Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


eigentlich will er es nicht und sie auch nicht, doch dann gibt ein Wort das andere, er stellt ein Ultimatum, sie droht mit Konsequenzen, für all das gibt es Zeugen, so dass beide dann irgendwann kein Zurück mehr sehen, es kommt zur Trennung und das, was beide sich einmal vorgenommen hatten, sich nämlich zusammenzureißen, um eines höheren Prinzips wegen, hat nicht mehr funktioniert, so dass am Ende das höhere Prinzip mitgerissen wird in die Katastrophe.

So ist das bei den großen Beziehungskrächen. Jeder kennt das, entweder von sich selbst oder aus dem Leben der anderen. Aber wer hätte gedacht, dass die Kanzlerschaft der coolen Angela Merkel in der übernächsten Woche oder bald danach ausgerechnet durch einen Beziehungskrach enden könnte?

Der Grund des Rosenkriegs, den Seehofer mit Merkel begonnen hat, ist lächerlich. Es geht darum, ob jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem die Flüchtlingszahlen deutlich zurückgegangen sind, Flüchtlinge an drei Grenzpunkten in Bayern abgewiesen werden können. Er sagt ja, sie sagt nein. Die Folgen des Rosenkriegs aber sind gar nicht lächerlich. Es geht um das Schicksal der deutschen Regierung, die Zukunft der Union, die Zukunft der SPD, somit um das ganze höhere Prinzip, das Deutschland in den Jahrzehnten der Nachkriegsgeschichte Stabilität und Ordnung gebracht hat: die Volksparteien. Nebenbei steht übrigens auch die Zukunft der EU auf dem Spiel.

Die Deutschen üben sich in einer für Scheidungskinder typischen Strategie. Sie versuchen, zu beiden Streitenden zu halten. Eine SPIEGEL-Umfrage hat eine klare Mehrheit für CSU-Positionen ergeben. Und für Merkel als Kanzlerin.

Angela Merkel
FILIP SINGER / EPA-EFE / REX / Shutterstock

Angela Merkel

Für den Titelkomplex des neuen SPIEGEL, der insgesamt 21 Seiten umfasst, haben meine Kollegen in Berlin, Brüssel, Rom und an der bayerischen Grenze recherchiert, sie sind mitgeflogen mit der Kanzlerin auf ihrer Reise nach Jordanien und mit Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen nach Washington. An der bayerischen Grenze, um die es angeblich geht, war es ruhig. Überall sonst aber erlebten meine Kollegen einen Ausnahmezustand.

Angela Merkel hat ein paar Tage Zeit, um mit ihren Freunden und Feinden in der EU eine Lösung für die Grenzen zu finden, die die CSU als "wirkungsgleich" zu ihrer Idee empfinden könnte. Italiens Innenminister Matteo Salvini hat bei einem exklusiven Treffen mit dem SPIEGEL durchblicken lassen, dass seine Lust, Merkel zu helfen, kaum vorhanden sei. Dass er so zu Merkels Sturz beitragen könnte, ist ihm bewusst - auch dass die Zukunft der EU auf dem Spiel steht. "Innerhalb eines Jahres wird sich entscheiden, ob es das vereinte Europa noch gibt oder nicht mehr", sagt Salvini.

Sollte Merkel keine Lösung auf EU-Ebene finden, wird sich Seehofer, so sagte er dem SPIEGEL, nicht auf einen Kompromiss einlassen: "Wenn wir jetzt einknicken, können wir gleich das Requiem anstimmen." Das bedeutet, dass er vom CSU-Vorstand das Mandat bekommen wird, Zurückweisungen an der Grenze anzuweisen. Merkel würde ihn daraufhin auffordern, dies nicht zu tun - so hat sie es angekündigt. Er wiederum hat angekündigt, sich daran nicht zu halten. Somit müsste die Kanzlerin beim Bundespräsidenten die Entlassung Seehofers beantragen. Die anderen CSU-Minister würden ebenfalls zurücktreten. Die fast 70 Jahre alte Fraktionsgemeinschaft zwischen CDU und CSU könnte dann beendet sein.

