Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


bald nach dem Mauerfall, im Jahr 1990, war plötzlich vom Ende der Geschichte die Rede. Für kurze Zeit sah es so aus, als gäbe es für lange Zeit keine Ideologien mehr. Deswegen musste auch Karl-Marx-Stadt auf einmal Chemnitz heißen, denn Karl Marx galt als schlimmer Ideologe. Heute aber, an diesem 5. Mai, wird der Denker überall auf der Welt gefeiert. Für seinen 200. Geburtstag und seine Leistung, die Kapitalismuskritik erfunden zu haben. Die ehrfürchtigen Karl-Marx-Festspiele beruhen auf der Erkenntnis, dass die Kämpfe der Geschichte längst zurückgekehrt sind. Und zudem auf der Erkenntnis, dass die Gesamtlage viel zu kompliziert ist, als dass einzelne Figuren der Vergangenheit für heutige Kämpfe verantwortlich gemacht werden könnten.

Karl-Marx-Monument in Chemnitz
Uwe Meinhold/ DDP Images

Karl-Marx-Monument in Chemnitz

Titelbild
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Heft 19/2018
Zum 200. Geburtstag von Karl Marx: Wie ein besserer Kapitalismus die Welt gerechter machen kann

Auch der Kapitalismus hat sich verändert. Er folgt neuen Gesetzen: denen der Digitalisierung, der Globalisierung. Deswegen hat sich auch die Kapitalismuskritik verändert. Für unsere Titelgeschichte haben wir den alten Marx in Frieden ruhen lassen, wir feiern ihn nicht, wir verdammen ihn nicht, wir wenden uns vielmehr den Protagonisten der neuen Kapitalismuskritik zu und deren Ideen für eine gerechtere Welt. Unsere Titelzeile: "Geld für alle". Die Zeile bezieht sich übrigens auf realistische Szenarien, auf das bedingungslose Grundeinkommen zum Beispiel.

Im Video:

Michael Bohmeyer verschenkt mit seinem Verein bedingungslose Grundeinkommen. Wie leben die Gewinner bisher damit? Wer zahlt das Ganze? Und was könnte es an den Grundbedingungen des Kapitalismus ändern?

German Angst 1

Es gibt mehrere Methoden, sich den Ereignissen oder Figuren der Vergangenheit zuzuwenden. Man kann die Historie als gedankliches Absprungbrett nutzen, um über das Heute nachzudenken - das ist die Methode unserer Titelgeschichte. Aber auch das Gegenteil ist möglich: Die völlige Versenkung in die Tiefen der Vergangenheit. Dies allerdings ist eine Methode, die zum Journalismus nicht passt. Der Begriff Journalismus entstammt dem französischen Wort "jour". Jour ist der Tag. Und dies verpflichtet Journalisten, das Hier und Jetzt zum Ausgangspunkt zu machen.

Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale
DPA

Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale

Ein zweites Jubiläum beschäftigt uns im neuen Heft: 400 Jahre Dreißigjähriger Krieg. Mein Kollege Guido Kleinhubbert begibt sich in seinem Text tief hinein in die Schlachten von damals, er schildert sie in vielen Details - zu einem üblichen Tross zum Beispiel gehörten nicht nur Soldaten, sondern auch Prostituierte, Gaukler, Wahrsager. Doch auch Kleinhubbert schaut von heute aufs Damals. Er fragt, ob in diesen fürchterlichen Schlachten der Ursprung jenes Gefühlzustands liegt, für das die Deutschen in aller Welt bekannt sind: die German Angst.

German Angst 2

Sven Doering / Agentur Focus

Häufig entscheiden sich Historiker für den Beruf des Journalisten. Die Arbeitsweisen sind verwandt: das Auffinden von Quellen, der Vergleich mit anderen Quellen, das Abwägen von Indizien, schließlich das Urteil. Zum Quellenfundus von Journalisten gehören auch Statistiken. Journalisten sollten mit Statistiken allerdings genauso sorgsam umgehen wie Historiker mit ihren Quellen: keine voreiligen Rückschlüsse! Meine Kollegin Beate Lakotta hat sich die Polizeiliche Kriminalstatistik angesehen, die in den nächsten Tagen offiziell vorgestellt wird. Sie hat sie mit anderen Statistiken verglichen, hat sich auch angesehen, wie Statistiken der Vorjahre interpretiert worden sind - oder besser: politisch instrumentalisiert. Sie kam zu dem Schluss, dass die Angst der Deutschen vor Gewaltkriminalität unberechtigt ist. Das Risiko, zum Opfer zu werden, ist fast nirgendwo so niedrig wie hierzulande. Was aber tun gegen die German Angst, die ja trotzdem da ist? Vorschlag: Statistiken genau lesen oder - komfortabler - den Artikel der Kollegin Lakotta.

Angst im System WDR

Zur Methodik von Historikern können auch Zeitzeugengespräche gehören - wieder eine Parallele zum Journalismus. Mehr als zwei Monate recherchierten meine Kollegen Laura Backes, Ann-Katrin Müller und Lars-Olav Beier in der deutschen Film- und Fernsehbranche, um Machmissbrauch aufzudecken. Sie sprachen mit Zeitzeuginnen. Im Artikel meiner Kollegen im neuen SPIEGEL führt wieder eine Spur zum WDR. Hat Fernsehfilmchef Gebhard Henke seine Macht missbraucht, indem er Schauspielerinnen und Regisseurinnen sexuell belästigte?

Gewinner des Tages...

...sind heute zwei Personen, ein Mann, eine Frau, die aus der Zeit gefallen sind und dieses Schicksal mit Witz und Gelassenheit zu tragen verstehen.

