Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


jetzt ist er doch nicht so unbedarft, der junge Hacker, der in der vergangenen Woche dadurch bekannt geworden ist, dass er Politiker und Prominente durch die Veröffentlichung ihrer Daten im Internet ins Schutzlose ausgeliefert haben soll. Zunächst hatte es über den 20 Jahre alten Tatverdächtigen aus Hessen geheißen, er habe nur aus "Ärger" über Aussagen von Politikern und Prominenten getan, was er getan habe. Unsere Titelgeschichte im neuen Heft trägt aber zahlreiche Indizien zusammen, dass er rechtsextreme Positionen verbreitet und mit rechten "Hacktivisten" sympathisiert hat. Er soll "linksversiffte Gutmenschen" beschimpft und die Einschätzung formuliert haben, "die AfD wird die ganzen Clans nicht wegkriegen, da braucht man die NPD, um ordentlich aufzuräumen".

Titelbild
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Heft 3/2019
Jetzt wird's persönlich: Wie Hacker und Trolle Politik und Gesellschaft zersetzen

Unsere Titelgeschichte "Schutzlos" schildert die besorgniserregenden Weiterungen des Falls. Dass das Internet kein sicherer Ort ist, das wissen wir alle (obwohl wir permanent so handeln, als wüssten wir es nicht). Aber die Hacker, die Trolle, die Datenhändler sorgen dafür, dass wir uns in der realen, der privaten Welt nicht mehr sicher fühlen. Wenn das eigene Klingelschild von Unbekannten im Internet gepostet wird, dann hat man nur noch diese eine Sicherheit: bedroht zu sein.

Post aus Berlin

Grenell
Reto Klar/ Berliner Morgenpost/ FUNKE Foto Services

Grenell

Neulich bekamen wir hier im SPIEGEL Post vom US-Botschafter in Berlin, was ja eigentlich eine Ehre ist. Über so viel Textverständnis verfügen wir aber, um herauslesen zu können, dass es kein Schreiben war, mit dem uns Ehre zuteil werden sollte. Richard Grenell empörte sich über den Fälschungsfall in unserem eigenen Haus, über den Fall Relotius.

Das mussten wir hinnehmen, der Mann empörte sich ja vollkommen zu Recht. Dass er uns aber darüber hinaus Antiamerikanismus vorwarf, kam mir merkwürdig vor. Unsere Korrespondentenstellen in New York, Washington, San Francisco und Boston sind unter meinen Kollegen jedenfalls derartig begehrt, dass Antiamerikanismus schon aus diesem Grund kein hervorstechendes Wesensmerkmal des SPIEGEL sein kann.

Auch etwas anderes in dem Schreiben ließ mich stutzen. Leider sei es "beim SPIEGEL gang und gäbe", schrieb der Diplomat wenig diplomatisch, "dass die Journalisten uns nicht einmal anrufen, bevor sie mit dem Schreiben beginnen". Nun hatte ich mitbekommen, dass mein Kollege Konstantin von Hammerstein schon Wochen zuvor um ein Gespräch mit Grenell ersucht haben soll. Soweit ich wusste, vergeblich. Tatsächlich legte Hammerstein nun eine Geschichte über Grenells Rolle in Berlin vor, in der er offenlegte, den Botschafter nie persönlich getroffen zu haben. Nämlich weil eben jener Botschafter ihn nie habe treffen wollen. Mein Kollege stützt sich aber in seiner Geschichte auf Gespräche mit mehr als 30 Informanten, die Grenell seit dessen Amtsantritt erlebt haben. Auf sieben konkrete Fragen, die Hammerstein dann schriftlich an die Botschaft sandte, bekam er eine pauschale Antwort und eine Beschuldigung: Er benutze die "gleiche Taktik wie Claas Relotius".

Merke: Wer den Berichterstatter vorsorglich diskreditiert, schüchtert ihn a.) ein, gelingt dies nicht, ist b.) wenigsten schon die Berichterstattung im Vorhinein diskreditiert.

SPIEGEL-Redakteur Konstantin von Hammerstein erklärt im Video, warum US-Botschafter Richard Grenell im politischen Berlin bisher nicht wirklich Fuß fassen konnte - und wer sich noch auf Grenells Partys einfindet.

