Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


was geschah in den ersten Tagen des April im Jahre 30, jenen Tagen, die sich auf die Geschichte der Welt ausgewirkt haben wie keine anderen? Forscher suchen nach Spuren des Menschen Jeschua ben Josef, genannt Jesus von Nazareth. Warum genau wurde er am 7. April vor den Toren Jerusalems hingerichtet? Wer trug dafür die Verantwortung?

Seit die ersten Universitäten gegründet wurden, ging es immer wieder um diese Fragen, und nun sind Forscher plötzlich erstaunlich weit gekommen. Zum Teil war es Zufall, irgendwo in Israel wurde ein Hotel abgerissen, Archäologen befassten sich mit dem Boden darunter, sie fanden Überreste von Synagogen, von Gräbern, von Bassins, durch die sich ganze Geschichten belegen oder verwerfen ließen. Doch die eigentlichen Fortschritte gehen auf neue Techniken zurück: Laserscanner, Bodenradar, ferngesteuerte Kamera. Unsere Titelgeschichte zu Ostern also: "Erforscht - Die letzten Tage des Jesus von Nazareth".

Aber ist Reales in einer Religion eigentlich relevant? Geht es nicht um das Göttliche? So einfach ist es nicht. Mit dem Christentum wurde 2000 Jahre lang Politik gemacht. Was hat der Vorwurf, es seien "die Juden" gewesen, die Jesus haben hinrichten lassen, alles angerichtet. Forschungen belegen, dass die eigentliche Verantwortung bei den Römern lag. Und was hatten die Frauenbilder des Christentums für gesellschaftspolitische Folgen: Hier die jungfräuliche Mutter Maria, dort Maria aus Magdala, die geheimnisvolle Frau an der Seite Jesu, die von einem Papst kurzerhand zur Sünderin erklärt wurde, später hieß es dann, sie sei Prostituierte gewesen. Forschungen aber legen nahe, dass die reale Maria aus Magdala eine ernstzunehmende Gefährtin Jesu gewesen sei, auf Augenhöhe mit den anderen Jüngern.

Im Video: Theologie - "Entscheidung des vierten Jahrhunderts"

Jonas Opperskalski / laif

Und außerdem: Die gedankliche Herausforderung dieser Religion - reizvoll auch für Atheisten und Andersgläubige - liegt nicht in den Engeln, den himmlischen Heerscharen, den Wundern und dem ganzen anderen Spuk, sondern darin, dass diese Religion tatsächlich einen realen Menschen in den Mittelpunkt stellt. Einen Menschen und somit das Menschliche - mit allem Großartigen und Schrecklichen, das dazu gehört.

Wer also war der reale Mensch Jesus von Nazareth? Das für uns angefertigte Bild auf dem Titelblatt zeigt jedenfalls keinen großen Jungen, blond, blass, faltenlos, so wie die Maler der Kunstgeschichte ihn meistens haben sehen wollen, sondern einen dunkelhäutigen Mann, der sein Leben vor allem draußen mit grober Arbeit verbracht hat.

Feiertage im Gefängnis

Justizvollzugsanstalt Neumünster
DPA

Justizvollzugsanstalt Neumünster

Viele Deutsche empfinden es als peinlich, dass es so aussieht, als müsse der Anführer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung Carles Puigdemont ausgerechnet Ostern, das Fest christlicher Nächstenliebe, in einem hiesigen Gefängnis verbringen. Und dann auch noch in Neumünster. Die Dänen haben ihn durchziehen lassen, die Deutschen haben ihn festgenommen. Kolleginnen und Kollegen aus vier Ressorts haben für die neue SPIEGEL-Ausgabe rekonstruiert, wie es zur Verhaftung Puigdemonts auf einem Rastplatz der A7 in Schleswig-Holstein gekommen ist. Einem meiner Kollegen ist es gelungen, an den 19-seitigen Europäischen Haftbefehl gegen Puigdemont zu kommen. Am Sonntag, dem Tag der Festnahme, haben diverse Bundespolitiker miteinander telefoniert und sich darauf verständigt, dass es keine politische Einmischung geben soll. Die Bundesregierung will offenbar kein Veto gegen eine mögliche Auslieferung nach Spanien einlegen. Unter Juristen aber ist dieser Kurs umstritten. Deutschland folgte mit der Verhaftung mustergültig den internationalen Regeln und brachte sich damit in eine Zwickmühle, in der es plötzlich keine eindeutigen Regeln mehr gibt.

