Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


fünf Tage nach Bekanntwerden des großen Daten-Leaks wird sich heute Mittag erstmals Horst Seehofer, der verantwortliche Minister, öffentlich zu dem Fall äußern. Die betroffenen Politiker haben inzwischen ihre Konsequenzen gezogen, die Handynummern geändert oder sich für die Zukunft Enthaltsamkeit von den sozialen Medien verordnet.

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Heft 2/2019
Das neue Berufsleben - zwischen Freiheit und Selbstausbeutung

Besonders drastisch reagierte Grünen-Chef Robert Habeck, dessen privater Facebook-Chat mit der Familie plötzlich im Netz gestanden hatte. Er hat seine Accounts auf Facebook und Twitter gelöscht, eine Maßnahme, die offenbar weniger mit dem Hack zu tun hat, sondern ihn vor allem vor sich selbst schützen soll: Der Grünen-Chef hatte mehrfach mit Äußerungen in den sozialen Medien so danebengelegen, dass er sich hinterher zu Entschuldigungen genötigt sah. Zuletzt hatte Habeck in einem Video sinngemäß gesagt, seine Partei sei dabei, in Thüringen die Demokratie einzuführen. Twitter desorientiere ihn und mache ihn unkonzentriert, entschuldigte sich Habeck später. "Offenbar triggert Twitter in mir etwas an: aggressiver, lauter, polemischer und zugespitzter zu sein."

Das Schlimme ist, dass Habecks Ausrutscher eher wie ein Freud'scher Versprecher scheint; als bringe Twitter den wahren, ungefilterten und auch moralisch-überheblichen Blick eines westdeutschen Grünen auf die Provinz im Osten hervor: unfrei, verschlossen, illiberal und undemokratisch.

In den Weihnachtsferien habe ich das Buch des jungen ostdeutschen Autors Lukas Rietzschel gelesen. "Mit der Faust in die Welt schlagen", heißt es, und handelt von zwei Brüdern in einem brandenburgischen Kaff. Davon, warum sie rechtsradikal und aggressiv werden. Berlin, die Politik, ist für sie weit weg und fremd, mit Westdeutschland verbinden sie keine Hoffnungen. Es ist einfach der Teil des Landes, in den alle, die es können, abhauen.

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Politik als Wunschdenken

DPA

Politik ist immer auch ein bisschen Illusionstheater, muss es wohl sein. Vielleicht ist es noch nie in einer Legislaturperiode so früh ständig um die K-Frage gegangen. Kann Annegret Kramp-Karrenbauer Kanzler? Traut sie es sich zu? Kann Robert Habeck Kanzler? Olaf Scholz, an den angesichts von SPD-Umfragewerten bei 15 Prozent eigentlich niemand gedacht hatte, hat nun schon mal klargestellt: Er will. Egal wie.

Ich sehe ja ein, dass Politik nicht ohne ein gewisses Maß an Autosuggestion auskommt, aber ganz ohne Bezug zur Wirklichkeit geht es vielleicht auch nicht. Heute kommen die SPD-Landesgruppen aus NRW, Niedersachsen und Bremen in Osnabrück zu ihrer Jahresauftaktklausur zusammen, das Motto lautet: "Neue Stärke".

Mensch des Tages...

AFP

…...ist die demokratische US-Politikerin Nancy Pelosi. Gewinnerin? Verliererin? Ich bin da nicht sicher. Als Sprecherin des Repräsentantenhauses ist sie zur Gegenspielerin von US-Präsident Donald Trump geworden. Sie sieht sich als die Frau, die die amerikanische Demokratie gegen Trump verteidigen wird. Gemeinsam mit ihm trat sie vor Weihnachten in einer Pressekonferenz auf und ertrug mit großer Beharrlichkeit Trumps Tiraden, mit denen er ihr immer wieder ins Wort fiel. Sie ließ sich nicht aus der Ruhe bringen und wich zugleich nicht im mindestens von ihrer Linie ab. Das war groß, das hatte Format.

