Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


ist das jetzt Krieg? Das Wort Cyberwar meint auch Angriffe in der digitalen Sphäre, und einen solchen Angriff auf die Bundesrepublik hat es offenbar gegeben. Eine russische Hackergruppe soll in das Bundesnetz eingedrungen sein, um Informationen aus dem Außenministerium zu stehlen, eventuell auch aus dem Verteidigungsministerium (mehr zu den Hintergründen lesen Sie hier).

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Heft 9/2018
Macht, Gewalt und Rache in der Filmindustrie

Zum Glück ist der Cyberwar bislang kein Krieg, der Menschenleben fordert, und es kommt künftig darauf an, dass zwischen dem digitalen und dem echten Krieg keine Verbindung zugelassen wird, kein Übergang der Art: Dann schießen wir mit echten Waffen zurück. Darum geht es jetzt überhaupt nicht, aber man kann sich nicht für alle Zeiten sicher sein.

Die Politiker sollten daher aus der Geschichte lernen. Sicherheitskonferenzen, vertrauensbildende Maßnahmen, Rüstungskontrolle - all das trug dazu bei, einen wirklich großen Krieg zu verhindern. Man kann nicht früh genug damit anfangen. Auch der digitale Raum braucht eine Friedenspolitik.

Heute gibt es dazu eine Sondersitzung des Digitalausschusses des Bundestags.

Tobias aus der Kiste

Getty Images

Gestern war er noch Tobias Hans, von heute an wird er Ministerpräsident des Saarlandes sein, wenn ihn denn der Landtag wählt. Es gibt inzwischen einige dieser Kai-aus-der-Kiste-Karrieren in den Bundesländern. Daniel Günther, Stephan Weil, Reiner Haseloff - plötzlich tauchten sie in der "Tagesschau" auf und redeten wie Politiker. Man musste ihre Namen lernen wie Vokabeln.

Steht das für etwas? Vielleicht hierfür: Es fehlt, erstens, den Ländern an ehrgeizigem Nachwuchs, der sich über die Landesgrenzen hinaus profilieren will. Die Aufmerksamkeit, zweitens, fokussiert sich mehr und mehr auf die Hauptstadt, das Saarland interessiert allenfalls noch Saarländer.

Freiheit für dummes Zeug

REUTERS

Im Zimmer meiner ersten Freundin hing ein Plakat mit Rosa Luxemburgs großem Satz: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden. Wir waren beide links und dachten, dass dies ein Satz ist, der uns schützen kann.

Heute tritt in Polen das Gesetz in Kraft, das es verbietet, von "polnischen Todeslagern" zu sprechen. Ich habe nicht das geringste Verständnis für Leute, die von polnischen Todeslagern sprechen, wenn sie Auschwitz-Birkenau oder Treblinka meinen. Die Mörder waren Deutsche oder handelten im Auftrag Deutschlands. Geografie ist hier absolut nachrangig.

Aber finde ich es richtig, diesen Ausdruck unter Strafe zu stellen? Hier kommt Rosa Luxemburg ins Spiel. Auch die Redefreiheit ist die Freiheit der Andersdenkenden. Gilt leider auch für dummes Zeug.

DIN A08/15

Nullachtfünfzehn steht bis heute für das Unzulängliche, das Schlampige. Der Begriff leitet sich ab vom Maschinengewehr 08/15, mit dem die Reichswehr im Ersten Weltkrieg schoss. Offenbar war es nicht gerade zuverlässig.

Für dieses Maschinengewehr, lerne ich aus der "Süddeutschen Zeitung", wurde ein spezieller Kegelstift entwickelt, und für den galt dann die erste Industrienorm überhaupt. Vor genau 100 Jahren trat sie in Kraft, "DIN 1 - Kegelstifte". Seitdem geht's hierzulande ordentlich und übersichtlich zu.

Mich irritiert das manchmal, weil ich, Papiersnob, der ich bin, wichtige Briefe gerne auf englischem Briefpapier schreibe. Da stimmt doch was nicht, denke ich jedes Mal (ich schreibe nicht so oft wichtige Briefe). Dann fällt mir wieder ein, dass sich die Engländer natürlich nicht an DIN A4 halten.

Verlierer des Tages

DPA

"'Management' meint auch töten", diesen fürchterlichen Satz musste ich gestern in der "FAZ" lesen. Gesagt hat ihn der niedersächsische Umweltminister Olaf Lies. Er sprach über Wolfsmanagement. 500 Tiere leben in Deutschland, und Lies will nun in Brüssel erreichen, dass man Wölfe jagen darf. Ein Grund: "Die Wölfe nähern sich immer wieder auch sehr auffällig den Menschen und dringen bis in Städte vor."

