Morning Briefing vom 12.2.2016 Liebe Leserin, lieber Leser,


"Der Westen verhandelt, Russland bombt, Syrer sterben": So hat mein Kollege Christoph Sydow seinen Text über das Drama in Aleppo überschrieben. Das trifft es auf den Punkt. Rund 300.000 Menschen harren in den Trümmern der einst so stolzen Stadt aus, das Wasser wird knapp. Am Rande der Sicherheitskonferenz in München versuchen Diplomaten, zwischen Russland, den USA, der EU, der Arabischen Liga und vor allem Iran und Saudi-Arabien auszuloten, wie doch noch Friedensverhandlungen zwischen dem Assad-Regime und seinen Gegnern angestoßen werden könnten. Jetzt haben sie sich in der Nacht darauf geeinigt, binnen einer Woche eine Feuerpause zu erreichen. Ob das klappt, ist jedoch völlig ungewiss. Bisher ist jeder ernsthafte Versuch gescheitert. Das ist der Skandal unserer Zeit.

Flüchtlingslager an der syrisch-türkischen Grenze bei Öncüpinar
DPA

Flüchtlingslager an der syrisch-türkischen Grenze bei Öncüpinar

Im Moment hängt alles von Russland ab, das ohne Rücksicht auf Zivilisten Aleppo bombardiert. Die Folgen hat sich mein Kollege Hasnain Kazim an der türkisch-syrischen Grenze angesehen, wohin Tausende Syrer geflohen sind: "Man hört Schüsse und Explosionen" berichtet er mir. "Die Stimmung am Grenzübergang Öncüpinar ist gespenstisch. Auf der syrischen Seite warten Zigtausende von Menschen, aber die türkischen Grenzer lassen nur ein paar Krankenwagen durch. Soldaten bewachen den Stacheldrahtzaun, rauchen und hören zu, wie auf der anderen Seite gekämpft wird." 3200 Kilometer von München entfernt zeigt die Welt den Syrern, statt ihnen die Hand zu reichen, ihre zynische Fratze.

Eröffnet wird die Sicherheitskonferenz heute um 15 Uhr von Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. Die Minister und mehr als 30 Staats- und Regierungschefs haben sich noch weitere harte Themen vorgenommen:

  • den Kampf gegen den "Islamischen Staat",
  • Absprachen zwischen Geheimdienstlern zur inneren Sicherheit,
  • die Flüchtlingskrise (mit Polen, der Türkei und Merkels Koordinator Peter Altmaier am Tisch).

Reporter von SPIEGEL und SPIEGEL ONLINE sind ebenfalls dabei und berichten für Sie ab nachmittags im Newsblog.

Ein sensationeller Fortschritt

Zwei Schwarze Löcher verschmelzen unter Abstrahlung von Gravitationswellen (Computersimulation)
S. Ossokine/ A. Buonanno (Max-Planck-Institut)/ W. Benger (AHM)

Zwei Schwarze Löcher verschmelzen unter Abstrahlung von Gravitationswellen (Computersimulation)

Unseren Wissenschaftsredakteur Christoph Seidler habe ich gefragt, wie er diesen sensationellen wissenschaftlichen Fortschritt rund um die Gravitationswellen in einem Satz erklären würde. Schwierig, hat er gesagt, aber es dann trotzdem versucht: "Bisher konnten wir elektromagnetische Wellen beobachten - Licht, Radiowellen, Röntgenstrahlung und so weiter -, jetzt zum ersten Mal den anderen Wellentyp, der unser gesamtes Universum durchzieht: Gravitationswellen." In seinem Frühkommentar beantwortet Seidler die Frage, wer dafür den Nobelpreis bekommen sollte.

