Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


Angela Merkel hatte es sich ja wirklich überlegt, ob sie noch einmal als Bundeskanzlerin antreten soll. Und dann gewann Trump die US-Wahlen. Und dann kam Obama zu Besuch und ermunterte sie. Und dann hat sich die "New York Times" zu dem Satz hingerissen, die deutsche Bundeskanzlerin sei doch die letzte Verteidigerin des liberalen Westens. Und schließlich hat sie sich eben doch zur Wahl gestellt und gewonnen. Aber die Anführerin der freien Welt ist Angela Merkel zurzeit nicht. Im Gegenteil. Sie spielt außenpolitisch kaum eine Rolle. Warum? Liegt es an der langwierigen Regierungsbildung? Diese Erklärung greift zu kurz. Es spricht manches dafür, dass sie mit ihrem Regierungsstil, der immer abwägend, detailversessen, pragmatisch gewesen ist, in der Ära Trump, im Zeitalter also von Feuer und Zorn, nicht mehr durchdringt.

Gregor Fischer / DPA

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Heft 17/2018
Es geht um Freiheit und Demokratie - Macron braucht Hilfe, doch Deutschland versagt

In jenen hellen Septembertagen des Jahres 2005, als Merkel sich anschickte, die Regierungsgeschäfte zu übernehmen, war die Welt vollkommen anders als heute. Das Smartphone - Symbol für die Globalisierung - hat inzwischen das Leben der meisten Menschen erreicht und spürbar verändert. Globalisierung und Digitalisierung haben einen Epochenbruch bewirkt. Wie alle Epochenbrüche löst auch dieser Gefühle aus: neben dem Glück durch neue Chancen ist da auch Angst, Verstörung und daraus folgend Hass. Die besonnene Angela Merkel kann mit dem Gefühlsrausch kaum umgehen.

Ein Ergebnis des globalen Gefühlsrausches war die Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA. Ein anderes Ergebnis war die Wahl Emmanuel Macrons zum Präsidenten von Frankreich. Anders als Trump, der seine Impulse nicht kontrollieren kann, ist Macron im besten Sinne Verstands- und Gefühlsmensch zugleich. In nur einem Jahr hat er es geschafft, die geistige und emotionale Führung Europas an sich zu reißen. Bei aller Kritik, die im Einzelnen an ihm zu üben wäre, ist es richtig, dass er die große Lücke im Herzen Europas gefüllt hat. Denn es geht um viel, um alles, um Freiheit, um Demokratie.

"Wer rettet den Westen?" lautet die Titelzeile des neuen SPIEGEL. Auf dem Cover sind zu sehen: eine ratlose Merkel, ein entschlossener Macron. Im Hintergrund die Bedrohung: Trump, der aus Feuer und Zorn besteht.

"Trump regiert wie ein Mafia-Boss"

"Feuer und Zorn" hieß ja das erste Enthüllungsbuchs über Trump in diesem Jahr. Vor wenigen Tagen ist bereits das zweite große Enthüllungsbuch erschienen, diesmal schrieb es James Comey, der von Trump gefeuerte Ex-FBI-Chef. Anders als Michael Wolff, Journalist und Autor von "Feuer und Zorn", hatte Comey für sein Werk "A Higher Loyalty" einen langfristigen exklusiven Zugang zum amerikanischen Präsidenten. Er schildert alles aus nächster Nähe.

Im Video: James Comey - Der Rächer

Dem SPIEGEL hat Comey als einzigem deutschsprachigen Medium ein Interview gegeben. Wir haben es zu unserer Titelgeschichte gestellt. Comey ist vor seiner Zeit beim FBI lange Zeit Staatsanwalt in New York gewesen und damit auch Ankläger der Mafia. Über Trump sagt er: "Er regiert wie in Mafia-Boss. Die meisten ethisch verantwortlichen Anführer haben externe Referenzpunkte, an denen sie sich bei Entscheidungen orientieren - sei es Philosophie, Religion, Logik, Tradition, Geschichte. Aber bei den Mafiachefs, mit denen ich über die Jahre zu tun hatte, geht es immer nur um den Boss. Was kannst du für mich tun, wie dienst du mir?"

"Facebook ist gefährlicher als Trump"

In zwei weiteren SPIEGEL-Gesprächen in der neuen Ausgabe ist ebenfalls von Trump die Rede. Horst Seehofer hatte ihn vergangenes Jahr noch gelobt. Das tut er jetzt nicht mehr. Im SPIEGEL sagt er: "Was da in den letzten Monaten abgeliefert wurde, würde mich nicht veranlassen, meine Äußerungen zu wiederholen".

Dominik Butzmann / DER SPIEGEL

Im SPIEGEL-Gespräch mit dem Philosophen Richard David Precht geht es um das digitale Zeitalter und nur am Rande um Trump. Precht hält "langfristig gesehen" Facebook für gefährlicher als Trump. "Die Trumps kommen und gehen. Die Gefahr, dass Facebook bleibt, ist groß". Das Silicon Valley stehe in einer "totalitären Tradition". Das Menschenbild sei viel näher am Stalinismus als an den freiheitlichen Demokratien.

Im Video: Richard David Precht - Bürgerphilosoph und Klischeefackelträger

Andreas Teichmann / Laif

Gerade und ungerade Fragen

Guter Journalismus basiert auf den richtigen Fragen. Jeder Artikel sollte eine gute Antwort auf die richtige Frage sein. Richtige Fragen können gerade und ungerade sein. Was ich mit "ungeraden Fragen" meine, sage ich gleich.