Das ist nun wahrlich ein tragischer Irrtum. Der Wolf denkt, dass ihm Zutraulichkeit hilft im Umgang mit dem Menschen, aber in Wahrheit führt Zutraulichkeit direkt zum Kopfschuss. Verlierer des Tages: der Wolf (okay, ich gebe zu, Wölfe und Hunde machen mich sentimental).

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insgesamt 4 Beiträge
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StefanZ.. 01.03.2018
1. Verschiedene Arten von Fahrlässigkeit und Naivität
Danke für die Erinnerung an alle Leser, dass wilde Spekulationen und Unterstellungen das Letzte sind, was einer Eskalation in Richtung Krieg entgegenwirken kann. Bitte berichten Sie in den nächsten Wochen auch von den wirklichen Erkenntnissen der Untersuchungen, auch wenn diese dann wohl gar nicht mehr so Schlagzeilenträchtig sein dürften. Dazu nur einmal ein paar Tatsachen, die bei behilflich sein könnten. Es ist seit vielen Jahren technisch eher trivial seine Identität im Internet effektiv zu verschleiern. Besonders dann, wenn man genügend Zeit und Geld mitbringt. Man kann genauso leicht falsche Identitäten vortäuschen und absichtlich falsche Spuren legen. Wenn im Jahr 2016 oder 2017 ein großer Staat einen Informationsdiebstahl oder sogar Sabotage bei einem anderen Staat in Auftrag gibt, muss man also davon ausgehen, dass Verschleierung mit Sicherheit geschieht. Wie schätzen wir die Moral der infrage kommenden Staaten ein, welcher würde dann wohl auch gezielt falsche Spuren nach Russland legen? Wurden irgendwelche staatliche Cyberkriminelle jemals durch eine behauptete Cyberspurenlage alleine gerichtlich belangt? Wenn ernsthafte Beweise für solche Verbrechen geschehen, dann durch Whistleblower. Wir wissen auf diese Weise bislang nur von einem offiziell freundlich gesinnten Land, das sich hemmungslos und erfolgreich in Bundesregierungs-ICT eingehackt hat. Und soweit ich mich erinnern kann, wurde auf höfliche Anfrage unserer Regierung klargemacht, dass man nicht die Absicht hat, solche Einbrüche und Vertrauensbrüche einzustellen, weil man gleicher als andere Gleiche ist. Was genau gedenkt denn nun der Digitalausschuss bei dieser Basisfaktenlage zu unternehmen?
kleinsteminderheit 01.03.2018
2. Bedeutung 08/15
08/15 stand sicherlich nicht für unzuverlässig oder schlampig. Es stand vielmehr für eine zuverlässige Standardlösung ohne Raum für Individualismus. One fits all, funktional aber fortschrittshemmend.
white_rd 01.03.2018
3. 08/15 Journalismus?
Schlampig? Herr Kurbjuweit, wie kommen Sie denn auf sowas? 08/15 steht umgangssprachlich für etwas standardmäßiges, das Gewöhnliche, Übliche, und leitet sich davon ab daß das Maschinengewehr 08/15 damals eben eine massenproduzierte und eingesetzte Standardwaffe war. Gehört an sich zur Allgemeinbildung.
TheFunk 01.03.2018
4. 08/15 meint Standard. Gewöhnlich. Das Langweilige.
nicht schlampig. Herr Weil kam auch nicht wie Kai aus der Kiste und sprach plötzlich wie ein Politiker, er war letzteres schon länger. Er hat zwei Kommunalwahlen in Hannover gewonnen und war somit Oberbürgermeister, bevor er es zum MP gebracht hat. Vorher ist er bereits Stadtkämmerer gewesen. Also alles andere als Kai aus der Kiste. Die Wölfe... Ist der Hund nicht der beste Freund des Menschen? Stammt dieser nicht vom Wolf ab? Was ist an zahmen Wölfen so schlimm? Offensichtlich suchen die Wölfe den Kontakt. Das ist doch nicht gefährlich. Weshalb ist ein zahmer, kontaktfreudiger Wolf ein Problemwolf? Da bin ich bei Ihnen Herr Kurbjuweit: ich halte das Abschießen von zahmen Wölfen für einen Skandal.
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