Die Lage am Freitag Liebe Leserin, lieber Leser,


dass heute der 129. Geburtstag von Adolf Hitler ist, hat vor allem für den sächsischen Ort Ostritz eine Bedeutung. Dort kommen heute und morgen Neonazis und Rechtsextremisten aus ganz Deutschland zusammen und feiern das Festival "Schild und Schwert". Sie wollen Reden und Rockmusik hören und haben sicherlich diebische Freude daran, dass sich Schild und Schwert mit SS abkürzen lässt.

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Heft 16/2018
Berechtigte Sorge, übertriebene Angst - die Fakten zur Debatte um Islam und Heimat

Heute beginnt auch das "Ostritzer Friedensfest". Dort versammeln sich die Leute, die gegen Neonazis und Rechtsextremismus protestieren. In bester Absicht werden sie den Auftritt von ein paar Hundert Spinnern erst groß machen und ihm zu internationaler Aufmerksamkeit verhelfen. Warum lässt man die Neonazis nicht einfach in der Stille versacken? Falls notwendig, kann die Polizei eingreifen.

Schwarze Freitage

AFP

Heute ist Freitag, und wenn es schlimm kommt, werden wieder Menschen im Gaza-Streifen sterben. Freitags versammeln sich Palästinenser zum "Marsch der Rückkehr", um gegen den 70. Geburtstag des Staates Israel zu protestieren. Bislang sind dabei mehr als 30 Menschen ums Leben gekommen. Es ist das nächste Kapitel einer unendlichen Tragödie. Die israelische Armee reagiert brutal auf die Proteste, aber manchem Palästinenser sind Tote gar nicht so unwillkommen, weil sie sich als Märtyrer instrumentalisieren lassen. Mein Kollege Alexander Osang hat das in einer großartigen Reportage beschrieben.

In russischen Händen

DPA

Das kennen Sie doch auch: Beim Kartenspielen sind Sie froh, wenn Sie dran sind und Ihre Karte ausspielen können, fallen dann aber sofort in eine gespannte oder gar ängstliche Stimmung. Wie wird die Reaktion der Mitspieler sein?

Das ist gerade die Lage des Westens. Die USA, Frankreich und Großbritannien haben in Syrien zugeschlagen, aber jetzt ist Russland am Zug. Wie wird die Reaktion ausfallen? Harsch oder milde? Eskalierend oder beschwichtigend? Das Wohl und Wehe der Welt liegt derzeit vor allem in russischen Händen, kein gutes Gefühl (ist mit Trump aber auch so). Heute trifft der Uno-Syriengesandte de Mistura den russischen Außenminister Lawrow.

Aufzeichnungen aus der U7, zweiter Teil

DPA

Heute waren in einem Waggon gleichzeitig zwei Bettler, was eher ungewöhnlich ist. Der eine näherte sich mir von hinten, der andere von vorne. Der von hinten verkaufte eine Straßenzeitung und sang: "Gebt mir eine Spende für meine Lebenswende." Verglichen mit dem anderen Bettler wirkte er fast okay, eher wie jemand, der so gerade eben klarkommt. Als sich beide in der Mitte des Waggons trafen, schlug der mit den Zeitungen dem anderen kräftig auf den Arm. Es folgte ein heftiger Wortwechsel, den ich nicht verstand. Am Mehringdamm verließ der mit den Zeitungen den Zug. Der andere Bettler kam nun näher, ein kleiner Mann, sehr schmutzig, total elend. Aus seiner linken Manteltasche ragte eine große Flasche mit der Aufschrift "Korn".

"Wer will mir helfen", sagte er die ganze Zeit mit leiser, brüchiger Stimme und fixierte dabei nacheinander die Fahrgäste: den jungen Mann, auf dessen T-Shirt "Palm Beach" stand, die Frau mit dem Kopftuch, mich. Alle sahen weg, alle erstarrten, als seien sie plötzlich eingefroren, niemand gab ihm etwas. Ich habe das häufiger beobachtet, auch an mir selbst. Angesichts des totalen Elends, der totalen Verlorenheit schiebt sich der Wunsch nach Flucht über das Mitleid.

