Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


ein 50. Geburtstag sollte möglichst ohne größere Anfechtungen verlaufen, ohne Infragestellung des bisher Erreichten, also all dessen, woran man geglaubt, worauf man ein Leben lang gezielt hat. Das Revolutionsjahr 1968 hat jetzt 50. Jubiläum. Wäre '68 ein Mensch, stünde dieser Mensch vor den Trümmern seiner Existenz.

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Heft 18/2018
Kopftuch, Kreuz, Kippa: Das deutsche Ringen um Identität - der Glaube und sein Missbrauch

'68 war eine moralische Revolte. Es ging um die innere Überwindung der NS-Zeit, somit des Antisemitismus, auch um die Überwindung der Sehnsucht nach Autorität. Und es ging um die Überwindung dessen, was als typisch deutsch galt. Die Anti-Begriffe von '68 waren Heimat, Tradition, nationale Identität, Leitkultur. Dies aber sind genau die Begriffe, die heute mit Macht zurückkehren.

Um Religion geht es in diesen Tagen, jedenfalls an der Oberfläche. Kippa, Kopftuch, Kreuz - das sind die Schlagworte der Woche. Ein neuer und alter Antisemitismus macht sich breit, plötzlich ist auch wieder von Kreuzen in Klassenzimmern die Rede und die Debatte darüber, ob der Islam nun zu Deutschland gehört läuft immer weiter. Diese Diskussionen haben verschiedene Ursachen und Verläufe, eine Klammer aber gibt es, und das ist das Ringen der Deutschen um ihre Identität, um Heimat, Leitkultur, all das. Woher kommt das, fragen wir. Dies ist unsere neue Titelgeschichte.

DER SPIEGEL

Im Video: Religionen - Worum es eigentlich geht

Kulissen

Journalismus wird immer mehr zum Kampf gegen die Kulissen, die PR-Leute aufstellen. Unsere Reporter müssen hinter die Kulissen schauen und in ihren Texten analysieren, zu welchem Zweck die Kulissen überhaupt aufgebaut worden sind.

Kulisse Washington

Emmanuel Macron, Donald Trump
REUTERS

Emmanuel Macron, Donald Trump

Unsere Paris-Korrespondentin Julia Amalia Heyer flog für den Auslandsaufmacher im neuen Heft mit dem französischen Präsidenten Macron in dessen Regierungsmaschine nach Washington. Dort inszenierten Macron und Trump, gemeinsam mit ihren PR-Fachkräften, eine "Bromance"- eine romantische Bruderschaft. Diese Inszenierung hat die Welt tagelang fasziniert und irritiert. Frage: Warum küsst, drückt, herzt Macron, der ja als vernünftig gilt, diesen Trump, diesen Inbegriff der Unvernunft? Antwort: Wenn Macron sich als der einzige große Europäer gibt, der Zugang zum mächtigsten Mann der Welt hat, wird er automatisch zum mächtigsten Mann Europas.

Nicht amüsiert über diese Inszenierung waren die Kommentatoren der großen amerikanischen Blätter. Bei denen genießt Trump bekanntermaßen wenig Ansehen. Meine Kollegin Julia Amalia Heyer konnte als einzige Journalistin aus Europa an einem kleinen Kreis teilnehmen: Macron kam mit den kritischen US-Kommentatoren zusammen. Natürlich war auch dies eine Inszenierung. Macron setze hier ebenfalls seinen Charme ein - und der wirkte. Dies zeigt nun die gefährliche Seite Macrons, dieses Mannes, auf dessen Rettungskräfte der gesamte Westen angewiesen ist. Wenn alles immer und zu jeder Zeit Inszenierung ist, leidet genau das, worauf es in diesen Tagen besonders ankommt: Glaubwürdigkeit. Julia Amalia Heyer berichtet in ihrem Text, dass bereits die ersten langjährigen Elysee-Korrespondenten sich von Macron abwenden, weil es sie nervt, nur noch über Kulissen berichten dürfen.

Kulisse Myanmar

Geflüchtete Rohingya in Bangladesch im Oktober 2017
AFP

Geflüchtete Rohingya in Bangladesch im Oktober 2017

Meine Kollegin Fiona Ehlers konnte mit zwölf internationalen Journalisten nach Myanmar reisen. Sie waren die ersten Journalisten, die seit der Massenflucht der muslimischen Rohingya die Gebiete an der Grenze zu Bangladesch besuchen durften. Sie bekamen von staatlichen Kulissenschiebern Siedlungen vorgeführt, die gebaut worden waren, damit rund 700.000 geflohene Rohingya bald zurückkehren können.

Das Ansehen der buddhistisch dominierten Führung Myanmars (unter ihnen die Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi) hatte zuletzt durch die Massenvertreibung gelitten. Die neu gebauten Siedlungen allerdings sind leer, die Muslime trauen sich gar nicht zurück. Warum das so ist, erfuhr Fiona Ehlers, als es ihr gelungen war, die staatlichen Kulissenschieber zu verlassen und ein von Militärposten bewachtes Rohingya-Dorf zu besuchen: Der Hass zwischen Buddhisten und Muslimen sitzt derart tief, dass eine Versöhnung unmöglich ist.

