Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


die Menschen des Westens haben ein paar Jahrhunderte lang damit angegeben, die Aufklärung erfunden zu haben - Vernunft! Verstand! Recht! -, nun aber scheinen die Prinzipien der Aufklärung aus der Mode gekommen zu sein.

Allein die zurückliegende Woche: Ein Hochamt des Irrsinns. Trump kommt zum G7-Gipfel zu spät, reist früh wieder ab und erklärt dann, dass für ihn nicht mehr gelte, was er mit den demokratisch gewählten Amtskollegen kurz zuvor vereinbart hat. Mit dem nordkoreanischen Diktator, einem Menschenschinder erster Güte, versteht er sich zwei Tage später aber bestens, produziert prächtige Bilder und eine Einigung, von der wiederum nicht klar wird, was sie eigentlich wert ist.

Denk ich an Neuwahlen...

Während der verdutzte Zuschauer aus Deutschland versucht, all das zu verkraften, treibt bei ihm zu Hause eine Regionalpartei die Regierung, die soeben unter größten Mühen zustande gekommen ist, in eine so schwere Krise, dass der Zuschauer sich schon mal gedanklich mit Neuwahlen auseinanderzusetzen hat, bei der wiederum eine Partei triumphieren würde, deren Anführer es für angemessen hält, den Nationalsozialismus als "Vogelschiss" der Geschichte zu bezeichnen. Und gewisse Teile der Medien insinuieren derweil, die Bundeskanzlerin sei zumindest irgendwie an einem Mord in Wiesbaden beteiligt gewesen.

Im Video: SPIEGEL-Redakteur René Pfister über den drohenden Bruch zwischen Merkel und der CSU, die genauso an der eigenen Grenzpolitik scheitern könnte.

Liebe Leserin, lieber Leser, am Ende müssen Sie es entscheiden, aber wir haben im neuen SPIEGEL zumindest versucht, besonnen und vernünftig die Hintergründe all dieser Ereignisse zu schildern. Der Aufmacher im Auslandsteil analysiert das Treffen zwischen Trump und Kim. Der Aufmacher im Deutschlandteil beschreibt wiederum, wie brüchig die Achse Frankreich-Deutschland, die jetzt eigentlich Europa zusammenhalten müsste, geworden ist. Das bestätigt der französische Finanzminister Bruno Le Maire im SPIEGEL-Gespräch im Wirtschaftsteil: Ihm reiche nicht aus, was Kanzlerin Merkel für eine Reform der Wirtschafts- und Währungsunion vorschlage.

Treiber und Getriebene

Unser Titelkomplex nimmt sich auf knapp 17 Seiten "Die deutsche Frage" vor: "Wie gehen wir mit Migranten" um. Hier rekonstruieren wir, wie sich die Regierungskrise, die sich ja an der Flüchtlingsfrage entzündete, seit dem 12. Mai angebahnt hat, wie die Anrufe zwischen den Politikern hin- und her gegangen sind, wer sich wann wo und mit wem getroffen hat, um die nächste Eskalationsstufe auszulösen. Aus nächster Nähe betrachtet stellen sich die Dinge immer anders dar als aus der Ferne. Seehofer ist in diesem Spiel nicht nur Treibender, sondern auch Getriebener.

Und natürlich betrachten wir auch den Fall des Flüchtlings Ali B. aus der Nähe. Ali B. hat das Mädchen Susanna umgebracht. Dieser Fall hat die Regierungskrise mit ausgelöst, weil daran so vieles deutlich wird, was im Management der Flüchtlingskrise tatsächlich schiefläuft. Strukturell lässt sich aus dem Fall Ali B. manches lernen: Wo und wie eben jenes Management verbessert werden muss. Und doch zeigen unsere Recherchen - meine Kollegin Raniah Salloum ist in den Irak geflogen, hat dort die Familie des Täters gefunden und ausführlich gesprochen -, dass dieser Fall, wie jedes Kapitalverbrechen, individuelle Ursachen hat.

