Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


warum haben Angela Merkel und Horst Seehofer die Wahl verloren? Weil es in Demokratien nicht funktionieren kann, wenn sich Regierende vor jenen großen Themen wegducken, welche die Wähler bewegen; wenn sie jegliche Kommunikation kontrollieren wollen; wenn sie einander zunächst monatelang sprunghaft bekämpfen und dann, kurz vor der Wahl, so tun, als gebe es keine Konflikte mehr, als habe es nie welche gegeben, als sei alles ganz kuschelzart, nichts als Harmonie.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 40/2017
"Wir sind im freien Fall"

Und warum hat Martin Schulz die Wahl verloren?

Meine Meinung: Die wesentlichen Fehler wurden, wie so oft, gleich zu Beginn gemacht. Sigmar Gabriel meinte es zwar ernsthaft gut mit dem Verzicht auf die Kandidatur, aber er zögerte lange; Schulz war darum unvorbereitet und überrascht. Gabriel mochte so ganz von der Macht, also dem Außenministeramt, nicht lassen, und Schulz traute sich nicht, "alles oder nichts" zu sagen, weshalb die beiden monatelang durcheinander sendeten; und ohne Amt und damit ohne Wucht war Schulz chancenlos, da sein Team im Willy-Brandt-Haus und seine SPD der Maschinerie der Regierung Merkel, der ganzen Professionalität von Kanzleramt und Adenauer-Haus nicht gewachsen waren - und am Ende, als auch Merkel verlor, kamen die Schulz-Leute gegen den Lärm und die Aggressivität der AfD-Kampagne nicht an. Profis fehlten, frühe Personalentscheidungen wären nötig gewesen. Eine langfristige Strategie auch. Stattdessen: Zaghaftigkeit des Kandidaten, opportunistische Helfer. Nein, so hatten Schulz und seine Mannschaft keine Chance.

Diese meine Meinung entstand durch Beobachtung und Gespräche - und durch Lektüre.

Hermann Bredehorst/ DER SPIEGEL

Im kommenden SPIEGEL finden Sie einen Text, wie es ihn selten gibt. Mein Kollege Markus Feldenkirchen, politischer Autor im Hauptstadtbüro, hat nämlich Martin Schulz begleitet, und "begleitet" meint diesmal mehr als in anderen Wochen: 150 Tage an der Seite des Kandidaten. Die Schulz Story.

Feldenkirchen konnte mit Schulz im Taxi, im Flugzeug und zu Fuß reisen, ihn zu 50 Terminen begleiten; Strategiesitzungen, späte Currywurst-Dinner, ein letzter Kaffee (beziehungsweise Kräutertee, durch Inge Schulz ausgetauscht) am Wahlsonntag auf der Terrasse in Würselen inklusive. Fünf Monate lang war Feldenkirchen immer auf Abruf, Spontaneität ist ja alles im Wahlkampf. Häufig bekam er von Schulz oder einem seiner Leute 15 Minuten vor einem Treffen, einer Besprechung, einem Aufbruch einen Anruf. Am Ende der langen Tage war der Reporter stärker erschöpft als der Kandidat. "Wie soll das später eigentlich heißen, was Sie da schreiben: So wird man Oppositionsführer?", fragte Schulz im August.

Es gab keine Tabus, nur die Wirklichkeit der Politik im Jahr 2017 und die eine Absprache, dass der Text erst nach der Wahl erscheinen dürfe. Und so ist eine dieser Geschichten entstanden, von denen Reporter und Chefredakteure träumen. Weil sie bleiben werden. Weil sie erzählen, was wirklich geschah.

Anfangs war Martin Schulz übrigens, natürlich, zögerlich gewesen. Der Kollege Feldenkirchen und ich hatten den Kandidaten in Hannover getroffen und ihm von der Idee erzählt; ich hatte einen Text des "New Yorker"-Chefredakteurs David Remnick in der Tasche, den dieser über die letzten Amtstage Barack Obamas geschrieben hatte, eben weil Obama dem Kollegen Remnick die Möglichkeit dazu gegeben hatte. So etwas funktioniert ja nur mit Zugängen. Und mit Ernsthaftigkeit. Und wenn beide Seiten glauben, dass Politik, dass überhaupt Macht sich nicht abschotten darf. Zugänglich sein muss. Verletzlich sein darf. Dass eben hierin Mut liegt. Schulz' Umfeld war gegen das Projekt: viel zu riskant. Das war selbstverständlich nachvollziehbar. Also vergingen drei Wochen. Dann sagte Schulz: "Wir machen das." Und in Zeiten wachsender Politikverdrossenheit hielte ich es für gut, wenn sehr viel mehr Politiker sehr viel mehr Transparenz und Einblicke zuließen. Damit die Bürger erkennen könnten, dass es sich bei denen da oben um Menschen handelt, mit Stärken und Schwächen, mit Zweifeln und Überzeugungen; und damit die Politiker erkennen könnten, dass es nur der AfD hilft, wenn Imageberater und Pressestellen die Schwächen und die Zweifel verdecken wollen.

Im Video: Markus Feldenkirchen on the road mit Martin Schulz

DER SPIEGEL

Was tun wir noch in diesem neuen SPIEGEL?

