Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es gibt kaum etwas Schmerzhafteres als Schuld einzugestehen und damit umzugehen. Auch die Schuld der Vorväter muss durchlitten werden, das zeigt die Geschichte immer wieder. Da es ohne Schmerzen nicht geht, müssen wir berührt werden, damit ein solcher Prozess überhaupt in Gang kommt. Deswegen sind es oft fiktive Erzählungen und nicht unbedingt historische Studien, die den Anstoß geben. Das bekannteste Beispiel ist die US-Serie "Holocaust" aus dem Jahre 1978. Diese Serie, die auch in Deutschland ausgestrahlt worden ist, beförderte eine tiefgreifende Aufarbeitung des Grauens. 1978 wurde in den USA die Serie "Roots" gesendet, ebenfalls ein Familienepos. Es ging um die Verbrechen der Sklaverei. Auch dies war ein Anstoß, vielleicht wurde auch dadurch Jahrzehnte später der erste schwarze Präsident der Vereinigten Staaten möglich. Was aber sagt es über Amerika aus, dass sich Barack Obamas Nachfolger in den vergangenen Tagen als Rassist gezeigt hat? Dass ein Ku-Klux-Klan aktiv ist, als seien es noch jene fernen Zeiten, in denen "Roots" spielte?

Die Titelgeschichte des neuen SPIEGEL heißt "Das wahre Gesicht des Donald Trump". Unser Washington-Korrespondent Christoph Scheuermann schreibt in seiner politischen Analyse der vergangenen Tage: "Einen Präsidenten, der Neonazis verharmlost, hat es noch nicht gegeben. Für viele Republikaner ist Donald Trump zu weit gegangen." Gleichwohl sei die Diskriminierung von Afroamerikanern im Land immer noch allgegenwärtig: "Die dunkle Sklavenhalterzeit kracht gerade mit großer Wucht in die Gegenwart der Trump-Ära."

Unser New York-Korrespondent Philipp Oehmke hat Dorothy Counts getroffen, von der vor fast sechzig Jahren ein berühmtes Foto gemacht worden ist. Sie sollte damals die erste schwarze Schülerin einer Highschool werden, auf dem Weg dorthin wurde sie von einem weißen Mob drangsaliert. Oehmke traf auch einen der Weißen, der auf dem Foto zu sehen ist. Sind die Zeiten besser geworden? Ja, natürlich. Viel besser? Die USA sechzig Jahre später seien, so Oehmke, ein moralisch zermürbtes Land.

Im Video: USA - Was ist "Alt Right"?

Milo Yiannopoulos / Youtube

Flughafen Berlin-Brandenburg - ein Roman

Wenn wir in der Redaktion über Texte sprechen, dann über Themen und Erzählformen: Wir unterscheiden zum Beispiel zwischen Nachrichtengeschichten und Reportagen, Essays und Meldungen. Ich würde Ihnen hier gerne einen wichtigen und gewichtigen Text im neuen SPIEGEL vorstellen, weiß aber nicht so recht, wie ich ihn klassifizieren soll. Also erst einmal das Thema: der Flughafen Berlin-Brandenburg.

Flughafen Berlin-Brandenburg (BER)
DPA

Flughafen Berlin-Brandenburg (BER)

Vor elf Jahren war Baubeginn. Das Ding wird womöglich niemals fertig. Meine Kollegen Ullrich Fichtner, André Geicke, Matthias Geyer und Andreas Wassermann erzählen nach sieben Monaten Recherche die umfassende BER-Story, sie haben Gerichtsurteile, Untersuchungsberichte, Lärmgutachten durchforstet, etliche Zeitzeugen gesprochen, haben sich mit Sprinkleranlagen und Entrauchungsmatrizen beschäftigt. Sie schildern ein so umfangreiches deutsches Versagen, dass auch die Geschichte umfangreich geworden ist. Sie sprengt den Rahmen selbst großer SPIEGEL-Reportagen. Stellen Sie sich also einen SPIEGEL-Roman aus Fakten vor. Das trifft es. Die Story ist opulent, entwickelt einen ungeheuren Sog - ich könnte weiter schwärmen, aber lesen Sie selbst und stellen Sie sich auf einen spannenden, sagen wir, Nachmittag ein. Der Text hat 20 Seiten.

Im Video: Zugfahrt - Nächster Halt BER

SPIEGEL TV

Und das ist Deutschland?

Jeden Mittwoch treffen wir uns hier im SPIEGEL mit den Kollegen aus den optischen Abteilungen zu einer ersten Heftvorlage, da sind Teile des Heftes schon angelegt, oft sehe ich aber nur die Bilder, die Texte sind noch nicht unbedingt verknüpft. Bei der Heftvorlage am vergangenen Mittwoch wähnte ich mich noch im Deutschlandteil des entstehenden Heftes, sah aber Fotos, bei denen ich mir sicher war, sie kämen aus den ärmsten Regionen Südeuropas oder weiter entfernten bitterarmen Ländern. Nein, es waren tatsächlich Bilder aus Deutschland. Aus Duisburg-Marxloh, einem Viertel, in dem es sogenannte No-go-Areas gibt.

Duisburger Stadtteil Marxloh
DPA

Duisburger Stadtteil Marxloh

Meine Kollegin Katja Thimm porträtiert diesen Stadtteil, beschreibt, wie die Stadt ganze Häuser von hier auf jetzt räumen lässt, weil diese quasi sofort einstürzen könnten. Der Wahlkampf in Deutschland sei so ruhig, weil es dem Land so gut gehe, heißt es immer. Irgendetwas kann daran nicht stimmen.