Andererseits: Die Kongresswahl haben andere für die Demokraten gewonnen. Junge Frauen, Afroamerikaner, Latinas, Progressive, Linke. Pelosi dagegen steht wie kaum eine andere für jenes demokratische Establishment, das Trump erst möglich gemacht hat. Als Sprecherin, warnte schon im Oktober Michael Hirsh im "New York Review of Books", könnte Pelosi die Demokraten spalten. Es wäre Zeit für einen Generationswechsel.

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Herzlich,
Ihre Christiane Hoffmann

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
mats1963 08.01.2019
1. In den oder in dem?
Zitat: "Es ist einfach der Teil des Landes, in den alle, die es können, abhauen." Das wäre natürlich schön, wenn alle dorthin abhauen, aber es ist ja wohl leider anders herum: Aus deM Teil des Landes hauen viele ab. - Ich finde es immer erfreulich, zu sehen, wenn Spiegel-Redakteure durch Tippfehler Menschlichkeit zeigen.
ktomy69 08.01.2019
2. Huch
Huch ... Plötzlich kennt Herr Seehofer noch ein anderes Problem. Datenleak ... so ein Schmarren, da kann ich doch nicht so gut Punkten beim einfachen Volk wie mit Ausländer, Asyl, Migration, Religion(skrieg), ...
dirkcoe 08.01.2019
3. Die Peinlichkeit im Amt
des Innenministers - Seehofer - war vom ersten Tag an eine Zumutung und ist es bis heute. Das Thema ist seit Mitte Dezember bekannt. Superhorst bräuchte erst einmal über zwei Wochen um auch nur zu begreifen, das er da ja irgendwie verantwortlich ist - und dann noch einmal Tage, bis überhaupt irgendwas von ihm zu hören ist. Eigentlich sollte er einfach den Mund halten und sich wieder hinlegen.
lalito 08.01.2019
4. Guten Morgen Frau Hoffmann
Ihnen sei, wenn auch verspätet, noch ein Frohes Neues Jahr gewünscht. Gerne lese ich des Morgens Ihre Hintergrundausleuchtungen und überlegten Andeutungen und Hinweise. Heute stolperte ich allerdings gleich einmal über das Wort "Bekanntwerden". Diese Bezeichnung ist im Zusammenhang mit dem Zeitraum der genannten fünf Tage so doch wohl nicht ganz korrekt. Immerhin wurden diverse Türchen in einem Adventskalender geöffnet. Hervor kamen die diskutierten Daten und gemeinhin geschieht dies vor Weihnachten. Unabhängig davon, ob es sich trefflich über die Schläfrigkeit von Diensten und Behörden diskutieren ließe, waren zumindest die Inhalte mit Türchenöffnung länger als vier Tage bekannt gemacht worden. Einzig hatte es zuerst im allgemeinen Weihnachtstrubel nur Wenige Interessiert. Dass die Geschichte natürlich als gefundenes Fressen seitens der Medien für die ersten, wie üblich schläfrigen Tage des Jahres herhalten konnte, verständlich. Zum Frohen seien noch meine guten Wünsche für die Gesundheit hinzugefügt, das höchste Gut - weit vor Werbewirkung und 1000er Kontaktpreis . . .
jjcamera 08.01.2019
5. Stand der Dinge
Zitat von dirkcoedes Innenministers - Seehofer - war vom ersten Tag an eine Zumutung und ist es bis heute. Das Thema ist seit Mitte Dezember bekannt. Superhorst bräuchte erst einmal über zwei Wochen um auch nur zu begreifen, das er da ja irgendwie verantwortlich ist - und dann noch einmal Tage, bis überhaupt irgendwas von ihm zu hören ist. Eigentlich sollte er einfach den Mund halten und sich wieder hinlegen.
Seehofer ist auch quasi "oberster Polizist" im Land und weiß genau, dass man sich zu Ermittlungen erst äußert, wenn diese abgeschlossen sind. Alles andere behindert die Ermittlungen und gibt dem Täter die Möglichkeit, Beweise zu vernichten. Und nur ein bisschen BlaBla wie Frau Barley abzusondern, liegt ihm halt nicht. Außerdem kann Seehofer nichts dafür, wenn zum Beispiel Herr Habeck nicht richtig mit sozialen Netzwerken umgehen kann.
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