Im Video: "Merkel soll sich selbst verleugnen" - SPIEGEL-Redakteur Markus Feldenkirchen über Angela Merkels Position, ihre Gegner und ihr Dilemma.

DER SPIEGEL

Die SPD, so haben meine Kollegen herausgefunden, hat sich bereits in mindestens drei internen Runden auf mögliche Neuwahlen vorbereitet. Sie weiß, dass die für sie nicht gut ausgehen würden.

Während uns hier in der SPIEGEL-Zentrale all diese Nachrichten und Szenarien erreichten, haben wir an einem Titelbild gearbeitet. Da es im Kern um eine Beziehungskrise geht, hatten wir Freude an diesem Entwurf: Merkel küsst Macron und denkt dabei an den anderen Kerl.

Die Lage aber ist nicht zum Lachen. Also haben wir uns für ein anderes Titelbild entschieden, für eine reduzierte Illustration. Die Titelzeile besteht aus einem Wort.

DER SPIEGEL

Das Bamf als Ursache

Zugegeben: Wir haben dazu beigetragen, dass die Lage ist, wie sie ist. Ohne unsere Enthüllungen über die abenteuerlichen Zustände in der Bremer Außenstelle des Flüchtlingsbundesamts (Bamf), die maßgeblich meine Kollegen Hubert Gude und Wolf Wiedmann-Schmidt vorangetrieben haben, wäre Seehofer als nun zuständiger Innenminister nicht derart unter Druck geraten, wäre das Thema Flüchtlinge nicht wieder so groß geworden wie es ist. Aber die ersten Beziehungsnöte zwischen Merkel und Seehofer sind vor vielen Jahren entstanden, ernst und existenziell wurden sie im Jahr 2015 während der Flüchtlingskrise. Der jetzige Krach geht auf die alten Verletzungen zurück. Es ist nicht die Aufgabe von Journalisten, Konflikte zu kaschieren. Im Gegenteil, wir müssen sie benennen. Lösen können sie nur die Streitenden selbst.

Flüchtlingsamt in Bremen
Bastian / Caro / FOTOFINDER.COM

Flüchtlingsamt in Bremen

Zwischendurch haben übrigens andere Medien versucht, unsere Recherchen zum Bamf zu relativieren, aber eine weitere Enthüllung im neuen SPIEGEL zeigt, dass sich der Verdacht gegen die ehemalige Bremer Behördenleiterin Ulrike B. durchaus erhärtet. In einer Mail soll sie eingeräumt haben, "das System" zu betrügen, um syrischen Antragstellern den Aufenthalt in Deutschland zu sichern.

Fehlerkult

Die Gründergeneration des SPIEGEL hat einen Kult um die Vermeidung von Fehlern begonnen, den wir sinnvoll finden und fortsetzen. Wir haben eine große Dokumentationsabteilung, die die Fakten in jedem Text prüft, jeder Text wandert auf diverse Schreibtische und wird nochmal und nochmal angeschaut. Natürlich rutscht uns immer noch etwas durch, aber wir glauben, dass uns das Wissen um Fehlbarkeit eben doch von vielen Fehlern abhält.

Rupert Stadler
Andreas Arnold/ DPA

Rupert Stadler

Am Montag ist Audi-Chef Rupert Stadler festgenommen worden und der Wirtschaftsaufmacher im neuen Heft beschreibt dies als Folge eines Systems, in dem zu viele sich zu sicher waren, unfehlbar zu sein.

Der missbrauchte Mann

Wir leben in Zeiten großer Krisen, Regierungskrise, Autokrise, ach ja, den #MeToo-Skandal gibt es ja auch noch. Vieles war gut an der Aufarbeitung des Skandals, eine Schieflage aber hat sich ergeben, der Eindruck nämlich, als seien immer Männer die Täter. Sie sind es meist, aber eben nicht nur. Männer werden Opfer anderer Männer, Männer werden Opfer von Frauen, sogar von ihren Müttern, nämlich dann, wenn Mütter in ihren Söhnen einen Partnerersatz sehen. Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff hat dem SPIEGEL ein großes Gespräch gegeben, in dem er von Übergriffen durch einen Kantor erzählt, und davon, wie sich seine Mutter nackt zu ihm ins Bett gelegt hat. Kirchhoff aber versteht sich nicht als Opfer, auch nicht als Kläger, er will die Widersprüche schildern, in die er geriet und die ihn das werden ließen, was er ist: Schriftsteller.