Wir beschäftigen uns mit Emmanuel Macron und dessen Vision von Europa und mit der Frage, ob das Jamaika-Deutschland der starke Partner sein kann, den Macron nun braucht. In Berlin wurde ja übrigens gefragt, warum der französische Präsident ausgerechnet am vergangenen Dienstag seine Rede hielt, also in Tagen des deutschen Machtvakuums. Die Antwort, aus außenpolitischen Kreisen: Erstens weil Macron stets positive Botschaften gegen negative setzen will, nun also eine europäische Vision gegen den Brexit und den deutschen Rechtspopulismus; und zweitens weil in Paris die Nachricht angekommen ist, dass die Koalitionsverhandlungen zwischen CDU/CSU, FDP und Grünen sehr lange dauern und sehr detailliert werden würden, damit am Ende ein differenzierter und nicht mehr infrage zu stellender Koalitionsvertrag stehe. Einfluss auf die deutschen Positionen zu Europa hat Macron wahrscheinlich nur jetzt, vor diesen Koalitionsverhandlungen.

Johannes Simon/Picture Alliance/SZ Photo

Außerdem enthüllen meine Kollegen Sven Becker, Marian Blasberg und Dietmar Pieper die Wahrheit über Luis Moreno Ocampo, den früheren Chefankläger des Weltstrafgerichts in Den Haag, und diese wahre Geschichte - entstanden in Kooperation mit unseren Partnern vom europaweiten Investigativnetzwerk EIC - erzählt von Gier, Steueroasen und Größenwahn. Und die Kollegen Rafael Buschmann, Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt enthüllen die Wahrheit über Franz Beckenbauer. Wer hat diesen Beckenbauer nicht verehrt, damals? Seine Lässigkeit, seine Eleganz? Wer hätte sich also nicht gewünscht, dass Beckenbauers Selbstinszenierung, jene Geschichte vom naiven Franz, der all die dunklen Geldflüsse im Weltfußball ja gar nicht begriff, stimmen möge? Nein, auch dieses Märchen stimmt nicht. Leider.

Es geht im neuen SPIEGEL dann auch noch um Daniel Barenboim, um Seefahrt und Hunde, um Miley Cyrus und Andrea Nahles, um einen Mörder, der nach 50 Jahren im Gefängnis auf sieben Morde zurückblickt - und um Scheidungen und die Frage, was diese aus den Geschiedenen machen.

Im Video: Wie spricht man mit einem Mörder?

DER SPIEGEL

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht:

Verliererinnen der Woche...

HC Plambeck

... sind die AfD und Frauke Petry. Wie eigentlich behält man derart heuchelnd noch immer das innere Gleichgewicht? Wie schafft man das, jahrelang zu erzählen, die AfD sei nun endlich eine ehrliche Partei, nämlich die einzige Partei des deutschen Volkes; um in dem Moment, wenn Mandat und Bezüge gesichert sind, zu sagen: War alles nicht so gemeint, jetzt trete ich aus?

Bei der SPIEGEL-Lektüre wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.

Herzliche Grüße aus Hamburg

Ihr Klaus Brinkbäumer

Klaus Brinkbäumer auf Facebook

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
dennis_berber 30.09.2017
1. Schulz steht für die Politik der großen Koalition ....
deswegen hatte er auch keine Chance. Wäre er mit mehr als diesem hohlen Slogan von Gerechtigkeit in den Wahlkampf gezogen und hätte überzeugend darlegen können, warum die SPD wieder zu ihren alten Tugenden der Sozialdemokratie gefunde hat, dann hätte die SPD auch besser abgeschnitten. Nur nimmt die SPD einfach niemand mehr ernst, die Probleme dieses Landes zu lösen. www.finwir.de/politik/absage-an-die-politik-der-grossen-koalition/
Smarty- 30.09.2017
2. Fehlt da nicht was?
Agenda 2010, Rentenkürzungen, Mehrwertsteuererhöhung, Steuersenkung für die Wohlhabenden.... Da kann ein MS noch so sehr von Gerechtigkeit schwafeln, Programm und Kandidat passen nicht zusammen, genau wie bei den Steinis in den zwei Wählen zuvor. Die sPD ist die unglaubwürdigste Partei im gesamten Spektrum.
franz.v.trotta 30.09.2017
3. Hinterher...
"Gabriel mochte so ganz von der Macht, also dem Außenministeramt, nicht lassen, und Schulz traute sich nicht, "alles oder nichts" zu sagen [...] und ohne Amt und damit ohne Wucht war Schulz chancenlos." In der SPD war man sich hingegen darüber einig, dass Schulz als Kabinetts-Mitglied nicht gleichzeitig Merkel und die ihren (hinreichend scharf) attackieren könne. Und dem haben auch die meisten Presseleute - vor dem Wahltermin - zugestimmt. -- Nachher ist man immer schlauer, Herr Brinkbäumer. - Und ob Schulz als amtierender Außenminister in der Tat besser abgeschnitten hätte, weiß niemand. Außer Herrn Brinkbäumer, natürlich.
andersgut 30.09.2017
4. Schulz hatte keine Chance
Schul verkörpert den alten behäbigen und selbstgefälligen Politikstil. Nur eine Frau hätte gegen Angela Merkel eine Chance gehabt.
peter.di 30.09.2017
5. Schulz hatte keine Chance
weil die SPD sich um die Probleme Europas und der Welt kümmert aber die eigenen Leute vergessen hat. Und das nicht besser geworden wäre mit einen Kanzler, der als EU Funktionär Millionär geworden und und für "Deutschland muss mehr zahlen Europa" und eine Flüchtlingspolitik die aus dem Asylrecht de facto ein Recht auf Einwanderung für jeden der es irgendwie hier her schafft. Das wäre jedenfalls meine Vermutung als Ex-SPD Wähler (vor 2013). Aber fragt doch einfach mal rum in den Ortsvereinen der SPD, vor allem in den Gegenden in denen die Leute wohnen, die früher mal klassisches Klientel der SPD waren. Ich glaube dort findet man viele her die Antwort als in Berichten aus der Nähe von Schulz.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.