Die Lage am Montag Liebe Leserin, lieber Leser,


der zornige Rückzug des Fußballers Mesut Özil aus der Nationalmannschaft ist ein Schock für seine Fans und eine Genugtuung für all jene, die ihm das gemeinsame Foto mit dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan kurz vor der WM in Russland nie verziehen haben. Am Ende kennt diese ganze hysterische, verquere Angelegenheit aber doch nur Verlierer: Özil begibt sich selbst ins Abseits, weil er offenbar unfähig ist, einzusehen, dass es schlicht ein blöder Fehler war, mit einem autokratischen Staatschef zu posieren, der die Menschenrechte und die Meinungsfreiheit mit Füßen tritt.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 30/2018
Forscher erkunden, wie Körper und Geist Druck ertragen - und in Stärke verwandeln

Gleichzeitig haben aber auch Teile der Politik und der Medien versagt: Sie haben das Fehlverhalten eines einzelnen Nationalspielers zu einer gigantischen politisch-sportlichen Staatsaffäre hochgegeigt. Sie haben Özil gnadenlos an den Pranger gestellt, weil sie die tiefsitzenden, rassistischen Gefühle vieler Wähler und Leser in Stimmen und Auflage verwandeln wollten. Und der DFB, Özils Verband, war unfähig (oder unwillig), seinen Spieler zur rechten Zeit zu schützen. Auch das war: armselig.

Ist Demonstrieren in Bayern noch erwünscht?

SPIEGEL ONLINE

Die politische Debatte in Deutschland über Einwanderung und Integration wird inzwischen fast so schrill geführt wie in den USA. Am Wochenende demonstrierten Zehntausende Menschen in München unter dem Stichwort #ausgehetzt gegen die CSU und deren Rhetorik und Politik beim Thema Flüchtlinge. Die CSU fand das natürlich gar nicht schön. Im Oktober sind Landtagswahlen in Bayern, und da kann die Partei einen Aufstand der eigenen Bürger gar nicht gebrauchen. Auf Plakaten warf die CSU den friedlichen Demonstranten "Hetze" und einen Verstoß gegen den "Anstand" vor. Auf einem CSU-Plakat stand: "Nein zu #ausgehetzt." Das klingt dann fast schon so, als sehe die Partei der Staatsregierung von Markus Söder politische Demonstrationen oder Meinungsäußerungen, die gegen sie gerichtet sind, generell als Problem. Zur Verteidigung der CSU muss man sagen: Das war bestimmt nicht so gemeint. Oder besser gesagt: Hoffentlich war das nicht so gemeint.

Krieg der Worte zwischen Washington und Teheran

AFP

Nach der einseitigen Aufkündigung des Iran-Abkommens durch US-Präsident Donald Trump scheinen Washington und Teheran wieder in ein altes Muster aus früheren Zeiten zurückzufallen: Sie führen einen Krieg der Worte. Trump warnte Irans Präsident Hassan Rohani vor "ernsten Konsequenzen", sollte er es erneut wagen, den USA zu drohen. US-Außenminister Mike Pompeo nannte die Anführer in Teheran "Wölfe im Schafspelz". Zuvor hatte Rohani die USA vor einem militärischen Konflikt gewarnt. Ein Krieg mit Iran "sei die Mutter aller Kriege".

Vermutlich dürfte dieses fruchtlose Getöse noch eine ganze Weile so weitergehen. Washington spekuliert darauf, dass Teheran dem Druck von Sanktionen bald nachgeben wird und in Gespräche über ein verändertes Atomabkommen und über den Krieg in Syrien einsteigt. Die iranische Regierung gibt sich stur. Richtig heikel könnte die Sache werden, wenn Iran - wie angedroht - die Öl-Routen im Persischen Golf blockiert. Dann könnte aus dem Krieg der Worte sehr schnell ein echter Krieg werden.

Gewinner des Tages...

AP

... ist Donald Trump. Erinnert sich noch jemand? Der amerikanische Präsident hat gerade (wieder einmal) eine der schlechtesten Wochen seiner Amtszeit hinter sich gebracht. Seine Europareise war eine Katastrophe. Doch nun gibt es eine neue Umfrage des "Wall Street Journal" und von NBC News, die zeigt, dass Trumps Beliebtheitswerte um einen Prozentpunkt auf 45 Prozent angestiegen sind. Die Umfrage wurde über einen Zeitraum von vier Tagen durchgeführt und begann einen Tag vor seiner Pressekonferenz in Helsinki. Unter Anhängern der Republikaner bekommt Trump demnach von 88 Prozent der Befragten Zustimmung für seine Arbeit. Das ist einer der höchsten Werte für einen republikanischen Präsidenten seit Jahrzehnten.

