Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


wir leben in wahnsinnigen Zeiten, genauer: Zeiten, in denen ein Rest von Vernunft und Rationalität mit dem Irrsinn ringt, der sich überall ausbreitet. In Deutschland hat die Union gerade noch einmal - für wie lange? - die Kurve gekriegt, nun marschiert Großbritannien mit großen Schritten ins Chaos. Die Minister David Davis und Boris Johnson haben Theresa Mays Kabinett verlassen, möglicherweise kommt es zum Misstrauensvotum gegen sie, obwohl die Mehrheit der Briten keinen harten Brexit will. Man muss nicht zwanghaft Gemeinsamkeiten zwischen Horst Seehofer und Boris Johnson suchen, aber auffällig ist schon, wie kurzsichtig und irrational beide agieren, wie wenig es um Lösungen geht, wie sehr um Chaotisierung und natürlich darum, die Frau an der Macht zu stürzen, um jeden Preis.

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Heft 28/2018
Wie Liebe gelingt

Von Boris Johnson wurde nicht überliefert, dass er "mit dieser Frau nicht mehr arbeiten" kann. Dafür hatte er vor einigen Wochen bei einem Dinner vor seinen Gästen darüber sinniert, wie wundervoll es doch wäre, wenn Donald Trump - und nicht Theresa May - den Brexit verhandeln würde. "Stellen Sie sich vor, Trump würde den Brexit machen", so Johnson, "das ist ein sehr, sehr guter Gedanke".

Westbalkan-Gipfel in London beginnt

Es ist schon fast makaber: Heute hält die Europäische Union ausgerechnet in London ein Treffen ab, das eine Reihe von Staaten näher an die Gemeinschaft heranführen soll. Zum Westbalkan-Gipfel werden die Regierungschefs von Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kosovo, Mazedonien, Montenegro und Serbien erwartet. Länder also, die sehr schmerzlich gelernt haben, wie hoch der Preis sein kann, wenn ein Bundesstaat zerfällt. Kanzlerin Merkel wird da sein, Polens Ministerpräsident, Frankreich und Österreich sind vertreten, man wird schauen, welche Fortschritte der westliche Balkan bei Demokratie und Rechtsstaatlichkeit macht. Aber vielleicht gibt es etwas, das der Staatenbund EU von den Ländern des ehemaligen Jugoslawien lernen kann?

Seehofer präsentiert seinen "Masterplan Migration"

DPA

Heute soll es endlich so weit sein, Horst Seehofer stellt seinen "Masterplan Migration" vor, jenes sagenumwobene 63-Punkte-Konzept, das beinahe die Union gesprengt, die Regierung zerlegt, die Kanzlerin gestürzt und den Innenminister in den Ruhestand geschickt hätte. Überraschungen sollten jetzt eigentlich nicht mehr zu erwarten sein, schließlich wurde der Plan in den vergangenen Wochen bis in die letzten Details an die Öffentlichkeit durchgestochen. Aber wer weiß, vielleicht verbindet der CSU-Chef seine Präsentation doch noch mit einem netten kleinen Eklat. Bei Seehofer weiß man das nie, und das Chaos lauert überall.

Gewinner des Tages...

ANATOLY MALTSEV/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

... sind die Russen. Sie haben sich bei der Fußball-WM ganz gegen ihr schwermütiges Naturell als gut gelaunte, charmante und leidenschaftliche Gastgeber erwiesen, sind fußballerisch über sich hinausgewachsen und haben verwundert festgestellt, dass die Welt - anders als Putins Propaganda sie glauben machen wollte - nicht nur aus Feinden besteht. Mein Moskauer Kollege Christian Esch hat die Fußballbegeisterung der Russen und ihre politischen Weiterungen für SPIEGEL+ beschrieben: Die WM, zitiert Esch den Journalisten Oleg Kaschin, sei für die Russen so etwas wie Psychotherapie. Mit ihr sei die russische Gesellschaft "aus dem Krieg zurückgekehrt". Die Russen, so die Diagnose, könnten nun ihre permanente innere Mobilmachung überwinden. Bleibt nur zu hoffen, dass das russische Sommermärchen auch bei uns im Westen für innere Abrüstung sorgt.