Kulisse Gefängnis

Marcus Simaitis / Der Spiegel

Im Video: Abschiebeanstalt - "Morddrohungen sind alltäglich"

In einem Waldgebiet in Westfalen liegt Deutschlands größtes Abschiebegefängnis. Rund 140 Menschen sind dort in Haft und warten darauf, dass ein Flugzeug sie in ihre Heimat zurückbringt. Wer den Wald durchdringt und das Gefängnisgelände betritt, sieht im Innenhof ein Beachvolleyballfeld. Eine Kulisse? Soll damit demonstriert werden, dass es den Häftlingen hier gut geht? Mein Kollege Lukas Eberle, Korrespondent in Nordrhein- Westfalen, kam an interne Berichte aus der Anstalt. Die Häftlinge randalieren, sie wehren sich gegen alles, sie verletzen sich selbst, etliche versuchen, sich das Leben zu nehmen, denn sie wollen ja genau das nicht: zurück in die Heimat, vor der sie flohen. Die Wärter wiederum fühlen sich von diesen menschlichen Tragödien überfordert, fühlen sich damit alleingelassen.

Ein Staat muss das Recht haben, sich für Abschiebungen zu entscheiden. Er hat damit aber auch die Pflicht, diejenigen, die von dem staatlichen Auftrag direkt und indirekt betroffen sind, ordentlich zu behandeln.

Gewinner des Tages...

Florian Generotzky / DER SPIEGEL

...soll hier jetzt mal der Diesel sein - ja, doch, der Diesel. Und zwar ein Opel Astra, denn Opel hat es schwer zur Zeit, und man muss deshalb auch mal einen Opel gewinnen lassen. Mein Kollege Gerald Traufetter hat diese Woche für den Aufmacher im Deutschlandteil den ADAC im bayerischen Landsberg besucht. Im Testlabor stand dort ein Opel Astra bereit, dessen Abgasanlage mit einem speziellen SCR-Katalysator nachgerüstet worden war. Bis zu 70 Prozent weniger giftige Stickoxide stoße der Wagen aus, sagten die Techniker, bockten das Fahrzeug auf und demonstrierten, wie leicht sich der Katalysator in den Wagenboden integrieren lässt. Ist das die Lösung? Endlich? Aber nein. Unser Gewinner ist natürlich immer noch eigentlich ein Verlierer. Die Autokonzerne weigern sich nämlich, solche einfachen und kostengünstigen Nachrüstungen anzubieten.

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

Ihnen eine anregende Lektüre und ein schönes Wochenende,

Ihre
Susanne Beyer

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insgesamt 10 Beiträge
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bretone 28.04.2018
1. Macron «*gefährlich*»?
So ein Blödsinn. Was würde Deutschland sagen, wenn jene Rolle der Trump-Hätschlerin die Bundeskanzlerin wäre? Genau: wir haben Gewicht in der Welt, der POTUS vertraut uns! Nun hat Merkel diese Rolle eben nicht, stattdessen hat die der smarte, charmante und dynamische Präsident Frankreichs. Na und? Muss daher gleich wieder Neid aufkommen? So jedenfalls wird das nie was mit Europa, denn die deutschen Hegemonie-Ansprüche müssen endlich aufhören!
mazzeltov 28.04.2018
2. Wunsch und Wirklichkeit
Die Autokonzerne weigern sich nämlich, solche einfachen und kostengünstigen Nachrüstungen anzubieten. Die Lebensmittelindustrie würde Sojamilch auch gerne weiterhin "Milch" nennen dürfen und das Tofuschnitzel "Schnitzel". Darf sie aber nicht. Muss sie sich trotzdem dran gewöhnen. Die Autokonzerne wollen auch etwas: Weiterhin Autos verkaufen können, die eine gülltige Zulassung im Straßenverkehr haben. Und kein Verfahren wegen großangelegten Betrugs. Dachte ich jedenfalls. Möglicherweise wurden die Optionen ihr noch nicht - wie soll ich sagen? - überzeugend genug dargestellt?
Europa! 28.04.2018
3. Sapienti sat
Vielleicht ist das Problem ein anderes: Die Akteure stellen Kulissen gegen Beobachter auf, die schon vor dem ersten Blick alles zu wissen glauben. Und beide Seiten schaffen Realitäten: Die Kulissen sind nämlich genauso wahr, wie das, was in der Zeitung steht. Beides zeigt Wirkung. Und so ist der vermeintliche Kampf gegen Kulissen ein Kampf gegen Windmühlenflügel. Der Mann auf der Straße aber traut dem einen so sehr wie dem anderen: nämlich gar nicht.
pressionist reloaded 28.04.2018
4. Religionen gehören ...
... wie Sportvereine in die Freizeit. Da können sie keinen gesellschaftlichen & historisch relevanten Schaden mehr anrichten. Das wäre eine klare Säkulariiserungstrategie. Und ein wicxhtiger Schritt in eine Welt ohne Waffen.
AlBundee 28.04.2018
5. "Woher kommt das", im Ernst?
Ist es nicht völlig offensichtlich, dass Menschen seit der Geschichtsschreibung ein Bedürfnis nach Zugehörigkeit, Antwort auf Sinnfragen, Spiritualität, Richtlinien für korrektes Verhalten und Vorbilder haben? Jetzt haben wir die alten Modelle kaputtgehauen (Christentum, Judentum, Islam) ohne brauchbare Neue zu schaffen, und merken, dass Winterkorn, die Lehman Brothers, Trump und Beckenbauer nur sehr bedingt als Vorbild taugen. Das Strafgesetzbuch, Sozialgesetzgebung und Steuerrecht alleine ohne einen Wertekompass gelten für viele offenbar nur noch als lästige Spielregeln, die es mit zunehmend schwindender Kreativität und Diskretion zu umgehen gilt (siehe VW). Das wirklich Erstaunliche für mich ist, dass man in D das eigene Leben unter im internationalen Vergleich privilegierten Umständen als selbstverständlich vorraussetzt, Mitglieder anderer Kulturen als Minderwertig ansieht oder sie zumindest unbewusst so behandelt und sich Sinnfragen auf die Benutzbarkeit des Diesels und Parkgewohnheiten des Nachbarn reduzieren.
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