Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


Politik nimmt manchmal seltsame Wendungen. Es ist erst ein paar Wochen her, da wäre die Regierung fast über der Frage zerbrochen, ob an drei deutschen Grenzübergängen Flüchtlinge zurückgewiesen werden dürfen oder nicht. Der Streit war im Grunde lächerlich, er drehte sich, wenn überhaupt, um ein paar wenige Menschen am Tag, aber um die Sache ging es nicht, sondern ums Symbol. Der Konflikt zwischen der Kanzlerin und den Christsozialen wurde dann mühsam mit einem Formelkompromiss zugekleistert, den aber die SPD nur mittragen wollte, wenn es noch im diesem Jahr ein Einwanderungsgesetz gibt.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 33/2018
Wie der Reisende zerstört, was er liebt

Nun hat Innenminister Horst Seehofer die Eckpunkte für die Regelung vorgelegt. Sie sind, wenn man so will, das schöne Ergebnis eines sehr hässlichen Streits.

Unter den Trümmern liegt die Vernunft

DPA

Die politische Debatte über den Brückeneinsturz von Genua nimmt immer absurdere Züge an. Erst stellte Italiens Innenminister Matteo Salvini den Verdacht in den Raum, der Brüsseler Sparzwang sei der Grund für die Katastrophe; nun sagte er, er wisse, wie die Schuldigen aussähen. Sie hätten "gebräunte Gesichter" und redeten nur über Geld.

Damit meinte er ganz offenkundig nicht die Bürokraten in Brüssel, sondern die Familie Benetton, die über ein kompliziertes Konstrukt an den italienischen Autobahnen beteiligt ist. Dass zwischendurch die Brüsseler Kommission die Vorwürfe aus dem römischen Innenministerium scharf zurückgewiesen hatte, interessierte Salvini schon gar nicht mehr. Er hatte ja schon ein neues Opfer für seine Tiraden gefunden. Dass die Ursache für den Einsturz immer noch unklar ist, ging in dem ganzen Lärm fast unter.

Deutsche Weindiplomatie

DPA

Die Außenpolitik der Bundesrepublik hat sich jahrzehntelang durch große Zurückhaltung ausgezeichnet, kein Pomp, keine Machtgesten, kein Säbelrasseln. Selbst der Wein, der bei offiziellen Anlässen ausgeschenkt wurde, zeugte von Bescheidenheit. Als im Jahr 1955 der Schah von Persien nach Deutschland reiste, ließ Bundespräsident Theodor Heuss einen schlichten Lemberger auffahren. Vom ehemaligen SPD-Kanzler Helmut Schmidt weiß man, dass er am liebsten Cola trank. Sein Motto bei Staatsempfängen: "Der Wein ist mir egal, das Essen ist mir egal, aber mir ist nicht egal, wer zum Essen eingeladen wird." Anfang September wird ein Buch erscheinen, das die Geschichte der Bundesrepublik als Geschichte der offiziellen Weinverkostung beschreibt. Mein Kollege Konstantin von Hammerstein hat es schon gelesen, seinen Text können Sie ab 18 Uhr im neuen SPIEGEL lesen.

Gewinner des Tages...

...ist der Jäger und Sammler. Wer dachte, es sei für den frühen Menschen Pein und Last gewesen, durch die Wälder zu ziehen, um nach Früchten zu suchen und Wild zu erlegen, der muss sein Bild der Menschheitsgeschichte revidieren. Mein Kollege Manfred Dworschak hat aufgeschrieben, dass das menschliche Drama so richtig erst mit dem Ackerbau einsetzte, als die Menschen dazu gezwungen wurden, sich auf den Feldern abzuplagen. Für die Bauern war der Übergang zur neuen Zeit eher ein Rückschritt, wer profitierte, waren die Herrscher, die über ihre Steuereintreiber den Untertanen das mühsam erzeugte Getreide wieder abnahmen. "Sicher ist: Bevor die Menschheit sich zur Landwirtschaft bekehrte, bot das Leben mehr Abwechslung", schreibt Dworschak. "Das wenige, das diese Menschen besaßen, wurde geteilt; sie lebten fast egalitär bis in den Tod, in ihren Grabstätten finden sich keine Hinweise auf eine privilegierte Herrscherkaste."

DIE LAGE - der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Freitag und einen guten Start ins Wochenende.

