen Schulz, dem wenige Sätze im Überschwang zum Verhängnis werden, der aber in Wirklichkeit immer nur Projektionsfläche ist, erst Hoffnungsträger, später Opferlamm. Schuldig machen sich Andere, scheinbare Freunde vor allem, die alten Könige Gabriel und Steinmeier, der im Vorhang lauernde Scholz. Zu seinen möglichen Rettern, der Jugend, dem Volk dringt Schulz nicht mehr durch, er kann sich nicht lösen aus der Überlieferung der kleinen Verbesserungen, er hatte es ja versucht, die Opposition, man ließ ihn nicht. So blieb er das Alte, das Bessere davon zwar und das Schlechtere bleibt wahrscheinlich, aber wohl auch nicht mehr lange. Immerhin, er geht erhobenen Hauptes auch wenn Teile des Publikums ihm Dreck nachwerfen. Fazit: Endlich mal wieder ein Stück zur moralischen Erbauung.
japhyryderson 10.02.2018
2. Man kann´s auchso sehen
:))) Ich weiß zwar nicht, wer im Hintergrund die Regie führt. Aber schon genial. Über mangelnde Aufmerksamkeit und Zuwendung braucht sich die SPD jedenfalls nicht zu beschweren. Und auch das Publikum nicht. Plötzlich erscheinen alle anderen "Probleme" so klein und nichtig. Das habe ich an der SPD immer geschätzt. Sie kann noch überraschen. Ich fand auch Martin Schulz auf seine Art genial. Das muss man erstmal bringen. Alles mal n büschen durcheinander wirbeln. Ich glaube der hatte so viel heimlichen Spass daran, dass es mit ihm durchgegangen ist. Die Karte Außenminister muss ihm versehentlich aus der Hand gefluppt sein vor lauter Übermut. Jo, shit, hau ich noch rein...Natürlich neige ich dazu für den Koalitionsvertrag zu stimmen. Ich möchte das den Langweilern und Misanthropen aus dem Merkel- und Seehoferlager nicht alleine überlassen. Whole lotta shakin going on.
KURT E.Schewe 10.02.2018
3. warum erkannte niemand
in den Parteien, was bereits Klaus von Dohnynanyi (SPD) 2017 erkannte, der ihm die Fähigkeit zum Kanzler absprach. Mit dem EP-Präsidenten hatte Schulz doch bereits das Maß zur absoluten Unfähigkeit erreicht (Peter-Prinzip: reached his level of incompedence). Erinnerlich sind seine Aussagen zu VSE (Vereinigte Staate von Europa) die er innerhalb von nur 8 Jahren erreichen wollte. Nach der Abstimmung zum Bexit verlangte er gar einen Austritt der Briten innerhalb einer Woche (inUnkenntnis der Verträge). Oder als die EU-Verfassung von verschiedenen Ländern abgelenht wurde, sagte er, "die Nein-Stimmen öffnen uns die Tore zum Faschismus." Weiters: "Nationale Egoismen müssen wir überwinden." Na, kann ich da nur sagen, dann überwinden Sie mal die Mentalitäten von Wikingern, Kelten, Römern, Lateinern, Slaven, Hellenen oder Germanen. Es gäbe noch eine Menge bedenkliche Aussagen, wie beispielsweise was Schulz von Verträgen hält: "Was in den Verträgen steht ist mir egal" oder "Verträge dürfen wir nicht so eng sehen" Seine Abzockereirei während seiner EU-Zeit, seine Blockade gegen eine parlamentarische Untersuchung seines Freundes Juncker vor dem EP. und und und
Kurt2.1 10.02.2018
4. .
Herr Sauga hat recht. Jetzt, wo die Fronten geklärt sind könnte die Koalition beginnen zu arbeiten. Einen Außenminister wird die Partei schon finden. Er zählt in der Tat alle Vorteile auf, die die SPD für den Bürger und den Arbeitnehmer rausholen konnte. Einzige Unbekannte ist der verantwortungslose Versuch der nicht wohlgesonnenen Kritiker, das Ergebnis durch eine Hetzkampagne sabotieren zu wollen. Das hat die SPD nicht verdient. Man muss sich bei der Gelegenheit fragen, warum man diese Vorteile für Arbeitnehmer den Unionsparteien abringen muss. Warum sind die so stark? Warum wählt derselbe Arbeitnehmer genau diese Leute, die ihm nur Probleme bereiten?
frank_mellies 10.02.2018
5. Begierde = Abwertung
„Bei der Debatte um den weiblichen Körper in der Kunst aber geht es um den männlichen Blick, um Begehren, und zwar um eines, das mit Abwertung einhergeht“. Vor gar nicht so langer Zeit, hieß die Gleichung: Begierde = Sünde. Die zeitgemäße Version heißt nun: Begierde = Abwertung. Beides ist schädlich. Tatsache ist dass leider viele Männer sozial verroht sind und aus ihrer Begierde eine Anspruch ableiten, der nicht besteht und in entsprechender Machtposition sich nehmen, was ihnen nicht gehört. Tatsache ist auch, dass der weibliche Körper immer mehr dem Prinzip der Gewinnmaximierung unterliegt, zum Beispiel in der Werbung, was zwangsläufig zu Missachtung und Abwertung führt. (immer mehr auch der männliche Körper). Es ist richtig und wichtig das zu thematisieren. Wir dürfen aber nicht erlauben dass die biologische Tatsache der Begierde an sich diskriminiert wird. Auch, und schon gar nicht in der Kunst. Das Bedürfnis einem anderen Körper nahe zu sein und seine Haut zu spüren, ist ebenso rein und unschuldig wie das Bedürfnis eines Kindes, von seiner Mutter umarmt zu werden. Diese archaische Urkraft, die auch Angst erzeugt und der übrigens auch Frauen unterliegen, nicht mehr beschreiben zu dürfen, macht uns zu Zombies. Das Abhängen von "Hylas und die Nymphen" in Manchester empfinde ich insofern als unsagbar dumm und Menschenverachtent.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.