Etliche spannende Geschichten im neuen Heft sind entstanden, als meine Kollegen sich die richtigen geraden Fragen gestellt und dann recherchiert haben.

Zum Beispiel:

Ein Beispiel für eine ungerade (und gleichwohl richtige) Fragestellung soll die Reportage meiner Kollegin Barbara Hardinghaus sein. Seit der Flüchtlingskrise stellen sich viele Leute die Frage, ob und wenn ja in welcher Weise einzelne oder mehrere Flüchtlinge Deutschland ausnutzten. Hardinghaus hat die Frage umgedreht und zu einer ungeraden gemacht: Ob es nicht einzelne oder mehrere Deutsche gäbe, die ihrerseits Flüchtlinge ausnutzten? Antwort: Die gibt es. Hardinghaus erzählt die beklemmende Geschichte eines Flüchtlings, dessen Elend von älteren deutschen Freiern im Berliner Tierpark auf widerliche Weise ausgenutzt wird. Es sind übrigens viele deutsche Freier.

Gewinnerin des Wochenendes...

...wird Andrea Nahles sein. Alles spricht dafür, dass sie morgen auf dem Parteitag in Wiesbaden zur SPD-Chefin gewählt werden wird. Mein Kollege Veit Medick hat in der neuen Ausgabe ein großes Porträt über sie geschrieben, für das er auch Ex-SPD-Chef Franz Müntefering getroffen hat, der durchaus nicht nur die besten Erfahrungen mit Nahles gemacht hat. Er aber sagt jetzt: "Ich finde es gut, dass sie das jetzt macht. Da ist viel mehr Solidität drin, als man denkt, wenn sie so losbollert."

Im Video: Andrea Nahles - "Mrs. Abi 1989"

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen eine anregende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre
Susanne Beyer

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
Kurt2.1 21.04.2018
1. .
Deutschland und Frau Merkel sollen sicher nicht die Führerschaft der freien Welt anstreben und die Bombardierung fremder Länder als Außenpolitik zu bezeichnen, halte auch ein wenig gewagt. Deutschland hat weder die Mittel, noch die Kraft, noch das Personal, irgendwas zu führen. An Syrien ist erkennbar, dass im Moment die Mäuse auf dem Tisch tanzen. Es wird schwer sein, die wieder einzufangen. Wenn jemand die Macht dazu hat, dann die USA.
rambazamba1968 21.04.2018
2. Merkel kommt international nicht vor
ja genau. Ich unterstelle Merkel jedoch Kalkül. Sie macht das aus wirtschaftlichen Interessen. Sie müsste doch normalerweise Trump Einheit gebieten und ihn zurecht weisen. Das macht sie aber nicht, damit sie im Hinterzimmer keine Strafzölle usw. aushandeln kann. Ich finde das verlogen und auch gefährlich, so wie sich momentan die internationale Politik entwickelt. Und eins steht fest. Merkel wird in der USA gehört. Wenn Sie zum Beispiel in einer Bierzeltrede davon redet, dass man sich nicht mehr auf die USA als Partner verlassen kann, war das in der USA ein politisches Erdbeben. D.h. sie könnte mal gewaltig mit der Faust auf den Tisch hauen. Das macht sie aber nicht, wohlweislich. Das kann man jetzt als clevere Realpolitik hinstellen. Ich glaube, einer internationalen Eskalation zu zusehen, ist brandgefährlich.
rimbini 21.04.2018
3.
Trump hat Erfolg auf allen Ebenen, die Schreiberlinge werfen ihm jedoch aus ideologischen und idiotischen Gründen Steine in den Weg.
micromiller 21.04.2018
4. Die Macht korrumpiert und
Ex-FBI-Chef Comey ist ebenfalls ein sehr gutes Beispiel dafür. War es nicht seine Organisation die vor Jahren die falschen Vorlagen für den Irak Krieg lieferte. All diese Helden an der Macht spinnen ihre eignen Gewebe .. .Comey macht gerade einige Millionen US$ mit seinem Anti Trump Buch .. Wir Europäer sollten uns ernsthaft und schnellstens unserer Identität und Eigenständigkeit besinnen und endlich ein einiges, unabhängiges, starken Europa bauen. Wir sollten unser eigener Machtblock werden und nicht hinter den USA her hinken und der Welt eine demokratische, soziale und liberale Alternative anbieten.
keine Zensur nötig 21.04.2018
5. Der Tag wird schön, die Lage ist verfahren
Warum? Weil westliche Staatenlenker seit der Jahrtausendwende jenseits auch für sie geltenden Rechts agieren. Und notfalls wird es dann noch verschlimmbessert. Auch Herr Macron ist kein Retter, sondern ein Mitzerstörer - nach innen, wenn man anschaut was derzeit in Frankreich demonstriert wird (kommt natürlich in Schland garnicht an) und aussenpolitisch mit völkerrechtswidrigen Aktionen eines größenwahnsinnigen Hasardeurs. Rettung? Ja, die kann es geben. Ziviler Widerstand gegen die Rechtserosion der Staaten, den gegen das Wohl der Völker Agierenden das Mandat entziehen und ein sehr notwendiges Erwachen der Medien als Vierte Gewalt im Staate. Also - Hausaufgaben machen, liebe Medien und sich nicht immer als Hofberichterstatter gerieren. Was Frau Nahles betrifft - sie wird dank genügend Aparatschiks wohl die Bestätigung als "Erbnachfolgerin" bekommen - verlieren wird die alte Tante SPD, die ihren anderen EU-Schwestern folgen wird. Kaputt gewirtschaftet durch gewissenlose Karrieristen. Schade.
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