Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


was treibt Horst Seehofer an? Was ist das Problem dieses Mannes? In einem halben Jahr hat der Bundesinnenminister zwei Regierungskrisen ausgelöst. Die zweite, die rund um Hans-Georg Maaßen, ist noch nicht ausgestanden, könnte noch zum Bruch der Koalition führen. Aber Seehofer hält am Verfassungsschutzpräsidenten fest, obwohl der von einem mutmaßlich gefälschten Video schwadronierte, die Beweise jedoch schuldig blieb.

Titelbild
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Heft 38/2018
Wie Horst Seehofer persönliche Krisen zu Regierungskrisen macht

Maaßen ist nicht mehr tragbar, aber Seehofer trägt ihn. Das Problem Maaßen ist deshalb ein Problem Seehofer. In der Titelgeschichte des neuen SPIEGEL analysieren wir ausführlich, warum der Innenminister tut, was er tut. Meine Kollegen aus dem Hauptstadtbüro und aus Bayern zeichnen das Bild eines Mannes, der in Berlin einsam ist, der unter gesundheitlichen Problemen leidet, bis hin zum Burn-out, und sich in sein Ministerium zurückgezogen hat wie in eine Burg. Seehofer ist ein Mann, der aus persönlichen Krisen Regierungskrisen macht. "Der Gefährder" lautet unsere Titelzeile, denn Horst Seehofer ist eine ständige Gefahr für den Koalitionsfrieden, für die Stimmung im Land und auch für sich selbst.

Im Video: Was will Horst Seehofer?

FILIP SINGER / EPA-EFE / REX / Shutterstock

Mietervertreibung

Der Vermieter ist ja häufig eine der weniger beliebten Sozialfiguren. Bei mir zum Beispiel wurde vor einiger Zeit auf der Terrasse eine Sichtblende aus Blech angebracht, aus rohem, silbrigem Stahl, der frisch aus dem Hochofen zu kommen schien. Nach ein paar Wochen fragte ich höflich an, wann denn die Sichtblende ihre Verkleidung bekäme. Die Antwort traf immerhin sofort ein: Dies sei Kunst, es gebe keine Verkleidung. Nun ist ja der ignoranteste Satz gegenüber Kunst: Das kann ich auch. In diesem Fall würde ich sagen: Das kann jeder Stahlarbeiter bei Thyssenkrupp.

Buch
Oliver Tjaden / DER SPIEGEL

Buch

Was ich eigentlich sagen wollte: In diesem Heft haben wir ein Gespräch mit Deutschlands größtem Vermieter, Rolf Buch, dem Chef der Immobilienfirma Vonovia. Es geht vor allem um die hohen Mietpreise, um Modernisierungen, mit denen Mieter vertrieben werden. Immerhin fällt der Satz: "Wir haben Fehler gemacht."

In den Tod pflegen

Das Leben nach dem Tod ist vor allem dann schwierig, wenn der Gestorbene und der Lebende nicht identisch sind. Ein geliebter Mensch fehlt, aber das Leben muss weitergehen. Wir erzählen in diesem Heft Geschichten von Hinterbliebenen der Opfer von Niels Högel, dem Krankenhauspfleger, der mutmaßlich hundert oder mehr Menschen auf dem Gewissen hat. Er spritzte Patienten Mittel, die ihr Leben bedrohten, damit er sich damit auszeichnen konnte, sie zu reanimieren. Das gelang oft nicht.

Angeklagter Högel
REUTERS

Angeklagter Högel

Einige dieser Hinterbliebenen machen sich nun schwere Vorwürfe. Wären sie doch rund um die Uhr bei ihren Angehörigen im Krankenhaus geblieben, hätten sie besser aufgepasst. Natürlich tragen sie keine Schuld, denn wer rechnet schon damit, dass ein Pfleger, ein Mann, der das Leben schützen soll, darauf aus ist, Leben zu gefährden, und dabei in Kauf nimmt, Leben zu vernichten? Umso mehr hoffen die Hinterbliebenen nun, dass Högel in einem neuerlichen Prozess die gerechte Strafe bekommt.

