Die Lage am Donnerstag Liebe Leserin, lieber Leser,


die SPD präsentiert heute den zweiten Teil ihrer Wahlkampagne. Erinnert sich noch jemand an den ersten? Und wie war der Effekt auf die Umfragen? Oder ist das jetzt zynisch, gemein? Seit einigen Wochen ist einigen Medien anzumerken, dass sie die SPD und ihren Kandidaten Schulz päppeln. Wenn der Grund dafür in persönlicher Parteipräferenz läge, wäre das schändlich. Ginge es darum, dem Wahlkampf die Spannung zu erhalten, wäre das ebenfalls schändlich, weil das nicht Aufgabe der Medien ist.

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Heft 33/2017
Wie sich das bedrohte Paradies wandelt

Aber sagen wir so: Ich könnte es irgendwie verstehen. Unsere Demokratie braucht dringend neue Impulse, wenigstens einen spannenden Wahlkampf, der möglich erscheinen lässt, dass eine Alternative zu Merkel realistisch ist (jetzt klinge ich schon so verquast wie neulich Schulz). Und andererseits: Für eine Alternative zu sorgen, ist schon gar nicht Aufgabe der Medien. Da muss sich die SPD selbst kümmern, muss besser sein, als sie bislang ist. Von Mitleid kann sie jedenfalls nicht leben.

Baby in den Bundestag

AfD/ DPA

Als ich zum ersten Mal die Entwürfe für das Wahlplakat von Frauke Petry sah, war mir nicht klar, ob sie in den Bundestag einziehen will oder ihr Baby, das sie einem dort so aufdringlich präsentiert. Ich hoffte auf das Baby, aber so ist es wohl nicht. Es geht um Frauke Petry, die heute ein großes Thema sein wird. Der Immunitätsausschuss des sächsischen Landtags befasst sich mit der Frage, ob die Staatsanwaltschaft gegen Petry Anklage erheben darf. Es gibt den Verdacht des Meineids in einer Wahlangelegenheit, eine schwerwiegende Sache.

Auch bei Petry ist die Frage, ob sie es irgendwann in die Mitleidszone schafft. Eine bürgerlich lebende Frau rutscht nach rechts, verliert den Halt, rutscht tiefer und tiefer. Aber das Beste, was man über Petry sagen kann, ist, dass sie wohl zu klug ist, um Opfer einer Rutsche zu sein. Sie ist eine Frau, die will; die weiß, was sie will und was sie tut. Warum sollte man da Mitleid haben?

Gibt es einen deutschen Sean Connery?

DPA

Ich muss nachtragen, wer mein Gewinner des Tages von gestern geworden ist. Ich hatte erwähnt, dass der portugiesische Schriftsteller António Lobo Antunes mir gesagt hatte, er sei einmal einem deutschen Literaturkritiker begegnet, der so aussieht wie Sean Connery. Leider hat Antunes dessen Namen vergessen. Ich hatte deshalb die Leser der Lage aufgerufen, Vorschläge zu machen, welcher deutsche Literaturkritiker so aussehen könnte wie Sean Connery.

Die Wahlbeteiligung, wenn ich das so sagen darf, war erfreulich rege. Genannt wurden, in alphabetischer Reihenfolge: Maxim Biller, Max Moor, Volker Weidermann, Uwe Wittstock. Diese Herren sehen allesamt phantastisch aus, aber gewonnen haben sie leider nicht. Gewonnen hat mit einem Riesenvorsprung Fritz J. Raddatz.

Mich freut das wirklich sehr. In den Neunzigerjahren habe ich Raddatz bei der "Zeit" erlebt. Er war schwierig, aber ich habe ihn geschätzt. Er hat mich gelehrt, dass Journalismus nicht nur Arbeiten bedeutet, sondern auch Leben. Ich halte mich dran. Wie heftig er mit sich gerungen hat, wie tief die Abgründe waren, in die er geschaut hat, habe ich später durch seine extrem lesenswerten Tagebücher erfahren. Er hat sich umgebracht, als ihm sein Leben nicht mehr lebenswert vorkam. Ich konnte ihn verstehen, aber er fehlt.

