Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


meine ersten fünf Lebensjahre verbrachte ich in den Tropen, ich wurde auf der Insel Sumatra geboren. Meine Mutter wiederum ist in Norddeutschland an der Weser aufgewachsen. Sie kann wunderbar aus ihrem und unserem Leben erzählen. Davon, wie sie als Jugendliche den ersten Sissi-Film gesehen hat, im Januar 1956 war das. Dieser Film brachte Glanz in die graue Nachkriegszeit, meine Mutter weiß noch genau, wie sie damals über die gefrorene Weser auf die andere Flussseite gelaufen ist, dort stand das Kino. Die Schuhe, die sie getragen habe, seien grob gewesen, die Wollstrümpfe hätten gekratzt. Im darauffolgenden Sommer aber habe sie ein leichtes Kleid geschenkt bekommen, weiß mit blauen Punkten, und dieses Kleid sei für sie eine Einlösung dessen gewesen, was der Sissi-Film ihr versprochen habe: dass dieses Leben auch Leichtigkeit, Farben, Schönes für sie bereithalten würde.

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Heft 32/2018
Wie der Klimawandel unser Leben verändert

Wenn ich meine Mutter aber frage, wann genau sich dies oder das in den Jahren ereignet habe, die sie später in den Tropen verbracht hat, sucht sie in ihren Erinnerungen und ist oft ratlos: "Wenn ich das wüsste, es war ja immer dieselbe Jahreszeit".

Schwimmbecken im Freibad von Kleinmachnow
DPA

Schwimmbecken im Freibad von Kleinmachnow

Erinnerungen werden auch durch unsere Sinneswahrnehmungen strukturiert. Deutschen hilft dabei der Wechsel der Jahreszeiten. War es kalt, war es warm, als dies und das passierte? War die Kleidung schwer, leicht? Jahrhundertsommer und Katastrophenwinter brennen sich in unser Gedächtnis ein. Sie sind Ankerpunkte unserer Geschichte und unserer Geschichten.

Auch dieser große, ewige Sommer, den wir in Deutschland gerade erleben, wird zu unserer Geschichte gehören. Aber er gemahnt uns auch jetzt schon an die Zukunft. Es ist ein Dürresommer. Bauern rechnen mit einem beträchtlichen Ernteausfall. Wir Deutschen erleben "den Beginn von etwas Neuem, Unbekannten, vielleicht sogar Bedrohlichem", so steht es in unserer Titelgeschichte im neuen Heft. Titelzeile: "Der Sommer, der nie endet. Wie der Klimawandel unser Leben verändert".

Im Video: SPIEGEL-Redakteur Hilmar Schmundt über die aktuelle Dürre, den letzten Starkregensommer und darüber, warum wir in Zukunft in "Schwammstädten" leben sollten

DER SPIEGEL

Sexueller Missbrauch - Warum Täterinnen oft unentdeckt bleiben

"Man sieht nur, was man weiß", hat Goethe einmal gesagt. Man kann diesen Satz verschärfen: "Man sieht nur das, was man wissen will". Eine Abwandlung davon wäre wiederum der Satz: "Es kann nicht sein, was nicht sein darf". Eine weit verbreitete Annahme, die unseren Blick auf die Welt noch prägt, ist zum Beispiel die, dass Frauen doch irgendwie die besseren Menschen seien. Frauen aber sollten sich über diese Annahme nicht allzu sehr freuen. Denn es liegt auch eine Abwertung darin, eine fatale Kopplung - denn wenn jemand als gut gilt, gilt er oft auch als schwach. Kleine Jungen, die sexuelle Gewalt durch Frauen erleben, fühlen sich folglich nicht allein durch den Gewaltakt entwertet, sondern manchmal zusätzlich dadurch, dass es eine Frau war, die dies tat. Die Jungen empfinden sich als doppelt schwach: Sie haben sich nicht wehren können, nicht einmal gegen das sogenannte schwache Geschlecht.

Es gibt sie, diese missbrauchenden Frauen. Auf sechs Seiten im neuen Heft hat sich unsere Gerichtsreporterin Beate Lakotta mit ihnen beschäftigt. Es ist eine Geschichte über ein Tabu im Tabu. Zurzeit läuft ein Prozess gegen eine Mutter aus dem badischen Ort Staufen. Sie hat den eigenen Sohn missbraucht. Dass das den Behörden nicht früher auffiel, hatte damit zu tun, dass die Zuständigen kaum glauben mochten, dass eine Frau so etwas tut.

Links vor rechts

An diesem Wochenende startet die Politikerin Sahra Wagenknecht offiziell das Projekt ihrer linken Sammlungsbewegung. Ein deutlicher Nachteil scheint bisher zu sein, dass führende Politiker der SPD, der Grünen, ja selbst der Linken überhaupt nicht an einen Erfolg dieser Bewegung glauben mögen - sie verstehen das Ganze als PR-Nummer Wagenknechts. Sie aber behauptet im Interview im neuen SPIEGEL: "Wir haben keinen rechten Zeitgeist, sondern eher einen linken". Damit liegt sie international gesehen gar nicht so falsch - der Brite Corbyn, der Amerikaner Sanders, der Franzose Mélenchon, sie alle haben Zuspruch mit vergleichbaren Offensiven erlebt. Kann Wagenknechts Projekt mit dem Namen "Aufstehen" in Deutschland also doch zur politischen Kraft werden? Wir drucken im neuen Heft einen Gastkommentar dreier Politiker, die an den Erfolg von Wagenknechts Vision glauben.