Nun habe ich jedes Verständnis, dass Menschen sich wegen einer für sie ungünstigen Berichterstattung sorgen. Berichterstattung aber können und sollen Politiker und Prominente nicht in ihrer Hand haben, dann wäre die Presse nicht mehr frei und wir alle miteinander in den Fängen von Werbung und PR. Politiker sollten Gelegenheiten bekommen, öffentliche Bilder von sich zu korrigieren - aber wenn sie sie nicht ergreifen, ist das jedenfalls nicht das Problem des Berichterstatters, sowie auch das Verhalten und die Äußerungen eines Politikers erst einmal für sich stehen. Repräsentanten von Politik und Öffentlichkeit haben wiederum jedes Recht, Medien skeptisch zu sehen. Sie skeptisch zu sehen, zugleich aber andauernd für eigene Zwecke zu nutzen, wie Grenell das mit Fox News tut, das ruft wiederum bei Berichterstattern Skepsis hervor.

Das Ehrsame Narrengericht zu Grosselfingen

Blaudruck
David Hecker/ DER SPIEGEL

Blaudruck

Sie wissen nicht, was der Blaudruck ist? Wie bitte? Na gut, ich wusste es bis vor drei Tagen auch nicht. Obwohl es sich bei dem Blaudruck offenbar um eine so wichtige deutsche Tradition handelt, dass sie es auf die Unesco-Liste des Immateriellen Kulturerbes geschafft hat. Im bundesweiten Verzeichnis des Immateriellen Kulturerbes finden sich außerdem: das Ehrsame Narrengericht zu Grosselfingen, die Sennfelder und Gochsheimer Friedensfeste, der Hessische Kratzputz oder der Eisenacher Sommergewinn. Tja, Deutschland ist eine große Kulturnation, sogar ohne Bach-Beethoven-Goethe-Schiller. Die Deutschen veranstalten einen erheblichen Aufwand, all die kulturellen Besonderheiten zu katalogisieren. Mein Kollege Christopher Piltz hat sich für das neue Heft aufgemacht, um herauszufinden, wie es so ein Kulturerbe auf die honorige Liste der Unesco schafft oder eben nicht schafft. So viel sei verraten: Da steckt viel Bürokratie dahinter. "Vielleicht wird ja sogar eines Tages die Bürokratie Kulturerbe," sagt mein Kollege, sie sei ja so typisch deutsch.

Auschwitz

REUTERS

Dass wir Deutsche leidenschaftliche Bürokraten sind, das sollten wir uns selbst nicht grundsätzlich vorwerfen. Unser Leben läuft doch alles in allem gerade deswegen erstaunlich gut. In der Vergangenheit aber haben es die Deutschen zu einer schändlichen Berühmtheit gebracht, weil sie in der NS-Zeit ja sogar aus ihren grausigen Verbrechen Verwaltungsvorgänge gemacht haben. Das ehemalige Konzentrationslager Auschwitz ist ein Denkmal hierfür. Dieses Denkmal muss erhalten bleiben, jeder, der einmal dort war, kennt seine erschütternde, auf ewig mahnende Wirkung. Restauratoren kämpfen um den Erhalt der Anlage, müssen sich aber auch die Frage stellen, ob nicht gerade die Erhaltung des Authentischen irgendwann etwas Künstliches bekommt. Mein Kollege Martin Doerry ist mit dieser Frage nach Auschwitz gereist und hat jetzt im neuen Heft - kurz vor dem Jahrestag der Befreiung von Auschwitz - ein nachdenkliches Stück über den Nutzen von Verfall und Erhalt geschrieben.

Gewinner des Tages...

Hannes Jung/ DER SPIEGEL

... ist SPD-Minister Heiko Maas. Die Konkurrenz zu loben, das ist immer eine heikle Kunst. Im SPIEGEL-Gespräch im neuen Heft beweist Heiko Maas, dass er diese Kunst zu beherrschen scheint. Er lobt die CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer: "Ich halte sie für eine verlässliche Politikerin. Und Verlässlichkeit ist für mich ein hohes Gut in der Politik." Auf die Frage aber, ob er AKK im Bundestag zur Kanzlerin wählen würde, sagt er: "Ich würde gerne mal wieder jemanden aus der SPD zum Kanzler wählen". Man beachte auch hier seine Fähigkeit zu sprachlichen Finessen. "Ich würde" ist, grammatikalisch gesehen, dem Konjunktiv II zuzurechnen, der wiederum die Funktion hat, Fantasien, Wünsche, Träume, irreale Bedingungen und eine besondere Höflichkeit auszudrücken.