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Gewinner des Tages...

DPA

... sind ganz klar: Dieter Romann und Joachim Hermann. Sie präsentieren sich heute als neues Dreamteam der inneren Sicherheit. Der eine ist Chef der Bundespolizei, der andere Innenminister von Bayern mit Drang nach Berlin, wo er der nächste Bundesinnenminister werden könnte. In Piding machen sich die beiden heute ein Bild davon, so heißt es, wie die Grenzkontrollen zwischen Bayern und Österreich, wo es eigentlich keine Grenzkontrollen geben sollte, funktionieren.

Das gibt die Richtung vor. Wenn Merkel gewinnt, wenn Hermann Innenminister wird, werden sie in Romann den treuesten Partner für eine Abschottungspolitik haben. Er hätte das schon gerne im Sommer und Herbst 2015 betrieben, durfte aber noch nicht. So wird es nicht mehr sein. Wer Merkel wählt, bekommt auch einen aufgepeppten Romann. Eine Alternative wäre echt nicht schlecht.

Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Tag,

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
herbert 17.08.2017
1. Mitleid für die SPD ?
Die SPD sollte sich selber fragen, warum sie jetzt bei 23 Prozent Wählerstimmen liegt? Anstatt auf die Merkel rumzudreschen, sollte sie mal ihre eigene politischen Figuren betrachten. Sie will soziale Gerechtigkeit ! Welch eine Lüge nach der SPD Agenda2010 dem größten Sozialabbau in Deutschland. Das dann noch der Obermacher Schröder sich die Taschen voll stopft bei russischen Unternehmen aber dem deutschen Volk Sozialkürzung verordnet ist schon eine Frechheit. Wer soll denn solch eine charakterlose Partei wählen ? Im übrigen wartet der der SPD Schulz auf den freien Posten als EU Boss, wenn der Juncker in Rente geht.
RalfHenrichs 17.08.2017
2. Kein Mitleid sondern ehrliche Analyse
Im Januar sah es so aus: Die SPD steht wieder für soziale Gerechtigkeit, sieht Agenda 2010 zumindest kritisch und will es von Grund auf reformieren, eine rotrotgrüne Koalition könnte angestrebt werden. Folge: die Umfragen für die SPD gingen durch die Decke. Mittlerweile weiss man, dass das Illusion war und die SPD wie Merkel für ein weiter so (mit kosmetischen Abstrichen) steht und auf eine Juniorpartnerschaft hofft (auch wenn Schulz dies nicht sagt). So eine Partei braucht keine Mensch. Die Umfragen brachen wieder ein. Wenn die SPD sich also klar machen würde, welche SPD die Bürger wollen und brauchen und sich entsprechend ausrichtet, wird es wieder aufwärts gehen. Also frühestens 2021. Wenn nicht, geht es weiter abwärts. Die französischen "Sozialisten" zeigen ja, dass auch für die SPD der Boden längst noch nicht erreicht sein muss.
post.scriptum 17.08.2017
3. Einen spannenden Wahlkampf...
... wie im Beitrag herbeigesehnt, ist mit der Ewigkeitskanzlerin nicht möglich: Merkel entzieht sich jeglicher Auseinandersetzung, setzt ihr Lächeln auf, schneidet bisweilen Grimassen und das Wahlvolk lässt es ihr durchgehen. In einer lebhaften Demokratie ist dieses Verhalten im Grunde ein Witz, aber anstatt die Wendehalsfrau abzuwählen, wird es am 24. September anders kommen. Leider, leider, leider.
fanasy 17.08.2017
4. Wenn Sie noch erläutern würden,
wieso es neue Impulse bräuchte, dann könnte ich SIE irgendwie verstehen. Und was soll dieses blöde Plakat mit Petry und ihrem Baby? Das habe ich bislang nur bei Spiegel online gesehen und zwar zumeist total aus dem Zusammenhang gerissen. Was bezwecken Sie damit? Neue Impulse?
mechanicsmike15 17.08.2017
5. Kurbjuweit reiht sich ein
in den Stream der Medien. Schulz wird gepäppelt, Petry gebasht. Kein Wunder, ist er doch selbst ein Teil dieser.
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