Die Lage am Dienstag Liebe Leserin, lieber Leser,


es ist nicht neu, dass die Amerikaner anderswo auf der Welt politische Kräfte befördern, die ihnen genehm erscheinen. Neu ist allerdings, dass sie das jetzt auch in Europa versuchen. Richard Grenell, der neue US-Botschafter in Berlin, hat, soviel kann man sagen, eine Mission. Er ist entschlossen, die Konservativen in Europa zu "ermächtigen". Grenell hält sie für die Repräsentanten einer schweigenden Mehrheit, von der er behauptet, sie verachte das Establishment und wünsche sich höhere Rüstungsausgaben in Deutschland. Via "Breitbart" propagierte Grenell eine Art konservativen Revolutionsexport: Rechte aller Länder, vereinigt Euch!

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Heft 23/2018
Italien zerstört sich selbst - und reißt Europa mit

Grenell outete sich als "großer Fan" von Österreichs Bundeskanzler Sebastian Kurz. In Deutschland setzt er bei seinen Plänen für einen konservativen "regime change" offenbar auf Jens Spahn, von dem er sich den Bundestag zeigen und im Kreise anderer Anti-Establishment-Konservativer zu einem Abendessen einladen ließ.

Inzwischen hat Grenell den österreichischen Kanzler Kurz zu einem Essen in seine Residenz gebeten und nebenbei noch Israels Ministerpräsident Netanyahu am Flughafen Tegel getroffen. Der US-Botschafter betätigt sich in Berlin offenbar schon als eine Art konservativer Nebenkanzler.

Da ist es irgendwie beruhigend, dass sich heute Abend die Berliner Regierungsspitze zusammensetzt, um über die großen Linien der deutschen Außenpolitik in Zeiten der Unordnung zu beraten. Das Treffen ist so geheim, dass das Kanzleramt noch nicht einmal mitteilen will, wer genau daran teilnimmt: Fest steht, dass die Koalitionsspitzen dabei sind, also Merkel, Vizekanzler Scholz und CSU-Chef Seehofer, zudem Außenminister Maas und Verteidigungsministerin von der Leyen. Es geht voraussichtlich um alles: Trump und die transatlantische Zerrüttung, Macron und die EU-Reform, den Handelsstreit, das Zwei-Prozent-Ziel der Nato und um den Dauerbrenner - den Umgang mit Russland.

Ferner Nachbar Polen

DPA

Meine jüngere Tochter war in der vergangenen Woche in Kreisau, polnisch Krzyzova, zur deutsch-polnischen Jugendbegegnung. Sie fand die jungen Polen, die sie dort traf, unheimlich offen und begierig, die Deutschen kennenzulernen, aber schon auch fremder als die Austauschschüler aus Lyon, die vergangenes Jahr bei uns in Berlin waren. Irgendwie, sagt sie, gibt es den Eisernen Vorhang immer noch. Warum ich das erzähle? Bundespräsident Steinmeier und seine Frau beginnen heute einen zweitägigen Besuch in Polen.

Mehr als die Begegnung mit den polnischen Jugendlichen hat meine Tochter übrigens die Beschäftigung mit dem Kreisauer Kreis und dem deutschen Widerstand bewegt. Als Vorbereitung auf die Fahrt kaufte sie sich in der Buchhandlung um die Ecke die Biografie von Freya von Moltke, gestern Abend hat sie mir daraus vorgelesen, so begeistert und berührt war sie. Ich schreibe das hier, um an die Autorin der Biografie zu erinnern: die Wissenschaftlerin und Journalistin Sylke Tempel, die im vergangenen Herbst bei dem Orkan in Berlin ums Leben kam.

Verlierer des Tages...

DPA

... sind Ärzte und Patienten: Heute stellt der medizinische Dienst der Krankenkassen die Statistik für Behandlungsfehler des vergangenen Jahres vor. Wenn Ärzte Fehler machen, sind die Folgen schwerwiegender als bei vielen anderen Berufen. Aber das Thema ist, so höre ich es von Ärzten, nach wie vor tabu, aus Angst vor Klagen wird vertuscht und verheimlicht. Dabei sind Fehler, wie wir alle wissen, die beste Quelle, um zu lernen. Der Anspruch, Ärzte dürften keine Fehler machen, ist nicht realistisch und verlangt, was kein Mensch leisten kann. Aber der Anspruch, dass Fehler aufgeklärt und kommuniziert werden, damit andere daraus lernen können, ist mehr als berechtigt.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
kuac 05.06.2018
1.
Regime Changes überall in Europa, damit nur US-Vasallen an die Macht kommen? Wer bzw. welche Kräfte stecken dahinter? Was die Erhöhung der Rüstungsausgaben betrifft, könnte man einfach die Zahl der Soldaten und deren Gehälter erhöhen und Rüstungsgüter aus DE, FR und GB bestellen.
Listkaefer 05.06.2018
2. Eine interessante und pointiert ...
... dargestellte Lage! Sehr angebracht, dass sich die außenpolitischen Kompetenzträger der Bundesregierung zusammebsetzen zur Standortbestimmung. Die Situation der EU, Italiens und insbesondere auch die Unverfrorenheiten von Trump und seinem Mann in Berlin verlangen klare Positionierungen. Rückgrat bitte, Frau Merkel. Endlich mal klare Ansagen, nicht nur absicherndes Herumlavieren.
huz6789 05.06.2018
3. Abmahnen!
Mit den Mitteln der Diplomatie gehört Grenell am Mittwoch abgemahnt. Das heißt, ein nochmaliger Verstoß führt zum Rauswurf. Es wird Zeit, dass die deutsche Regierung endlich mal Kante zeigt. Anders ist der Vorgehensweise der Trump-Administration nicht beizukommen.
micspiegelforum 05.06.2018
4. das eine ist ...
was der Grenell macht. Was aber um Himmelswillen treibt den der Herr J. Spahn an, dass er das Ansehen von Herrn Grenell so gewinnen konnte?
YourSoul Yoga 05.06.2018
5. Politischer Terminator
Generell kann Grenell Grenells generellen Standpunkt darstellen. Ich denke aber schon dass Merkel im Mark merkt dass Grenells genereller Standpunkt ist, dass sich Trumps Trupp traut zu den inneren Angelegenheiten Angelas Anmerkungen zu machen.... ein schwieriges Geschäft ist das.
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