Dankeschön

Liebe Leserin, lieber Leser, noch einmal möchte ich Ihnen hier ein schönes Wochenende und eine anregende Lektüre wünschen, wie ich es immer an dieser Stelle getan habe, wenn ich Ihnen ein neues Heft vorstellen durfte. Diesmal wünsche ich dem SPIEGEL, dass er in Ihnen noch viele Jahre lang angeregte Leserinnen und Leser findet.

Ich selber verabschiede mich an dieser Stelle von dieser Stelle. Im August 2018 ist für die Zeit ab Januar 2019 eine neue Chefredaktion berufen worden, sie hat den Auftrag, die Redaktionen von SPIEGEL ONLINE und SPIEGEL zusammenzulegen - eine richtige und gute Idee; Ihr tägliches Morning Briefing ist ja bereits ein gemeinsames Projekt beider Redaktionen.

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Mein Kollege Dirk Kurbjuweit, mein Kollege Alfred Weinzierl und ich haben im August den Auftrag bekommen, bis zu diesem Datum die Chefredaktion des Heftes zu übernehmen, wir haben das gerne getan.

In den vergangenen Tagen hat mich der neue Chefredakteur Steffen Klusmann beim Blattmachen begleitet, das hat Spaß gemacht, wie es meinen Kollegen und mir immer Spaß macht (trotz aller Anspannung, die dazu gehört, trotz der Schwere vieler Themen, trotz der Sorge vor Fehlern), für Sie ein neues Heft vorzubereiten. Spaß macht es immer, ernst ist es immer, egal, wo wir SPIEGEL-Leute eingesetzt sind. Ich selber werde, nach einer kleinen Pause, für Sie bald aus dem Hauptstadtbüro und dem Kulturressort berichten und unsere SPIEGEL-live-Veranstaltungen weiter mitorganisieren. Ich freue mich darauf.

Steffen Klusmann und seinem Team wünsche ich das Beste - und vor allem und trotz allem sehr viel Freude.

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Nun also noch einmal: Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, einen herzlichen Dank für Ihr Interesse, Ihre Treue - und ein schönes Wochenende und eine anregende Lektüre,

Ihre
Susanne Beyer

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insgesamt 4 Beiträge
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Seite 1
blurps11 12.01.2019
1.
Wer sich schon mal in Ländern ohne funktionierende Bürokratie durchschlagen musste, weiß die Gründlichkeit der deutschen durchaus zu schätzen, auch wenn es mal etwas länger dauert.
Kurt2.1 12.01.2019
2. .
Der Brief Grenells ist wohl der lächerliche Versuch, die Journalie in Deutschland, hier den Spiegel, einzuschüchtern. Berichten Sie bitte weiter über den Hofhund Trumps in Deutschland. Stellungnahmen seinerseits sind nicht erforderlich. Es ist bekannt, welchem Lügenbaron Grenell dient und welche Aufgaben er in Wahrheit hier zu erfüllen hat. Also - ich warte frohlockend auf den nächsten beitrag über die nächste Idiotie des s.g. Botschafters.
hyichbindas 12.01.2019
3. Freude und Traurigkeit zugleich
Vorhin, als ich gesehen habe dass das heutige Morgenbrifing von Ihnen ist, liebe Frau Beyer, war ich erfreut! Ich lese Ihre intelligenten Texte sehr gerne. Sie waren an dieser Stelle einfach die Beste. Der letzte Absatz stimmt mich jetzt traurig. Vielen Dank für Ihre Beiträge und weiterhin viel Spaß beim Texten!
Fantastic 13.01.2019
4.
Das Beste wäre, den Schwachsinn von Grenell einfach zu ignorieren. Der gibt Trumps Meinung zum Besten. Die kann aber in 5 Minuten schon wieder anders sein. Es macht einfach keinen Sinn mehr, darauf zu reagieren. Man muß einfach feststellen, daß die USA unter Trump komplett ausfallen. Die EU muß sich auf sich selbst besinnen, sowohl wirtschaftlich, als auch verteidigungsmäßig. Trump zwingt die EU geradezu, diese Tatsache zu realisieren. Ein schwieriger und kostenintensiver Prozess, aber notwendig.
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