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insgesamt 8 Beiträge
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noalk 10.07.2018
1. Trump und Brexit
Trump ist gerade dabei, den Exitus der USA vorzubereiten. Den Brexit würde er mit Links machen. Natürlich ohne Rücksicht auf Verluste.
basic11 10.07.2018
2. Die Verwirrung kommt immer aus der
Verkrustung der „etablierten Systeme“. Da wo der positive Antagonismus CDU vs SPD nicht mehr funktioniert u sich Bürokraten in Wortklaubereien verzetteln und selbst in der Mehrheits-GroKo zu Entscheidungen geprügelt werden müssen. Steuervereinfachung ? Einwanderungs-gesetz ? infrastruktur/Wohnungsbau Dieselgateentschädigung? etc - nichts ! Die Wut wird unterschätzt. Daher entsteht Raum für Trump u auch der „Trump“ für D wird in den USA vorhergesagt. Seehofer ist nur eine Konsequenz aus Verzweiflung über den Irrsinn der „Etablierten“.
StefanZ.. 10.07.2018
3. Zeiten der wuchernden Irrationalität
Mir fällt auf, dass ich recht oft mit Ihren Analysen übereinstimme. Nur im Detail und bei einigen Schlussfolgerungen gehen die Meinungen dann auseinander, und das ist auch in Ordnung so, weil jeder gefälligst für sich selbst denken muss. Ich finde es prima, dass Sie heute die wachsende Irrationalität wahrnehmen und kritisieren. Wie wäre es also, wenn ein zukünftiges Spiegelheft sich damit einmal näher beschäftigen würde? Woher kommt es, dass wir in der großen Masse allzu leicht einem Wahn hinterherlaufen, die Wirklichkeit und ihre Wahrheit geringschätzen? Die Auswirkungen sehen wir täglich, und wir werden wohl fast alle übereinstimmen, dass dieser stetige Trend im Interesse unserer Gesellschaften und des globalen Zusammenlebens dringend umgekehrt werden muss. Spannend wäre also eine Diskussion zu den ein, zwei Grundursachen und der erforderlichen Kur.
kalle62 10.07.2018
4. Chaos!
Großbritannien, schreiben Sie, "marschiere" ins "Chaos". Also in die völlige Unordnung und Orientierungslosigkeit. Solche Übertreibungen waren früher der Boulevardpresse vorbehalten. Ich stelle bei SPON ohnedies eine starke Tendenz zu Panikmache und Überreibung fest. Was soll das?! GB marschiert genauso wenig ins Chaos, wie das Britische Pfund "auf Talfahrt" ist, weil ein Polit-Clown seinen Ministerposten zur Verfügung stellt. Es hat leicht verloren, das Pfund, und wird sich wieder erholen. Das alles, und das müsste Sie wissen, sind nichts weiter als Momentaufnahmen, über die ich mir eine etwas coolere Berichterstattung und Kommentierung wünschen würde. Ein bisschen mehr Souveränität könnte nicht schaden. Oder zwischendurch einfach mal raus aus der Stube, spazieren gehen, durchatmen, da sieht die Welt schon anders aus.
Jürgen Thiede 10.07.2018
5. Endlich ist der Weg für May frei
Der Vergleich zwischen Horst Seehofer und Boris Johnson nicht nicht verkehrt. Aber dass "Großbritannien*mit großen Schritten ins*Chaos" läuft, kann ich nicht erkennen. Vielmehr wirkt Theresa May wie befreit von der Einbindung des inkompetentesten Außenministers seit 1945, der ihr dauernd in den Rücken gefallen ist. Dadurch dass er den Beschluss von Chequers am Freitag unterschrieben und erst 3 Tage später festgestellt hat, dass er ihn nicht mittragen könne, und 24 Stunden nach dem Abgang des Brexit-Ministers brauchte, bevor er seinen eigenen Rücktritt erklärte, hat Johnson auch das letzte bisschen Glaubwürdigkeit verloren. Er bestätigt nur das Urteil seines politischen Freundes Michael Gove von 2016: "that Boris cannot provide the leadership or build the team for the task ahead".
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