Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


nicht einmal sechs Jahre sind vergangen, seitdem Jorge Mario Bergoglio, Erzbischof von Buenos Aires, zum 265. Nachfolger Petri gewählt worden ist. Er hat sich den Namen Franziskus gegeben und ist in einer weißen Soutane auf die Mittelloggia des Petersdoms getreten, um sich als neuer Papst den Gläubigen auf dem Platz zu zeigen.

Papst Franziskus
Pierpaolo Scavuzzo / AAP Images

Papst Franziskus

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Heft 39/2018
Der Papst und die katholische Kirche in ihrer größten Krise

Die schlichte Soutane, das Kreuz aus Eisen, das er statt eines goldenen um seinen Hals trägt, sollen Signale sein: Dass er mit Bescheidenheit und unbedingtem Willen zur Reform derjenige sei, der bekämpfe, was aus dem Vatikan geworden ist - er bekämpfe den Prunk, er bekämpfe den korrupten Geist, er bekämpfe den Verrat an den selbstformulierten Werten, den Glaubenssätzen. Aber was hat er bisher überhaupt geschafft? Und war es je mehr als eine Inszenierung? Wann endlich findet dieser Papst die richtigen Worte, die richtige Geste in einem der größten Skandale der gesamten Kirchengeschichte, dem tausendfach dokumentierten sexuellen Missbrauch durch Seelsorger?

Im Video: Vatikan-Insider Edward Pentin erzählt, wie Papst Franziskus auf die Missbrauchsvorwürfe reagiert - und was sein größter Fehler ist.

Cosimo Caridi / Der Spiegel

Meine Kollegen haben sich für die Titelgeschichte im neuen Heft auf die Spuren der Opfer begeben, sind in die USA, nach Argentinien und nach Bayern gereist. Walter Mayr, unser Rom-Korrespondent, hat hohe Würdenträger im Vatikan befragt. Bei mir hat das, was in seiner fertigen Geschichte zu lesen ist, Zorn und Ekel ausgelöst. So viele gequälte Menschen, so eine Schamlosigkeit.

Auf unserem Titelbild ist im Schattenriss Franziskus zu sehen. Die Zeile zitiert das achte Gebot: "Du sollst nicht lügen." Die Unterzeile: "Der Papst und die katholische Kirche in ihrer größten Krise."

DER SPIEGEL

Lüge? Ist das ein zu harter Vorwurf? Nein. Der Papst ist die Verkörperung der Kirche selbst, eines Organismus, in dem nachweislich gelogen, vertuscht und an den falschen Stellen geschwiegen wird.

Ein deutscher Bundeskanzler, der wie Franziskus nicht seinen eigentlichen Namen trug, ist einmal zu einer großen Geste fähig gewesen. Es war der Exilant Herbert Frahm, der sich Willy Brandt genannt hat. Als Ausdruck des Entsetzens und der Bitte um Vergebung für Verbrechen, die er selbst nicht begangen hat, ging er einst auf die Knie. Der Kniefall ist eigentlich eine Geste aus dem Katholizismus. Sie besagt Demut und das Wissen um Fehlbarkeit. Sie besagt so viel mehr, als eine weiße Soutane je besagen kann.

Deutsche Dekadenz

Eine der interessantesten Epochen der Kunst- und Kulturgeschichte ist die sogenannte Dekadenz. Sie umfasst die Jahrzehnte von etwa 1890 bis 1914, mit dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges war alles vorbei. Die Epoche der Dekadenz war geprägt von Wohlstand, sogar von weitgehendem Frieden, und doch war das beherrschende Zeitgefühl, das die Künstler ausdrückten, der Todestrieb.

