Die Lage am Samstag Liebe Leserin, lieber Leser,


im Januar 2015 stand ich auf dem Dresdner Neumarkt. Irgendwo weit hinten sang Herbert Grönemeyer auf einer Bühne, der Platz war voll, dies hier war eine Demonstration der Dresdner Bürger gegen die Pegida-Märsche, ich war als Beobachterin hingekommen. Die Demonstranten projizierten Worte aus Licht auf die Kuppel der Frauenkirche, mit diesen Worten wollten sie ein Zeichen setzen gegen den Hass auf den Straßen. Die Worte waren: Liebe, Hoffnung, Humanismus, Nächstenliebe.

Titelbild
Mehr dazu im SPIEGEL
Heft 36/2018
Wenn Rechte nach der Macht greifen

Ich sah die Absicht, aber zweifelte schon damals daran, dass das funktionieren kann: mit guten Worten einen scharfen Konflikt zuzukleistern. Acht Monate später kam das, was als "Flüchtlingskrise" in die Geschichte eingehen wird. Drei Jahre später, also in diesen Tagen, stehen sich in einer anderen sächsischen Stadt, in Chemnitz, Demonstranten und Gegendemonstranten gegenüber - hasserfüllt hier, fassungslos dort. Die Lage in Chemnitz war zeitweise so gefährlich, dass selbst unbeteiligte Augenzeugen um ihr Leben bangen mussten.

Sachsen ist zu einem Fallbeispiel geworden. Was nämlich aus einem Bundesland werden kann, wenn die Rechten nicht nur die Straße übernehmen, sondern an die Macht streben. Sachsen ist ein Fallbeispiel für etwas, das seine spezifischen Ursachen zwar im Bundesland selber hat, so ähnlich aber woanders ebenfalls passieren kann.

Aufmarsch von Rechten in Chemnitz
Michael Trammer/ imago

Aufmarsch von Rechten in Chemnitz

Die Titelgeschichte in unserem neuen Heft rekonstruiert, wie es zu der Tat kommen konnte, die die Ausschreitungen auslöste. Ein Deutscher mit kubanischen Wurzeln ist am vergangenen Wochenende in Chemnitz erstochen worden, Hauptverdächtigter: Yousif A., ein Flüchtling aus dem Irak. Sofort sammelte sich in den Straßen der Mob, alle Flüchtlinge standen nun unter Generalverdacht. Der Mob brüllte, skandierte Parolen, lieferte sich Schlachten - all das schadet jetzt dem Ansehen Deutschlands in der Welt.

Meine Kollegen haben für die Titelgeschichte etliches über Yousif A. herausgefunden, zum Beispiel, dass er in seinem Asylverfahren gefälschte Papiere vorgelegt hat. Mit Freunden des Opfers haben meine Kollegen ebenfalls gesprochen. Einer von ihnen sagt, dass ihr Freund niemals gewollt hätte, dass die Hasserfüllten eine solche Tat derartig für ihre Zwecke ausnutzen.

Im Video: Was denken die Sachsen?

Arne Kulf / Der Spiegel

So - sagen wir mal - verwickelt ist allein schon die Ausgangslage. Und alles drum herum ist es auch. Das Versagen Sachsens ist das Versagen eines komplexen Systems, in dem die wenigsten von sich sagen können: Ich war's nicht. Auch die Westdeutschen haben ihren Anteil daran, dass in Sachsen so viel Frust herrscht.

Und auch jener Teil ostdeutscher oder westdeutscher AfDler, der mit Fug und Recht von sich behaupten kann, nicht rechtsextrem zu sein, sollte sich die Schmerzen der Selbsterkenntnis nicht ersparen, dass er massiv zu einer Lage beigetragen hat, die für das ganze Land brandgefährlich werden kann. Und auch die Bürger, die sich links oder in der Mitte der Gesellschaft wähnen, müssen sich die Frage stellen, ob sie nicht traumverloren eine Situation mit geschaffen haben, die für alle beschämend ist.

Liebe, Hoffnung, Humanismus, Nächstenliebe? Ja klar, darum geht es in westlichen Gesellschaften. Aber wer diese Begriffe wirklich ernst nimmt, weiß, dass sie eine Herausforderung sind. Der weiß, dass man mit eben diesen Worten Konflikten nicht ausweichen kann, sondern dass diese Worte auf produktive Weise mitten hineinführen in Konflikte. Nur wer sich selbst und den anderen in Konflikten nicht schont, wird der Größe eines Wortes wie Humanismus gerecht.