Gewinner des Tages

Das Wort mit der erstaunlichsten Karriere in diesem Jahrtausend heißt Algorithmus. Es war eine dunkle Erinnerung an quälende Mathestunden während der Pubertät, nun steht es für die Weltregierung. Der Algorithmus herrscht über uns alle, indem er für uns aussucht, was wir auf unserem Handy lesen und sehen können, also was wir zu einem großen Teil von der Welt wahrnehmen. Und das ist nur eine Anwendung von vielen.

Gestern habe ich hier das Buch "Der Morgen der Welt" erwähnt, eine Geschichte der Renaissance von Bernd Roeck, eine große Lesereise voller Überraschungen. Ich habe weitergelesen, und auf Seite 167 taucht dort der Mathematiker Abu Musa al-Chwarizmi auf, der im Jahr 780 geboren wurde. Was das mit Algorithmus zu tun hat? Wenn man den dritten Teil des Namens langsam spricht, kommt man drauf. Das Wort leitet sich von seinem Namen ab. Offenbar hat al-Chwarizmi uns das alles eingebrockt. Wer nach 1200 Jahren eine solche Wirkung entfaltet, kann nur mein Gewinner des Tages sein.

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Ich wünsche Ihnen einen angenehmen Freitag und einen guten Start ins Wochenende,

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 3 Beiträge
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StefanZ.. 20.04.2018
1. Trickserien in Sachen Schreckenswaffen
Wer hat wirklich ein Interesse daran, das Gerücht von generischen heimlichen Forschungen, Herstellungen und besonders wichtig, einer Skrupellosigkeit gegenüber Einsatz von verbotenen Chemie- und Bio-Waffen anzuheizen? Gruppen und Menschen, die keine friedlichen zwischenstaatlichen Verhältnisse mögen. Dazu gehören natürlich auch jene, die mit eher schmuddeligen Geschäften im Militärbereich ihr Geld verdienen. Bis vor einer Zeit dachte ich tatsächlich total naiv, dass im gesamten Hochrüstungsgeschäft eine einzige Sparte durch internationale Abkommen und Kontrollregime sauber und vorbildlich tabuisiert und beendet wurde. Das war allerdings nur eine Illusion. 2017 tauchte eine öffentliche Ausschreibung des US Militärs auf, die für Forschungszwecke Lieferanten von frischen Gewebeproben von Einwohnern Russlands suchten. Und dazu passend dann vor 4 Wochen dieser https://today.ucf.edu/new-laser-technique-may-help-detect-chemical-warfare-in-atmosphere/ wissenschaftliche Artikel, der zeigt, dass Forschungsgeld zum Erkennen von Bio-/Chemie-Waffenangriffen ausgegeben wird. Mit anderen Worten, kein einziger Waffenbereich ist tabu. Und welcher Spitzenpolitiker hochgerüsteter Abschreckerstaaten bitteschön kann die Hand dafür ins Feuer legen, dass auf seinem Territorium keine Steuergelder für die Forschung und Herstellung von neuen noch grausameren Chemie- und Biowaffen verschwendet werden?
apopluto 20.04.2018
2.
Ja was ist das denn Herr Kurbjuweit, die Gegendemonstranten sollen die Füße stillhalten. Wie lange denn? Bis der Herr Kurbjuweit ihnen Bescheid gibt?
TheFunk 20.04.2018
3. Armut in unserer Gesellschaft
Das wäre doch mal ein Thema für den Spiegel. Es gibt so viele mittlerweile leer stehende Wohncontainer, weshalb ist es nicht möglich dies den Bedürftigen zur Verfügung zu stellen? Wo wir doch ein christlich-abendländliches Land sind und Nächstenliebe groß schreiben. Der Israel-Palästina-Konflikt hat enormes Potential. So ist dieser Vorfall im Prenzlauer Berg zu sehen... Ein Palästinensischer Flüchtling hat aus seiner Sicht guten Grund die Besatzer seines Landes schlecht zu finden. Das war kein "Attentat" aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Gut ist das alles nicht - ich hoffe sehr, daß es bald ernsthafte Lösungsansätze für diesen Konflikt gibt.
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