Sahra Wagenknecht
Steffen Roth / Agentur Focus

Sahra Wagenknecht

Außerdem im neuen Heft:

Gewinner des Tages...

... ist der Wolfi. Der Wolfi heißt eigentlich Wolfgang Fischer, aber mein Kollege Felix Hutt, der den Wolfi im neuen SPIEGEL porträtiert, sagt, jeder sage Wolfi zu Wolfi. Der Wolfi also ist ein Vermieter aus München. Seine Großtante Muz hatte ihm ein Haus in bester Lage vererbt und ihm eingeschärft, die Mieter gut zu behandeln und deren Miete moderat zu halten. Daran hält sich der Wolfi - und die Münchner, die unter Miethaien zu leiden haben, erklären ihn nun zur Ikone.

Wolfgang Fischer
Wolfgang Maria Weber / DER SPIEGEL

Wolfgang Fischer

Im neuen Heft setzen wir übrigens auch unsere Wohnserie fort, die zum Stück über den Wolfi passt. Diesmal bringen wir einen Bericht darüber, wie Bürgermeister gegen die rasanten Mietsteigerungen kämpfen.

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  • Gegen Holstein Kiel: HSV startet mit Niederlage in die zweite Liga
  • Tragen eines Nikab: Dänemark verhängt erstmals Geldstrafe
  • Bürgerkrieg im Jemen: Uno entsetzt über Luftangriffe auf Krankenhaus und Markt
  • Ihnen ein schönes Wochenende, angenehme Vermieter und eine anregende Lektüre,

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    Susanne Beyer

    Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version hieß es, die Gerichtsreporterin Beate Lakotta hätte sich in ihrem Text mit Sadistinnen beschäftigt. Die Geschichte handelt jedoch von Frauen, die Kinder sexuell missbrauchen. Wir haben die Stelle entsprechend korrigiert.

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    insgesamt 18 Beiträge
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    !!!Fovea!!! 04.08.2018
    1. Nach 15 Jahren (2003)
    endlich mal wieder ein richtig schöner Sommer!!!! Das ist natürlich Wasser auf die Mühlen der Klimaerwärmer, Klimanwandler und sonstiger Meterologenhysteriker. Wahrscheinlich müssen wir wieder 15 Jahre büßen dafür, mit verregneten Sommern, eiskalten Wintern..... oder wie die Wetterforscher sagen: "Normaler deutscher Sommer".... Z.B. 1 Augustwoche 2007, als es 1 Woche durchregnete bei ca. 20 Grad. Dann lieber jedes Jahr einen Sommer wie 2018.
    nic 04.08.2018
    2.
    Vielleicht ist der Übergang von diesem zum nächsten Sommer sogar fließend.
    haresu 04.08.2018
    3. Wann wirs mal wieder richtig Sommer?
    Sang Rudi Carrell. 1975. Und wir werden das Lied wahrscheinlich schon nächstes Jahr wieder vor uns hin summen. Die Wahrheit ist einfach, dass die Sommer der Kindheit einfach immer die sommerlichsten bleiben werden. Wahrscheinlich weil wir da den ganzen Tag rumgetobt sind, statt wie jetzt im klimatisierten Auto zu sitzen. Der Klimawandel kommt vielleicht demnächst als Überschwemmung daher oder als massiv verteuerte Lebensmittel, dann wird ihn die Mehrheit doch wieder lieber in Form eines Super- Sommers zurückhaben wollen. Aber ändern wollen wir nichts und schon allein deshalb ist der jetzige Sommer kein historischer. Keine Zäsur, wir sind einfach nur mittendrin und gewöhnen uns. Hinterher ist man dann schlauer, obwohl man es ja vorher auch schon war aber nicht sein wollte. Also, ab in den Urlaub!
    soerenschein 04.08.2018
    4.
    Ich habe die verregneten, kühlen Sommer immer sehr geliebt, weil ich mich in meiner Haut wohlfühlen konnte. Auch kalte Winter machen mir nichts aus, ich empfinde sie als sehr angenehm. Gegen Kälte kann man etwas tun, aber was bleibt mir bei dieser Hitze? Derzeit verbringe ich meine freie Zeit zumeist drinnen und wäre froh, wenn ich endlich einmal wieder bei angenehmen Temperaturen das Haus verlassen könnte. Im Büro sind es ebenfalls schnell 28 bis 30 Grad und die gelben, trockenen Landschaften machen mir ernsthaft Sorgen. Bitte 2019 wieder einen Regensommer!
    Fuxx81 04.08.2018
    5. Dürre
    Die anhaltende Hitze empfinde ich nicht als ungewöhnlich, das hatten wir schon öfter. Aber so viele gelbe Wiesen habe ich tatsächlich noch nie gesehen.
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