Reiz der Sittsamkeit?

Die Mode für westliche Frauen treibt spätestens seit den Sechzigerjahren ein Spiel mit der Gleichzeitigkeit von Verhüllung und Enthüllung, zum Beispiel beim Bikini und beim Minirock. Die Mode für islamische Frauen ist diesen Weg nicht gegangen, aber natürlich gibt es auch in dieser Welt eine Mode, gibt es Haute Couture. Eine Ausstellung, die bald nach Frankfurt kommt, zeigt die interessantesten Stücke dieser Welt. Sie wird umstritten sein, wie Ulrike Knöfel im neuen Heft analysiert. Geht es um den Reiz der Sittsamkeit? Geht es um Unterdrückung, um Freiheitsentzug durch Verhüllung?

Model mit Designer-Entwurf
Sebastian Kim/ San Francisco de Young Museum

Model mit Designer-Entwurf

Zufälligerweise haben wir in diesem Heft zwei Geschichten, bei denen sich Kolleginnen nach islamischer Sitte kleiden mussten, um arbeiten zu können. Das gilt für Christiane Hoffmann, die bei ihrem Gespräch mit dem iranischen Außenminister die Andeutung eines Schleiers trug. Fiona Ehlers verhüllte sich bei ihren Recherchen im Bürgerkriegsland Jemen mitunter komplett, bis auf einen Augenschlitz, um von den Kämpfern nicht als westliche Reporterin identifiziert werden zu können. Man könnte das auch verdeckte Recherche nennen.

Im Video: Jemen - Im Niqab an die Front

Formel Leise

Als ich 13 Jahre alt war und mit meinem Vater am Nürburgring stand, trug ich einen gewaltigen Ohrenschutz. Die Rennwagen der Formel 1 waren damals so laut, dass es wehtat. Doch plötzlich wurde es still. Fünf Minuten, zehn Minuten. Ich nahm den Ohrenschutz ab, es kamen keine Autos mehr, nicht der bis dahin führende McLaren von Jochen Mass, nicht der Copersucar meines Lieblings Emerson Fittipaldi. Leere auf der Strecke, Stille. Nach langer, langer Zeit rollte ein Abschleppwagen mit einem fürchterlich zugerichteten Wrack vorbei. Das war der Ferrari von Niki Lauda. Ich weinte, weil ich dachte, er sei tot. Es war sein schlimmer Unfall von 1976, zum Glück hat er ihn trotz schwerer Verbrennungen überlebt.

Formel-E-Rennen in Rom
Matteo Ciambelli/ sipa press/ action press

Formel-E-Rennen in Rom

Wenn man sich heute ein Rennen der Formel E anschaut, braucht man keinen Ohrenschutz mehr. Die Autos surren nur noch. Das ist einerseits angenehm und andererseits ein Problem für Motorsportfans. Irgendwie ist das nicht das Wahre. Aber die Formel 1 ist es auch nicht mehr, seitdem die Autos so teuer geworden sind, dass nur noch Ferrari, Mercedes und Red Bull gewinnen können. Die Rennen sind langweilig. Mein Kollege Alfred Weinzierl hat sich ausführlich in der Motorsportszene umgeschaut und analysiert die Probleme in der Übergangszeit von Formel 1 auf Formel E in einem großen Report.