Horst Seehofer und Andrea Nahles
AFP

Horst Seehofer und Andrea Nahles

Natürlich ist es ein kühner Vergleich - aber wie ist das eigentlich zu nennen, was sich derzeit in Deutschland abspielt? Dem Land geht es bestens, und doch ist es beherrscht von einer seltsamen Überspanntheit, einem dunklen Trieb, einem Hang zur Paradoxie. Denn wie anders als paradox sollte man das nennen, was gerade zwischen zwei Männern und zwei Frauen in Berlin passiert. Die beiden Männer machen Mist. Der eine heißt Seehofer, der andere Maaßen. Aber den zwei Frauen gelingt es aus eigenem Zutun, vom Handeln der Männer so blamiert zu sein, dass die eigenen Leute das Vertrauen in die Frauen verlieren und in die gesamte Bundesregierung gleich mit. Die eine Frau heißt nämlich Merkel, die andere Nahles. Der Aufmacher des Deutschlandteils im neuen Heft rekonstruiert die Begebenheiten der vergangenen Tage und trägt eine ganze Reihe von Wortlaut-Bekenntnissen zusammen - es äußern sich zahlreiche SPDler, die entsetzt sind über die Lage. Denn auch dieses merkwürdig paradoxe Kunststück ist zu betrachten: Die SPD verwandelt die Krisen, deren Ursache in der Union liegen, mit grimmiger Entschiedenheit in eigene Krisen. Die Umfragewerte schrumpfen für sie so schnell, dass einem beim Zusehen schwindelig wird. Todessehnsucht?

Deutsche Paradoxie

Sigmar Gabriel
Hannes Jung / DER SPIEGEL

Sigmar Gabriel

Was eigentlich mit Deutschland los ist, diese Frage stellen wir uns in jedem Heft, diesmal umkreisen wir sie aus allen Richtungen. Wie mächtig soll dieses mächtige Land sein? Der SPD-Politiker Sigmar Gabriel fordert in einem SPIEGEL-Gespräch, das Land solle außenpolitisch mehr Verantwortung übernehmen. In einem anderen warnt der Historiker Andreas Rödder, die Deutschen würden schon jetzt als Vormacht in Europa wahrgenommen. Die Wahrheit über Deutschland ist, dass beides zutrifft. Der Wesenskern, schon wieder: die Paradoxie.

Deutsche Urgeschichte

Jagdszene vor 300.000 Jahren
Ludgar Bollen / DER SPIEGEL

Jagdszene vor 300.000 Jahren

Sich mit der eigenen Geschichte inbrünstig zu befassen, auch das ist ein deutsches Merkmal. Aber warum wissen wir eigentlich mehr über das alte Ägypten als über unsere eigene Urgeschichte? Auf neun Seiten im neuen Heft führt uns mein Kollege Guido Kleinhubbert in die geheimnisumwobene Zeit, in der es so etwas wie Germanen noch gar nicht gab. Angeregt ist seine Geschichte von einer Ausstellung in Berlin, die spektakuläre Artefakte zeigt, jedes von ihnen wirft ein wenig Licht in die Urgeschichte. Die Artefakte erzählen von Menschen, die auf dem Gebiet des heutigen Deutschland hin- und herwanderten. Genau, sie wanderten. Fremde begegneten sich. Sie zeugten Kinder. AfDler werden es ungern hören. Aber schon die ersten Deutschen waren ihrer DNA nach das Ergebnis von - Migration.

Gewinnerin des Tages...

Claas Relotius / DER SPIEGEL

...ist Traute Lafrenz. Sie ist die letzte Überlebende der Widerstandsgruppe "Weiße Rose". Als junge Frau liebte sie Hans Scholl und verteilte Flugblätter gegen Hitler. Heute ist sie 99 Jahre alt und lebt in den USA. Mein Kollege Claas Relotius hat sie schon lange treffen wollen, sie ging auch immer wieder ans Telefon, wich ihm aber aus, einmal verstellte sie ihre Stimme und behauptete, Frau Lafrenz sei nun verstorben. Kollege Relotius fuhr einfach hin, klingelte und führte dann mit ihr ein herausragendes Gespräch, das Sie im neuen SPIEGEL nachlesen können.

