Die Lage am Mittwoch Liebe Leserin, lieber Leser,


der österreichische Regierungschef Sebastian Kurz besucht heute Angela Merkel. Man wird nett miteinander sein, Floskeln austauschen, aber wenn Merkel ihre Verantwortung als deutsche Bundeskanzlerin ernst nimmt, wird sie Kurz fragen, was für Hintergedanken dessen Innenminister Herbert Kickl wohl hatte, als er davon sprach, er wolle Flüchtlinge "konzentriert" in Grundversorgungszentren unterbringen. Das wäre doch mal ein interessantes Thema zwischen der Deutschen und dem Österreicher.

Würde Kurz sagen, Kickl habe damit nichts andeuten wollen, könnte Merkels Antwort lauten: Wer als Deutscher oder Österreicher dieses Wort im Zusammenhang mit Flüchtlingen verwendet, wer überdies nicht für sich reklamieren kann, keine Schule besucht zu haben oder wahrnehmungsgestört zu sein, will natürlich etwas andeuten, will den Bezug zu den Konzentrationslagern der Nazis herstellen. Wie finden Sie das, könnte Merkel den Kollegen fragen, Chef einer Regierung zu sein, deren Innenminister diesen Bezug herstellen möchte?

Ganz unten

AFP

Das schöne Wort Wadlbeißer definiert das "Bairische Wörterbuch" so: "1. kleiner, bissiger Hund. 2. Stänkerer, Zyniker; einer, der um boshafte Kommentare nicht verlegen ist." Ob Hund oder Mensch, der Wadlbeißer zählt nicht zu den allgemein geschätzten Sozialfiguren, sein Auftreten gilt als würdelos, als unangenehm. Wo sich der Wadlbeißer aufhält, ist naturgemäß unten.

Gleichwohl finden sich immer wieder Politiker, die diese Rolle einnehmen. Ein aktuelles Beispiel ist Alexander Dobrindt, der Landesgruppenchef der CSU im Bundestag. Er nannte die Debatten der SPD einen "Zwergenaufstand" und verlangte "mehr Mut und weniger Wackelpudding". Die Strategie ist klar: In der CSU führt der Weg nach oben manchmal für eine Weile nach ganz unten. Edmund Stoiber, später Ministerpräsident, galt lange als Wadlbeißer von Franz Josef Strauß.

Die SPD sollte jetzt einen schönen Satz von Michelle Obama beherzigen: When they go low, we go high. Dobrindt tritt heute bei der CSU-Landtagsfraktion im Kloster Banz auf.

Katalanische Niederlande

AFP

Sie finden, dass die Regierungsbildung in Deutschland schwierig ist? Seien Sie froh, dass Sie nicht Katalane sind. Heute tagt in Barcelona zum ersten Mal das neu gewählte Parlament, in dem die Separatisten wieder die Mehrheit haben. Regierungschef in spe ist der ehemalige Amtsinhaber Carles Puigdemont, aber der hat sich persönlich separiert und sitzt im Exil in Belgien. Er muss damit rechnen, verhaftet zu werden, sobald er spanischen Boden betritt. Wie soll er da regieren?

Es gibt schon Überlegungen, dass er sein Kabinett per Skype führen könnte. Wenn man aber Katalonien von Brüssel (früher übrigens ein Teil der Spanischen Niederlande) aus regieren kann, belegt das nur, wie sinnlos Grenzen in diesen Zeiten sind. Wie sinnlos ist dann erst Separatismus.

Gewinner des Tages...

DPA

... könnte, theoretisch, das deutsche Fernsehprogramm sein. Denn es gibt keine Quote. Aus technischen Gründen kann derzeit nicht ermittelt werden, wie viele Zuschauer die jeweiligen Sendungen sehen. Da die Quote oft ein Argument ist, gute Filme, zum Beispiel Dokumentationen, erst gegen Mitternacht oder gar nicht zu zeigen, können die Sender jetzt ein anspruchsvolles Programm machen, ohne sich für den gefürchteten Quotenabsturz rechtfertigen zu müssen. Dann macht es auch.

