Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


mein Vater starb im vorletzten August. Er hatte an der Alzheimer-Demenz gelitten. Fünf Monate zuvor war mein Onkel gestorben, er hatte Krebs. Vor einigen Wochen hatte meine Mutter eine schwere Operation. Wir sind eine normale Familie. Meine Schwester und ich sind Ende vierzig. Die Generation vor uns ging oder geht auf die achtzig zu.

Titelbild
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Heft 5/2018
Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich

Hierzulande sind etwa 4,8 Millionen Bürger 80 Jahre alt und älter. Wenn meine Schwester und ich im Jahr 2050 im Alter unserer Eltern sein werden, wird sich die Zahl der Hochbetagten auf rund 10 Millionen mehr als verdoppelt haben. In Deutschland herrscht heute ein dramatischer Pflegenotstand. Wenn nicht bald etwas passiert, steuert dieses Land, eines der reichsten der Welt, auf eine Katastrophe zu. Unsere neue Titelgeschichte beschreibt, was da ist und was da kommt: Familien und Pfleger am Rande aller Kraft und eine teilnahmslose, pflichtvergessene Politik. Die Geschichte beschreibt auch, wie es anders gehen könnte. Die Titelzeile: "Am Ende. Die Pflegekatastrophe: Deutschland lässt seine Familien im Stich."

Sven Döring/ DER SPIEGEL

Meine Schwester und ich hätten unserem Vater ein anderes Ende gewünscht, aber wir waren froh, dass wir ihn hatten, so wie er war. Es heißt, Alzheimer nehme den Menschen ihre Würde, aber das stimmt nicht. Würdelose Umstände sind es, die die Würde nehmen. Alzheimer lässt zwar den Geist schwinden, nicht aber die Gefühle; unser Vater freute sich über uns, und das war schön. Er konnte unvermittelt Sätze sagen, die vollständig und groß waren, das ist bei vielen Alzheimer-Patienten so. Einen dieser Sätze sagte er am Tag vor seinem 80. Geburtstag, fünf Wochen vor seinem Tod. Er war elend an diesem Tag, zu Hause war er ständig gestürzt, er war an einem Infekt erkrankt, die Krankenhäuser kamen mit seiner Demenz nicht zurecht, es hieß, er müsse ins Heim, einen Platz gab es noch nicht, ein Krankenhaus parkte ihn in einer gerontopsychiatrischen Abteilung. An diesem trostlosen Ort planten wir nun seinen Geburtstag. Er blickte sich um, lächelte und sagte: "Es ist nicht ganz unser Leben, aber ist auch egal".

Im Video: Alter - Wer hilft bei der Pflege

Lars Frensch / Der Spiegel

Sollten die letzten Momente im Leben wirklich egal sein?

Die Kanzlerin hatte im Wahlkampf gesagt, das Thema Pflege werde ihr in der neuen Legislaturperiode wichtig sein. Die Koalitionsverhandlungen haben begonnen. Über Pflege ist kaum etwas zu hören.

Verkettet

In etlichen Geschichten im neuen SPIEGEL geht es um zweifelhafte Verflechtungen.

Da wäre Gesche Joost, Internetbotschafterin der Regierung, die eigentlich unabhängig und ehrenamtlich arbeiten sollte. Nun aber sieht es so aus, als habe sie 50.000 Euro jährlich bekommen und im Wirtschaftsressort eigene Interessen verfolgt.

Marco Bizzarri (rechts)
DPA

Marco Bizzarri (rechts)

Noch eine Verflechtung: Marco Bizzarri, der Chef der italienischen Modemarke Gucci, hat es offenbar mit einem geschickten Netzwerk verstanden, die Steuer so auszutricksen, dass er den Staat um Millionen gebracht hat. Eine Briefkastenfirma zahlte ihm freundlicherweise ein Millionengehalt.

Simon Prades/ DER SPIEGEL

Die nächste Verflechtung betrifft die deutschen Autobosse. Bis zu unserer Titelgeschichte "Das Kartell" im Sommer erzählten die deutschen Autobauer gerne ein schönes Märchen: Das entscheidende Erfolgsgeheimnis von Daimler, VW, Audi, Porsche und BMW sei die harte Konkurrenz untereinander. Dann stießen meine Kollegen Dietmar Hawranek und Frank Dohmen auf mehr als 60 Arbeitskreise, in denen sich die Autobauer in schönster Eintracht über die Abgasreinigung abstimmten. Nun sind meine Kollegen wieder auf etwas gestoßen: auf geheime Preisabsprachen. Die Geschichte im SPIEGEL heißt: "Das neue Kartell". Es geht vor allem um den Einkaufspreis für Stahl.

Das Wort "Verflechtung" liefert hier gar nicht das richtige Bild. Zöpfe sind geflochten, also lose gebunden. Der Duden bietet als Synonym für Verflechtung auch "Verzahnung" an oder "Verkettung". Ketten aus Stahl sind schwer zu lösen.

Verliererin der Woche...