Besuch der unbequemen Dame

Polens neue Regierungschefin Beata Szydlo
REUTERS

Polens neue Regierungschefin Beata Szydlo

Für Bundeskanzlerin Angela Merkel steht dieser Freitag wieder mal im Zeichen des Ringens um Europa. Sie trifft gleich zwei EU-kritische Regierungschefs. Polens neue Ministerpräsidentin Beata Szydlo kommt endlich nach Berlin - drei Monate nach ihrem Amtsantritt. Kein gutes Vorzeichen. Szydlo und ihre Regierung halten Deutschland (neben Russland) für den Hauptkontrahenten und versuchen, die polnische Opposition mundtot zu machen. Diplomaten in Berlin sind entsetzt über Szydlo und ihre Leute, offiziell bemüht sich die Bundesregierung jedoch, das Verhältnis zu Warschau nicht noch weiter abkühlen zu lassen. Worauf das politische Berlin heute achtet: Können Merkel und Szydlo trotz aller politischen Differenzen einen persönlichen Draht zueinander aufbauen?

Den zweiten schwierigen Gast trifft Merkel heute Abend in Hamburg: Beim Matthiae-Mahl wird sie den nächsten Versuch unternehmen, David Cameron von den Vorteilen der EU zu überzeugen. Der britische Premier verlangt noch mehr Sonderrechte für sein Land und droht mit dem Referendum über einen Austritt aus der EU.

Chaos bei der AfD (das soundsovielte)

AfD-NRW-Landeschef Marcus Pretzell
DPA

AfD-NRW-Landeschef Marcus Pretzell

In der AfD gibt es wieder mal Ärger. Der nordrhein-westfälische Landeschef Marcus Pretzell hat auf seiner Facebook-Seite heftige Vorwürfe gegen einen Reporter der "Welt" erhoben. Dieser habe sich als Berater bei der AfD angedient, behauptet Pretzell. Der Journalist weist das zurück und will sich nun juristisch dagegen wehren. Etliche Führungsleute sind von Pretzell genervt. Der baden-württembergische Landeschef Jörg Meuthen und AfD-Bundesvize Alexander Gauland gehen in dem Fall auf Distanz zum NRW-Landeschef. Der Streit mit dem "Welt"-Journalisten sei eine Privatsache und habe nichts mit der AfD zu tun, erklärten sie meinem Kollegen Severin Weiland. Spannende Einblicke in das Innenleben dieser merkwürdigen Partei hat übrigens der letzte SPIEGEL-Titel gegeben.

Auch noch beachtenswert

Sebastian Edathy ist nach der Kinderporno-Affäre abgetaucht - nun muss der frühere Abgeordnete für einen Tag zurück nach Berlin. Die SPD verhandelt über seinen Parteiausschluss. Mein Kollege Florian Gathmann berichtet.

Bundespräsident Joachim Gauck besucht in Mali auch ein Bundeswehr-Feldlager. Die deutschen Soldaten bilden dort Truppen für den Kampf gegen islamistische Terroristen aus. Mein Kollege Marc Hujer ist dabei.

Franziskus und Kirill auf Kuba: Erstmals seit der Kirchenspaltung vor rund tausend Jahren treffen ein Papst und ein russisch-orthodoxer Patriarch zusammen.

Ach ja, und dieses enorm wichtige Filmfestival in Berlin hat begonnen.

Unser Gewinner des Tages

Ist Ike Turner. Vor 50 Jahren veröffentlichte der 2007 gestorbene Musiker gemeinsam mit seiner Frau Tina das Album "River Deep Mountain High". Mit Superlativen soll man sparsam sein, aber hier trifft er zu: Die zwölf Songs zählen zum Besten, was Rhythm and Blues hervorgebracht hat. Als Ehemann unausstehlich, als Musiker begnadet einfallsreich und konsequent, so erinnern sich Freunde an Ike Turner. Zum Beispiel sein Manager Gerhard Augustin, der in den Neunzigerjahren diese zauberhafte Szene in einer Münchner Hotelsuite gefilmt hat: Ike rockt mit seinen Ladies - "Baby get it on!"

Gerhard Augustin
Geburtstage

Rainer Eppelmann, Theologe und letzter Verteidigungsminister der DDR, 73.
Thilo Sarrazin, Politiker und Autor, 71.
Ortwin Runde, ehemaliger Erster Bürgermeister von Hamburg, 72.

Ich wünsche Ihnen einen mitreißenden Freitag!

Ihr
Florian Harms, Chefredakteur SPIEGEL ONLINE

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