Ein Zitat und noch eine deutsche Wahrheit: "Was mir verdächtig vorkommt, ist, dass sie (Sophie) und Hans zu übermenschlichen Helden gemacht wurden, zu Heiligen. So musste sich kein Deutscher mehr fragen, warum er selbst nichts unternommen hatte, denn die Scholls waren eben einfach so viel größer und besser. Dass auch sie von Hitler verführt wurden und ihre Schwächen hatten, dass sie gleichzeitig unsagbar mutig und leichtsinnig gewesen sind, dass sie vielleicht sogar fahrlässig gehandelt und für ihre Überzeugungen das Leben anderer riskiert haben, für diese Differenzierung war nie Platz."

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Susanne Beyer

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
i.dietz 22.09.2018
1. "Schein"-heilige Kirchen
Gott-sei-Dank habe ich der Kirche schon vor Jahrzehnten meine Kündigung geschickt. Und ich habe es bis dato nicht einen Tag bereut !
dirkcoe 22.09.2018
2. Die Katholische Kirche
schafft sich gerade in allen aufgeklärten Staaten selbst ab. Daran wird auch das alberne Kreuz in Bayerns Behörden nichts ändern. Das Paralleluniversum der Kirche ist so weit weg von den Gläubigen, dass man nur hoffen kann es bald ganz aus dem Auge zu verlieren. Mich widert diese Kirche nur noch an.
beathovenr66 22.09.2018
3. Eben Susanne Beyer...
Immer wieder ein Genuss wenn Susanne Beyer das neue Heft vorstellt. Sie schlägt mit grosser journalistischer Qualität den Themenbogen der neuesten Ausgabe in einer unvergleichlichen persönlichen Form. Auf diese Frau als Mitglied der Chefredaktion will der SPIEGEL verzichten ?
mayazi 22.09.2018
4. Katholiken
Was beim Thema der sexualisierten Gewalt Gewalt in der katholischen Kirche immer wieder fehlt, ist die Aufforderung, dass die katholischen Gläubigen sich davon distanzieren sollen. Wenn Sie das für einen absurden Satz halten (was ich tue), dann vergleichen Sie das mit der immer und immer wieder gehörten und gelesenen Forderung, die muslimischen Gläubigen mögen sich von den Verbrechen der Islamisten distanzieren.
patras 22.09.2018
5. Genau,
Zitat von mayaziWas beim Thema der sexualisierten Gewalt Gewalt in der katholischen Kirche immer wieder fehlt, ist die Aufforderung, dass die katholischen Gläubigen sich davon distanzieren sollen. Wenn Sie das für einen absurden Satz halten (was ich tue), dann vergleichen Sie das mit der immer und immer wieder gehörten und gelesenen Forderung, die muslimischen Gläubigen mögen sich von den Verbrechen der Islamisten distanzieren.
den Gedanken trage ich schon länger mit mir herum.Sie haben es einfach und klar ausgedrückt.Nur,damit kein Missverständnis aufkommt:Ich entstamme einer erzkatholischen Familie,besser Sippe,mein Vater war Angestellter des Erzbistums.Aber von mir als immer Noch-Katholik wurde nie,auch nicht im Nebensatz verlangt,mich von irgendetwas,was wirklich verabscheuungswürdig in der Kirche passierte und noch heute passiert,zu distanzieren,um zu beweisen,dass ich eine gute Demokratin bin.Und in meinem näheren Umkreis habe ich die Verlogenheit des Zölibats gesehen,jeder wusste,welche Rolle die Hausdame spielte,die Auswirkungen von sexuellen Übergriffen in einem Klosterinternat,das Gebot der Verschwiegenheit zu solchen Vorkommnissen und einen daraus resultierenden Suizid.Aber wie gesagt,der Katholizismus gehört zu unserer Leitkultur,da besteht doch kein Zweifel?Oder?
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