Erdogan aus der Nähe

REUTERS

Aus der Ferne wirkt der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan wie ein starker Mann. Aus der Nähe sieht auch er anders aus. Es dauerte mehrere Monate, bis unser Türkei-Korrespondent Maximilian Popp Zugang zum inneren Zirkel des Präsidenten gefunden hatte. Seine Gesprächspartner gaben ihm - zunächst zögerlich, doch dann überraschend offen - Einblick in den türkischen Herrschaftsapparat. Sie zeichneten das Bild eines Staatschefs, der auf dem Zenit steht und besessen ist von dem Gedanken, seine Macht zu verlieren. Bei einem Regierungswechsel müsste er Angst haben, im Gefängnis zu landen. Erdogan hat für den 24. Juni Neuwahlen ausgerufen. Die Umfragen sagen ein knappes Ergebnis voraus.

Das Bilfinger-Dossier

DPA

Berühmt und gefürchtet ist Deutschland für die Güter und Waren, für Bauten und Dienste, die es in alle Welt verkauft. Deutschland ist Exportweltmeister und verteidigt diesen Titel - nicht immer mit sauberen Mitteln. Ein deutsches Unternehmen, der Mannheimer Bilfinger-Konzern, ist vor Jahren ins Visier von Korruptionsermittlern geraten, weil es für Geschäfte in Nigeria Regierungsbeamte bestochen hat. Seitdem wacht ein sogenannter Monitor - entsandt vom US-Justizministerium - über die Geschäfte bei Bilfinger. Früher war die Firma bekannt für Bauprojekte, heute sorgt sie vor allem für die Wartung von Industrieanlagen. Unsere Investigativreporter haben ein großes Datenpaket aus dem Bilfinger-Reich auswerten können. Die Verträge, Mails und Berichte erlauben einen tiefen Einblick auch in jene Jahre, in denen Roland Koch, der ehemalige hessische Ministerpräsident, den Bilfinger-Konzern führte. Unser Bilfinger-Dossier enthüllt die mediokren Geschäfte eines Konzerns, der sich in seinem Streben nach Expansion und Profit auch in Märkte wagte, in denen Korruption dazu gehört.

Gewinner des Tages...

DPA

...ist Joseph. Nein, nicht der Stiefvater von Jesus, sondern jener alttestamentarische Joseph, der dem Schriftsteller Thomas Mann als Vorlage für seine wunderbare Tetralogie "Joseph und seine Brüder" diente. Die Tetralogie ist nun in einer neu editierten Ausgabe erschienen, die wir Ihnen im SPIEGEL auf knapp sechs Seiten vorstellen. Mitverantwortlich für die Mammut-Edition ist übrigens der Forscher Jan Assmann, der in dieser Woche gemeinsam mit seiner Frau und Kollegin Aleida den Friedenspreis des deutschen Buchhandels zugesprochen bekam (Lob an die Jury: eine gute Wahl!).

Joseph also war ja, wie die Bibel und Thomas Mann schreiben, von seinen eifersüchtigen Brüdern in einen Brunnen geworfen worden. Viel später wird er Stellvertreter des ägyptischen Pharaos - die Brüder fürchten nun den Zorn und die Strafe Josephs. Doch Thomas Mann lässt seinen Joseph, Jahrtausende vor der Aufklärung, ein Herrscher sein, an dessen Vernunft sich heutige Regenten dringend ein Beispiel nehmen sollten. Joseph sagt im Finale der Tetralogie zu seinen Brüdern: "Und nun soll ich Pharao's Macht, nur weil sie mein ist, brauchen, um mich zu rächen an euch für drei Tage Brunnenzucht und wieder böse machen, was Gott gut gemacht? Daß ich nicht lache! Denn ein Mann, der die Macht braucht, nur weil er sie hat, gegen Recht und Verstand, der ist zum Lachen. Ist er's aber heute noch nicht, so soll er's in Zukunft sein, und wir halten's mit dieser."

Thomas Mann übrigens war, als er den Joseph fertigstellte, schon seit langer Zeit Flüchtling. Geflohen war er 1933 vor denjenigen, die sich freiwillig geweigert hatten, sich ihrer Vernunft zu bedienen.

Ihnen eine spannende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

DIE LAGE - der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start ins Wochenende!

Herzlich

Ihre Susanne Beyer

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.