Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


für Martin Schulz beginnt heute eine Woche, die man nur kurios nennen kann. Am Ende, am Sonntag, stimmt ein Parteitag darüber ab, ob die SPD Koalitionsverhandlungen mit der Union aufnimmt. Sollten sich die Delegierten dagegen entscheiden, wird Schulz wohl nicht Vorsitzender bleiben können. Also wird er die ganze Woche flammend für eine Große Koalition werben, heute und morgen in Nordrhein-Westfalen.

Die SPD nörgelt, sie stellt Nachforderungen. Teile der Partei wollen den Sondierungskompromiss mit der Union nicht akzeptieren. Typisch SPD könnte man sagen. Sie will eigentlich regieren, aber nie so richtig. Aber in diesem Fall liegt es auch an Schulz. Am Wahlabend, nach einer schlimmen Niederlage, dachte er, Parteichef bleiben zu können, wenn er eine Große Koalition ablehnt und Merkel beschimpft. Nun will er sein Amt retten, indem er seine Partei wieder in Merkels Arme führt. Wer will ihm da noch folgen?

Das Mädchen, das Soldaten schlägt

DPA

Heute beginnt ein Prozess, bei dem kaum zu erwarten ist, dass das Urteil breite Akzeptanz findet. Es geht vor allem um Ahed Tamimi, eine 16-jährige Palästinenserin, die vor laufender Kamera israelische Soldaten im Westjordanland attackiert hat. Ahed schnauzt die Soldaten an, tritt gegen ihre Beine, schlägt ihnen ins Gesicht. Die Soldaten weichen aus, wehren sich nicht. Sie hat das häufiger gemacht, es ist das Widerstandsprogramm ihrer Familie, die unter der Besatzung stark gelitten hat und leidet. Auch Aheds Mutter steht vor Gericht.

Die Videos machen mich ratlos. Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf: Israelische Soldaten sollten nicht im Westjordanland sein. Ich verstehe aber, dass Israel ein hohes Sicherheitsbedürfnis hat. Die Soldaten wirken lächerlich, weil sie sich von einem Mädchen prügeln lassen (und werden dafür in Israel geschmäht). Die Soldaten wirken souverän, weil sie sich nicht provozieren lassen (und werden dafür als Helden gefeiert). Ahed kämpft mutig für ihre Sache. Aheds Auftritte sind geschickte Inszenierungen, die Israel bloßstellen sollen. Dieser Prozess zeigt die ganze Verworrenheit eines Konflikts, für den es keine Lösung gibt, die breite Akzeptanz fände.

Feuer und Verkommenheit

DPA

"Fire and Fury" von Michael Wolff habe ich atemlos an drei Abenden gelesen. Es ist so vieles entsetzlich an Trumps Weißem Haus, aber was ich bei der Lektüre am wenigsten ertragen konnte, war die Selbstverständlichkeit, mit der sich Trumps Familie in die Politik einmischt, sein Schwiegersohn Jared Kushner und seine Tochter Ivanka, im Buch zu "Jarvanka" verschmolzen. Ohne jede Legitimation, ohne politische Erfahrungen und Kenntnisse maßen sich diese Leute an, die USA mitzuregieren.

Das ist nicht Demokratie, das ist bestenfalls monarchischer Hof, wenn nicht sogar Clan, mit Geschäftsinteressen in der Grauzone oder darüber hinaus. Andererseits ertappte ich mich dabei, mit "Jarvanka" mitzufiebern, weil sie die halbwegs liberalen Antipoden zum rechtsradikalen Steve Bannon waren. Dieser Roman aus der Realität ist schon den Regeln moderner Fernsehserien unterworfen. Es gibt kein Gut gegen Böse mehr. Das Gute ist einfach verschwunden. Aber wo ist es?

Lesen Sie dazu die Titelgeschichte im neuen SPIEGEL: "Im Zeitalter von Feuer und Zorn".

Kleiner Lektüretipp

Falls Sie es verpasst haben: Lesen Sie den Essay "Im politischen Kostümverleih" von Jürgen Kaube in der "FAZ" vom 11. Januar. Auch wenn man nicht in allen Punkten Kaubes Meinung ist, aber das ist ein wichtiger, unbedingt lesenswerter Beitrag zur Links-Rechts-Debatte.

Gewinner des Tages...

REUTERS

... wird wohl der russische Außenminister Sergej Lawrow sein, nach eigenem Empfinden. In Moskau stellt er heute die außenpolitische Bilanz seines Landes vor. 2017 war das Jahr, in dem Russland die Herrschaft seines Schützlings Assad in Syrien festigte. Es war das Jahr, in dem die Regierung Trump permanent unter Druck stand, weil es dubiose Kontakte zu Russen gegeben hatte. Es war das Jahr, in dem es Putin leicht hatte, wie ein rationaler Staatsmann zu wirken, weil sich Trump permanent lächerlich machte. Russland ist weltpolitisch ein Sieger des Jahres 2017.