Natürlich muss man die Zuverlässigkeit von Umfragen immer infrage stellen, doch gleichwohl zeigt die Erhebung: Es gibt eine Vielzahl von Amerikanern, die finden echt dufte, was ihr Präsident so treibt. Wer glaubt, Trump wäre bereits so gut wie erledigt, freut sich vielleicht zu früh.

DIE LAGE - der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Die SPIEGEL+-Empfehlungen für heute

Ich wünsche Ihnen einen guten Start in die Woche!

Ihr Roland Nelles

Mehr zum Thema
Newsletter
DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


insgesamt 14 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
StefanZ.. 23.07.2018
1. Etwas fehlt doch noch in der Trump Amtszeit
Während er persönlich in letzter Zeit lobenswert oft davon spricht wie sehr ihm der Friedenserhalt und das Verhindern eines fürchterlichen Atomkrieges am Herzen liegen geht im Geheimen das business as usual weiter. Vorbereitung zum gewaltsamen Regimechange im Stile von Libyen, Syrien etc. Was den Iran angeht sind die unilateralen Sanktionen ja nur der sichtbare Teil der Nötigung eines anderen Landes. Der unappetitlichere Teil besteht allerdings im absichtlichen Belügen und Aufhetzen der fremden Bevölkerungen. Mit dem Wort Belügen liege ich hier richtig. Im gestrigen Reuters-Artikel https://www.reuters.com/article/us-usa-iran/u-s-launches-campaign-to-erode-support-for-irans-leaders-idUSKBN1KB0UR wird klar gesagt, dass man von US Seite aus absichtlich Informationen übertreibt, eine nette Form zum persönlichen Gewissensbetrug um Lügen besser klingen zu lassen.
testuser2 23.07.2018
2. Falsch Herr Nelles
Falsch Herr Nelles, es ist eine Bestätigung für diejenigen, die den Medien wie SPON vorgehalten haben, dass diese den nationalen Rassismus benutzen und schüren, um Stimmung gegen den verhassten Erdogan zu machen. Sobald es darum geht, gegen Erdogan Stimmung zu machen, ist SPON ganz vorne dabei. Es geht ja gegen den "autokratischen Staatschef..., der die Menschenrechte und die Meinungsfreiheit mit Füßen tritt" - und der von Merkel nur gegen Geldforderung Flüchtlinge zurücknehmen wollte - und der mit Einschränkung von Meinungsfreiheit und einer Inhaftierungs- und Entlassungwelle dem in Deutschland mehr als wohlwollend aufgenommenen Militärputsch entgegengetreten ist. Und gegen einen Kritiker Merkels Flüchtlingspolitik. Einsicht, dass man nicht gleichzeitig Rassismus bewusst schüren und benutzen kann, und gleichzeitig Anti-Rassismus für sich in Anspruch nehmen kann, haben Sie nicht.
die Stechmücke 23.07.2018
3. Die CSU zerlegt sich selbst
das ist mehr oder weniger das Fazit aus ihrem Verhalten der letzten Monate und speziell auch das Verhalten in Bezug auf die Demonstration vom Wochenende. Wenn die CSU Führung Probleme adressiert, wenn sie richtigerweise kritisiert wird,- dann ist das eher eine egomanische Reaktion einer untergehenden Macho Clique. 50 plus X bei den nächsten Landtagswahlen: never!! Das 'mia san mia' bekommt einen geänderten Farbton.
i.dietz 23.07.2018
4. Guten Morgen
Özils Rücktritt ist längst überfällig und garantiert kein großer Verlust - nein, auch er hat leider nicht verstanden - vielleicht erklärt Erdogan es ihm !
meinerlei 23.07.2018
5. Hysterie allerorten
Man schaut ma Morgen bei SPON vorbei, und die ersten vier (!) Artikel beschäftigen sich mit Özil! Das ist der Sache völlig unangemessen. Richtig ist, dass es nur Verlierer gibt, durchgehend selbstverschuldet. Özil verliert kein Wort über das objektiv Problematische seines Handelns, sondern erregt sich über die rassistischen Trittbrettfahrer. Dass die Deutsche Nationalmannschaft seit Jahren selbst harmlose Gegner in Testspielen nicht besiegen kann, ist verschuldet durch den in Selbstgefälligkeit abgedrifteten Werbeonkel Löw und den drumherum gescharten devoten DFB. Der durch den unprofessionellen Umgang mit der Causa Özil ein weiteres Mal versagt hat. Aber es ist dann doch nur Fussball, niemand wird davon krank oder ärmer.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.