Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


es ist schon bemerkenswert, mit welcher Rage Saudi-Arabien seit Tagen gegen Kanada vorgeht - und alles nur, weil die kanadische Außenministerin Chrystia Freeland die Freilassung der inhaftierten Frauenrechtlerin Samar Badawi gefordert hatte. Riad fährt seitdem eine politische, wirtschaftliche und diplomatische Kampagne gegen Kanada. Kanadas Botschafter wurde ausgewiesen, Direktflüge nach Kanada gestrichen, saudi-arabische Bürger massenhaft nach Hause zurückgerufen, ein Twitter-Account des Königshauses zeigte zeitweise ein Flugzeug, das auf die Skyline von Toronto zusteuerte. Die Attacken zeigen, dass sich das Königshaus außenpolitisch nichts gefallen lassen will, seit Kronprinz Mohammed bin Salman dort das Sagen hat.

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Heft 32/2018
Wie der Klimawandel unser Leben verändert

Auch Deutschland steht in Riad auf einer Art schwarzen Liste und zwar schon seit einem Dreivierteljahr. Die Retourkutschen waren bisher nur subtiler als gegen Kanada. Schon im November 2017 hatte Riad den Botschafter in Berlin abgezogen, seither wurde kein neuer ernannt. Seit Monaten blockiert das Königshaus offenbar deutsche Unternehmen bei ihren Geschäften in Saudi-Arabien. Der Grund? Der damalige Außenminister Sigmar Gabriel hatte Riad "außenpolitisches Abenteurertum" vorgeworfen. Saudi-Arabien zeigt sich unter Kronprinz MbS launisch und aggressiv. Im Land gibt er sich als moderner Reformer, aber wer ihm widerspricht, im Land und außerhalb, muss mit Strafen rechnen. Für die deutsche und die westliche Diplomatie ist dieser wichtige Player und alte Verbündete im Nahen Osten ein sehr schwieriger Partner geworden.

Knappes Rennen in Ohio

AFP

Bei Nachwahlen zum US-Kongress liefern sich heute Morgen ein Demokrat und ein Republikaner bei der Stimmenauszählung ein Kopf-an-Kopf-Rennen, dessen Ausgang ungewiss ist - und das im US-Bundesstaat Ohio, im Wahlbezirk OH-12, der traditionell mit großem Vorsprung republikanisch wählt. Die Wahl war im Vorfeld als weiterer Indikator dafür gesehen worden, ob die Demokraten bei den Midterm-Wahlen am 6. November die Mehrheit im Repräsentantenhaus erringen können.

In Ohio war der 30-jährige demokratische Politikneuling Danny O'Connor (im Foto) gegen den 50-jährigen republikanischen Politikveteran Troy Balderson angetreten. Entscheidend war nicht so sehr, ob der Demokrat auch wirklich gewinnen würde; sensationell war schon, dass er überhaupt in Reichweite kam. Schon in bisherigen Nachwahlen schnitten die Demokraten zum Teil in republikanischen Hochburgen sehr gut ab. Trump ist notorisch unbeliebt, die Anhänger der Demokraten sind extrem motiviert - auf diese Weise wollen Demokraten im Herbst gewinnen. Die Nachwahl in Ohio ist deshalb wichtig, weil sie beiden Parteien neue Anhaltspunkte dafür gibt, mit welchen Botschaften sie im Herbst antreten wollen.

Elon Musk macht Faxen

DPA

Tesla-Chef Elon Musk haben manche schon als neuen Steve Jobs bezeichnet, bevor er irgendwann anfing, immer seltsamere Sachen zu twittern und schließlich einen britischen Rettungstaucher als Pädophilen bezeichnete, weil dieser Musks Mini-U-Boot nicht im thailändischen Höhlendrama vor ein paar Wochen einsetzen wollte. Nun hat Musk endlich eine Möglichkeit gefunden, mit anderen Dingen auf sich aufmerksam zu machen: Er wolle Tesla womöglich von der Börse nehmen, twitterte er überraschend: zu einem Aktienpreis von 420 Dollar pro Stück, die Finanzierung sei gesichert. Laut Medienberichten soll Saudi-Arabiens Staatsfonds zuvor seine Beteiligung an Tesla ausgebaut haben. Schon seit seine Firma an der Börse ist, hadert Musk mit öffentlicher Kritik und Spekulationen über Teslas Geschäftsverlauf - ob seine Ankündigung einen realen Hintergrund hat oder nur Bluff war, wird man sehen. Zunächst einmal wurde der Handel mit der Aktie an der Börse ausgesetzt.

10 Jahre Georgien-Krieg

Heute vor zehn Jahren erlebte die Welt einen ersten Vorgeschmack auf das heutige feindselige Verhältnis zwischen Russland und dem Westen. Am 8. August 2008 begann ein kurzer Krieg zwischen Georgien und Russland, der damit endete, dass Georgien die Kontrolle über die Provinzen Südossetien und Abchasien verlor - seither herrscht zwischen den beiden Staaten ein "frozen conflict". Den Krieg hatte Georgien begonnen, aber das Prinzip eingefrorener Krieg hat Russland seither, nachdem sich die Beziehungen zum Westen nachhaltig verschlechterten, mit Erfolg immer wieder eingesetzt, nicht zuletzt in der Ukraine. Damals, vor zehn Jahren, galt Russland vielen im Westen noch als Partner, die Georgien-Krise sah man nur als zwischenzeitliches Tief und nach dem Georgien-Konflikt überbrachte die neue Außenministerin Hillary Clinton ihrem Amtskollegen Sergej Lawrow einen großen roten "Reset"-Knopf. Es kam bekanntlich anders.