Es bleibt aber das Land, in dem die demokratische Opposition schwer unterdrückt wird. Es bleibt das Land mit einem absurden Wohlstandsgefälle. Es bleibt das Land, in dem Männer eine Lebenserwartung von durchschnittlich 66 Jahren haben. So sehen Sieger aus? Nö.

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Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 27 Beiträge
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Seite 1
StefanZ.. 15.01.2018
1. Gewaltspiralen zurückdrehen
Beim Lesen und Nachdenken über Ihr Beispiel und die verfahrene Situation im Mittleren Osten, die generelle Akzeptanz und Faszination vom Androhen von Gewalt, Erpressungen in der Außenpolitik, gewalttätigem Aufruhr anstatt von friedlichen Demonstrationen, muss man sich in der Tat dringend Gedanken über die Hauptursachen dieses deutlichen Trends machen. Das tat letzte Woche auch R.W. Pies von der State University NY, hier https://theconversation.com/from-cowboys-to-commandos-connecting-sexual-and-gun-violence-with-media-archetypes-88899 der kurze Artikel zum Nachlesen. Er verfolgt die sehr einleuchtende These, dass seit den 80er Jahren eine Verherrlichung von Gewalt eingesetzt hat und seine Beispiele und Erklärungen sind einleuchtend. Es ist aus meiner Perspektive auch kein bloßer Zufall, dass sich ebenfalls seit den 80er Jahren disharmonischer Musikgeschmack breitgemacht hat, mit Hiphop als hervorstechendem Phänomen. Die natürliche Vorliebe und Wertschätzung für Harmonie, Ausgeglichenheit, Friedfertigkeit wurde seit dieser Zeit schrittweise verdrängt durch Begeisterung für Rücksichtslosigkeit, Gleichgültigkeit, Aggressivität und Gewalttätiges jeglicher Façon.
K:F 15.01.2018
2. Schulz führt SPD in den Abgrund!
Warum nur? Die Wähler haben die Groko abgewählt. Für die FDP ist nicht regieren besser als schlecht regieren. Für die SPD ist es besser mitzuregieren als nicht zu regieren. Schulz führt die SPD in den Abgrund. Da können Gabriel und Co. noch so dämliche Beispiele "vom halbleeren Glas" anführen und die CDU will immer "regieren". Wieso sollte jemand die SPD noch wählen? Um die Standpunkte von Ungerechtigkeit und Unfairnis, von Bevorzugung einiger Lobbyisten der CDU befriedigt zu sehen? Damit Merkel stabilität in die Welt trägt? Es ist zu hoffen, dass die Basis sich überlegt, ob sie eine weiters Mal ausschließlich Bedienstete der Union sein will zum Preis vom Verschwinden der SPD.
elmer_fudd 15.01.2018
3. Es scheint völlig
egal zu sein, was Martin Schulz entscheidet, umsetzt oder lässt. In jedem Fall bewährt er sich seit Monaten als mediale Prügelpuppe der kanzlerorientierten Presse. Führt er die SPD in die Opposition, ist er angeblich unfähig und nicht gewillt, Verantwortung zu übernehmen. Setzt er die Koalition auf Drängen von Steinmeier und Merkel fort, geht es ihm angeblich nur um die Posten. Ich bewundere sein Durchhaltevermögen und würde verstehen, wenn er Merkel und ihre Protagonisten im Regen stehen lässt.
thequickeningishappening 15.01.2018
4. # Schulz
Der Schuldige ist ausgemacht: Der 100% Kandidat, mit 35% in den Umfragen angetreten um dann Das schlechtes Ergebnis der Nachkriegsgeschichte einzufahren wird als Wendehals in Erinnerung bleiben waehrend der Herr Gabriel, neben weiteren SPD Granden auf sicherem Posten bis zur nächsten Wahl segelt!
StefanZ.. 15.01.2018
5. Lawrow die politische Leuchtgestalt
Zum Anlass seiner Gewinner des Tages Zelebrierung teile ich heute ein ganz persönliches und mir peinliches Geheimnis mit der Leserschaft. Ich muss das einfach mal loswerden, ist ja auch anonym hier. Dieser Mann genießt bei internationalen Institutionen und Delegationen aus anderen Ländern hohen Respekt. Ein wortgewaltiger echter Profi. Man sollte meinen, dass er dadurch auch eine entsprechende Aura und Ausstrahlung bei direkten Begegnungen verbreitet. Nun, wahrscheinlich lag es nur an mir, aber dieser Mann stand 2014 wohl eine halbe Stunde am selben Stehtisch eines Botschaftsempfangs organisiert von Herr Steinmeier für Deutsche in New York, ohne dass ich ganz in ein Gespräch mit einem Kollegen vertieft wahrnahm, wer sich da hinzugesellt hatte. Und als ich es merkte, war er auch schon weg.
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