Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


ja, es ist Liebe. Auf immer und ewig. Die Deutschen verehren die Italiener so sehr, dass sie nicht nur versuchen, ihnen ähnlich zu sein, Vespa zu fahren, Aperol Spritz zu trinken und Sandalen ohne Socken zu tragen - sie verharmlosen auch Ungeheuerlichkeiten italienischer Politik. Nach dem Motto: Die Römer, die spinnen halt manchmal. Da es noch nie funktioniert hat, Liebenden ihre Gefühle auszureden, sollten die Deutschen nun zumindest versuchen, eine anspruchsvolle Form der Hingabe einzuüben: sich in aller Härte vor Augen zu führen, dass die Angebeteten dabei sind, etwas anzurichten, was womöglich kaum wieder gutzumachen ist.

Titelbild
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Heft 23/2018
Italien zerstört sich selbst - und reißt Europa mit

In Rom bringen Populisten mit ihrem Anti-EU-Kurs das europäische Projekt in Gefahr. Matteo Salvini, Anführer der rechtsnationalen Lega, wüster EU-Kritiker (dabei langjähriger, üppig entlohnter EU-Parlamentarier), dominiert schon jetzt das angestrebte Regierungsbündnis mit der Fünf-Sterne-Bewegung. Die Koalition wird aller Voraussicht nach die Staatschulden von mehr als zwei Billionen Euro weiter in die Höhe treiben. Das Land könnte schon bald vor dem Staatsbankrott stehen. Zu retten wäre die drittgrößte Volkswirtschaft der Eurozone nicht.

Und die wirtschaftliche Bedrohung der Eurozone ist nur das eine Übel. Italien trägt in diesen Tagen erheblich zur Erosion der gemeinsamen Werte bei. In gruseliger Einigkeit mit den Rechtspopulisten in Frankreich, Österreich, Ungarn und Polen lässt ausgerechnet Italien - eines der Gründungsländer der EU - den Nationalismus in Europa aufleben und diskreditiert damit den Schwur der Gründerväter: Die wollten den nationalen Egoismen die Vision einer transnationalen Wertegemeinschaft entgegensetzen.

Die Titelgeschichte des neuen Heftes widmet sich dieser doppelten Katastrophe. Wie immer hatten wir etliche Titelbild-Entwürfe zur Auswahl: Illustrationen, die mal eine sinkende Gondel, mal eine davonbrausende Vespa, mal eine heruntergefallene Tüte Eis zeigten. Doch wir, die wir natürlich selber Italien verfallen sind, wollten diesmal unserer ewigen Sehnsucht nach den italienischen Symbolen der Sinnlichkeit und Schönheit nicht nachgeben. Keine Gondel also, keine Vespa und auch kein Eis mit Kugeln in den italienischen Farben grün-weiß-rot. Wir wählten eine Galgenschlinge als Motiv. Und weil es eben doch Liebe ist, besteht die Schlinge nur aus einer Nudel.

Donnerstagnacht haben wir das Titelbild gedruckt. Freitagfrüh fanden wir auf unseren Schreibtischen den neuen Economist vor. Auch das britische Nachrichtenmagazin hat sich für eine Titelgeschichte über Italien entschieden. Auf dem Titelbild: ein Eis. In den grün-weiß-roten Kugeln stecken Zündschnüre. Ich habe Ihnen zwei Fotos von meinem Schreibtisch gemacht.

Susanne Beyer

Einmal sehen Sie die beiden Cover und auf dem anderen Bild das Economist-Cover und unser Inhaltsverzeichnis mit unserer Version der Eistüte.

Susanne Beyer

Europäische Kämpfe - müde Krieger

Europa kämpft an vielen Fronten - nicht nur im Inneren. Die EU muss auch eine Haltung zum amerikanischen Präsidenten finden, der die Sicherheit und den Wohlstand der Gemeinschaft gefährdet. Am Donnerstag hat Trump mit seiner Entscheidung, Strafzölle auf Stahl und Aluminium zu verhängen, Europa den Handelskrieg erklärt. Wer dabei die Verlierer sein werden, zeichnet sich jetzt schon ab: die deutschen Unternehmen und ihre Angestellten. Viele Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel.

Donald Trump
AFP

Donald Trump

Die Europäer, so berichtet unser Wirtschaftsaufmacher im neuen Heft, suchen nach Strategien, sich zu wehren - und sind sich wieder nicht einig. Der französische Finanzminister Bruno Le Maire will Vergeltungszölle erheben, und zwar auf Symbole des amerikanischen Traums: Harley-Davidson-Motorräder und Jeans. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier ist vorsichtiger, er möchte, so sagt er, "eine Todesspirale aus Strafzöllen" vermeiden.

Altmaier verfolgt für sich persönlich übrigens die einzig sinnvolle Strategie. Er behält seinen Humor - auch wenn der manchmal ins Bittere ausschlägt. Mein Kollege Gerald Traufetter hat ihn am Mittwoch auf einem Flug nach Paris begleitet, da ahnte Altmaier schon, dass er bei seinem Treffen mit dem Handelsminister der USA vergeblich versuchen würde, die Strafzölle doch noch zu verhindern. Beim Landeanflug stimmte Altmaier gegen das Gedröhn der Triebwerke ein Lied des Sängers Hans Hartz an: "Die weißen Tauben sind müde".

