Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


man soll ja grundsätzlich nicht fluchen, in einem Brief an die Leserinnen und Leser schon gar nicht. Darf aber ein Fluch erlaubt sein, wenn wir hier in der SPIEGEL-Redaktion für unsere Leserinnen und Leser etwas vorbereitet haben, das wir dann doch nicht ganz so bringen konnten wie geplant? Wenn es also die äußeren Umstände waren, die uns gehindert haben, somit nicht wir schuld sind, sondern definitiv die Bundeskanzlerin? Und der Lindner. Und der Dobrindt sowieso - der ganz besonders.

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Heft 47/2017
Mitten in Deutschland - Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Dieses Morning Briefing am Samstag hat ja eine andere Funktion als der Newsletter, den Sie unter der Woche bekommen. Am Samstag möchten wir Sie neugierig machen auf unser Heft, das soeben erschienen ist, hin und wieder möchten wir Ihnen Einblicke in unsere Werkstatt geben. In unserer Werkstatt ist immer viel los, in den vergangenen Tagen besonders. Als wir davon erfahren haben, dass die Berliner Sondierungsgespräche in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zu einem Ende kommen sollen, haben wir sofort Pläne gemacht, wie wir unsere Recherchen und Analysen dazu in den SPIEGEL bringen, an dem wir gerade arbeiteten. Es war kompliziert. Wir fangen nämlich eigentlich donnerstags kurz vor Mitternacht an zu drucken, uns war aber klar, dass die Gespräche bis in den frühen Freitagmorgen würden dauern können. So haben wir den Druck des größten Teils unserer Auflage auf den Freitagmorgen verschoben und uns auf alle denkbaren Szenarien vorbereitet: Scheitert Jamaika? Kommt Jamaika?

Nun ja, Sie ahnen, wie jene Nacht dann verlaufen ist. Warten auf Berlin. Anrufe nach Berlin. Ausdeutung kleinster Anzeichen. Und dann die Nachricht: Doch keine Einigung, Fortsetzung der Gespräche am Freitag. Für uns ein Heft ohne Jamaika.

Wir werden - und nun kommt ein erstes Trotzdem -, wir werden Sie aber trotzdem, wenn Sie mögen, mit all unserem Wissen über die Berliner Verhandlungen behelligen, auf SPIEGEL ONLINE sowieso, je nach Fortgang der Ereignisse auch in unserer digitalen Ausgabe und unter dem Link.

Kanzlerin Angela Merkel
Getty Images

Kanzlerin Angela Merkel

Zweites Trotzdem

Und es gibt ein zweites Trotzdem: Sie werden natürlich trotzdem ein Heft mit großartigen Geschichten vorfinden. Sie können lesen, wie der Flixbus Europa verändert oder wie eine deutsche Aussteigerin von ihrem Alltag zwischen Bomben und Nutella im "Islamischen Staat" erzählt. Außerdem: das Porträt eines Saturn-Managers, der offenbar unschuldig in Haft saß und ein anderes über Afrikas schillerndsten Herrscher Robert Mugabe, einst Lichtgestalt, dann Diktator und nun ein abgesetzter Greis. In einem weiteren Stück gibt eine junge Frau Einblick in ihr fürchterliches Leben mit der Magersucht. Der Sänger Morrissey äußert sich in einem SPIEGEL-Gespräch zu seinen Groupies und zu Trump und zu Merkel.

Robert Mugabe
AP

Robert Mugabe

Hetze und Einschüchterung im Namen Erdogans

Und dann ist da unsere Titelgeschichte über Getreue des türkischen Präsidenten Erdogan, die Andersdenkende in Deutschland angreifen. Ich hatte mir, bevor meine Kollegen mit den Vorbereitungen der Geschichte begannen, nicht vorstellen können, wie heftig die Konflikte zwischen diversen Gruppen von Türkeistämmigen - zum Beispiel zwischen den Liberalen und den Konservativen - inzwischen sind. Warum, so fragte ich mich, war mir das Ausmaß neu? Manchmal, ach nein, ziemlich oft sogar, fürchtet man sich ja vor sich selbst, oder? Man fürchtet sich, ohne zu merken, dass man sich fürchtet, und dann schaut man halt nicht so genau hin, um alles richtig zu machen. Genau das ist dann der Fehler. Deutsche möchten mehrheitlich keine Rassisten sein, ihre Vorväter waren es ausgiebig genug. Deswegen beschäftigt sich die Mehrheitsgesellschaft sicherheitshalber nicht genauer mit besagten Konflikten - obwohl sie mit der Mehrheitsgesellschaft zu tun haben und durch Wegschauen erheblich befördert werden.

Verliererin und Gewinner des Tages

Verliererin ist die junge Politikerin Jenna Behrends. Warum? Zu spät dabei zu sein, das ist schlecht, zu früh aber auch. Die junge Politikerin hatte ein Jahr vor dem Beginn der #MeToo-Debatte in einem feministischen Magazin einen offenen Brief an die CDU geschrieben über Sexismus in ihrer Partei. Ein CDU-Senator habe sie "große süße Maus" genannt, genau dieser Senator habe später angeblich einen Kollegen gefragt "Fickst du die?". Britta Stuff aus dem Berliner Hauptstadtbüro beschreibt im neuen Heft die Folgen dieses offenen Briefes: In der Partei habe sich nichts geändert, im Leben der jungen Politikerin aber viel - zu deren Nachteil.

Jenna Behrends
Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

Jenna Behrends

Britta Stuff hat in unserem neuen Heft aber auch den Mann interviewt, der hier der Gewinner sein soll. Gemeinsam mit meinem Kollegen Markus Dettmer traf sie Norbert Blüm, Politiker-Legende der alten Bundesrepublik. Sie sprachen über Abschiede, vor allem über den Abschied von Blüms schwierigem Weggefährten Helmut Kohl, der im Sommer gestorben ist: "Am Grab hören alle Gefechte auf", so Blüm. Er charakterisiert Kohl als empfindsam und bedürftig: "Er wollte geliebt werden".

Norbert Blüm
Hannes Jung/ DER SPIEGEL

Norbert Blüm

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Ihnen eine spannende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

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FinWir.de 18.11.2017
1. Für Feministinnen scheinen rechtstaatliche Grundsätze nicht zu gelten
Ich denke, dass tatsächlich an viele Vorwürfen etwas dran ist, nur ist deren Aufklärung und juristische Einordnung Aufgabe von Staatsanwälten und Gerichten. Bis dahin gilt für jeden Angeklagten unschuldig, bis die Schuld bewiesen ist. Dass dies auf Twitter und MeeToo ausgehebelt wird ist bedenklich. Denn eines ist auch klar, stehen Vorwürfe erst einmal im Raum, bleibt immer etwas haften. Unabhängig davon, ob es am Ende stimmt oder nicht. Das Frauen zum eigenen Vorteil falsche Anschuldigungen tätigen, haben wir bei Kachelmann und Gina-Lisa Lohfink gesehen. Letztere hat dank Maas eine überaus kritische Gesetzesänderung nach sich gezogen, ersterer ist trotz Falschanschuldigungen wirtschaftlich und persönlich ruiniert.
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