Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


wenn es um das Tempo ihrer Sondierungsgespräche für eine mögliche Koalition geht, sind Union, FDP und Grüne offenbar entschlossen, sich an der legendären Lässigkeit der Ferieninsel Jamaika zu orientieren. Erst mussten die Parteiführer unbedingt die Landtagswahl in Niedersachsen abwarten, bevor sie mit dem Sondieren begannen. Dann stellten sie derart große Delegationen zusammen, dass ihre Gespräche aussehen wie kleine Parteitage. Und nun vertändeln sie die ersten Gesprächstermine, indem sie sich, wie zu hören ist, gegenseitig die Wahlprogramme vorlesen.

Zu hoffen ist, dass sich bei den heutigen Fraktionssitzungen der Jamaika-Parteien der eine oder andere Hinterbänkler findet, der seine tiefenentspannten Spitzenkräfte mit einer naheliegenden Prognose konfrontiert: Wenn es in diesem Stil weitergeht, hat die Republik noch zum nächsten Osterfest keine Regierung.

Merkels Mehrheit

AFP

Viele Beobachter mochten es kaum glauben, als sie die Kanzlerin in der Wahlnacht sagen hörten, die Union habe "ihre strategischen Wahlziele" erreicht. Wie bitte, das schlechteste Unions-Ergebnis seit 1949 - in Wahrheit ein Sieg? Was klingt wie ein Witz ist in Wahrheit Angela Merkels tiefe Überzeugung, wie mein Kollege René Pfister in einer Analyse des Unions-Ergebnisses zeigt, die Sie heute auf SPIEGEL Plus nachlesen können. Das Erstarken der AfD ist danach nicht nur einkalkuliert, es ist Bestandteil von Merkels Strategie.

Schlechtes Klima bei der Bahn

DPA

Die große Koalition ist nur noch geschäftsführend im Amt, aber das verstehen die Spitzen von Union und SPD offenbar als Aufforderung, die Geschäfte eines der wichtigsten deutschen Staatskonzerne zu durchkreuzen: der Bahn. Weil SPD und Union im Aufsichtsrat völlig zerstritten sind, scheiterten die Bahnbosse in den vergangenen Wochen zum wiederholten Mal bei dem Versuch, mehrere Vorstandsposten zu besetzen. Heute will Konzernchef Richard Lutz die neue Klimastrategie des Konzerns vorstellen, doch wird er dabei an einer Erkenntnis kaum vorbeikommen: Für die Bahn ist nicht die Erderwärmung das Problem, sondern das Parteibuch.

Suppenhaft in Berlin

DPA

Über Geschmack lässt sich bekanntlich nicht streiten; es sei denn, es geht ums Essen. Nachdem der "Tagesspiegel" kürzlich eine vernichtende Restaurant-Kritik über den Berliner Vegan-Koch Attila Hildmann gedruckt hatte ("in Öl gebadeter Tofu", "labbrige Brötchen", "verschwitzte Mitarbeiter"), verhängte der Gastronom zunächst ein Hausverbot für alle Schreiber des Blattes. Inzwischen hat Hildmann sein Sanktionsregime allerdings gelockert. Ab sofort sind alle Journalisten zum Testessen eingeladen (am kommenden Mittwoch, Anmeldung unter snackbar@attilahildmann.de) Offenbar war der Koch beeindruckt, wie "Tagesspiegel"-Chefredakteur Lorenz Maroldt den kollektiven Restaurant-Bann zwischenzeitlich genannt hatte: "Suppenhaft".

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Gewinner des Tages...

REUTERS

... ist Silvio Berlusconi. Die Regierungsbilanz des ehemaligen Ministerpräsidenten Italiens ist mit "durchwachsen" zwar noch freundlich beschrieben. Aber dafür darf sich der Bunga-Bunga-Regent rühmen, einem aktuell besonders erfolgreichen Politiker-Typus zum Durchbruch verholfen zu haben: dem Milliardär-Populisten. Nach Donald Trump in den USA gehört nun auch der tschechische Unternehmer Andrej Babis in die Reihe jener Wahlsieger, die sich wie einst Berlusconi darauf verstehen, Regierungsämter und geschäftliche Interessen geschickt zu verbinden und sich als Vollstrecker des Volkswillens zu inszenieren. Fazit: Es gibt Siege, die man nicht wirklich feiern mag.

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die neue Woche.

Herzlich,

Ihr Michael Sauga

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insgesamt 3 Beiträge
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echoanswer 23.10.2017
1. Hatten wir ...
die letzten 12 Jahre eine Regierung? Ich habe nichts bemerkt, außer einer Alleinunterhalterin.
jufo 23.10.2017
2. Besser keine Regierung als Jamaika
SPON schreibt doch selber, dass die arg unterschiedlichen Interessen der Parteien zu enorm hohen Ausgaben führen werden, weil jede Partei ihren Wählern viel versprochen hat. Ich persönlich halte mehr von Investitionen als von Konsum, am Ende müssen wir alles irgendwie zahlen. Ich würde mich freuen, wenn die Regierungsbildung erst nach der nächsten Wahl klappte.
mhuz 23.10.2017
3. ein ewiges JAMMERN
Jetzt jammert doch nicht schon wieder - vielleicht dauert es auch 4 Jahre und keinem fällt es auf. Im Grunde sind doch die Wähler selber schuld, hätten sie so gewählt, dass nur eine Partei vorne liegt, dann wäre alles klar - jetzt müssen sie halt warten. Wie lange hat Niederlande gebraucht ? Mal jammert man, weil eine Partei alles überlagert und dann jammert man, weil alles zu undurchsichtig ist . Jammern, Jammern - dann heult doch. Oder schreiben, dass geschrieben ist.
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