Der Ingenieur hat es schwör

Noch einmal zurück zu Deutschland und Italien. Steckt nicht in unserem Lob der italienischen Ars Vivendi auch ein verstecktes Eigenlob? Wenn wir sagen, die Italiener könnten zwar feiern, aber die Pünktlichen, die Genauen, das seien nun mal leider wir, erheben wir uns eindeutig selbst. Es spricht doch eigentlich nichts dagegen, geradeheraus und ohne Umwege stolz auf Zuverlässigkeit und Genauigkeit zu sein. Denn die Eigenschaften, die wir uns so gerne selber zuschreiben, machen einen Teil unserer Wirtschaftskraft aus: "Made in Germany" ist ein Gütesiegel. Und niemand verkörpert dieses Gütesiegel besser als die deutschen Ingenieure. Sie bauen die besten Autos, die perfekten Maschinen, das ist ihr Anspruch. Doch was ist in letzter Zeit eigentlich los mit den Ingenieuren? Der Berliner Flughafen wird nicht fertig, die Errichtung der Elbphilharmonie hat viel zu lange gedauert, die Betrügereien beim Diesel sind mehr als peinlich.

Im Video: Virtual Reality im Museum

Wolfgang Maria Weber / Der Spiegel

SPIEGEL-Wirtschaftsredakteur Alexander Jung hat für einen großen Report im neuen Heft zahlreiche Ingenieure in Betrieben und an Hochschulen getroffen und festgestellt, unter welchem Veränderungsdruck sie stehen. Der digitale Wandel bringt ihre gewohnten Arbeitsabläufe durcheinander, eine internationale IT-Elite erweist sich als echte Konkurrenz. Vielleicht können sich die Ingenieure damit trösten, dass sie in der Welt bisher auch für andere Eigenschaften geschätzt wurden als für Pünktlichkeit und Ordnung: für ihre Originalität, ihre Fähigkeit, kreative Lösungen zu finden. Ein bisschen Ars Vivendi gehörte immer schon zu echter Ingenieurskunst. Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit aber müssen unverhandelbar bleiben.

Gewinner...

sollte hier Loris Karius sein, Torhüter des FC Liverpool. Ja klar, im Champions-League-Finale vergangene Woche gegen Real Madrid waren zwei Fehler von ihm mitentscheidend für die Niederlage, das war schrecklich, nicht nur für die Liverpool-Fans, sondern vor allem für Karius selbst.

Loris Karius
ROBERT GHEMENT/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Loris Karius

Wie solche öffentlichen Blamagen wirken, welche Wunden sie hinterlassen, das erzählt der legendäre deutsche Torhüter Oliver Kahn im SPIEGEL-Gespräch im neuen Heft. Im Gespräch steckt auch ein Appell an die reiche Fußballwelt, in solchen Fällen schneller und professioneller psychologische Hilfe bereitzustellen. Wenn also die Fehler von Karius ein besseres seelisches Krisenmanagement bewirken würden, dann würden sie ihn tatsächlich zum Gewinner machen.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen eine spannende Lektüre des neuen Heftes und ein herrliches Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

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insgesamt 34 Beiträge
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Seite 1
haralddemokrat 02.06.2018
1. Ob das Projekt Europa
durch zuviel Frei- und Großzügigkeit sein Ende findet, gefunden hat? Ich denke, das es an der Zeit ist, Resümee zu ziehen und Anpassungen vorzunehmen. Italien wird es niemals schaffen, seine Schulden zu mindern. Das gibt die Wirtschaft und die gesellschaftspolitische Struktur nicht her. Es ist fast schon schizophren zu glauben, das da sich verändert. Aber die Hauptursache der politischen Veränderung mit dem Ruck nach rechts haben wir Deutsche mit verursacht, nämlich die Flüchtlingspolitik. Wir haben Italien mit diesem Problem im Stich gelassen, trotz das wir wussten, das Italien das nicht stemmen kann. Auch sie wird hier zu noch tieferen politischen Veränderungen führen.
omanolika 02.06.2018
2. Traurig
Die Entwicklung in der italienischen Nation, unterstützt schon die europäische Erosion, und, dass sie sich in ne lange Liste einreiht, ist einfach ein echter Grund für Besorgtheit, denn zu der einst hochgelobten Eurozone, sagen nun doch sehr viele: Geht auch ohne... Dass der Nationalismus in Europa auf dem Vormarsch ist, scheint doch gerade ziehmlich fürn Ar§!h oder echter Mist...
d.meinung 02.06.2018
3. und wieder mal....
....sind alle anderen Schuld. Die Deutschen werden es wohl nie begreifen - das grösste Problem Europas heisst Deutschland. Und vor allem - Merkel. Ohne die wahnwitzige Politik Deutschlands der letzen 10-15 Jahre gäbe es weder M5S noch die FPÖ noch all die anderen irrlichternden Gestalten des nationalen Populismus.
loquuntursaxa 02.06.2018
4. Mir fehlt noch ein Beitrag über Spanien
Die neue Lage kann nicht übersehen werden. Das eine Nation undramatisch einen Regierungswechsel durchfuhrt ist wohl eine Leistung die einen Lob verdient. Ein Zeichen von demokratisch strak verwurzelte Institutionen dienen zur Sicherheit im Euro räum. Ist das nicht ausreichend für ein Paar Sätze?
dirk1962 02.06.2018
5. Ja die EU hat reichlich Probleme
Wascwird dagegen unternommen? - richtig, wenig bis gar nichts. Statt die neue Regierung in Italien lautstark zu kritisieren, noch bevor sie überhaupt angefangen hat zu arbeiten, würde es mehr Sinn machen sich mit ihnen zusammenzusetzen. In der Griechenland Diese gab es alle paar Wochen einen Gipfel in der EU. Warum nicht jetzt auch wieder?
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