Deutschafghanin Esmaeli
Jens Gyarmaty/ Visum

Deutschafghanin Esmaeli

Unsere Titelgeschichte schildert die Lage in Sachsen und die übergeordneten Zusammenhänge. Weil aber das Thema Flüchtlinge allein schon so groß ist, kommt es im Heft auch an anderen Stellen vor: Wir bringen den Gastbeitrag des deutsch-afghanischen Models Zohre Esmaeli. Sie ist selber im Alter von 13 Jahren geflohen und schreibt nun, warum es so viele Missverständnisse zwischen Deutschen und Flüchtlingen gibt. Manche Flüchtlinge glaubten, so schreibt sie, "wenn sie auf Kosten von 'Ungläubigen' lebten, rechnet ihnen Gott das nicht als Sünde an". Unser Wirtschaftsaufmacher wiederum zeigt, wie Integration gelingen kann, und zwar vor allem durch Integration in den Arbeitsmarkt. Er erzählt die Geschichte eines Flüchtlings, der in kürzester Zeit zur begehrten Fachkraft geworden ist.

Arbeitnehmer Alabojumaa
Christian A. Werner/ DER SPIEGEL

Arbeitnehmer Alabojumaa

Bärchenzigaretten

Eines der großen Themen unserer Zeit ist auch der Kult um das gesunde Leben. Wie ergeht es da Firmenchefs, deren Produkte nachweislich ungesund sind? Gummibärchenherstellern? Zigarettenproduzenten? Hans Guido Riegel, der Chef von Haribo, erzählt im SPIEGEL-Gespräch, wie er als Kind in die Fabrik seines Vaters gegangen und in den Drageekesseln Karussell gefahren ist. Gummibärchen sind ungesund? Nicht abzustreiten, meint Riegel: "Haribo-Produkte sind und bleiben eine Süßware und stehen für eine kleine Freude im Leben."

Hans Guido Riegel
Matthias Jung

Hans Guido Riegel

So unbefangen mögen sich die Chefs der Tabakkonzerne nicht geben. Sie wissen, wie dringend sie wegkommen müssen vom Image der Krankmacher. Also geben sie sich bereit zur Buße und loben elektronische Dampfer als Alternative. Natürlich stellen sie die auch selbst her. Es ist ihr Zukunftsmarkt. Den radikalen Strategiewechsel der Tabakkonzerne beschreibt unsere große Wirtschaftsgeschichte.

Iqos-Gerät
Romain Gaillard / REA / LAIF

Iqos-Gerät

Gewinnerin des Tages....

...ist die Bundeskanzlerin. Wie man so etwas als Journalistin schreiben kann? Sind diese Zeilen hier nun endlich mal ein handfester Beleg dafür, dass Journalisten mit den Regierenden kungeln, dass sie letztlich eine einzige elende Bande sind? Nein, sind sie nicht. Wir sind keine Bande, die Bundeskanzlerin ruft hier nie an, sie äußert nie Themenwünsche - man kann das ja heutzutage nicht oft genug betonen. Warum nenne ich dann trotzdem Angela Merkel hier eine Gewinnerin? Weil sie eine Romanfigur geworden ist.

Getty Images

Der schwedische Bestsellerautor Jonas Jonasson hat die Fortsetzung seines Buches über einen Hundertjährigen, der aus dem Fenster stieg, geschrieben. Angela Merkel ist hier eine strahlende Protagonistin. Mein Kollege Volker Weidermann hat Jonasson in Kenia getroffen, im Gepäck hatte er ein Exemplar der deutschen Ausgabe. Jonasson bestand darauf, dieses Exemplar signieren zu dürfen, mit einer Widmung nicht für meinen Kollegen, sondern für die Bundeskanzlerin: "Liebe Kanzlerin Merkel, Sie sind die Hoffnung der Welt für eine gute Zukunft." Nun hat mein Kollege die schwierige Aufgabe, der Kanzlerin ein Buch übergeben zu müssen im Wissen, dass sich Geschenke von Journalisten an die Kanzlerin verbieten. Von der Kanzlerin ist wiederum bekannt, dass man ihr mit Geschenken nun gar nicht kommen sollte. Wie die beiden das jetzt lösen, weiß ich noch nicht. Wir werden berichten. Bleiben Sie dran.

DIE LAGE - der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier:

Die jüngsten Meldungen aus der Nacht

  • Bayern: Großbrand auf Raffineriegelände bei Ingolstadt
  • Verfassungsschutz: Mehrheit der Deutschen wünscht sich eine Überwachung der AfD
  • Nafta: Gespräche über Handelsabkommen zwischen Kanada und USA abgebrochen
  • Ihnen eine anregende Lektüre des neuen Heftes und beste Grüße,

    Ihre

    Susanne Beyer

    Anmerkung: In einer ersten Version des Textes hieß es, der Hauptverdächtige aus Chemnitz, Yousif A., sei ein Flüchtling aus Syrien. Tatsächlich kommt er aber aus dem Irak. Die entsprechende Stelle wurde korrigiert.