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Ich wünsche Ihnen einen schönen Mittwoch,

Ihr Dirk Kurbjuweit

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insgesamt 14 Beiträge
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Seite 1
zeisig 17.01.2018
1. So schnell steht man am Pranger.
Wenn man sich jetzt schon zweimal überlegen muß, ob man das Wort "konzentriert" überhaupt noch verwenden darf, dann ist es weit gekommen. Selbst wenn man von einer "konzentrierten Unterbringung" in Zusammenhang mit Flüchtlingen spricht, so ist das noch lange kein Grund, dem betreffenden Politiker hier irgendetwas Böses zu unterstellen. Heutzutage ist man ja vor seinen eigenen Worten nicht mehr sicher.
nicky1900 17.01.2018
2. Konzentriert
Konzentriert ist ein ganz normales Wort im Sprachgebrauch,heißt gebündelt an einer Stelle,selbiges hat Deutschland vor,nur weil man etwas anders formuliert,ist nicht etas besseres drin.
alkman 17.01.2018
3. Sprachstil
"in Lagern zu konzentrieren" ist für einen Politiker schon ein extrem ungeschickter, um nicht zu sagen provokanter Sprachstil. Die Verbindung dieser Worte führt selbstverständlich sofort zu entsprechenden Assoziationen, noch dazu wenn sie aus dem Munde eines Mitglieds einer rechtslastigen Partei kommen. In der Nähe solcher Politiker sich zu befinden, könnte für Bundeskanzler Kurz, der selbst dahingehend völlig unbelastet ist , gefährlich werden. Ein deutscher Politiker wäre für eine solche Äußerung längst von der Presse niedergemacht und jeglicher künftiger Karriereaussichten beraubt.
cannelloni 17.01.2018
4.
Wenn ich mich im deutschen Sprachgebrauch "konzentriere" ist das sicherlich etwas anders, als wenn ich vorhabe, Menschen in Lagern zu konzentrieren. Manche Sprachwendungen erfordern vor unserem geschichtlichen Hintergrund eben etwas Feingefühl. Aber eben dieses geht zunehmend verloren, wird beabsichtigt oder unbeabsichtigt vergessen. Dabei wäre es gerade heutzutage mal wieder notwendig, ein wenig taktvoller aufzutreten und vorher zu überlegen, was man sagt. Das bedeutet aber nicht Zensur, meine Herren "Besorgte Bürger", sondern Anstand und Intelligenz.
bruno_67 17.01.2018
5. Omg !
"Es gibt schon Überlegungen, dass er sein Kabinett per Skype führen könnte. Wenn man aber Katalonien von Brüssel (früher übrigens ein Teil der Spanischen Niederlande) aus regieren kann, belegt das nur, wie sinnlos Grenzen in diesen Zeiten sind. Wie sinnlos ist dann erst Separatismus." Echt jetzt ? Die Überlegung eines GEWÄHLTEN Politikers, aufgrund des diesbezüglich irrationalen Verhaltens der Zentralregierung seine Regierungsgeschäfte aus dem Ausland führen zu müssen scheint eher ein Beleg für Notwendigkeit von separatistischen Gedanken zu sein. Gleiches gilt übrigens für die Notwendigkeit von Grenzen. In den von Schulz und anderen herbeigeträumten Vereinigten Staaten von Europa hätte Rajoy wahrscheinlich Puigemont schon verhaften und ins Gefängnis werfen lassen. Was das im Übrigen damit zu tun hat, dass Belgien vor über 400 Jahren ein Teil der spanischen Niederlande war, bleibt Ihr Geheimnis. Wenn Sie uns über die Lage am Mittwoch INFORMIEREN wollen, täte weniger Polemik der Sache ganz gut.
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