Gewinner des Tages...

...ist die französische Mannschaft. Nein, jetzt nicht sauer sein, liebe Leserin, lieber Leser, natürlich werde auch ich heute mit der deutschen Mannschaft fiebern. Ich habe aber aus einem Text meines Kollegen Ullrich Fichtner in unserem WM-Schwerpunkt etwas gelernt. Fichtner lebt in Frankreich und in Deutschland und schreibt: "In Frankreich wird der Fußball für das Gebäude des nationalen Selbstbewusstseins nicht gebraucht, jedenfalls nicht als tragende Säule. Während hierzulande, rechts des Rheins, die Nationalelf immer der Grundstein eines verzagten Nationalgefühls war, wird Fußball links des Rheins, in Frankreich, gefeiert, wenn er Erfolg hat, und ignoriert, wenn er versagt."

Von den Franzosen verlieren lernen, heißt somit: siegen lernen.

Jubelnde französische Nationalspieler
AFP

Jubelnde französische Nationalspieler

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Ihnen eine anregende Lektüre und ein wunderbares Wochenende,

Ihre Susanne Beyer

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insgesamt 5 Beiträge
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Seite 1
Freidenker10 23.06.2018
1.
Wenn Europa nur noch durch die Schecks der Geberländer zusammengehalten werden kann, dann ist es Europa nicht wert zusammengehalten zu werden! Zumal das auch auf Dauer nicht funktionieren kann. Die Schecks werden größer und größer und am Ende sehen das die Bevölkerungen der Geberländer zurecht auch nicht mehr ein. Die Scheckbuchdiplomatie ala Macron und Merkel kann nur die Probleme zukleistern wird sie aber nicht lösen!
i.dietz 23.06.2018
2. Der sogen. "Rosenkrieg"
zwischen Merkel und Seehofer dauert ja schon Jahre - es war daher nur eine Frage der Zeit, bis " es knallte" ! Nichtsdestotrotz: ohne diesen massiven Druck auf Merkel hätte diese sich nicht bewegt und weiter auf Zeit gespielt ! So gesehen muß man H. Seehofer dankbar sein, der Kanzlerin die Pistole auf die Brust gesetzt zu haben ! Deshalb von meiner Seite aus: Danke an die CSU - bitte weiter so !
lupo44 23.06.2018
3. der Streit zwischen CDU/CSU ist nicht förderlich für die Demokratie...
hier in Deutschland.Die Thematik insgesamt begleitet uns ja nun schon seit 2015.Unsere Kanzlerin hat an diesen denkwürdigen Tag eine humanitäre Entscheidung getroffen die menschlich Ihres Gleichen sucht in der Welt.Sie konnte damal sicher nicht ahnen welche Folgen diese Entscheidung für Deutschland und Europa haben wird. Sie hat den denkwürdigen kurzen Satz für die Geschichtsbücher geprägt"Wir schaffen das".Huete weiß Jeder der sachlich mit den Tatsachen umgeht,dass Sie sich hier gewaltig geirrt hat.Alle deutschen Politiker wissen das inzwischen-aber sie geben es nicht zu.Vorallen Dingen die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD. Anstatt sich mal zu überwinden und Klartext zu reden wird auf unser aller Rücken und auf den Rücken der Tausenden Flüchtlinge diese politische Fehde ausgetragen.Ergebnis: CDU/CSU leigen im Klinsch und den lächenden Partner SPD.Dabei haben Alle den Aufrtrag alles für das deutsche Volk zu tun.Da hilft auch so eine Umfrage nicht von 947 ausgewählten reprsentativen Bürgern nicht die uns nun die Meinung der Deutschen überstellen sollen.Es sind bestimmt Millionen von Wählern in Deutschland die eigentlich diese Diskussion überdrüssig ist und endlich politische Tatsachen schaffen wollen.Jawohl Frau Merkel soll bleiben.Aber Frau Merkel kann doch nicht ihre Haltung zum Thema aufgeben.Herr Seehofer ist in der gleichen Situation.Um Gottes willen kein Platz schaffen für die AfD ,Linken oder Grünen .Die können diesen gordischen Knoten garnicht lösen.Frau Merkel und auch Seehofer müssen ehrlich für Deutschland diese Angelegenheit lösen.Das ist Alternativlos,alles Andere ist nicht machbar für die deutsche Bevölkerung und für die Flüchtlinge.