    Mehr zum Thema
    Newsletter
    DIE LAGE: Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen


    insgesamt 17 Beiträge
    Alle Kommentare öffnen
    Seite 1
    burlei 01.09.2018
    1. Jahrzehntelang hat sich die Tabakindustrie ...
    ... mit Hilfe konservativer Politiker erfolgreich gegen jede Form der Reglementierung gewehrt. Ebenso ist sie mit der gleichen politischen Unterstützung gegen eine kleinen Gruppe Enthusiasten, die die E-Zigarette entwickelt und zur ernsthaften Alternative zur Tabak-Zigarette geführt hat vorgegangen. Werbung für Tabak? Kaum eingeschränkt. Werbung für E-Zigaretten? Verboten! Nachdem in den letzten Jahren trotzt alle Repressalien grade finanziell potente Kunden im besten Alter abgesprungen und zur E-Zigarette gewechselt sind, immer mehr Forscher und Institute diese als "bis zu 95% weniger schädlich als eine herkömmliche Zigarette" bezeichnen und grade hier in Deutschland die Zahl der Dampfer rapide steigt (geschätzte 5 Mio, Tendenz stark steigend), rührt sich die Tabakindustrie. Jetzt verbrennt sie das Kraut nicht mehr, jetzt wird es nur noch erhitzt. Sicher bleiben noch jede Menge Rückstände, aber immerhin. Der Tabak-Verdampfer ist 80% weniger schädlich als eine herkömmliche Zigarette. Was kommt als nächstes? Wird man die Konkurrenz der E-Zigarette verdrängen? Wahrscheinlich. Es kann ja nur eine Alternative geben und das ist die Tabak-Industrie.
    littletruth 01.09.2018
    2. Es ist das kalte Grausen.
    Richtig ist, viele der attraktiven Demonstranten dieser rechten Szene kannten das Dritte Reich nicht aus eigener Erfahrung. Man weiß nicht, ob man sie dazu beglückwünschen soll - oder nicht. Denn hätten sie es kennengelernt, würden sie wohlmöglich nicht derart unreflektiert herumbrüllen. Ich befürchte aber, dass das unselige „rechte“ Denken heutzutage keine politischen und historischen Hintergrund braucht, um das geschehen zu lassen, was in Städten wie Chemnitz eindrucksvoll passiert.. Und ja - verzeihung - auch die Optik der teilnehmenden Wut -Frust-oder Dummbürger trägt nicht dazu bei, einen vernünftigen verbalen Disput zu erhoffen. Wenn ich sehe, wieviele dieser „Demonstranten“ quasi ungestraft den braunen Gruß darbieten, kann einem nur angst und bange werden. Wiewohl: die Mehrheit in diesem Land denkt nicht so. Damit das so bleibt, heißt es wachsam bleiben und die braune Soße ungewürzt in den Gulli kippen. Ich fordere ein aktives staatliches Eingreifen und nicht so ein wischiwaschi Verhalten einiger Osttdeustcher Politiker. Sonst machen sie in meinen Augen gemeinsame Sache mit dem braunen Mob.
    michael.mittermueller 01.09.2018
    3. Wen wir dazu machen
    Ist die Forderung nach Sicherheit wirklich "Rechts" ? Ist es denn nicht genau anders herum, dass die Forderung nach persönlicher und ökonomischer Sicherheit ein linkes, d.h. sozialistisches Anliegen ist? Die Frage, die ich mir stelle ist, weshalb vertritt weder die SPD noch die Partei Die Linke heute dieses urlinke Anliegen, sondern grenzt alle, die es vortragen als "rechts" aus ? Die Zerstörung des Begriffs Links ist der Zerstörung des Begriffs Sicherheit vorgelagert. Wenn die ANTIFA einen Kongress im Münchner DGB Haus abhält, dann ist die Frage berechtigt, wer in den Gewerkschaften hier wirklich aktiv ist. Und dieselbe Frage stellt sich aufgrund der Veränderungen in den Großsstädten, etwa in Berlin ? Was ist linke Poliitk ? Das Schweden Olaf Palmes oder das Deutschland Willy Brandts ? Oder gibt es heute ein neues Linkes Utopia ? Brasilien zum Beispiel oder Kuba ? Für einen Teil der Linken war das Utopia sogar in Kambodscha. Dem roten Khmer wurde etwa zum revolutionären Sieg gratuliert. Und wie steht es mit dem Leninismus / Stalinismus ? Links ? Die Münchner Räterepublik etwa wird immer wieder als Besipiel zitiert. Als Joschka