Feiertage ohne Wohlgefühl

Ulrike Meinhof
Max Ehlert / DER SPIEGEL

Ulrike Meinhof

Das Schöne an den Feiertagen ist der Ablauf des ewig Gleichen. Herr Puigdemont wird in diesen Genuss nun nicht kommen. Interessant aber ist auf einer anderen Ebene, dass Feiertage überhaupt wieder als Genuss wahrgenommen werden. Die 68er haben da ganz anders gedacht. Die Jugendbewegung, die jetzt, fünfzig Jahre danach, wieder überall gefeiert wird, hielt Rituale für ein Mittel der Repression. Ulrike Meinhof zum Beispiel, als Journalistin Vordenkerin der Bewegung, später Gründerin der terroristischen RAF, argumentierte jedenfalls so. Sie wollte kein Weihnachten feiern. Aber sie hatte Kinder. Die wollten feiern.

Im Video: Bettina Röhl über die "Kernfamilie von 68"

DER SPIEGEL

Die Autorin Bettina Röhl, deren Mutter Ulrike Meinhof gewesen ist, erzählt im Gespräch mit dem SPIEGEL von der äußeren und inneren Verwahrlosung, die sie mit dieser Mutter durchleben musste, Röhl legt neue Akten vor, die das Bild ihrer Mutter als gute Frau des Terrorismus widerlegen und sie arbeitet sich an dem Mythos der 68er insgesamt ab. Sie sieht in den 68ern eine Luxus-Generation, die die Liberalisierung der Gesellschaft keineswegs eingeleitet, sondern von ihr profitiert hat.

Feiertage mit Wohlgefühl

Warum aber sind die Rituale, warum die Begriffe Heimat und Identität, überhaupt wieder da? Überall ist sie, die Frage nach dem Fremden und dem Eigenen. Auch der SPIEGEL stellt sich in mehreren Stücken der neuen Ausgabe dieser Debatte. Der Leitartikel fordert, die Politik müsse die Islamskepsis ernst nehmen. Eine Analyse im Kulturteil geht der Karriere des Gerüchts vom "Bevölkerungsaustausch" nach. Und ein Report im Deutschlandteil berichtet von der Überforderung an manchen Grundschulen durch einen faktisch zu hohen Anteil an Migranten.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Gewinner des Tages...

...ist der Journalismus. In den vergangenen Ausgaben haben wir uns intensiv mit Leserkritik am Journalismus auseinandergesetzt, das musste sein. Anlässe zum Selbstlob dürfen dann aber auch genauso beherzt genutzt werden. Wir hier im SPIEGEL bemühen uns besonders um drei journalistische Formen: um Enthüllungen, große Erzählungen und Dokumentationen. In allen Kategorien ist der SPIEGEL für den renommierten Nannen-Preis nominiert. Wenn andere schließlich die Gewinner sind, sei ihnen das herzlich gegönnt. Hauptsache der Journalismus insgesamt hört nicht auf, sich um die Bestform zu bemühen.

