Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


er ist 28 Jahre alt, und er ist der Politiker der Stunde, der Mann, der Martin Schulz und Angela Merkel das Fürchten lehrt. Kevin Kühnert, Vorsitzender der Jusos, der eine furiose Kampagne gegen die Große Koalition führt. Heute um elf Uhr gibt er im Willy-Brandt-Haus in Berlin eine Pressekonferenz.

Er ist jung genug, um nicht staatstragend, nicht konstruktiv sein zu müssen, und er macht was draus. Kühnert zeigt Kampfgeist, Leidenschaft, Überzeugung - was selten geworden ist beim politischen Spitzenpersonal dieses Landes. Und er hat recht. Wozu eine Große Koalition, wenn sie sich nichts Großes vornimmt, und das ist nach den Sondierungsgesprächen nicht zu erkennen.

Für seine Jugendlichkeit wird Kühnert nun kräftig verspottet, höhnisch und liebevoll. Den schönsten Vergleich hat mein Kollege Steffen Lüdke von bento gefunden: Justus Jonas, der Oberdetektiv aus "Die drei ???". Das ganze Porträt finden Sie hier.

Jenninger und Internet

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Heute trifft sich die politische Prominenz zum Staatsakt für Philipp Jenninger, den ehemaligen Bundestagspräsidenten, dem eine Rede zur Reichspogromnacht zum Verhängnis wurde, weil sie falsch verstanden werden konnte, aber auch gerne falsch verstanden wurde. Er verlor sein Amt. Für mich sind die Jenninger-Rede und ihre Folgen eine Mahnung, genau zuzuhören, genau zu lesen und so zu interpretieren, dass der Sprecher oder Schreiber seine eigenen Absichten erkennen kann. Im Zeitalter der schnellen Rede und Gegenrede im Internet scheint mir das eine besonders wichtige Mahnung zu sein. Wenn ich aber von Fehlbarkeit rede, meine ich immer zuerst mich selbst.

Das hat Trump nicht verdient

SHAWN THEW/ EPA-EFE/ REX/ SHUTTERSTOCK

Dass mir das passiert, hätte ich nicht gedacht. Ich habe das Bedürfnis, Donald Trump in Schutz zu nehmen. Was jetzt passiert, hat er nicht verdient, nicht einmal er. Ich finde obszön, wie alle Details seines körperlichen und geistigen Zustands ausgebreitet werden. Der Body-Mass-Indexwert, den er hat. Die Medikamente, die er nimmt. Die Fragen, die er beim Wahrnehmungstest beantworten kann.

Zwar gibt sein Arzt diese Daten preis, mit Trumps Einverständnis, aber sie werden mit Genuss und Hohn verbreitet. Mir würde die Angabe "gesund" oder "nicht gesund" reichen. Den Kampf gegen Trump kann man nur politisch gewinnen, mit Argumenten, nicht mit Bulletins.

Pomp und Understatement

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Mr Europa trifft Mrs Brexit, Emmanuel Macron trifft heute Theresa May in Sandhurst. Der eine will die EU vertiefen, die andere will sie verlassen. Franzosen und Briten haben eine Menge Kriege gegeneinander geführt, aber in beiden Weltkriegen zueinander gehalten. Die einen pflegen den Etatismus, die anderen den Liberalismus. Pomp gegen Understatement, Sterneküche gegen Pub Food und was es sonst so an (wahren) Klischees gibt. Dass diese beiden Länder in der EU vereint sind, ist neben der Aussöhnung aller mit den Deutschen, die größte und rührendste Leistung der europäischen Politik. Das kann man doch nicht auseinanderreißen.

Gewinner des Tages

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Herzlichen Glückwunsch, das Magazin "Focus" wird heute 25 Jahre alt. Die erste Ausgabe erschien am 18. Januar 1993. Damals herrschte große Unsicherheit beim SPIEGEL. Würde da ein starker Konkurrent heranwachsen?

Doch die eigentliche Leistung der Kollegen war und ist nicht, dass sie vieles besser, sondern dass sie vieles anders gemacht haben. Sie haben ein neues Segment erfunden, den Markt erweitert, neue Leser für Magazine gewonnen. Davor habe ich eine Menge Respekt.

Der SPIEGEL hat vom "Focus" gelernt, nicht inhaltlich, aber optisch. Große Fotos, viele Grafiken, das sind heute Standards. Auch der Nutzwert gewinnt im digitalen Zeitalter neuen Wert. Es wäre schön, könnte der "Focus" auch einen 50. Geburtstag feiern. Und natürlich einen 100.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Donnerstag,

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 25 Beiträge
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Seite 1
thequickeningishappening 18.01.2018
1. # Jusos gegen GroKo
Recht haben Sie! In der Vergangenheit wurde immer mal wieder gegen Positionen Der Partei getrommelt um danach wieder auf Linie zu schwenken. Das könnte dieses Mal anders sein.
mailo 18.01.2018
2. Wo bringt er denn Schulz in Bedrängnis?
Mag sein das es auf den ersten Blick so aus sieht. Für die, die es schaffen weiter als eine Woche zurück in die Vergangenheit zu denken sollte allerdings klar sein, dass Schulz das "hin und her" gerade nicht aus eigener Überzeugung abzieht, sondern weil er sich der Verantwortung gegenüber dem Land nicht entzieht. Es war schließlich nie das erklärte Ziel von Schulz die SPD in eine erneute große Koalition zu führen.
kleinsteminderheit 18.01.2018
3. Viel Erfolg, Herr Kühnert
Der Mann hat Recht. Es gäbe nach diesem Wahlergebnis nur einen Grund, warum die SPD wieder in eine GROKO eintreten sollte. Nämlich die Möglichkeit, sozialdemokratische Kernthemen kompromisslos einzufordern. Sie war in der Position, Großes durchzusetzen. Durchgesetzt hat sich aber nur die CSU, die mit Obergrenze und Mütterrente markante Themen festschrieb, während die SPD nur Details und Prozente herausgehandelt hat. . Die Verhandler haben es vergeigt, weil sie Mütterrente und Obergrenze akzeptierten, ohne im Gegenzug Gleichwertiges einzufordern. Nun dürfen sie sich nun nicht wundern, wenn die Partei ihnen den Stecker zieht.
K:F 18.01.2018
4. Daumendrücken
Kühnert kämpft wie es sich gehört. Das haben die Alten "verlernt" Schulz Schmusekurs ist der Untergang. Das hat Kühnert wohl begriffen. Kühnert sagt das auch ganz deutlich, was sich von den Obersozis scheinbar keiner mehr traut. Mit Merkel wird es keine Politik für, sondern gegen die Bürger geben. Da können sich die SPD Wichtigen abstrampeln wie sie wollen.
keen 18.01.2018
5. Kevin Kühnert - Der opportunisitische Gesinnungsethiker
Wenn gilt: Zuerst das Land, dann die Bürger und zuletzt die Partei, dann stellt sich die Frage was kann die SPD für die Menschen im Land mehr erreichen, wenn sie NICHT in die Koalition mit der CDU/CSU eintritt? Herr Kühnert hat nicht mit einem Wort erwähnt, wie er SPD erneuern will. Er ergeht sich in Fundamentalopposition. Solche Leute dürfen in der Demokratie von den Hinterbänken agieren, aber nicht in erster Reihe. Wo bleibt die Führung der Partei?
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