Fischer seine Betriebskampfgruppe Opel gründen wollte oder seine Putztruppe führte, war das dann links ? Oder wie sieht es mit der heutigen Antifa oder der Antideutschen Linken aus, die ja beide mit den Grünen und Teilen der KP Nachfolge Partei Die Linke vernetzt sind. Links ? Wesentliche Teile der ex SPD Wähler sind zur AFD gewechselt. Werden diese Wähler dann zu Rechten ? Was passiert mit dem anderen Teil, der zu den Grünen gewechselt ist, etwa in Bayern. Links ? Das mit Rechts und Links ist so eine Sache. Aber vielleicht genügt es ja ein entsprechendes T-Shirt anzuziehen und den SPIEGEL, die SZ oder die TAZ zu lesen, um links zu sein. Dann wäre es wohl einfacher. Zeig mir Dein Abo und ich sage Dir, was Du denkst. Richtig ? Oder habe ich da etwas missverstanden? Es geht gar nicht mehr um Inhalte. Sonst wären die klar. Und niemand würde sich für Pol Pot aussprechen und anschließend im Bundestag arbeiten. https://www.deutschlandfunkkultur.de/kambodschas-terror-regime-und-seine-linken-bewunderer.950.de.html?dram:article_id=245787 https://www.saarzeitung.de/saarbruecken/saarbruecken/Gluecklich-mit-einem-Massenmoerder-Pol-Pots-Lacheln-Theaterstueck-ueber-die-Verblendung-einer-linken-Delegation-in-Kambodscha,82997 Nun heute ist es nicht mehr Pol Pot sondern irgend ein Kurdenführer, der Revolutionäre anlockt. Und weiter gilt, Links ist, wen wir dazu machen, oder besser, wen wir dazu machen wollen. https://www.washingtonpost.com/world/middle_east/us-military-aid-is-fueling-big-ambitions-for-syrias-leftist-kurdish-militia/2017/01/07/6e457866-c79f-11e6-acda-59924caa2450_story.html?noredirect=on&utm_term=.981088d84f8a
    Zeitwesen 01.09.2018
    4.
    An dieser Zuspitzung der Lage sind auch Gesellschaft, Medien und Politik schuld. Anstatt solchen rechtsradikalen Umtrieben von Anfang an kompromisslos die rote Karte zu zeigen hat man versucht diese laute und teilweise gewalttätige Minderheit mit Zuhörangeboten zu verhätscheln und ihnen die Aufmerksamkeit geschenkt, die sie provoziert haben. (Man stelle sich vor man würde dieselbe Kuschelpädagogik bei IS-Anhängern anwenden.) Die Presse hat sich über gezielt provokante Äußerungen von AFD-Politikern empört, aber auch so gleichzeitig dieser undemokratischen Minderheit ihre Schlagzeilen und Top-News für die Themen der Rechtsradikalen zur Verfügung gestellt und damit eben auch die Politik gezwungen Dinge als Problem zu sehen, dass bis dahin keine waren und auch keine sind. Die Politik hat reagiert und sich daraufhin selbst oftmals in brauner Rhetorik und Aktionismus versucht. Fehlentwicklungen die beispielsweise inerhalb von Justiz und Polizei in Sachsen die seit Jahren erkennbar sind wurden ignoriert und unter den Teppich gekehrt, selbst nachdem es irgendwann internationale Reisewarnungen bezüglich Sachsen gab. Von daher ist diese Entwicklung nicht verwunderlich sondern hausgemacht. Das Problem mit den Rechtsradikalen wurde von der falschen Seite angepackt. Gesprächsangebote und Kumbajagesänge sind keine wirksamen Mittel gegen radikale Extremisten, egal ob sie dem IS anhängen oder den Nationalsozialisten des dritten Reichs. Der Staat muss dringend "Zähne" zeigen und diesen Verfassungsfeinden mit allem was Recht und Gesetz zu bieten haben "auf die Finger hauen".
    hyichbindas 01.09.2018
    5. Danke
    für Ihre reflektierten Worte zu Chemnitz! Sie haben das Geschehen auf den Punkt gebracht! Was den Roman betrifft: Einfach gegen ein unsigniertes Exemplar tauschen :-) Ihnen ein schönes Wochenende!
    Alle Kommentare öffnen
    Seite 1
    Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

    © SPIEGEL ONLINE 2018
    Alle Rechte vorbehalten
    Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


    TOP
    Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
    Hinweis nicht mehr anzeigen.