Im Video: Duisburg-Marxloh - "Ich hatte noch nie Angst hier auf den Straßen"

DER SPIEGEL

Gewinnerin des Tages ist ...

... Maralde Meyer-Minnemann, die Übersetzerin des portugiesischen Schriftstellers António Lobo Antunes. Mein Kollege Dirk Kurbjuweit hat beide besucht, den Schriftsteller und seine Nachdichterin, und zeigt in seiner Geschichte im Kulturteil des neuen SPIEGEL, wie mühsam eben nicht nur das literarische Schreiben selber ist, sondern auch die Übertragung in eine andere Sprache. Jede Sprache folgt ihrem eigenen Gesetz, im Deutschen hängt alles am Verb - was tun, wenn das im Portugiesischen ohnehin anders ist, der Schriftsteller aber zudem einen neuen Ehrgeiz entwickelt hat, Verben wegzulassen? Die Übersetzerin muss dann welche finden, sie muss etwas erschaffen, was nicht vorgegeben ist. Ihre Arbeit ist schöpferisch.

Die jüngsten Meldungen

Ihnen eine spannende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre
Susanne Beyer

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insgesamt 5 Beiträge
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Worldwatch 19.08.2017
1. DER SPIEGEL - Keine Angst vor der Wahrheit
Hm ... Was auch immer das sei, diese 'Wahrheit', und im Auge des -selbst kritischen, intellektuellen- Betrachters. Die Latte hängt ja hoch, bei Ihnen, meine Damen und Herren Herausgeber, Redakteure und Journalisten! Aber, ein kluger Geist hat, bzgl. Wahrheit, einmal geschrieben; ?Wer die Wahrheit sucht, muss sie auch ertragen können, wenn dieser glaube, Jene gefunden zu haben?! Vermutlich deshalb, wollen -allzu viele- Zeitgenossen, auch des Schrifthandwerks, nicht, oder nicht so genau wissen, was Wahrheit sei. Findet man sich, bei der -(selbst-)ehrlichen- Suche nach 'Wahrheit', doch all zu häufig vor einem hässlich verzerrten Spiegelbild wieder.
aschie 19.08.2017
2. Die Geschichte
Besser noch das Desaster über einen gewissen Flughafen in Deutschland hab ich gestern gelesen und kann die nur empfehlen.Eine sehr umfangreiche Story und mehr als einmal musste ich laut loslachen.Auch wenn das mal wieder keine Folgen hat die Verantwortungslosigkeit und Unfähigkeit sind Beispiellos. Und jeder Euro der noch in das Projekt geht ist einer zuviel.Dieser Flughafen geht niemals in Betrieb.
gelegentlicher_spon_leser 19.08.2017
3.
Hier wird ein vergleichsweise mickeriger Vorfall (Trump hat neonazis, die auch vor Trump - wenn überhaupt - vermutlich Reps gewählt haben und in Interviews gar nicht mit ihm einverstanden waren - nicht hervorgehoben, als er Gewalt verurteilt hat) monströs aufgeblasen, in der ( in Deutschland unter gleichen Umständen durchaus berechtigten Hoffnung), ihm mit unterschwelliger Nazi-Gleichsetzung endgültig abzuräumen. Trump hatte durchaus Vorgänger, die sich nicht oder nur allgemein zu rechter Gewalt im Süden geäußert haben. Die maßlose Übertreibung geschieht allerdings noch stärker in den USA, die NYT kannte eine weile kaum ein anderes Thema. Kann also durchaus sein, dass man hier Trump mit Nazi und Antisemitismus gleichzusetzten versucht, ein kleines Kunststück, aber was solls. Vermutlich sollte man langsam über die Zeit nach Trump nachdenken.
Beccaria 19.08.2017
4. Versagen bleibt sanktionslos
Das Grundübel in Deutschland ist, dass mittlerweile jedes Versagen staatlicher Stellen sanktionslos bleibt, weil die Zuständigkeit auf viele (politische) Gremien aufgeteilt wird, die nicht haftbar gemacht werden ( "wir sind doch nur Freizeitpolitiker" ) und die Großen gehen in Pension( Wowereit)
002614 19.08.2017
5. Keine Ahnung
Zitat von BeccariaDas Grundübel in Deutschland ist, dass mittlerweile jedes Versagen staatlicher Stellen sanktionslos bleibt, weil die Zuständigkeit auf viele (politische) Gremien aufgeteilt wird, die nicht haftbar gemacht werden ( "wir sind doch nur Freizeitpolitiker" ) und die Großen gehen in Pension( Wowereit)
was der "Bund der Steuerzahler" macht ! Anscheinend haben die Steuerzahler überhaupt keine Lobby. Der Staat als Bauherr ist ungeeignet - auch weil im Staatsapparat niemand "zuständig" ist. Er ist abhängig von der Bauwirtschaft (PPP - wie "partnerschaftlich" geht es da zu?) und wird anständig über den Tisch gezogen. Und wir zahlen den 10-fachen Preis. Die Medien sollten auch den Bürgern zur Kenntnis bringen, unter welcher Regierung diese kostspieligen Bauprojekte getätigt werden. Nur durch Veröffentlichung der Tatsachen und Nennung der Beteiligten werden auch die Politiker etwas demütiger.
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