Verlierer des Tages...

REUTERS

... ist Alex Jones, der bekannteste Verschwörungstheoretiker Amerikas. Er ist unter anderem dafür verantwortlich, dass seine fanatischen Anhänger trauernde Eltern heimsuchen, deren Kinder bei dem Schulmassaker von Newtown getötet worden waren - denn Jones behauptet in seiner Internetsendung "Infowars", das Massaker sei eine Erfindung gewesen, die Kinder gar nicht tot und die Eltern Teil einer Inszenierung. Außerdem hält er natürlich 9/11 für eine Lüge und verkauft im Internet Überlebensausrüstung für kommende Katastrophen. Das wäre alles nicht so schlimm, wenn Jones mit seinen wahnsinnig wirkenden Auftritten nicht Millionen von Fans hätte, darunter Donald Trump. Doch fast alle großen Social-Media-Unternehmen haben nach Jahren nun endlich seine Podcasts und Videos von ihren Plattformen verbannt: Apple, Facebook, YouTube und Spotify. Die Aktion kommt wohl Jahre zu spät und hilft Jones, sich als Opfer darzustellen; als Erstes stiegen die Downloads seiner iPhone-App massiv an. Donald Trumps Sohn Donald junior beschuldigte die Tech-Firmen gar einer Verschwörung gegen konservative Medien.

Das zeigt: Alex Jones gehört für Teile der Trump-Bewegung zu ihrem Mainstream, und das kann einem wirklich Angst machen. Ich empfehle Ihnen zur Lektüre die schon etwas länger zurückliegende, aber spektakuläre Begegnung meines Kollegen Veit Medick mit Jones.

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insgesamt 4 Beiträge
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Actionscript 08.08.2018
1. Saudi Arabien arbeitet zusammen mit Al Quaida....
...in Jemen. Soweit ist es gekommen, dass der Erzfeind der USA, Al Quaida, jetzt mehr oder weniger von den USA unterstützt werden. Vielleicht will Trump ja auch hier was umkehren, was mit Obama zu tun hat. Nur zur Erinnerung, wir können Obama verdanken, dass Bin Laden Geschichte ist. Oder es geht um den grossen Waffendeal mit Saudi Arabien.
KingTut 08.08.2018
2. Nachwahlen in Ohio
Laut Washington Post, hat der republikanische Kandidat momentan einen Vorsprung von 1752 Stimmen. Das reicht noch nicht, um von einem Sieg der Reps auszugehen, auch wenn Trump diesen schon auf Twitter feiert und diesen natürlich - selbstlos wie er ist - seinem persönlichen Einsatz zuschreibt. Selbst wenn die Reps diese Nachwahlen gewinnen sollten, dann wäre dies ein höchst bedenkliches Ergebnis, hatte Trump diesen Bundesstaat doch mit großem Vorsprung bei den Präsidentschaftswahlen gewonnen. Seine Politik der Spaltung, Säen von Hass und unfassbar viele Lügen scheinen doch viele Wähler nachdenklich zu stimmen. Das lässt für die Midterms im November hoffen.
kleinsteminderheit 08.08.2018
3. Tesla - Die Mühen der Ebene
Tesla ist in einer extrem kritischen Phase. Die Firma war bei der Elektromobilität ganz vorne. Nun verspielt sie den Vorsprung weil sie es, trotz extremer Geldmengen, seit Jahren nicht schafft, eine zeitgemäße Serienfertigung einzurichten. Gleichzeitig holen die großen Autobauer auf. Und die beherrschen die Serienfertigung hervorragend. Herrn Musks Pirouetten, Fabriken in Europa, U-Boote zurHöhlenrettung oder Rückzug von der Börse, dienen nur dazu die Phantasie der Anleger weiter anzustacheln. Sie lenken davon ab, dass Tesla derzeit das kleine Einmaleins des Autobaus nicht beherrscht. Das Modell 3 ist ein Hoffnungsträger mit immer näher rückendem Verfallsdatum. Selbst wenn die Serienfertigung morgen perfekt läuft, rollt ein mehrere Jahre altes Modell vom Band und bislang hört man noch nichts von einem verbesserten Nachfolgemodell. Tesla scheitert derzeit an den Alltagsproblemen des Automobilbaus. Und es scheitert an Musk, einem Vordenker der nicht nachdenkt, der zwar tagtäglich gewaltige Luftschlösser aufbaut, aber an den Mühen der Ebene versagt.
joki81 08.08.2018
4. Kanada zeigt Rückgrat
Saudi Arabien hat im Bezug auf Menschenrechte gewaltige Defizite, und endlich traut sich mal eine westliche Regierung, das auch ganz offen so auszusprechen. Es wäre wirklich wünschenswert, dass die europäischen Regierungen diesem Beispiel folgen und sich hier Kanada gegenüber solidarisch zeigen.
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