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
jjcamera 15.09.2018
1. Der Innenminister geht, die Probleme bleiben
Sollte der Posten des Innenministers frei werden (dafür sprächen bei Seehofer vor allem gesundheitliche Gründe) bliebe er ja nicht unbesetzt. Es würde jemand von der CSU nachrücken: Dobrinth oder Joachim Herrmann wahrscheinlich. Eine kleine Chance wäre, das Verteidigungsministerium der CSU anzubieten und von der Leyen zur Innenministerin zu machen. Die Probleme mit der Migration bleiben aber auf jeden Fall die gleichen. Die haben, logisch gedacht, ja nichts mit Seehofer zu tun, wie viele offenbar glauben, sondern eben mit der Migration.
gesichter 15.09.2018
2. Beachtlich gute Kommentare...
Jeder weiß es: Die Personalie Georg Maaßen ist nicht nur zum Problem der Regierung geworden, sie ist zum Problem der Republik geworden. Die sechs Jahre des eitlen Selbstüberschätzers im Bundesamt für Verfassungsschutz mit Hang zur medialen Plauderei und Geschwätz mit falschen den Leuten lassen sich bis heute in Affären zusammenfassen. Als Hüter der Verfassung hat er längst verspielt. Und um die Regierung nicht zu gefährden, bleibt Angela Merkel bei ihrem glück- und erfolgslosen "Heimatminister", der die bösartige Stimmung im Lande entfacht hat und aus persönlichem Interesse die Krise herbeigeführt hat. Er sollte gehen. Georg Maaßen hat ihm zugespielt, und inzwischen haben die Rechtspopulisten und -extremisten die Deutungshoheit im Lande gewonnen. Merkel sollte schleunigst dafür sorgen, dass Maaßen das Weite sucht. Mit der politischen "Entsorgung" gewisser Querschläger in den eigenen Reihen hat sie ja einige Erfahrung. Wenn sie diese Kraft nicht mehr aufbringt, wird man ihr zu Recht vorwerfen können, sich wegen eines untergeordneten Beamten in ihren Hosenanzug gemacht zu haben. Es riecht nach Kanzlerinnendämmerung!
m.gu 15.09.2018
3. Herr Kurbjuweit ich glaube nicht an einen Bruch der Koalition.
Die Bundestagsabgeordneten der SPD werden ihre guten Diäten nicht aufs Spiel setzen, davon bin ich zu 100% überzeugt. Sie treten erfolgreich in die Fußstapfen der Politiker der CDU/CSU, denn die gemeinsame Politik wird hauptsächlich nur zum Wohle der Reichen, Vermögenden, Besserverdienenden, Beamten und der Politiker fortgesetzt. Das gemeine Volk kann weiter dafür die Zeche zahlen, denn unser Land Deutschland hat keine Solidarversicherungen, die gesetzlichen Renten - und Krankenversicherungen, wie in unseren westlichen Nachbarländern. Auch die Steuern für die obengenannten Menschengruppen bleiben bei 45%, im Gegensatz dazu unsere westlichen Nachbarländer, Minimum 55% (Österreich) bis 60% (Dänemark, Norwegen). Die 2 - Klassengesellschaft wird in Deutschland erfolgreich vollzogen.
jamguy 15.09.2018
4.
Zitat von jjcameraSollte der Posten des Innenministers frei werden (dafür sprächen bei Seehofer vor allem gesundheitliche Gründe) bliebe er ja nicht unbesetzt. Es würde jemand von der CSU nachrücken: Dobrinth oder Joachim Herrmann wahrscheinlich. Eine kleine Chance wäre, das Verteidigungsministerium der CSU anzubieten und von der Leyen zur Innenministerin zu machen. Die Probleme mit der Migration bleiben aber auf jeden Fall die gleichen. Die haben, logisch gedacht, ja nichts mit Seehofer zu tun, wie viele offenbar glauben, sondern eben mit der Migration.
Die Probleme mit der Migration bleiben aber auf jeden Fall die gleichen. Die haben, logisch gedacht, ja nichts mit Seehofer zu tun, wie viele offenbar glauben, sondern eben mit der Migration. Die Migranten sollte man nur gering Qualifizieren und allgemein schnell in Arbeit bringen wegen der wichtigen Steuer und Renteneinnahmen weshalb Sie hier als nicht Kriegsflüchtlinge ein Bleiberecht bekommen können und ein wirklicher Fehler ist zu Viele zu qualifizieren da Die sonst ausgebildet abwandern wo mehr Verdienst drin ist so wird gewäheleistet das die in Deutschland bis zu 45 J. Steuern bringen!
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