Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


mit Anspannung auf einen Parteitag zu warten, das ist ungewöhnlich. Jedenfalls für all jene, die der Partei nicht angehören. Nun aber wartet ganz Deutschland auf den Parteitag der SPD am Sonntag. Koalitionsgespräche ja oder nein, Neuwahlen ja oder nein, alles hängt von den Genossen ab.

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Heft 4/2018
Warum sich SPD, Grüne und Linke neu erfinden müssen

Wie deren Schwanken in den vergangenen Monaten, Wochen, Tagen zu bewerten ist, darüber gab es auch in unserer Redaktion verschiedene Meinungen. Und das lag nicht einmal daran, dass der Zustand der SPD unterschiedlich betrachtet worden wäre, sondern eher daran, dass der Zustand der Gesellschaft insgesamt unterschiedlich betrachtet wird. Die einen (nennen wir sie mal die "Fraktion Disruption") meinen, ein ewiges Weiter-so ermüde die Demokratie. Die harschen Diskussionen innerhalb der SPD seien ein Zeichen notwendiger Belebung. Die anderen von der "Fraktion Zucht und Ordnung", der ich zuneige, sehen im Hin und Her der SPD den Ausdruck einer Hyper-Individualisierung, einer Gesellschaft also, die Wünsche und innere Zustände über ihre Pflichten stellt.

Um hier mal auszunutzen, meine eigene Meinung ausführen zu dürfen: Im Inneren herrscht doch ohnehin Chaos. Wünsche gehen sowieso in unterschiedliche Richtungen. Jeder Mensch hat zu viele Wünsche. Pflichten schaffen Ordnung und geben die Richtung vor. Woraus zu folgern wäre, dass eine SPD sich nun einfachheitshalber darauf besinnen könnte, was sie vor der Wahl versprochen und als ihre Pflicht angesehen hat: zu regieren, wenn es denn geht.

REUTERS

Versprechen zu halten, das ist in zwischenmenschlichen Beziehungen übrigens meistens förderlich. Und die Beziehungen vom Politiker zum Bürger sind ja auch nur das: Beziehungen von Mensch zu Mensch.

Wie auch immer das morgen ausgeht, in einem sind sich hier alle einig: dass sich die SPD sowieso wird erneuern müssen. Und mit ihr die Parteien des linken Spektrums. Zu diesem Spektrum gehört nicht nur die Partei Die Linke, sondern durchaus noch die Grünen, auch wenn einige Grüne inzwischen gar nicht mehr so richtig links sein wollen. 1998 kam das linke Lager aus SPD, Grünen und PDS bei der Bundestagswahl gemeinsam noch auf 52,7 Prozent. 2017 schafften sie es nur noch auf 38,6 Prozent. Dass Merkel so lange Kanzlerin geblieben ist, liegt auch daran, dass im linken Lager gemeinsame Vorstellungen von Politik fehlen. Die linken Gruppierungen kämpfen intensiver gegeneinander als gegen die Gegner von rechts. Eine Machtstrategie ist das nicht.

Unsere neue Titelgeschichte lautet: "Links unten - Warum sich SPD, Grüne und Linke neu erfinden müssen".

Hintergründe eines fürchterlichen Verbrechens

Staufen im Breisgau
Getty Images

Staufen im Breisgau

Warum jemand eine Tat begangen hat, das versuchen Richter zu verstehen. Richter hören sich die Geschichte eines Täters an. Journalisten recherchieren und schreiben die Geschichte des Täters auf, damit auch Leser sich ein Urteil bilden können. Das deutsche Strafrecht mutet nicht nur dem Täter zu, sich mit der Tat auseinanderzusetzen, es mutet auch der Öffentlichkeit zu, sich mit der Geschichte des Täters - Familie, Schule, Freunde - auseinanderzusetzen. Eines der Ziele der Bestrafung ist die Resozialisierung. Schon in diesem Wort steckt eine Anforderung an die Gesellschaft: Der Täter soll wieder Teil der Gesellschaft werden, weil eben auch schon seine Geschichte nicht für sich steht, sondern in einem gesellschaftlichen Zusammenhang - Familie, Schule, Freunde.

Durch die Todesstrafe, die das deutsche Recht zum Glück abgeschafft hat, wird der Täter aus der Gesellschaft getilgt, somit wäre sie ihrer Aufgabe entledigt.

Bei Tätern wie dem Paar aus dem Breisgau, das den Sohn der Frau vergewaltigt und ihn gegen Geld Vergewaltigern im Darknet angeboten hat, will man nichts von einer schweren Kindheit hören. Der Gedanke, dass das Paar je wieder freikommen und resozialisiert werden könnte, ist unerträglich, eine Zumutung.