AP

Erstens: Prinz Harry, Spross einer im Schwinden befindlichen Institution, der Monarchie. Er wird in diesem Monat heiraten und zeigen, dass die Monarchie eben doch noch nützlich ist: Unser London-Korrespondent Jörg Schindler beschreibt in einem Porträt im neuen Heft, wie der britische Prinz mit seiner Vermählung dem Volk über die Brexit-Tristesse hinweghilft.

Peter Rigaud/ DER SPIEGEL

Zweitens: Barbara Schöneberger. Sie ist die letzte Heldin der klassischen Fernsehunterhaltung. Die großen Shows für die ganze Familie - das sogenannte Lagerfeuer-Fernsehen - gibt es kaum noch, denn jedes Familienmitglied hat heute sein eigenes kleines Lagerfeuer: ein Smartphone. Und Talente wie Schöneberger sind eine Seltenheit. In Sekunden kann sie die Mitte einer Halle mit Tausenden von Zuschauern werden. Sie macht Witze über sich selbst, sie entäußert sich - und versteht es trotzdem, sich zu schützen. Mein Kollege Alexander Kühn schildert diese erstaunliche Mischung in einem Porträt im neuen SPIEGEL: Zwei Jahre hat Schöneberger ihn warten lassen, schließlich empfing sie ihn - und ließ sich dann sogar dabei zusehen, wie ein Visagist ihr die Beine rasierte.

Außerdem im neuen Heft:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen eine anregende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

Anmerkung der Redaktion: In der ersten Version dieses Textes hieß es, der Dreißigjährige Krieg habe vor 500 Jahren begonnen - tatsächlich ist er vor 400 Jahren ausgebrochen.

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insgesamt 39 Beiträge
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diorder 05.05.2018
1. Ist der Kapitalismus noch zu retten ?
Ist der Kapitalismus geeignet , unseren Planeten, Mensch und Natur noch zu retten? Lieber Gott Markt, bist Du noch zu retten , so mit Mutter Erde und ihren Lebewesen umzugehen ! Nur eine gobale, ökologische, soziale Marktwirtschaft wird uns retten. Aber dazu gehts uns und den Kapitalisten noch zu gut und der Mehrheit der Menschheit noch nicht schlecht genug.
cerberus66 05.05.2018
2. "Geld für alle"
Der Titel suggeriert, dass (mal wieder) Geld mit Einkommen gleichgesetzt wird. Wenn die Geldmenge erhöht und anschließend umverteilt wird, führt das erwartungsgemäß zur einer Nachfragesoginflation - also steigende Preise bei allen Gütern eines festgelegten Warenkorbs. Sprich, die ärmeren Leute haben mehr Geld, können sich aber nach relativ kurzer Zeit nicht mehr viel leisten. Der Effekt ist also wie ein Strohfeuer, der am Ende nur ein höheres Preisniveau hinterlässt. Und ich wage zu behaupten, dass genau dies mit der Einführung eines Grundeinkommens für alle in Höhe von mindestens 1000EUR monatlich eintreten würde.
joG 05.05.2018
3. Kommische Frage ...
...das. natürlich ist der "Kapitalismus noch zu retten" und wir sollten alle beten, dass es uns gelingt. Dass Marx Aussage zur vollautomatischen Wirtschaft Ähnlichkeit hat, bedeutet nicht, dass der Kapitalismus, also die Ausrichtung der wirtschaftlichen Allokation nach Preisen, nicht die optimale Wirtschaftsform ist, wenn man ihr die richtigen Regeln gibt. Man muss diese Regeln aber mit diesem Wissen angehen. Dann überlebt der Kapitalismus und bleibt bobbl gesund.
haralddemokrat 05.05.2018
4. Marx hat
und wird fast recht behalten. Der Mensch wird immer nach Wohlstand gieren damit dem Kapitalismus das Fundament gestalten. Daher wird es kein Ende geben aber einen Niedergang. Wir sehen es an Europa. Es werden Schulden sozialisiert und horrende Schulden zu begleichen, wo eigentlich ein Bankrott vorliegt, der nach den heutigen Wirtschaftsgrundlagen abgewickelt werden müsste. Beispiele gibt es genug - Griechenland, Italien. Es sind Länder, denen sogar nach kapitalistischen Wirtschafts- und Rechtsgrundlagen noch nicht einmal das Land mehr gehört. Der Kapitalismus ist wie eine auszehrende Krankheit. Am Anfang gibt es Medikamente und Vitaminpräparate, der Patient strotzt noch einmal vor Kraft aber die Auszehrung kann nur verzögert werden. Am Ende geht dem Patient die Kraft aus und so geht es auch den Ländern. Auch bei uns ist die jetzige Hochphase verdächtig. Sie verstärkt immer mehr das soziale Ungleichgewicht und wird auf Dauer die Probleme überproportional verstärken. Wir sind auf diesem Höhepunkt angelangt und werden ihn nicht mehr lange halten können. Man sind es an der Inflationsentwicklung. Sie beträgt nicht 1,6 sondern über 4%. Das ist auf Dauer tödlich, denn es zehrt den immer größer werdenden Anteil der kapitalschwachen Bevölkerung noch mehr aus, bis nichts mehr da ist. Die zwei größten Faktoren sind Rente und Miete. Sie bestimmen in den nächsten 3 Jahren die Entwicklung des Kapitalismus und seiner Politik.
Emma Woodhouse 05.05.2018
5.
«Deswegen musste auch Karl-Marx-Stadt auf einmal Chemnitz heißen, denn Karl Marx galt als schlimmer Ideologe.» Umgekehrt wird ein Schuh draus: 1953 wurde das 800-jährige Chemnitz 'auf einmal' in Karl-Marx-Stadt zwangsumbenannt. 1990 erhielt es seinen historischen Namen zurück.
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