Hochschulfassade in Berlin-Hellersdorf
Helena Lea Manhartsberger/ DER SPIEGEL

Hochschulfassade in Berlin-Hellersdorf

... war die Kunst. Auf der Außenwand einer Berliner Hochschule prangt ein Gedicht mit den Begriffen "Alleen, Blumen, Frauen". Jetzt muss es entfernt werden. Studentinnen hielten es für sexistisch. Kunst aber unterscheidet sich von Kitsch dadurch, dass sie niemals Zierde, nie Dekor sein kann. Kunst verbindet sich mit dem Betrachter, mit dessen Leben, dessen Erfahrungen, sie bedeutet für jeden etwas anderes. Sie kann dem einen ein Ärgernis sein, dem anderen eine Freude, und so war es auch bei dem Gedicht an der Hauswand, wie eine Reportage im Gesellschaftsteil des neuen Heftes beschreibt. Mein Kollege Jochen-Martin Gutsch hat die Studentinnen, den Hochschulrektor, den Dichter dazu befragt und bekam unterschiedliche Einschätzungen.

Wer eine Hauswand haben möchte, die jedem gefällt, also niemandem etwas sagt, sollte sich auf Putz verlegen. Geeignet wäre die Farbe Beigegrau.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen eine anregende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre

Susanne Beyer

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insgesamt 37 Beiträge
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Seite 1
Brathering 27.01.2018
1. Die Familien werden nicht im Stich gelassen
Ich kann dieses Gejammer nicht mehr hören. Der weitaus größte Teil des Staatshaushalts wird schon in Richtung Familien umverteilt. Das wirkliche Problem bei der Pflege sind die Pflegegesetze selbst (schauen sie sich mal die Sendung ‚Die Anstalt‘ im ZDF zu diesem Thema an). Zu geringe Deckung und Aktiengesellschaften bzw. Immobilienfonds die die Pflegegelder lieber ihren Aktionären ausschütten als sie den Pflegebedürftigen zu kommen zu lassen.
grommeck 27.01.2018
2. Nicht Deutschland läßt die Familien im Stich, sondern
die Regierung Merkel und Merkel persönlich. Diese Null hat keinen Plan und regiert, wenn man das überhaupt so nennen kann, durch Lobbyisteneinflüsterung. Pflegekassen, Rentenkasse, Gesundheitswesen werden durch skrupellose Geschäftemacher geplündert. Mit Mondpreisen werden weitere Gelder gefordert und mehr und immer schlechtere Leistungen erbracht. Neoliberalismus! Lächerlich - Ausbeutung und Plünderung, das ist Neoliberalismus und dazu haben wir die passenden korrupten Politiker. Gut dass die Deutschen sich nie wehren.
Spiegelleserin57 27.01.2018
3. Alltag in Deutschland...
Pflege eine Katastrophe. Die Bezahlung der Pflegenden ebenso. Die Heime verdienen gutes Geld, aber was leisten sie dafür? Das Personal wird schlecht bezahlt, den Gewinn machen die Heime , auf Kosten der Patienten und des Personals. Das Preis-Leistungsverhältnis ist aus dem Gleichgewicht geraten.....und alle schauen zu. die Überprüfungen die erfolgen sind vorher angekündigt, also natürlich das Ergebnis mit gut bewertet , aber wer schaut schon regelmäßig dort vorbei, unangekündigt? Keiner! Wer seine Kontrolle vorher ankündigt wird natürlich immer alles bestens vorfinden. Die Patienten werden aus Angst vor Repressalien natürlich nicht reden können, ebenso die Angehörigen. Die Politik kümmert sich nicht ausreichend...also geht es so weiter....passt zur derzeitigen Regierung ...weiter so!
basisdemokratiker 27.01.2018
4. Pflegenotstand und wiederkehrende Wahlversprechen
Erst wenn es uns gelingt, die Abgeordnetendiäten - leistungsbezogen - also nach Prüfung auf Erfüllungsgrad der tatsächlichen Umsetzung zu gestalten, wird sich eine Änderung ergeben können. Die dafür in Vergangenheit verantwortlichen Parteien wurden bisweilen von den Wahlberechtigten und Nichtwählern wiederkehrend in ihrer Politik des Nichteinlösens von Wahlversprechen bestätigt. Vielleicht schwebt eine Art Lotteriehoffnung im Hintergrund, welche vermittelt, dass es einen selbst so hoffentlich nicht treffen wird. Ergebnis der Entsolidarisierung und Selbstverantwortungslobby.
twister13 27.01.2018
5. Lasst es uns tun
Gedichte übermalen weil irgendwer sich von irgendwas gestört fühlt was der Rest der aufgeklärten Welt nicht so richtig nachvollziehen kann? Prima Idee! Ich hätte auch noch ein paar Bücher zuhause in denen Feministinnen sicherlich anstössiges finden. Und dann könnten wir noch ein paar Bilder mit nackerten Frauen auswählen, völlig egal ob das bedeutende Werke der Kunstgeschichte sind. Alles zusammen auf einen grossen Haufen und ein lustiges Freudenfeuer zur Übermalung der Wand entzünden. Lasst uns das Ende der Kunst- und Meinungsfreiheit feiern. Wäre doch gelacht wenn wir das was vor 75 Jahren unsere Vorväter schafften wir nicht auch schaffen!
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