Meine Kollegen beschreiben die Hintergründe des Breisgauer Falls auf vier Seiten im neuen SPIEGEL. Die Geschichte mildert die Sicht auf die Tat in keiner Weise, im Gegenteil, alles ist im Detail noch viel schlimmer als bisher bekannt. Und doch konnte es nur deswegen zu einer grauenerregenden Tat kommen, weil auch die Gesellschaft versagt hat: Die Behörden waren zwar alarmiert, aber sie taten nicht das Richtige. Die Zumutung, sich mit dieser Tat befassen zu müssen, ist unausweichlich.

Hoffnung im Kampf gegen Alzheimer

In der Forschung gibt es kein Scheitern, so jedenfalls sehen das die sonnigeren Gemüter unter den Forschern: Kein Ergebnis ist auch ein Ergebnis, und aus Niederlagen sind Schlüsse zu ziehen, die neuer Forschung zugutekommt. All jene aber, die befürchten müssen, von Alzheimer betroffen zu sein, schauen dann doch mit einiger Beklemmung auf die medizinische Forschung. Die hat gerade bei Alzheimer schwere Niederlagen hinnehmen müssen. Doch aus diesen Niederlagen haben die Forscher tatsächlich gelernt. Sie verstehen Alzheimer nun besser und sind neuen Wirkstoffen auf der Spur. Eva-Maria Mandelkow forscht an Labormäusen. Im neuen SPIEGEL sagt sie: "Heilung von Demenz kann funktionieren."

Gewinner des Tages...

Goldstein (links)
Stephanie Mitchell / Harvard University

Goldstein (links)

...soll hier ein Arzt sein, der eine fürchterliche Niederlage erlebt hat. Er hat nur gewinnen können, indem er diese Niederlage riskiert. Der Fall des Kinderchirurgen Allan Goldstein eignet sich also für ein grundsätzliches Nachdenken darüber, ob es Gewinnen und Verlieren als absolute Zustände überhaupt gibt. Er beschreibt im Wissenschaftsteil des neuen SPIEGEL, wie er siamesische Zwillinge trennte, obwohl ihm klar war, dass eines der Mädchen dadurch sterben würde. Er musste es tun, um das kräftigere Mädchen zu retten.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen eine anregende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

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insgesamt 29 Beiträge
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opinio... 20.01.2018
1. Wozu gibt es Parteien?
Ganz sicher nicht, um das eigene Überleben zu sichern! Natürlich muss weiter verhandelt werden- und zwar hart!
mainstreet 20.01.2018
2. Parlament und Regierung sind da.
Parlament und Regierung sind doch da und warum sollte der Wähler also der Bürger für noch mehr Bequemlichkeit sorgen? Wir müssen möglicherweise weg vom Denken in großen Koalitionen und jetzt einfach die Demokratie wagen und es mal mit dem Parlament versuchen und dort Entscheidungen treffen. Es ist jetzt halt mal eben nicht mehr mit einer "großen Frau" an der Spitze die alles bestimmt und möglicherweise hat das auch Vorteile für uns alle. Sollte es Neuwahlen geben würde ich diesmal anders wählen das gebe ich zu!
sissibu 20.01.2018
3. Pflicht der SPD??
Fr. Beyer, sie sehen also die SPD in der Pflicht zu regieren um jeden Preis!!?? So kann nur jemand argumentieren der wohl nicht zu den SPD-Sympathisanten zählt! Eine Partei hat die Pflicht sich selbst abzuschaffen, nur um Fr. Merkel weiterhin ihre planlose Politik zu ermöglichen und sie zu zwingen nochmal dabei mitzumachen? Sorry, aber das ist nicht der Sinn der Demokratie! Wie sieht es eigentlich mit der Pflicht der anderen Parteien aus, oder gilt die Pflicht nur für die SPD? Hat nicht die CDU/CSU nicht auch die Pflicht in eine Minderheitsregierung zu gehen oder in Neuwahlen zu gehen, wenn sie sich aktuell mit keiner anderen einen Konsens findet! Sie werden gemerkt haben, dass ich kein Fan von Mutti bin, aber ich hoffe das die "Basis" der SPD das genauso sieht und diesem Spuk ein Ende macht! Die Hoffnung stirbt zuletzt!
paulpuma 20.01.2018
4. Vier Optionen.
Die SPD hat vier Optionen: (i) GroKo mit Merkel, (ii) GroKo ohne Merkel, (iii) das Anbieten der Tolerierung einer Minderheitsregierung der Union (mit oder ohne M), (iv) das Votieren für Neuwahl (die Entscheidung dafür liegt aber nicht bei der SPD). Optionen (ii) und (iii) erscheinen mir am sinnvollsten. Schließlich liegt dann der Ball wieder bei der Union. Es beunruhigt übrigens, dass Schulz die Diskussion auf die Alternative (i) GroKo oder (ii) Neuwahl verkürzt. Das überzeugt nicht.
jjcamera 20.01.2018
5. Kakophonie
Die SPD tritt auf wie ein Orchester ohne Dirigent, das sich nicht einmal darauf einigen kann, dasselbe Stück zu spielen....
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