hoppe007 23.06.2018
4. CDU und CSU im gesamten Bundesgebiet
Das wäre die sauberste Lösung. Die CSU würde Stimmen gewinnen, die CDU Stimmen verlieren. Aber in der Summe würden sie mehr Stimmen erhalten, weil sie ein breiteres politisches Feld abdeckten. Die absolute Mehrheit bei Landtagswahlen in Bayern wäre dann allerdings dahin. Aber warum muss Bayern als einziges Bundesland eine Extrawurst haben?
localpatriot 23.06.2018
5. Extrem gute Zusammenfassung
Zitat von lupo44hier in Deutschland.Die Thematik insgesamt begleitet uns ja nun schon seit 2015.Unsere Kanzlerin hat an diesen denkwürdigen Tag eine humanitäre Entscheidung getroffen die menschlich Ihres Gleichen sucht in der Welt.Sie konnte damal sicher nicht ahnen welche Folgen diese Entscheidung für Deutschland und Europa haben wird. Sie hat den denkwürdigen kurzen Satz für die Geschichtsbücher geprägt"Wir schaffen das".Huete weiß Jeder der sachlich mit den Tatsachen umgeht,dass Sie sich hier gewaltig geirrt hat.Alle deutschen Politiker wissen das inzwischen-aber sie geben es nicht zu.Vorallen Dingen die Regierungsparteien CDU/CSU und SPD. Anstatt sich mal zu überwinden und Klartext zu reden wird auf unser aller Rücken und auf den Rücken der Tausenden Flüchtlinge diese politische Fehde ausgetragen.Ergebnis: CDU/CSU leigen im Klinsch und den lächenden Partner SPD.Dabei haben Alle den Aufrtrag alles für das deutsche Volk zu tun.Da hilft auch so eine Umfrage nicht von 947 ausgewählten reprsentativen Bürgern nicht die uns nun die Meinung der Deutschen überstellen sollen.Es sind bestimmt Millionen von Wählern in Deutschland die eigentlich diese Diskussion überdrüssig ist und endlich politische Tatsachen schaffen wollen.Jawohl Frau Merkel soll bleiben.Aber Frau Merkel kann doch nicht ihre Haltung zum Thema aufgeben.Herr Seehofer ist in der gleichen Situation.Um Gottes willen kein Platz schaffen für die AfD ,Linken oder Grünen .Die können diesen gordischen Knoten garnicht lösen.Frau Merkel und auch Seehofer müssen ehrlich für Deutschland diese Angelegenheit lösen.Das ist Alternativlos,alles Andere ist nicht machbar für die deutsche Bevölkerung und für die Flüchtlinge.
Viele in Deutschland waren stolz auf diese humanitäre Entscheidung, und viele in der Welt waren voll von Bewunderung. Leider wirkt sich diese humanitäre Entscheidung nicht nur auf die deutsche Politik aus, sie hinterlässt Spuren in aller Welt, von Italien, bis nach Osteuropa bis in die USA und möglicherweise Südostasien. Im Sinne einer Realpolitik hat die Kanzlerin keine Wahl als die eine Wende in der gesetzten Richtung anzuweisen und den Fokus der Welt auf die Ursachen und Verminderung der wachsenden Flüchtlingswellen zu richten. Die Alternative bleibt die steigende Gefahr eines globalen Rechtsrucks welcher die Gefahr beinhaltet der Fortschritte Menschheit seit der Nachkriegszeit zu gefährden. Und niemand kann sich das wünschen.
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