Ihr René Pfister

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
susuki 17.08.2018
1. Überschrift
Die Nahrung konnte mit dem Ackerbau im Überfluss hergestellt werden. Dadurch konnten Menschen freigestellt werden um Forschung und Entwicklung zu betreiben. Leider wurden einige der Freigestellten Raubritter und Pfarrer später absolutistischer König und Bischof. Das ist aber nicht schuld des Ackerbaus...
i.dietz 17.08.2018
2. Für mich
hat Seehofer bis dato einen tollen Job gemacht - bitte weiter so ! Wenn ich an Merkel/ de Maiziere denke: die beiden Spitzenpolitiker haben alles unangenehme entweder "schöngeredet" und/oder "unter den Teppich gekehrt" !
michael.mittermueller 17.08.2018
3. Commedia dell Arte
Ganz so "absurd" ist die Diskussion nach Genua nicht. Italien wird von der EU im Stich gelassen. Die Euro Krise trifft die Südländer besonders hart. Und das das Chaos in Italien auch die anderen Mitgliedsländer der EU in Mitleidenschaft zieht ist abzusehen. Weshalb also ausgerechnet Italienische Politiker die Spitzen der EU und der EZB besetzten, während gleichzeitig diese Institutionen nichts tun, um die strukturellen Defizite Spaniens, Italiens und Griechenlands zu adressieren ist verwunderlich. Im Gegenteil. Die Politik der EZB ebenso wie die der EU im Verhältnis zu ihren Außennachbarn ist eine Katastrophe. Die Sparzinsen in Deutschland sind so weit in den Keller gefallen, dass die Altersversorgung nicht mehr klappt. Durch eine offensive Erweiterungspolitik ohne jeden Boden holt man sich Staaten wie Kroatien ins Boot, die gerade mit dem Gedanken spielen gegen Slowenien Krieg zu führen, beide Nachbarn von Italien. Und über die Politik im Kontext Ukraine zu reden erübrigt sich gänzlich. Europa ist der Spielball strategischer Interessen der USA, Chinas und Russlands. Und Italien, wie immer, hilflos mittendrin, steuert das Boot in den Strudel. Nein, die Diskussion ist nicht absurd. Und wenn sie bereits im Vorfeld mit diesem Attribut belegt wird, oder mit dem Populismusvorwurf, oder gar dem Nazi- und Rechtsbegriff, so dienen diese Worte nur als Hexen- und Bannzeichen. Es sind Zauberwörter einer Beschwörungszeremonie, die man heute fast täglich hört. Die Schamanen in der SPIEGEL Redaktion versuchen die Welt gut zubeten. Nur, sie ist es nicht.
uhrentoaster 17.08.2018
4. Deutsch
"Seehofer kann auch Willkommenskultur" Die Redaktion hat Probleme mit der deutschen Grammatik bzw. Verben? Bitte etwas mehr Niveau, danke!
chimonanthus, 17.08.2018
5. @ 3 michael.mittermueller
Zitat von michael.mittermuellerGanz so "absurd" ist die Diskussion nach Genua nicht. Italien wird von der EU im Stich gelassen. Die Euro Krise trifft die Südländer besonders hart. Und das das Chaos in Italien auch die anderen Mitgliedsländer der EU in Mitleidenschaft zieht ist abzusehen. Weshalb also ausgerechnet Italienische Politiker die Spitzen der EU und der EZB besetzten, während gleichzeitig diese Institutionen nichts tun, um die strukturellen Defizite Spaniens, Italiens und Griechenlands zu adressieren ist verwunderlich. Im Gegenteil. Die Politik der EZB ebenso wie die der EU im Verhältnis zu ihren Außennachbarn ist eine Katastrophe. Die Sparzinsen in Deutschland sind so weit in den Keller gefallen, dass die Altersversorgung nicht mehr klappt. Durch eine offensive Erweiterungspolitik ohne jeden Boden holt man sich Staaten wie Kroatien ins Boot, die gerade mit dem Gedanken spielen gegen Slowenien Krieg zu führen, beide Nachbarn von Italien. Und über die Politik im Kontext Ukraine zu reden erübrigt sich gänzlich. Europa ist der Spielball strategischer Interessen der USA, Chinas und Russlands. Und Italien, wie immer, hilflos mittendrin, steuert das Boot in den Strudel. Nein, die Diskussion ist nicht absurd. Und wenn sie bereits im Vorfeld mit diesem Attribut belegt wird, oder mit dem Populismusvorwurf, oder gar dem Nazi- und Rechtsbegriff, so dienen diese Worte nur als Hexen- und Bannzeichen. Es sind Zauberwörter einer Beschwörungszeremonie, die man heute fast täglich hört. Die Schamanen in der SPIEGEL Redaktion versuchen die Welt gut zubeten. Nur, sie ist es nicht.
Álso, jetzt wissen wir alle wie es so arg schlimm ist. Wir wissen auch warum und wessen Schuld. Ich gehe davon aus, dass die Schuldigen Ihren Post nicht lesen werden. So bliebe als einzige Lösung, Sie kümmern sich um alles, Übernehmen die Leitung. Schönes Wochenende.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.