Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


gestern Abend war Hauptstadtparty, rund 350 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Medien kamen in das SPIEGEL-Hauptstadtbüro. Neue, alte und ehemalige Minister, Partei- und Fraktionschefs, Jens Spahn kam zusammen mit Christian Lindner und beide sagten, das sei wirklich Zufall. Politiker von Union, Grünen und FDP begrüßten sich herzlich und fast wehmütig, als könnten sie immer noch nicht verstehen, warum eigentlich Jamaika nicht geklappt hat.

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Heft 12/2018
Der Giftanschlag und der neue Kalte Krieg

In einem Gespräch ging es um das Verhältnis von Medien und Politik. Die Medien, sagte ein Minister, verlangten von der Politik, dass es echte Debatten und Auseinandersetzungen gebe. Einerseits. Wenn dann aber wirklich debattiert werde, hieße es sofort: Streit, Uneinigkeit, Parteiengezänk, Koalitionskrach, Machtkämpfe. Das führe dazu, dass Politiker immer weniger sagen, dass sie immer glatter, abgeschliffener werden, um nicht anzuecken. "Wir werden alle zu Kieselsteinen", sagte eine Spitzenpolitikerin.

MbS bei Trump

DPA

Der saudische Kronprinz Mohammad bin Salman, kurz: MbS, beginnt heute seinen Besuch in den USA. Ganze zwei Wochen will der 32-Jährige das Land bereisen, um amerikanische Investoren davon zu überzeugen, dass sich in Saudi-Arabien im Moment ganz viel verändert. Meine Kollegin Samiha Shafy beschreibt bei SPIEGEL DAILY, wie entschlossen der mächtige Kronprinz die saudische Monarchie reformiert. Frischer Wind, gesellschaftliche Modernisierung, mehr Freiheiten für Frauen, das ist alles dringend nötig und sehr zu begrüßen.

Aber heute trifft MbS zunächst einmal US-Präsident Donald Trump im Weißen Haus. Nach dem letzten Treffen der beiden, als Trump in Riad den Säbeltanz praktizierte, geriet im Nahen Osten einiges aus den Fugen: Die Nachbarn blockierten das Emirat Katar, und die Saudis entführten den libanesischen Premier. Man kann nur hoffen, dass Trump die junge Führung in Riad dieses Mal nicht zu Abenteuern ermuntert.

Die ewigen Verlierer

DPA

Eigentlich müsste ich sie zu Verlierern des Tages erklären, aber das scheint mir zu wenig, in Wahrheit sind sie die Verlierer der Geschichte: die Kurden. Nach dem Fall von Afrin sind Hunderttausende auf der Flucht, die Kurden werden gedemütigt, ihre Denkmäler geschleift. "In Afrin wütet eine unheilige Allianz aus türkischem Nationalismus und militantem Islamismus", schreibt mein Kollege Christoph Sydow in einem Kommentar. Solange die Kurden gegen den IS kämpften, waren sie willkommene Verbündete. Jetzt, da sie nicht mehr gebraucht werden, lassen die Nato-Partner der Türkei freie Hand. So geht es seit Jahrzehnten: Die kurdische Frage war immer zu gefährlich, zu kompliziert, niemand ist bereit, die berechtigte Forderung nach einem eigenen Kurdenstaat zu unterstützen.

Es stimmt: Die Kurden sind untereinander notorisch zerstritten, aber dieses Argument ist in Wahrheit eine Ausrede. Das Mindeste wären jetzt deutliche Worte der Nato in Richtung Ankara.

Gewinner des Tages...

... ist mein Kollege Günter Bannas. Vier Jahrzehnte lang hat er in Bonn und Berlin die deutsche Politik beobachtet und beschrieben, die allerlängste Zeit für die "Frankfurter Allgemeine Zeitung". Heute Abend wird er in Berlin mit einem Fest geehrt und in den Ruhestand verabschiedet. Die Kanzlerin wird erwartet, über die Bannas einmal den legendären Satz schrieb: "Die Jüngste in Kohls Kabinett raucht noch in der Öffentlichkeit." Das war 1991. Und echt Bannas, der den gesellschaftlichen und politischen Niedergang des Rauchens mit besonderer Wehmut begleitete und bis heute unverdrossen Gauloises ohne Filter raucht. Der Berliner Büroleiter der "FAZ" ist ein besonderer Journalist, feinsinnig, kollegial, aus der historischen Tiefe seiner vielen Berufsjahre schöpfend und auch nach 40 Jahren noch voll echter Begeisterung für die Volten und Winkelzüge der deutschen Politik, bis ins Detail. Politikverdrossenheit war für ihn wirklich ein Fremdwort. Mir gefiel der Gedanke, dass Bannas im politischen Betrieb alle überdauert hat, dass kein Politiker, kein Gegenstand seiner Betrachtung so lange durchgehalten hat wie er. Er ist der Gewinner des Tages. Wir, die wir einen wunderbaren Kollegen vermissen werden, die Verlierer.