Ihnen eine anregende Lektüre, schöne Ostertage, ob mit oder ohne Ritual,

Ihre Susanne Beyer

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insgesamt 26 Beiträge
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Seite 1
schwäbischalemannisch 31.03.2018
1. Was wäre wenn ...
..., die Wissenschaft beweisen könnte, dass Jesus nur ein ganz normaler Mensch war? Und alles, was die Kirche in den 2000 Jahren danach gemacht hat, auch nur Interessen getrieben und von Menschenhand gemacht ist? Im Grunde weiß doch jeder halbwegs vernünftige und klar denkende Mensch, dass das alles so nicht gewesen sein kann wie es in der Bibel dargestellt wird. Das bedeutet ja nicht gleich, dass es keinen „Gott“ oder sonst wen gibt, der das Universum geschaffen hat. Wobei das ja alles Spekulation ist. Wir müssen uns wohl alle damit abfinden, dass die ganze Geschichte der Bibel zwar nicht erfunden, aber eben ganz anders und rein menschlich zu erklären ist. Weil aber Milliarden Menschen auf der Welt ein religiösen Bedürfnis haben und der Glaube die Gesellschaft zusammen hält, kann man die offensichtlichen Tatsachen nicht als solche allgemein gültigen Erkenntnisse veröffentlichen. Die Menschheit ist noch ganz weit weg davon sich zu intelligenten Wesen zu entwickeln. Die Massen lassen sich wohl besser kontrollieren, wenn der Glaube Sie lenkt.
spon-facebook-10000066621 31.03.2018
2. zweifache demokratisch gewählte
der "zweifache demokratisch gewählte" Führer der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung Carles Puigdemont
kuhndi 31.03.2018
3. Oder noch besser
Zitat von schwäbischalemannisch..., die Wissenschaft beweisen könnte, dass Jesus nur ein ganz normaler Mensch war? Und alles, was die Kirche in den 2000 Jahren danach gemacht hat, auch nur Interessen getrieben und von Menschenhand gemacht ist? Im Grunde weiß doch jeder halbwegs vernünftige und klar denkende Mensch, dass das alles so nicht gewesen sein kann wie es in der Bibel dargestellt wird. Das bedeutet ja nicht gleich, dass es keinen „Gott“ oder sonst wen gibt, der das Universum geschaffen hat. Wobei das ja alles Spekulation ist. Wir müssen uns wohl alle damit abfinden, dass die ganze Geschichte der Bibel zwar nicht erfunden, aber eben ganz anders und rein menschlich zu erklären ist. Weil aber Milliarden Menschen auf der Welt ein religiösen Bedürfnis haben und der Glaube die Gesellschaft zusammen hält, kann man die offensichtlichen Tatsachen nicht als solche allgemein gültigen Erkenntnisse veröffentlichen. Die Menschheit ist noch ganz weit weg davon sich zu intelligenten Wesen zu entwickeln. Die Massen lassen sich wohl besser kontrollieren, wenn der Glaube Sie lenkt.
wie wäre es, wenn man mal ernsthaft die Frage untersuchen würde, ob Jesus überhaupt existiert hat, oder ob alles nur eine Legende ist, so wie es viele andere auch gibt. (Wilhelm tell usw.) In keinem einzigen zeitgenössischem Dokument wird Jesus erwähnt, und wenn doch wurde es als Fälschung entlarvt. Obwohl in zeitgenössischen Dokumenten andere Personen aus der Zeit durchaus Erwähnung finden, von Jesus kein Wort. Sieht also so aus, als hätte er real in dieser Zeit NICHT existiert. Die ganze Geschichte trägt typische Züge einer Verschwörungstheorie. Und die Beweise der Kirche sind etwa so wie wenn jemand Brunetti Romane gelesen hat, dann nach Venedig reist und feststellt: Dieser Brunetti existiert doch!
bauklotzstauner 31.03.2018
4.
Vor einiger Zeit wurde hier auf SPON mal ein intelligenter Mensch (seines Zeichens sogar Bibelforscher) interviewt und mit den Worten zitiert: "Die Bibel ist kein Geschichtsbuch!" Kann man es nicht einfach dabei belassen? Müssen sich auch heute, Jahrhunderte nach der Gründung von Wissenschaften immer noch Historiker damit ihre Zeit verschwenden, Belege für die Richtigkeit von Glaubensbekenntnissen zu finden? In den Büchern stehen eh nur erfundene Geschichten! Und was werden wohl die Archäologen zutage fördern? Belege, daß es vor 2000 Jahren jüdisches Leben im "Heiligen Land" gab? Na, was für eine Erkenntnis! Halleluja!
ackermart 31.03.2018
5. Die gedankliche Herausforderung dieser Religion...
ist es, zum Beispiel diesen Satz aus dem Vaterunser fortzus(a)etzen: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Übel, ...uns selber zum Goodmenschen zu verklären. Denn in dieser fatalen Nähe zu schlechthin dann viel mehr als nur einem Godmenschen - im Alias des leibhaftig Leib habenden Gottes - kommt es leicht dazu, aber zu glauben, sich selbst von "den Üblen" erlösen zu sollen, statt von eben dem Übel des Aberglaubens, damit jemals Gutes bewirken zu können. Solch Geistiges, bzw. Geistliches, ist für Atheisten indes immer noch eine zumeist zu hohe Herausdorderung ihrer vermeintlichen Herabwürdigung.
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