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Herzlich,

Ihre Christiane Hoffmann

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insgesamt 7 Beiträge
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Seite 1
keine Zensur nötig 20.03.2018
1. Das Ei und die Henne,
schleifen nun die Medien die Politiker oder schreiben die Medien, was die Politiker wollen - oder gibt eine "höhere" Macht beiden vor, was sie zu tun und zulassen haben? Liebe Medien - nehmt einfach mal euren Auftrag als Vierte Gewalt wieder war, statt im Stile der Hofberichtserstattung über Erbfolgekriege oder den Erbfeind zu berichten. Unsere besten, demokratischen, saudischen Feudalfreunde? Na was soll da wohl rauskommen? Herr Trump wird jetzt erstmal schimpfen, weil auch die Saudis die russischen S-400 Systeme bestellt haben - und noch ein paar Dingelchen mehr. Danach wird man sich über den Iran und Syrien unterhalten. Kurden? Tscha - sie sollten sich einfach mal bissel erinnern. Im Irak hat sie ein großer Verbündeter gegen Saddam Hussein im Stich gelassen, in Syrien hat sie derselbe große Verbündete jetzt auch wieder im Stich gelassen. Assad hatte VOR Erdogans völkerrechtswidrigem Angriff angeboten, dass sich die Kurden in Afrin der syrischen Zentralregierung unterstellen und diese deren Schutz übernimmt. Wollten die Kurden nicht - und haben jetzt ein Problem. Zum Problem wird das auch für ihren großen Verbündeten, der auch völkerrechtswidrig einfach mal Stützpunkte in Syrien errichtet hat - da die Kurden jetzt zum Kampf gegen den Erdo ziehen, gehen dem großen Verbündeten die Bodentruppen aus. Dies wird wohl auch der Grund sein, warum man in Syrien die IS-Führung immer wieder mit US-Hubschraubern verlegt. Ups. Liebe Kurden - begnügt euch mit autonomen Gebieten in den jeweiligen Staaten. Und tragt vorallem nicht euren Kampf nach Deutschland.
i.dietz 20.03.2018
2. Kurden ./, Türken oder Türken ./. Kurden
Ich möchte hier einmal an die in der BRD lebenden Kurden und Türken appellieren, ihren heimatlichen Konflikt doch bitte nicht in der BRD auszutragen ! In diesem Sinne einen schönen Tag
redbayer 20.03.2018
3. Wie immer Frau Hoffman
eine kluge Auswahl der Lage-Themen mit pointierten Aussagen. Nur die Hoffnung "Trump/USA" werden den jungen Saudi nicht zu mehr Angriff verführen" liegt völlig daneben. Der "Kampf gegen den Iran" (und seine Unterstützer - siehe deutsche EU) ist wohl angesagt. Auch das abgedroschene Argument "arme Kurden, ohne Staat" sollten sie sich sparen. Die Deutschen mit ihrer Kurden-Aufrüstung haben einen gute Teil Schuld daran ...
haresu 20.03.2018
4. Bitte keine Geschichtsklitterung
Und auch keine Weichzeichnerei. Der Grund für das Scheitern der Jamaika- Gespräche war die FDP mit ihrer Angst vor Kompromissen.
ulrich-lr. 20.03.2018
5. Bitte keine Klitterung
Zitat von haresuUnd auch keine Weichzeichnerei. Der Grund für das Scheitern der Jamaika- Gespräche war die FDP mit ihrer Angst vor Kompromissen.
Nee, nun mal Schluss mit dieser Ente. Der Grund für das Scheitern der Jamaika-Sondierungen war die fehlende Bereitschaft von Schwarz-Grün Kompromisse mit der FDP zu schließen. Und Schwarz-Grün ging wohl arrogant davon aus, dass der FDP Posten wichtiger seien als Grundpositionen.
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